Habe ich eine ostdeutsche Identität?

Unsere Autorin wuchs im thüringischen Weimar auf. Dennoch tut sie sich mit der Bezeichnung „ostdeutsch“ schwer.
Von Lina Wölfel
westen osten

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

Auf einem Jugendaustausch sagte ein Mitreisender mal zu mir: „Du sächselst ja gar nicht.“ Ich war die einzige Thüringerin in meiner Reisegruppe, alle anderen kamen aus Niedersachsen. Mediale Darstellungen von dümmlich-sächselnden „Ostdeutschen“ hatten mich zu dem Zeitpunkt schon so weit versaut, dass ich das Fehlen dieses Dialekts als Kompliment wahrnahm. Sächseln war bei mir als Abwertung eingespeichert, obwohl ich ja ohnehin nicht sächseln würde – als Thüringerin. „Sächseln“ steht hier stellvertretend für einen „ostdeutschen Dialekt“.

Ich bin 1998 in Naila in Bayern geboren und im thüringischen Weimar aufgewachsen. Meine Familie kommt aus dem ehemaligen Westdeutschland, hatte aber Verwandschaft in Südthüringen, die sie über den sogenannte „kleinen Grenzverkehr“ manchmal besuchen durfte. Meine Mutter ist 1991 nach Halle und von da aus nach Weimar gezogen, weshalb ich vor allem in einem ost-sozialisierten Umfeld aufgewachsen bin. Der Großteil meiner Lehrer*innen, Trainer*innen, Erzieher*innen und Freund*innen wurde im ehemaligen Ostdeutschland geboren oder hat in der DDR gelebt. Deshalb gehören für mich Geschichten darüber, wie mein Opa Konfirmationsanzüge und Porzellan in seinem Opel von Oberfranken nach Neustadt an der Orla in Thüringen geschmuggelt hat genauso zu unseren Gesprächsthemen auf Familienfeiern, wie Erzählungen der Eltern meiner Freund*innen über die FDJ. Klischees darüber, dass es „im Osten“ angeblich nichts gab und die „Wessis“ arrogant seien, haben in meiner Kindheit nie eine Rolle gespielt.

Ich bin, sozusagen, doppel-sozialisiert. Sozialisation, das ist die Anpassung eines Individuums an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster, mit denen es aufwächst. Man könnte auch von einem kollektiven Wissens- und Erfahrungsstand sprechen, den Menschen miteinander teilen und der das Fundament für Handeln, Fühlen und Denken ist. Dieses Fundament unterscheidet sich im ehemaligen Ost- und Westdeutschland – vor allem in den Bereichen Wirtschaft und Kultur – immer noch. 

Mir ist meine Sozialisation so richtig aufgefallen, als ich vor zwei Jahren zum Studieren nach Niedersachsen gezogen bin. Zuerst an einem Festtag, der für mich zum Jahr gehört wie Weihnachten und Ostern und in Niedersachsen nicht existiert: der Kindertag. Am ersten Juni wurden in der DDR die Kinder als Träger der zukünftigen Gesellschaft gefeiert und auch heute noch bekommen Kinder an diesem Tag kleine Geschenke. Während ich mich über die Tafel Edel-Schokolade freute, die meine Mutter mir per Post geschickt hatte, schauten meine Kommiliton*innen mich komisch an. 

Wenn pauschalisierend über „den Osten“ gesprochen wird, zucke ich zusammen

Oder neulich, als ich mit meiner (ebenfalls ostsozialisierten) Mitbewohnerin und unseren (westsozialisierten) Freunden in der WG-Küche saß. Im Radio lief der „Keimzeit“-Hit „Kling-Klang“. Meine Mitbewohnerin sprang auf und packte meine Hand. In den nächsten drei Minuten tanzten wir im Wiener-Walzer-Schritt aus Feuerland zurück nach Hause. Die beiden anderen blieben sitzen. „Keimzeit“, eine so genannte „Ost-Band“, kannten sie nicht.

Wenn pauschalisierend über „den Osten“ gesprochen oder berichtet wird, zucke ich zusammen, während meine west-sozialisierten Kommiliton*innen sich daran nicht stören. Mehr als zwölf Millionen Menschen, die in fünf Bundesländern zwischen Nordseeküste und Thüringer Wald leben und fünfzehn verschiedene Dialekte sprechen, als „den Osten“ zu bezeichnen, finde ich unterkomplex und stigmatisierend.

Doch es gibt noch immer Klischees über „den Osten“ und „den Westen“, auch unter jungen Menschen. Das zeigt eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung, die mehr als 2000 Menschen aus Deutschland im Alter zwischen 18 und 29 Jahren nach ihren Sozialisations-Erfahrungen befragte. Dort tauchen sie wieder auf, die „Westdeutschen“, die als reicher, offener und in der Fremdzuschreibung arroganter gelten und die „Ostdeutschen“, die als  ärmer und rassistischer beschrieben werden, sich selbst aber als bodenständiger bezeichnen. 

Die wirtschaftliche Lage von Städten, Kommunen und Haushalten ist in den neuen Bundesländern schlechter. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es weniger und schlechter bezahlte Stellen. Das liegt daran, dass die sogenannte „Wiedervereinigung“ aus westlicher Perspektive vollzogen wurde, der Arbeitsmarkt von „West-Unternehmen“ dominiert wird und die Medienlandschaft von westdeutschen Medienhäusern bestimmt wird. Westsozialisierten Menschen, auch aus der Nachwendegeneration, fehlt nicht nur die Sensibilität für ostdeutsche Realitäten, sondern auch das Wissen darüber, dass es diese Realität noch gibt. 

Die Identität „westdeutsch“ wurde nie in Frage gestellt – deswegen gibt es sie auch nicht

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Geschichts-Crashkurs einfügen. Mir ist das wichtig, weil die Lehrpläne in den Bundesländern sehr unterschiedlich sind und ich vor allem von westsozialisierten Freund*innen weiß, dass ihnen diese Grundlagen fehlen: Nach der Wiedervereinigung mussten die Bundesländer, die der ehemaligen DDR zugehörten, den Umstieg von der Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft leisten. Viele der ehemals volkseigenen Betriebe scheiterten am plötzlichen Wettbewerb und gingen pleite. Vor allem Menschen, die im Industriesektor arbeiteten, verloren dadurch ihren Job. Neue Arbeitsplätze gab es aber eher im Dienstleistungssektor, für den die Arbeiter*innen aus der Industrie nicht ausgebildet waren. Hinzu kam die Wirtschaftsstruktur des Landes, die seit der Deindustrialisierung zwischen 1989 und 1991 vor allem durch kleinere Betriebe geprägt wurde. Folglich gab es nach der Wiedervereinigung kaum große Firmen in den neuen Bundesländern. Die Arbeitslosenquote stieg in den Nachwendejahren stark an. Das allgemeine Geldvermögen der Bevölkerung sank, was die Wirtschaft ebenso schwächte. Anfang der 90er-Jahre und zur Jahrtausendwende zogen mehr als 800 000 Bürger*innen aus den neuen Bundesländern in die alten. 

Die wirtschaftlichen Differenzen zeichnen sich auch heute noch in der Studie der Otto-Brenner-Stiftung ab: Nur 46 Prozent der Teilnehmer*innen aus den neuen Bundesländern geben an, in ihrer Region einfach einen angemessenen Job finden zu können – aus den alten Bundesländern sind es immerhin 60 Prozent. Simon Storks, ein Verfasser der Studie der Otto-Brenner-Stiftung, erklärt mir am Telefon, dass während das Land, also die DDR, geographisch in die BRD überging, die Grenze in den Köpfen der Menschen bestehen blieb – zum Beispiel in der Bezeichnung als „Ostdeutsche*r“. Durch diese konkrete Benennung wird der*die Benannte als „anders“ beschrieben. Er weicht von der Norm ab. In den ehemals westdeutschen Bundesländern, so Storks, gibt es diese vorgeschobene Identität nicht: Man ist Rheinländer*in, Bayer*in, Ostfries*in, maximal Norddeutsche*r oder Süddeutsche*r. Das liegt daran, dass die Identität „westdeutsch“ nie in Frage gestellt wurde – und es sie darum auch nicht gibt. 

Für mich ist eine Flasche Rotkäppchen-Sekt kein „Ost-Produkt“

„Ostdeutsch“ ist im Gegensatz zu „norddeutsch“ oder „süddeutsch“ keine rein geografische Einordnung, sondern definiert eine spezifische, historische und kulturelle Gruppenzugehörigkeit. Während sich gerade einmal acht Prozent der in Westdeutschland sozialisierten Studienteilnehmer*innen als westdeutsch begreifen, definieren sich 22 Prozent der in Ostdeutschland sozialisierten Teilnehmer*innen als ostdeutsch. Ich finde aber: Der Begriff „Ostdeutschland“ muss, sofern er verwendet wird, eingeordnet werden. Ich stelle mir immer die Fragen: Welche Region ist gemeint? Warum ist wichtig, dass das, worüber ich spreche, im ehemaligen Ostdeutschland passiert? Hat es etwas mit den Erfahrungen während der Wiedervereinigung zu tun? Wenn ja, mit welchen? 

Wenn ich also Freund*innen eine Flasche Rotkäppchen-Sekt mitbringe, dann nicht, weil es ein „Ost-Produkt“ ist, sondern weil es ein Geschenk aus der Nähe meines Heimatortes ist. Und so sage ich das dann auch: „Hier, ein Geschenk aus meiner Heimat.“ Dass der Ort im ehemaligen Ostdeutschland liegt, hat für die Flasche Sekt keine Bedeutung. Wenn ich aber erklären möchte, woher die Politikverdrossenheit in Thüringen kommt, dann spreche ich über die Abwertungs- und Transformationserfahrungen während der sogenannten Wiedervereinigung. 

Die deutsche Wiedervereinigung ist gerade einmal 30 Jahre her. Es ist okay, dass noch nicht alles gut und unkompliziert ist. Wir sollten aber versuchen, dass wir irgendwann wirklich ein richtig vereintes Deutschland haben, in dem die Begriffe „Ost“ und „West“ nur noch geographisch eine Rolle spielen. Bis dahin müssen wir uns aber erst einmal bewusst sein, wieso es so etwas wie eine Ostidentität gibt. Und Klischees nicht wiederholen. Das können wir, indem wir auf unsere Sprache achten. Indem wir Dialekte nicht in einen Topf werfen – oder gibt es etwa einen „westdeutschen“ Dialekt? Wir als Nachwendegeneration können von „west- und ost-sozialisiert“ sprechen, statt  von „west- und ostdeutsch“. Außerdem sollten wir vermeiden, generalisierend über eine Gruppe „Ostdeutscher“ zu sprechen, indem wir nach Alter und Wohnort, vielleicht sogar nach individueller Biografie, differenzieren. Und: Junge, westsozialisierte Menschen müssen sich ihrer Privilegien bewusst werden, sich weiterbilden und für ostsozialisierte Realitäten sensibilisieren. Dafür müssen sie zuhören.

Tranzparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes wurde suggeriert, der Rotkäppchen-Sekt komme aus Thüringen. Tatsächlich kommt er aus Freyburg (Unstrut), was bereits in Sachsen-Anhalt liegt. Wir haben die entsprechende Stelle geändert. 

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