Ein Festival ohne Bands? Bloß nicht!

Die Veranstalter halten es für eine gute Idee, aber ohne Bands ist ein Festival nicht mehr als ein Campingplatz für geschmacklose Alkoholiker.
Von Quentin Lichtblau
festival jetzt
Illustration: Lucia Götz

Jeder, der mal auf einem Festival war, kennt sie: Die Albtraum-Zeltnachbarn, die drei Tage lang per Bierbong ihr Rest-Hirn fluten, dazu die Toten Hosen aus ihrer LKW-Batterieanlage mitgröhlen und dir aufs Zelt kotzen, wenn du gerade schläfst.

Was diese Leute gemeinsam haben: Das Festivalgelände ist für sie höchstens Alkohol-Tankstelle, die Musik ein fernes Wummern beim Rausch-Ausschlafen. Der Spirit und Zusammenhalt, der sich bei den anderen Besuchern in alter Woodstock-Manier über die Musik und die damit verbundene Lebenseinstellung definiert, fällt bei ihnen weg. War halt mal was los in der Provinz und das Sommerfest vom Burschenverein ist ja nur ein Mal im Jahr – da schaut man doch mal vorbei und ruiniert allen anderen ihre drei Tage Realitäts-Urlaub.

Meist bekommt man es in diesen drei Tagen dann doch irgendwie hin, die Anwesenheit dieser Vollidioten halbwegs zu verdrängen, man hat ja schließlich noch tausende sympathische Leute um sich, denen andere Dinge wichtiger sind: Die Zusammenkunft verschiedener Menschen auf Basis ihres gemeinsamen Musikgeschmacks – und der Spaß an einzigartigen Konzerten.

Nun wollen ein paar Typen in diesem Jahr ein "Festival ohne Bands" veranstalten. "Als wir auf einem Festival waren und wenig Bands geschafft haben, lernten wir eine andere Seite kennen. Wir hatten auch ohne die Bands richtig viel Spaß", sagt einer der Veranstalter gegenüber Puls. An sich ein gelungener Gag – und eine ironisch-konsequente Fortführung der Massen-Festivals, bei denen die Musik traurigerweise tatsächlich weit in den Hintergrund gerückt ist.

Aber kann man das Paradoxon "Festival ohne Bands" ernstnehmen? Offenbar schon. "Festival-Feeling ohne Stress" nennen das die Kollegen bei bento. Mit Stress sind die Bands gemeint. Und die nerven ja nur beim Saufen. Eigentlich ginge es "bei Festivals doch um Dinge wie: Freunde treffen, Dosenbier saufen, Flunkyball spielen, sich daneben benehmen, nicht duschen", erfährt man.

Ohne das verbindende Element der Live-Musik gibt es keine Atmosphäre

Die "pure Festival-Atmosphäre" wie es einer der Veranstalter nennt, gibt es ohne Bands aber nicht. Natürlich spielen sich große Teile der Festival-Magie auf dem Campingplatz ab, natürlich trinkt auch der größte Musik-Nerd dort einen über den Durst. Gekommen ist er aber eben auch, weil er sich mal ausnahmsweise unter Gleichgesinnten weiß. Menschen, die nachher bei seinem Lieblingslied, das auch ihr Lieblingslied ist, genauso wie er in Tränen ausbrechen werden. Mit diesen Menschen bei Sonnenuntergang im Plastik-Pavillon zu sitzen und die mitgebrachten Suchtmittel zu teilen: Keine Frage, unbezahlbar.

Fällt aber das verbindende Element der Live-Musik weg, bleibt von besagter Atmosphäre nicht mehr viel übrig. Außer eben den im Eingang beschriebenen Assi-Nachbarn, für die ein Konzert nur unnötigen Stress in ihrem Zeitplan zwischen Abkotzen, Bierschiss und Frühstückshoibe bedeutet. Insofern wäre es also sogar wünschenswert, wenn diese Leute künftig eine eigene Veranstaltung für ihre Bedürfnisse bekämen.

Wer tatsächlich glaubt, ein Acker mit ein paar Zelten und Bierversorgung habe noch irgendetwas mit der Stimmung eines Festivals gemein, kann auch gleich aufs gute alte Burschenvereins-Sommerfest gehen. Ach nee, doch nicht: Da spielen ja Blaskapellen.

Was ohne Bands außerdem fehlen würde:

  • teilen
  • schließen