„Es braucht einen Aktionsplan gegen anti-schwarzen Rassismus“

Teresa Bremberger hat gemeinsam mit anderen den „Afrozensus“ entwickelt und durchgeführt.
Foto: Séverine Lenglet

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Mit dem „Afrozensus“ wurden 2020 zum ersten Mal Diskriminierungserfahrungen  Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen – Personen, die nicht in Afrika leben, aber eine afrikanische Herkunft und ein gemeinsames kulturelles Erbe haben – statistisch erhoben. 6000 in Deutschland lebende Teilnehmer:innen wurden in einer nicht repräsentativen Online-Umfrage zu ihren Realitäten in 14 unterschiedlichen Lebensbereichen befragt. Seit Kurzem liegt der 300 Seiten lange Bericht vor. 

 

Wir haben Teresa Bremberger, 30, zu den Ergebnissen befragt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei „Citizens For Europe“ (CFE) und war die Projektleitung des Afrozensus bei „Each One Teach One“ (EOTO), einer Organisation, die sich für das Empowerment Schwarzer Menschen in Deutschland einsetzt. Den Afrozensus führte EOTO gemeinsam mit CFE und dem „Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung“ durch. Finanziert wurde das Projekt von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

jetzt: Teresa, fast alle Befragten des Afrozensus geben an, dass ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie rassistische Erfahrungen ansprechen. Woran liegt das?

Teresa Bremberger: Ich glaube das liegt unter anderem daran, dass es in Deutschland ein bestimmtes Verständnis darüber gibt, was Rassismus ist. Weiße Menschen können nicht akzeptieren, dass anti-Schwarzer Rassismus etwas ist, worüber sie keine Deutungshoheit haben, sondern Schwarze Menschen. 

Außerdem denke ich, dass in Deutschland, auch aufgrund der Historie des Nationalsozialismus, ein großer Wunsch nach Abgrenzung besteht. Die NS-Zeit ist etwas, das in der Vergangenheit passiert ist und wofür weiße Deutsche meinen, ganz viel Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit geleistet zu haben. Und deswegen meinen sie, heute nicht mehr rassistisch sein zu können.

Im Bereich „Gesundheit“ stimmen 66,7 Prozent der Teilnehmer:innen dieser Aussage zu: „Mein:e Ärzt:in nimmt meine Beschwerden nicht ernst“. Woran liegt das? Der sogenannte „Morbus Mediterraneus“ ist ein gutes Beispiel dafür. Er ist ein medizinischer Begriff für eine rassistische Diagnose. Auf Latein steht „Morbus“ für „Krankheit“ und „Mediterraneus“ für den „Mittelmeerraum“. Diese Zuschreibung bedeutet, dass Schwarze Menschen und People Of Color, also Menschen, die vermeintlich über den Mittelmeerraum gekommen sind, besonders wehleidig und schmerzempfindlich sein sollen und aber gleichzeitig viel Schmerz aushalten können. Es ist absurd – findet sich aber in medizinischen Lehrbüchern. Das führt oft dazu, dass die Patient:innen dann nicht die medizinische Versorgung bekommen, die sie eigentlich brauchen, weil ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden.

Woher kommt das rassistische Klischee des „Morbus Mediterraneus“ und welche Auswirkungen hat das auf die Betroffenen? Gerade in den 60er und 70er Jahren arbeiteten viele sogenannte Gastarbeiter:innen in Deutschland und es kam zu Kommunikationsproblemen und Sprachbarrieren. Da wurde dann auf vorhandenes rassistisches Wissen um die angebliche Andersartigkeit und Weinerlichkeit von Süd- und Nicht-Europäer:innen zurückgegriffen. Oft wird sich dann für Patient:innen nicht genügend Zeit genommen und zum Beispiel Hautkrankheiten, die auf dunkler Haut anders aussehen, werden nicht erkannt. Medizinische Lehrbücher sind noch immer so konzipiert, dass Krankheiten nicht zusätzlich auf dunkleren Hauttypen dargestellt werden, weil weiße Haut in diesen Büchern „die Norm“ ist. Auch im Bereich der Psychotherapie werden Betroffene im schlimmsten Fall  in der Therapie retraumatisiert, weil die Auswirkungen rassistischer Diskriminierung bei der Ausbildung von Psychotherapeut:innen kein Thema ist.

Fast jede siebte Person der Afrozensus-Befragten gibt an, in den vergangenen Jahren aus Angst vor Diskriminierung die Arbeitswelt gemieden zu haben. Wie geht das und welche Folgen hat das? 

Natürlich ist es kaum möglich, die Arbeitswelt komplett zu meiden. Wir vermuten, dass viele betroffene Personen bereits einen Job haben, aber zum Beispiel unglücklich in ihrer Position sind oder schlechte Erfahrungen machen. Aber aus Angst, dass die Diskriminierung in einem anderen Unternehmen noch schlimmer sein könnte, bleiben sie in einem Arbeitsverhältnis, das oft nicht einmal ihren Fähigkeiten oder ihrer Ausbildung entspricht. Im Afrozensus geben fast ein Drittel von knapp 2600 Befragten an, dass ihre aktuelle Tätigkeit unterhalb ihrer beruflichen Qualifikation liegt.

Der Afrozensus erfasst insgesamt 14 Lebensbereiche. In welchem dieser Punkte müsste zuerst etwas getan werden, damit sich etwas verändert?

Es ist kein Zufall, dass Gesundheit und Bildung die Bereiche sind, die wir qualitativ nochmal vertieft erhoben haben. Bildung ist der Grundstein für eine spätere Teilhabe in der Gesellschaft. Und Diskriminierung im Gesundheitsbereich ist ein Feld, das prinzipiell in Deutschland untererforscht ist. Besonders, wenn es um marginalisierte Gruppen geht. Deswegen würde ich da die Schwerpunkte setzen. Aber darüber hinaus sind sämtliche Bereiche wichtig, die eigentlich durch das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützt sein sollten, zum Beispiel die Kategorie „Arbeitsleben“.

Vor einem Jahr wollten wir wissen, ob die Sorge besteht, dass nur jene Schwarze Menschen an der Umfrage teilnehmen, die hier aufgewachsen und entsprechend vernetzt sind. Ist dieser Fall eingetreten? Nur zum Teil. Das hatte auch damit zu tun, dass aufgrund der Coronapandemie das von uns geplante persönliche Aufsuchen von Treffpunkten und Orten der unterschiedlichen Communities nicht möglich und unter anderem der Zugang zu Geflüchteten total erschwert war. Trotzdem zeigen die Zahlen sehr deutlich, dass wir nicht nur Leute erreicht haben, die hier aufgewachsen sind. Menschen aus über 144 Geburtsländern haben an der Umfrage teilgenommen. Sie haben afrikanische Wurzeln, sind aus Brasilien oder den USA. Und dadurch, dass wir auch auf Englisch und Französisch abgefragt haben, können wir davon ausgehen, dass wir unterschiedliche Perspektiven eingefangen haben.

„Es braucht einen Aktionsplan gegen Anti-Schwarzen Rassismus“

In Deutschland leben über eine Million Schwarze Menschen. Was schließt du daraus, dass nur 6 ooo von ihnen mitgemacht haben?

Ich würde nicht sagen, dass 6000 Teilnehmende wenig ist. 2019 haben zum Beispiel bei der europaweiten Umfrage „Being Black in Europe“ nur 500 Schwarze Menschen aus Deutschland mitgemacht. Die Angaben zu Diskriminierungserfahrungen sind sehr hoch, aber ich denke, dass sich diese noch erhöhen würden, wenn mehr Menschen mit direkter Fluchterfahrung mitmachen. Zum Beispiel gerade in den  Bereichen „Wohnungsmarkt“ oder „Ämter und Behörden“.  Geflüchtete Menschen sind in vielen Bereichen bestimmt anders betroffen als Menschen, die keine direkte Fluchterfahrung haben. 

Welche konkreten Forderungen haben sich letztendlich aus der Umfrage ergeben?

Im letzten Kapitel des Afrozensus haben wir verschiedene Handlungsempfehlungen formuliert, die sich aus den Ergebnissen des Berichts ergeben. Einmal gerichtet an unsere Communities, damit sie ihre Arbeit besser an den Bedürfnissen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen ausrichten können, und dann an Politik und Verwaltung. Es braucht nämlich einen Aktionsplan gegen anti-Schwarzen Rassismus, der ministeriumsübergreifend umgesetzt wird. Dazu gehören auch unabhängige Polizeibeauftragte auf Bundes- und Landesebene. Außerdem gibt es zu wenige Beratungsstellen, die in der Lage sind, spezifisch Menschen zu begleiten, die anti-Schwarzen Rassismus erfahren.

Wie wird es jetzt weiter gehen?

Die erste Projektphase ist abgeschlossen. Jetzt ist es an den Communities, Aktivist:innen und Interessierten, den Afrozensus zu diskutieren und zu nutzen – uns erreichen auch schon erste Rückmeldungen, dass genau das passiert.  Wenn aber alles gut geht, werden wir in die zweite Phase gehen – den „Afrozensus 2.0“. Die Umfrage ist nämlich so angelegt, dass sie über die Zeit fortgesetzt und so Veränderung nachvollzogen werden kann. Zudem streben wir noch die Übersetzung des Berichts auf Englisch und Französisch an. Es soll eine Printversion geben. Und derzeit arbeiten wir an einem Data Explorer, wo man sich bestimmte Fragen des Afrozensus noch einmal online anschauen, sich die Ergebnisse ausgeben lassen und interaktiv damit arbeiten kann

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