Warum wollen junge Menschen noch den Hof ihrer Eltern übernehmen?

Die konventionelle Landwirtschaft steht immer stärker in der Kritik. Für Familienbetriebe wird das zum Problem.
Von Elena Bavandpoori

Foto: Elena Bavandpoori; Bearbeitung: jetzt

In Hamminkeln am unteren Niederrhein ist es ruhig. Nur die Kühe und der Wind sind zu hören. Auf dem Weg zum Milchviehbetrieb der Familie Krebbing riecht es nach nassem Gras – und nach Gülle. Zur nächsten Großstadt dauert es von hier aus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln knapp zwei Stunden. Aktuell führt den Betrieb noch Wilhelm Krebbing. Seine Tochter Jessica, 23, wird den mittelständischen Betrieb mit 170 Milchkühen und 130 Jungtieren in einigen Jahren übernehmen.

Anpacken, das kann Jessica. Trecker fahren, Weizen ernten und Kühe zurück in den Stall locken. Sie hat ihr Leben auf dem Hof verbracht, eine sechsjährige Ausbildung zur Landwirtin absolviert. Der Arbeitsalltag ist ihr vertraut. Im vergangenen Jahr wurde Jessica zur Kartoffelkönigin gekrönt. Glamourös ist ihr Leben allerdings trotzdem nicht. Ihr Arbeitstag dauert oft 14 Stunden. Dennoch kann sie sich nichts anderes vorstellen: „Ich erlebe jeden Tag etwas Neues, kein Tag ist wie der andere. Mein Beruf ist total vielseitig.“ Jessica ist fest entschlossen, den Betrieb ihrer Eltern weiterzuführen. Trotz der aktuell schwierigen Lage.

Denn die konventionelle Landwirtschaft steht in der Kritik: Rückgang der Artenvielfalt, Insektensterben, Überdüngung der Böden und Nutzung von Pflanzenschutzmittel – das sind nur einige Dinge, an denen die Landwirt*innen schuld sein sollen. Die Bundesregierung reagiert darauf mit strengeren Vorlagen, dem sogenannten Agrarpaket. So soll zum Beispiel das Unkrautmittel Glyphosat bis 2023 verboten werden. Dadurch sehen sich viele Landwirt*innen zunehmend mit finanziellen Problemen konfrontiert. Bereits jetzt ist es für kleine Betriebe mit wenig Produktionsleistung schwer, die Kosten zu decken. Zwischen 2015 und 2018 schlossen rund 12 100 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland. Viele Landwirt*innen sind in den vergangenen Wochen demonstrieren gegangen, um ihren Unmut gegenüber der Agrarpolitik deutlich zu machen. Vielerorts blockieren sie mit ihren Treckern die Straßen.

Jessica beschwert sich nicht über die aktuelle Situation. Es ist ihr Vater Wilhelm, der sich große Sorgen macht. Er ist stolz auf seine Tochter, aber ihm stehen die Tränen in den Augen, wenn er an die Zukunft seines Betriebs denkt: „Unsere Tochter ist genauso bekloppt wie wir, dass sie den Betrieb weiterführt. Wenn sie sich irgendwann gegen die Arbeit auf dem Hof entscheiden sollte, könnte ich ihr das nicht übelnehmen. Es fehlt die Wertschätzung für die Nahrung und für unsere Arbeit“, sagt Wilhelm.

Die hohen Auflagen und neuen Verordnung lasten finanziell auf der Familie Krebbing. Sie müssen aufgrund der neuen Verordnungen in den Hof investieren, zum Beispiel durch die Installation von Ventilatoren in den Ställen gegen die Sommerhitze. Für die Milch bekommen sie allerdings nicht mehr Geld. Der durchschnittliche Milchpreis lag im September 2019 bei 33,8 Cent pro Kilogramm (1,03 Liter), den die Molkereien an die Milchbäuerinnen und Milchbauern zahlten. Im Vorjahr waren es noch 35,4 Cent. Ein Cent mehr für den Liter Milch würden jährlich 18 000 Euro mehr für die Krebbings bedeuten. „Wir leben vom Milchpreis. Der Verbraucher muss dazu bereit sein, einen fairen Preis zu zahlen. Wir müssen sogar noch einen Schritt vor dem Konsumenten eingreifen: Die großen Handelsketten erpressen die Molkereien und wir kleinen Bauern sind dann in dieser unbefriedigenden Lage.“

Seit der Abschaffung der Milchquote 2015 gibt es für den Milchpreis keine europaweite Regulierung. Damit können große Betriebe in Deutschland wachsen, um den weltweiten Markt zu bedienen. Deutschen Handelsketten ist es so möglich, Milch aus anderen Ländern zu günstigeren Preisen zu importieren. Das beängstigt Jessica und ihre Familie. Ihr Betrieb ist nicht groß genug, um die Menge an Milch zu produzieren, die weiterhin profitabel wäre. Durch die Produktion in den Nachbarländern ist ihre Ware austauschbar geworden.

Marcel hat das Gefühl, als konventioneller Landwirt der „Fußabtreter der Nation“ geworden zu sein

Der Trend ist eindeutig: Im Jahr 1970 gab es in der damaligen Bundesrepublik Deutschland rund 1,1 Millionen Bauernhöfe, 2016 waren es nur noch 275 000. Die landwirtschaftliche Fläche ist aber nicht verschwunden, sondern wird unter immer weniger Betrieben aufgeteilt. Deshalb ist auch die Fläche pro Betrieb deutlich gestiegen: Vor 50 Jahren war ein Hof im Schnitt 11 Hektar groß, 2016 sind es 60,5 Hektar mit immer steigender Tendenz. Die Zeit der kleinteiligen Landwirtschaft ist also vorbei. Zwischen 2014 und 2018 sank auch die Zahl der Auszubildenden in der Landwirtschaft um knapp 1000 Plätze. Nur etwa jeder dritte landwirtschaftliche Betrieb in Nordrhein-Westfalen verfügt über eine Hofnachfolgerin oder einen Hofnachfolger.

Und trotzdem will Jessica weiterhin den Hof ihres Vaters übernehmen. Aus Idealismus. Mit dieser optimistischen Einstellung ist sie nicht alleine: Der 31-jährige Marcel Andree führt gemeinsam mit Onkel und Tante einen Milchviehbetrieb in der Nähe von Siegburg in Rheinland in der siebten Generation. Marcel liebt den Hof: „Ich mache den Hof nicht zu. Das ist mein Leben und mich reizt der Job viel zu sehr. Ich bin aus Überzeugung Landwirt.“

Als Antwort auf die strengeren Vorlagen und die Zukunftssorgen hat er die Flucht nach vorne gewählt: Vor zwei Jahren nahm Marcel einen Kredit auf und investierte 1,5 Millionen Euro in seinen Betrieb. Sein Hof ist nun bestückt mit einer Photovoltaikanlage, zwei Melkrobotern und einem modernen Stall. Beim Stallbau unterstützten ihn die Grünen. Daher ist ihm klar, wen er auf kommunaler Ebene wählt. Bundespolitisch sieht er sich allerdings nicht mehr richtig repräsentiert.

Er hat das Gefühl, als konventioneller Landwirt der „Fußabtreter der Nation“ geworden zu sein: „Ich finde es schade, dass es eine Spaltung von Gut und Schlecht bei der biologischen und konventionellen Landwirtschaft gibt. Als Unternehmer will ich meinen Betrieb für die kommenden Generationen aufrechterhalten, ertragreiche Böden sichern und sorge mich sehr wohl um die Gesundheit meiner Tiere. Unsere Kühe können sich frei bewegen und bekommen genauso gutes Grundfutter.“ Bio-Betriebe haben allerdings strengere Haltungsvorgaben, größere Stallraum-Zumessungen für die Kühe und mehr Auslauf und Weidehaltung. Marcel wünscht sich mehr Aufklärung über den Alltag auf einem konventionellen Hof. Damit sich die Leute ein eigenes Bild machen können, hat er einen Facebook- und Instagram-Account, auf denen sie die aktuellen Geschehnisse auf dem Hof nachverfolgen können. Außerdem lädt er Schulklassen zu sich ein.

Da der Hof noch von seinem Vater geführt werden kann, hat Andreas flexible Zeiten, um als Angestellter arbeiten zu können

Einen Hof zu übernehmen, ist nicht leicht. Vor allem nicht ohne bestehenden Familienstrukturen. Nach der Lehre entscheiden sich einige Landwirt*innen eher, in ein Angestelltenverhältnis zu gehen. Während die Zahl der Familienarbeitskräfte als Folge der zurückgehenden Zahl der Einzelunternehmen rückläufig ist, steigt die Zahl der in der Landwirtschaft angestellten Arbeitskräfte an. 2016 gingen 11 000 Arbeitskräfte mehr in Angestelltenpositionen als noch 2010. So auch der 30-jährige Andreas Esch. Mit seinem Vater hat er einen Schweinemastbetrieb in der Eifel. Vor vier Jahren hat er sich entschieden, eine halbe Stelle bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen anzunehmen. Da der Hof noch von seinem Vater geführt werden kann und der Stall vollautomatisch funktioniert, hat Andreas flexible Zeiten, um als Angestellter arbeiten zu können.

Er sieht darin viele Vorteile: „Ich habe ein stabiles Einkommen. Der Betrieb würde keine weitere Familie tragen können und ich denke da auch an meine Zukunft. Außerdem habe ich so Kontakt nach außen, werde nicht betriebsblind und kann mich gut vernetzen.“ Anders als die Familie Krebbing, macht er sich mit seinen 1000 Schweinen und 70 Hektar Acker weniger Sorgen um seinen Betrieb. Durch die afrikanische Schweinepest, die in China ausgebrochen ist, boomt momentan der Export von Schweinefleisch nach Asien. Zudem glaubt Andreas, dass sich die Bäuerinnen und Bauern an die aktuelle Zeit anpassen müssen und ihre Betriebsstrukturen ändern sollten: „Diejenigen, die am lautesten rufen ,Es läuft nicht gut‘, sind die, die es nicht geregelt bekommen. Wäre die Lage so furchtbar, wie sie beschrieben wird, gäbe es schon keine Betriebe mehr.“

Er profitiert davon, dass in den vergangenen Jahren weniger Ställe gebaut wurden. So sank die Zahl der schweinehaltenden Betriebe dieses Jahr um 3,5% (800 Betriebe weniger als im Vorjahr). Dadurch hat er weniger Konkurrenz. Der Zukunft blickt er gelassen entgegen: „Ich würde mir wünschen, dass der Betrieb weitergeführt wird. Aber es kann so viel passieren bis dahin. Die Einstellung zu Fleisch oder mögliche Seuchen können die Zukunft der Schweinehaltung ändern. Es ist nicht mehr zeitgemäß, unflexibel zu sein.“

 

Auch Jessica Krebbing hat mehrere Angebote bekommen, außerhalb ihres Hofes zu arbeiten. Das hat sie aber abgelehnt. Zu sehr hängt sie an ihrem Hof. Sie möchte nicht die Generation sein, die ihren Hof und das Lebenswerk einer Familie aufgibt.

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