Laura stand mit fast allen Künstlern, die beim Puls Open Air gespielt haben, auf der Bühne.

Laura stand mit fast allen Künstlern, die beim Puls Open Air gespielt haben, auf der Bühne.

Foto: Puls

Was Laura auf der Bühne genau macht, ist gar nicht so einfach zu definieren. Eigentlich ist sie Gebärdensprachen-Dolmetscherin, aber irgendwie auch selbst Performance-Künstlerin, so wie sie tanzt, springt und gestikuliert. „Es ist kein wirkliches Dolmetschen, ich bringe ja voll viel von mir selbst da mit rein“, sagt Laura. „Wenn ich Sprache dolmetsche, dann verkörpere ich den Menschen, der grade spricht. Wenn ich Musik dolmetsche, dann versuche ich die Musik für Taube so darzustellen, wie ich sie selbst höre.“

Laura lernte mit zwölf Jahren ihren bis heute besten Freund Edi kennen. Edi ist gehörlos, deshalb überlegten sich die beiden schnell andere Mittel und Wege, um miteinander zu kommunizieren. Sie fingen an, eine Art Zeichensprache für Buchstaben zu entwickeln. So „chatten“ sie heute noch stundenlang hin und her. Mittlerweile ist Laura mit der Zeichensprache so schnell geworden, dass sie zusammen mit Edi ins Kino geht und für ihn ganze Filme dolmetscht.

Laura studierte, von Edi angespornt, in Berlin „Deaf Studies“ und „Audio-/Gebärdensprachpädagogik“. Bald hatte sie für beide Studiengänge den Bachelor in der Tasche. „Neben der Gebärdensprache hatte ich aber auch immer Bock, Musik zu machen. Dann hab ich irgendwann einfach beides verbunden“, sagt sie und lacht.

Wie können Menschen, die noch nie einen Ton gehört haben, Musik erfahren? Klar, wer noch nie eine Gitarre gehört hat, kann auch nicht wissen, wie eine Gitarre klingt. Trotzdem bekommt Laura von Gehörlosen das gleiche Feedback wie Bands von ihren Fans. „Die Leute erzählen mir, dass sie geflasht waren oder fast geweint haben. Bei manchen Songs verstehen sie die Ironie nicht und diskutieren danach darüber, genau wie Hörende. Zum Beispiel beim Song ‚Endlich wieder Krieg‘ von Zugezogen Maskulin auf dem Puls Open Air. Wenn mir Taube so was erzählen, merke ich immer, dass die Musik bei ihnen auf einem gleichen Level ankommt wie bei Hörenden. Zumindest emotional.“

Laura auf der Bühne mit Granada. Immer wieder tanzt sie auch mit den Bands.

Laura auf der Bühne mit Granada. Immer wieder tanzt sie auch mit den Bands.

Foto: Puls

Musikalische Geschmäcker sind verschieden, das gilt auch für gehörlose Menschen. Manche mögen es, wenn Laura nur die Lyrics eines Songs performt, andere wollen mehr von der Stimmung mitbekommen. „Viele finden es total geil, wenn ich die ganze Zeit Luftgitarre spiele. Andere wiederum sagen mir, ich müsse keine Gitarre zeigen, sie wissen ja gar nicht, wie die klingt.“

Viele Bands wissen noch gar nicht, dass es Musikdolmetscher gibt

Für Laura ist es ein großer Vertrauensbeweis, wenn sie von Bands mit auf die Bühne genommen wird. Aber das klappt leider nicht immer, was nicht unbedingt am mangelnden Interesse für Inklusion liegt. Immerhin ist jede Bühnenshow bis ins letzte Detail durchgeplant und alles hat seinen Platz. „Viele Bands haben noch nie was von einer Musikdolmetscherin gehört. Ich verstehe dann, dass sie am Anfang einfach skeptisch sind, ob ich in ihre Show passe.“

Die Antilopen Gang zum Beispiel hatte auf dem Puls Open Air total Bock auf einen Auftritt mit ihr, erzählt Laura. Gleichzeitig waren die Rapper sich unsicher, ob sie so nicht ihre komplette Show umwerfen würden. „Wir haben dann zusammen vor dem Konzert zu Mittag gegessen und überlegt, wie ich mich am Besten in ihre Show integriere. Ich habe ihnen dann ein paar Gebärden gezeigt und erklärt, was ich da so auf der Stage mache.“ Am Ende bekam Laura ihren Platz auf der Bühne. „ Als die Jungs dann sogar zusammen mit mir getanzt haben, war ich schon stolz. Durch solche Aktionen kommt Inklusion auch langsam in die Musikwelt.“

Texte lernt Laura vor ihren Auftritten nicht auswendig. Zu steif sei sonst ihre Performance sagt sie. „Ich will den Leuten ja mitteilen, wie ich den Song gerade fühle. Wenn ich nur die Lyrics gebärde, dann bekommen die Leute nur den Text mit, ich versuche aber, auch die Emotionen zu performen.“ Laura versucht dabei, mit ihrem Gesicht die Stimmung eines Songs zu erzählen. Wenn das Lied traurig ist, schaut sie traurig, wenn es fröhlich ist, dann lacht sie.

 

Erst haben Kraftklub abgesagt – aber dann haben sie Laura auf der Bühne gesehen und waren begeistert

Mittlerweile hat Laura so viele Anfragen, dass sie seit einem Jahr von einer Künstler-Agentur gemanagt wird. „Am Anfang fand ich das affig, welcher Dolmetscher hat schon eine Agentur?“ Irgendwann wurde Dolmetschen, Performen und Organisieren aber zu viel für eine Person. „Ich habe gemerkt, dass das Musikbusiness schon schwierig ist. Da ist es gut, wenn man sich auch mal helfen lässt.“

Auch Kraftklub hatten Lauras Booking-Agentur für einen gemeinsamen Auftritt beim Puls Open Air zunächst abgesagt. Zu durchgetaktet sei die Show und zu voll die Bühne. Am Tag vor ihrem eigenen Auftritt stand die Band zufällig im Publikum, als Laura gerade auf der Bühne ein Konzert dolmetschte. Kraftklub waren so begeistert, dass sie Laura Backstage ansprachen, ob sie nicht auch mit ihnen auf die Bühne wolle. 

Allerdings war die Lichtshow für das Kraftklub-Konzert schon fertig programmiert, Laura hätte also im Dunkeln stehen müssen. Zusammen mit den Lichttechnikern und der Band fand sie kurz vor dem Auftritt ein Fleckchen am Rand der Bühne, das von der Band nicht bespielt wurde. Schnell wurden noch zwei Strahler aufgestellt und Laura hatte ihren Platz auf der Bühne von Kraftklub. Ihre Stagetime: 22:45 Uhr, am letzten Abend des Puls Open Airs – gemeinsam mit dem Headliner des Festivals.

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