Ist Hip-Hop wirklich so schlimm, wie alle immer schreiben?

Wir haben Sookee, Megaloh und Samy Deluxe befragt.
Interview von Daniel Schieferdecker

Foto: Weg Eins / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Hip-Hop steht gerade wieder einmal sehr in der Kritik: Der Spiegel titelte Anfang des Jahres, Gangstarap sei eine Bedrohung für die Kids, Rapper Fler prügelte vor ein paar Wochen auf ein RTL-Reporterteam ein und auch die #unhatewomen-Kampagne von Terre Des Femmes, in der auf frauenfeindliche Raptexte aufmerksam gemacht wurde, sorgte für viel Aufsehen. Allerdings: Die Berichterstattung dazu ist sehr einseitig. Wir baten Rapperin Sookee sowie die beiden Rapper Samy Deluxe und Megaloh um eine Einschätzung. (Megaloh und Samy haben wir, noch vor Corona, jeweils zum Einzelinterview getroffen, mit Sookee haben wir uns per Mail ausgetauscht. Für diesen Text haben wir die Antworten zusammengeführt und minimal angepasst.)

jetzt: Wie alt wart ihr, als ihr Hip-Hop für euch entdeckt habt?

Samy Deluxe: Ich war in der 3. Klasse. Hakan, der ältere Bruder meines Klassenkameraden Erkan, hatte ein paar Hip-Hop-Kassetten, auf denen Run DMC, Public Enemy, Ice-T und die Fat Boys drauf waren. Ein anderer Freund hatte dann den Film „Colors“, der zwar ein Gangfilm ist über die Bloods und Crips in L.A., wo man aber auch das ganze Hip-Hop-Spektrum in diesem urbanen Umfeld gesehen hat: Graffiti, Breakdance, die Lingo, die Kleidung – ich habe gemerkt, dass die Musik eine ganze Kultur drumherum hat.

Sookee: Ich hab Rap über Graffiti kennengelernt. Ein langer Schulweg zur Grundschule führte mich an großen bunten Buchstaben an Hausfassaden vorbei. Ich habe mich gefragt, wie die da hinkommen – die Faszination war geweckt. Und nach und nach hat sich mir erklärt, dass Graffiti nur ein Teil von Hip-Hop ist; und dass auch Rap dazugehört.

Megaloh: Ich zwar zwölf, als „Doggystyle“ von Snoop Dogg rauskam. Das war die erste Hip-Hop-Platte, die ich bewusst wahrgenommen habe. Snoop kam damals auf uns zugerollt wie eine Welle. Damit war es direkt um mich geschehen.

Habt ihr dann direkt angefangen, eigene Sachen zu schreiben? Megaloh: Ja, zuerst auf Englisch. Englisch ist ja meine Muttersprache, aber trotzdem war das superwack und billig. (lacht)

Samy Deluxe: Auch ich habe auf Englisch angefangen. Die ersten Sachen, die ich gehört habe, stammten zwar von Gangstarappern, aber ich war immer eher conscious. Public Enemy und KRS-One haben mich sehr geprägt. Ein Album von dessen Gruppe Boogie Down Productions heißt „Edutainment“, und dieser Ansatz, „Education“ und „Entertainment“ miteinander zu verbinden, hat für mich total Sinn ergeben: Zuhören, mit dem Kopf nicken, unterhalten werden, dabei aber trotzdem etwas lernen. Das hat Rap für mich immer so besonders gemacht: dass meine Platten- gleichzeitig meine Büchersammlung ist.

„Für mich waren viele der Rapper so etwas wie ein Vaterersatz“

Hat Rap eurer Meinung nach denn einen pädagogischen Wert?

Sookee: Alles hat einen pädagogischen Wert: Sport, die Natur, Ernährung. Jeder Raum, in dem wir uns als Menschen bewegen, hat das Potenzial, uns individuell und kollektiv Dinge zu eröffnen, zu lehren. Aber nicht jede Pädagogik ist gut im humanistischen-sozialrevolutionären Sinne.

Megaloh: Auf mich hatte Rap einen extremen Einfluss hinsichtlich meines Erwachsenwerdens. In Sachen Selbstermächtigung war das wichtig, weil man instruiert bekommen hat, an sich selbst zu glauben, dass man es zu was bringen und herausstechen kann. Dieser Spirit, einer von einer Million sein zu können. Das ist halt was anderes als die typisch deutsche Arbeitnehmermentalität.

Foto: Robert Winter

Siehst du das auch so, Samy?

Samy Deluxe: Ich kenne nichts auf der Welt, was einen größeren pädagogischen Wert hat als die Hip-Hop-Kultur. Vieles, was du sonst brauchst, um in der Gesellschaft voranzukommen, basiert ja auf elitären Grundvoraussetzungen: Um studieren zu können, brauchst du zum Beispiel Abitur. Für Hip-Hop brauchst du nichts außer Interesse. Der Faktor des Do-It-Yourselfs ist im Hip-Hop am größten, genauso wie das des „Each one, teach one“, also dass jeder jedem etwas beibringt. Es gibt ein natürliches Bedürfnis, innerhalb der Kultur Wissen weiterzugeben. Ich kenne zumindest keine andere Kultur, die sich so viel damit beschäftigt, die nächste Generation zu fördern.

Was hat Rap dir denn konkret beigebracht?

Samy Deluxe: Ich bin ja ohne meinen leiblichen Vater aufgewachsen. Für mich waren viele der Rapper daher so etwas wie ein Vaterersatz. Viel von dem, was einem sonst der Vater beibringt, dieses „how to carry yourself“, das habe ich von Rappern. Die haben mir geholfen, ein Mann zu werden: zu dem zu stehen, was man sagt und wer man ist; den Leuten in die Augen gucken zu können.

Wie ist das bei dir gewesen, Sookee?

Sookee: In meinen frühen Jahren hab ich im Rap gelernt, dass Frauen keine Menschen, sondern nur drei fickbare Löcher sind. Dass Männer die höheren Geschöpfe sind.

Das klingt ernüchternd.

Sookee: Später hab ich jedoch gelernt, dass ich gegen diese zutiefst armselige Lüge des Patriarchats auch mit Rap rebellieren und sie dadurch demaskieren kann.

Wenn deine frühen Erfahrungen mit Rap so negativ waren, warum bist du trotzdem dabei geblieben?

Sookee: Weil Hip-Hop im gründungsromantischen Sinne ja etwas anderes vermittelt, nämlich Partizipation, Gemeinschaftsempfinden, friedliches Miteinander, kreativer Ausdruck. Spätestens aber seit Missbrauchsvorwürfe gegen Afrika Bambaataa, einen der Hip-Hop-Gründungsväter öffentlich wurden, muss sich der familiär-friedliebende Ursprungsgedanke dahingehend kritisch betrachten lassen, dass auch so eine großartige Kultur wie Hip-Hop eben von Menschen gemacht ist und sich damit auch potenziell gegen Menschen richtet, wenn sich Hierarchien und Machtverhältnisse in ihr bilden.

Also würdest du sagen, dass sich deine Art und Weise, Rap zu sehen und zu nutzen, über die Jahre verändert hat?

Sookee: Absolut. Früher war ich unter anderem deswegen dabei, weil ich dazugehören wollte und als Aktive aus dem passiven Status von Weiblichkeit heraustreten wollte. Später hab ich mir eine Position erarbeitet, von der aus ich andere Frauen und Queers bekräftigen konnte, sich zuzutrauen dazuzugehören, ohne an aggressiven Heteromännern und ihrer Kleingeistigkeit kaputtzugehen. 

Foto: Katja Ruge

Das, was Sookee da beschreibt, deckt sich ja durchaus mit dem Bild, dass die breite Masse von Rap hat: Dass es darin vornehmlich um Drogen, Gewalt und Sexismus geht. Wollt ihr etwas dagegenhalten?

Sookee: Ich halte dagegen, dass die breite Masse verstehen muss, dass sie keinen Deut besser ist als das Bild, das sie von Rap hat. Sie projiziert ihre eigene versoffene, gewaltgeile, frauenverachtende Fratze in ein musikalisches Genre, das diese Projektion aufnimmt, fortführt, damit Geld macht und alles reproduziert.

Megaloh: Das liegt am Business. Und an den medialen Trägern. Es gibt ja wahnsinnig viel und facettenreichen Rap. Es ist eben immer nur die Frage, was Anklang in der Öffentlichkeit findet.

Samy Deluxe: Und wenn man dann einen Sündenbock braucht, ist Hip-Hop immer ein dankbarer Pick – zumal sich einzelne Protagonisten ja auch immer so positionieren.

Die dann aber auch schnell mal eine ganze Kultur in Verruf bringen. Samy Deluxe: Als Kultur haben wir aber eigentlich genug Währung, mit der man bei uns viele positive gesellschaftliche Einflüsse einkaufen kann. Außerdem muss man eben festhalten, dass das gesellschaftliche Bild von Hip-Hop noch nie den Tatsachen entsprochen hat. Denn die vermeintlichen Skandalrapper sind ja nur ein kleiner Teil der Kultur.

„Mit Rap kann man gegen die armselige Lüge des Patriarchats rebellieren und sie dadurch demaskieren“

Sookee, wie siehst du Sexismus im Rap?

Sookee: Ich finde vor allem diese Selbstgerechtigkeit von vielen Rappern und auch Rapperinnen, die den Sexismus verinnerlicht haben und reproduzieren, nervtötend, wenn sie sagen, dass das alles Kunst sei. Meiner Beobachtung nach geht es um Geld, Fame und Macht. Nicht um Kunst. Mit Kunstfreiheit zu argumentieren ist fast immer die Verweigerung, sich mit der Kritik ehrlich auseinanderzusetzen.

Was macht das mit minderjährigen Hip-Hop-Fans? Haben sich die Kinder und Jugendlichen eurer Ansicht nach in den letzten, sagen wir mal, zwanzig Jahren verändert?

Sookee: Natürlich haben sie sich verändert. Genau wie wir Erwachsenen, genau wie die Zeit an sich. Eine 16-Jährige muss damals wie heute lernen, wie schwierig es ist, erwachsen zu werden. Sie braucht Unterstützung von empathischen, geduldigen Erwachsenen und keine dummen Rapper, die ihr erzählen, dass sie nur dann eine gute Frau ist, wenn sie nicht rumfickt und gleichzeitig nur Wert hat, wenn sie sich sexuell zur Verfügung stellt, damit der Mann sich als mächtig erleben kann. Was für ein brachial-beschissenes Paradoxon, das sich das Patriarchat ausgedacht hat.

Samy Deluxe: Hinzu kommt: Die Kids sind heute ganz anders sozialisiert und viel früher digitalisiert als wir das waren. Das liegt in der Natur der Sache. Und als Beobachter der Gesellschaft sehe ich auch die Negativauswirkungen der Reizüberflutung bei vielen; Kids, die total unfokussiert sind und die ganzen Tools, die den Kindern heute zur Verfügung stehen, total destruktiv einsetzen; die ihre Social-Media-Accounts nur haben, um andere zu dissen, anstatt sie für eine positive Selbstdarstellung oder der Präsentation seiner Leidenschaften zu nutzen.

Auch das klingt eher traurig.

Samy Deluxe: Ist es auch. Aber es gibt natürlich auch andere Kids. Ich erinnere mich noch daran, als ich damals Tua kennengelernt habe. Der war Anfang zwanzig und schon aus der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Der war ein Über-Rapper, konnte krass produzieren, sich selbst aufnehmen und mischen, hat all seine Videos selbst geschnitten – so halt. Mein Sohn, der ist jetzt 19, der ist auch so. Der spielt alle möglichen Instrumente, kann krass schreiben, singen, rappen, nimmt sich selbst auf, produziert. Manche nutzen die heutigen Möglichkeiten einfach weiser als andere. So ein Smartphone kann eben alles sein: die größte Bibliothek der Welt oder die größte Sex- und Spielhölle.

„Rap ist nun mal die unzensierteste Reflexion von Realität“

Was kann man Jugendlichen durch Rap denn Positives vermitteln? Sookee: Es geht immer um Selbsterfahrung. Wer bin ich? Was ist mein Platz, meine Aufgabe in der Gesellschaft?

Würde das denn nicht auch mit anderen Genres funktionieren?

Samy Deluxe: Klar, aber Rap ist nun mal die unzensierteste Reflexion von Realität, die es gibt, weil es die größte lyrische Dichte und den provokantesten und explizitesten Ansatz von allen Musikrichtungen hat.

Sookee: Aber jede kulturelle Artikulation ist ja erstmal gut. Jede Artikulation ist es. Es geht immer darum, sich im Dialog mit der Welt selbst näher zu kommen. Um Verständnis für sich zu entwickeln. Das hilft, die eigenen Aggressionen, die eigene Zerstörungswut besser zu verstehen und idealerweise in Konstruktives und Kreativität zu überführen.

„Viele Eltern beschäftigen sich nicht genug mit ihren Kindern. Die lassen das Fernsehen und Social Media einen großen Teil der Erziehung übernehmen“

Ihr seid alle Eltern. Wie reagiert man am besten darauf, wenn Jugendliche Rap mit expliziten Inhalten hören?

Sookee: Am besten mit Ehrlichkeit, mit Authentizität, mit der eigenen Verletzlichkeit. Ein ‚Das sagt man nicht‘ argumentiert mit rigider Moral. Ein ‚Mich macht das traurig und wütend‘ begibt sich in den Dialog.

Megaloh: Wenn mein Sohn irgendwann damit ankäme, würde ich natürlich mit ihm darüber reden und es ihm nicht verbieten; ihn fragen, was er denn gut daran findet. Ein Kind nimmt unbewusst ja auch mit, was man ihm vorlebt. Und wenn das Kind zu Hause keine Gewalt erfährt oder sexistisches Denken vermittelt bekommt, vermute ich, dass es sich auch ansonsten nicht sonderlich stark dazu hingezogen fühlt. Vielleicht bin ich da naiv, aber ich glaube nicht, dass das bei uns mal ein großes Thema wird.

Sookee: Es gibt Punkte, da muss man Kinder schützen. Manchmal bedeutet das eben auch, dass man verhindert, dass sie sich Eindrücken auszusetzen, die sie nicht überblicken oder ohne weiteres verarbeiten können. Die differenzierte Auseinandersetzung gelingt aber, wenn man die Realität als solche ernst nimmt, sich selbst involviert und Kindern und Jugendliche das Gefühl vermittelt, dass das, was aktuell als cool verstanden wird, nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Samy Deluxe: Deshalb sollte man jungen Menschen früh beibringen, ihre eigenen Gedanken zu analysieren. Und wenn dein Kind merkt, dass ihn aggressive Sachen triggern, dann kann man ja auch damit umgehen. Dann schickst du es halt zum Boxunterricht, centerst seine Energie und zeigst ihm genau, wie es aus dieser Unruhe, die in ihm ausbrechen will wie Lava, die krasseste Ruhe kriegt, wenn es das einmal beherrscht. Es gibt Lösungsansätze für alles. Das Problem ist: Viele Eltern beschäftigen sich nicht genug mit ihren Kindern. Die lassen das Fernsehen und Social Media einen großen Teil der Erziehung übernehmen.

Foto: Marie Schmidt

Foto: Robert Winter

Foto: Katja Ruge

Was tut ihr denn konkret, um das positive Potenzial von Hip-Hop zu nutzen?

Sookee: Ich habe letztes Jahr unter dem Namen Sukini ein Hip-Hop-Album für Kinder mit dem Titel „Schmetterlingskacke“ veröffentlicht.

Warum eine solche Platte für Kinder?

Sookee: Weil ich nicht zu den Erwachsenen gehöre, die Kinder nur für süße Internetvideos benutzen. Mir geht es um kleine Menschen, die in dieser brutalen und absurden Welt zurechtkommen müssen. Ich will ihnen mit meiner Musik schöne Erinnerungen ermöglichen. Sie darin bestärken, sich selbst zu mögen und nicht nur anderen zu gefallen. Ihnen zu vermitteln, dass Liebe und Solidarität stärker sind als alle Versuche der Menschheit, sich selbst in ihrer Menschlichkeit zu zerstören.

Und du, Samy?

Samy Deluxe: Meine Lösung, positiv zu der Gesellschaft beizutragen, war immer die, aus eigenen Erfahrungswerten zu schöpfen und zu fragen: Was hat bei mir funktioniert? Und ich habe eben keine anderen Referenzen als das, was Hip-Hop für mich getan hat – das war ja auch genug. Das hat mir ein Hobby, einen Beruf, eine Karriere, Werte und ein Leben gegeben.

Und wie gibst du das konkret weiter?

Samy Deluxe: Einerseits thematisiere ich das in meinen Songs und in Interviews. Andererseits habe ich 2007 den Verein Deluxe Kidz gegründet. Darin bringen wir Schüler aus Gymnasien und Hauptschulen aus demselben Viertel zusammen: Kinder, die zwar im selben Block wohnen, sich aufgrund sozialer Unterschiede unter normalen Umständen aber womöglich nie begegnet wären – und die in der gemeinsamen kreativen Arbeit in unseren Hip-Hop-Workshops zusammenfinden. Manchmal entstehen dadurch Freundschaften fürs Leben.

Was war der bisher schönste Moment damit?

Samy Deluxe: Wir hatten mal ein großes Projekt, wo uns fette Budgets zur Verfügung gestellt wurden, sodass wir auch in andere Städte fahren und dort jeweils zwei Schulen zusammenbringen konnten – das waren dann jeweils bis zu 300 Schüler über je drei Tage. Wir hatten einen Nightliner voller Coaches mit Leuten wie MoTrip und mir als Rap-Coaches, Mirko Machine, DJ Vito und Mixwell als DJ-Coaches, Scotty als Graffiti-Coach und so weiter. Und es war einfach schön zu sehen, wie die Kids da alle ihre Erfolgserlebnisse hatten – denn das fehlt vielen Jugendlichen im Alltag. Alle sind immer auf der Jagd nach der neuen Gucci-Cap, Likes etc. – und wenn du die nicht hast, fühlst du dich schnell minderwertig. Aber bei diesen Workshops, wo die Kids drei Tage gemeinsam auf etwas hinarbeiten, sich gegenseitig motivieren und am Ende dann etwas vorweisen können, auf der Bühne stehen und das vor Leuten präsentieren, das sind immer ganz krasse Emotionen gewesen. Das hat die Kids alle motiviert und ihnen Kraft gegeben. Das sind tolle Momente, von denen man als junger Mensch sicher lange zehrt.

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