Beeinflusst die Unsicherheit um den Brexit deutsche Erasmus-Studierende?

Unsere Autorin begibt sich auf Spurensuche.
Von Caroline Bergwinkl

Illustration: Julia Schubert

Vor einem halben Jahr kehrte ich von meinem Erasmus-Semester in der englischen Kleinstadt Durham im Nordosten des Landes nach München zurück. In Deutschland kaum bekannt, genießt die Uni Durham einen extrem guten Ruf in Großbritannien und taucht in internationalen Rankings hinter Oxford und Cambridge auf. Schon bevor ich mein Studium Ende 2016 überhaupt begann, schien mit der Volksabstimmung der Brexit eine beschlossene Sache zu sein, der Austritts-Termin stand fest: der 29. März 2019. Als ich dann im Wintersemester 2018/19 nach England aufbrach, fühle ich mich als Teil der letzten Erasmus-Ausreisegeneration. Bei der Zusage beendete der Auslands-Koordinator meiner Uni seine E-Mail mit den Worten: „Sie werden wahrscheinlich der letzte Erasmus-Jahrgang in Durham sein, also nutzen Sie Ihre Chance!’’

Die Verhandlungen um den Brexit nehmen allerdings seitdem kein Ende und der neueste Termin für den Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist auf den 31. Januar 2020 verschoben worden. Durch den Sieg der Conservative Party unter Premierminister Boris Johnson bei den jüngsten Parlamentswahlen wird dieser Austrittstermin mit einer großen Wahrscheinlichkeit eintreten. Wie stark beeinflusst diese Situation eigentlich deutsche Erasmus-Studierende, die in England studieren und somit vom Chaos um den Brexit direkt betroffen sind? Beim Deutschen Akademischen Austauschdienst oder der Erasmus Website sind zwar einige mögliche Szenarien für die Zukunft aufgelistet, aber eigentlich weiß es niemand so genau.

Ein Erasmus-Aufenthalt in England ist schon alleine deshalb eine ungeheure Möglichkeit, da ein reguläres Studium im Vereinigten Königreich bis zu 10 000 Euro pro Jahr kosten kann. Für Erasmus -Studierende fallen keine Studiengebühren an, man bekommt sogar monatlich Geld, ohne dieses jemals zurückzahlen zu müssen. Deshalb sind die Ergebnisse der Bildungsberatung Hobson aus dem Jahr 2016 eigentlich nicht verwunderlich: 82 Prozent der EU-Studierenden empfinden Großbritannien nach einem EU-Austritt und dem Ende des Programms nicht mehr attraktiv für einen Austausch.

„Das Top-Ziel Münchner Studierender ist seit einigen Jahren Skandinavien, dicht gefolgt von Großbritannien’’

Folgt man den Ergebnissen dieser Studie, dürften schon jetzt kaum mehr Erasmus-Studierende in England sein, da die Bewerbungsfrist für das akademische Jahr 2019/20 zu dem Zeitpunkt endete, als der Brexit Ende März 2019 eine beschlossene Sache war. Claudia Wernthaler vom International Office der LMU München schildert, dass die Universität mit einem starken Einbruch der Bewerberzahlen gerechnet habe, aber faktisch keinen erlebt hat: ,,Wir hatten für die Ausreise 2019 genauso viele Bewerber wie auch in den Jahren zuvor, das Top-Ziel Münchner Studierender ist seit einigen Jahren Skandinavien, dicht gefolgt von Großbritannien.’’ Sie sagt auch, dass sie Anfang des Jahres keinem Studierenden direkt abgeraten hat, nach Großbritannien zu gehen, sondern diese vor allem über eine alternative Förderung beraten hat: „Beim Thema Brexit und Erasmus ist für die Studierenden die größte Sorge die finanzielle Situation. Ich denke aber auch, dass Münchner da generell ziemlich privilegiert sind und der Großteil der Studierenden auch ohne Förderung gehen würde.’’

Claudia Wernthaler findet, dass grundsätzlich alles, was in Sachen Brexit an den Unis abläuft, völlig anders als im echten Leben ist: „Im Zuge der Unsicherheiten um den Brexit haben sich unsere Beziehungen zu Universitäten in Großbritannien zum Positiven verändert und uns stärker und intensiver aneinander gebunden. Die Partner-Unis gehen jetzt sogar aktiv auf die LMU zu, um weiterhin im Programm zu bleiben. Dabei entschuldigen sich die Schotten sogar noch mehr als die Engländer.’’

„Mit dem Geld werden Sie sich in England immerhin ein gutes Abendessen leisten können’’

Ein Auslandsaufenthalt in England hängt generell mit Privilegien zusammen, so lernte ich keine deutschen Austauschstudierenden in Durham kennen, die nicht von ihren Eltern finanziell unterstützt wurden. Als ich mich lange vor Ausreise bei meinem Erasmus Koordinator nach der Höhe der Fördersumme erkundigte, antwortete er mir ironisch:  „Mit dem Geld werden Sie sich in England immerhin ein gutes Abendessen leisten können.’’ Die monatliche Erasmus-Förderung ist jedes Jahr etwas unterschiedlich und betrug bei mir 420 Euro. Davon konnte ich noch nicht mal meine Miete bezahlen und dann fielen noch Lebensmittel, Transport an. Ein England-Aufenthalt kostet Geld und die Erasmus Förderung deckt nur einen Bruchteil der Kosten ab.

Die Göttinger Physikstudentin Linda Bauck, 21, ist für das akademische Jahr 2019/20 Erasmus-Studentin in Durham und seit Oktober dort. Sie sagt, dass sie nach England nicht ohne Stipendium gegangen wäre: „Ich spreche nur Deutsch und Englisch, deshalb wollte ich nach England. In einem anderen europäischen Land könnte ich zwar auch auf Englisch studieren, würde aber wahrscheinlich kaum Kontakt zu Einheimischen aufbauen und mich nur in der Erasmus-Blase bewegen. Ich hab mich ausschließlich für England beworben und wenn das mit der Förderung nicht geklappt hätte, wäre ich in Göttingen geblieben.’’

Linda erzählt, dass ihr vom International Office der Uni Göttingen per E-Mail geraten wurde, sich das mit dem Erasmus trotz Brexit nochmal gut zu überlegen, da sie vielleicht keine Förderung erhalten würde: „Sie fragten, ob ich das Risiko wirklich eingehen will und dass ich mich auch außerhalb der Bewerbungsfristen noch für ein anderes Land entscheiden könnte.’’ 

Jede deutsche Universität handelt eigene Verträge mit ihren Partner-Universitäten aus, deshalb sind generelle Aussagen schwierig. Bisher kam es weder an der Uni Göttingen noch in München zu einem Einbruch der Bewerberzahlen. Dies ist auch nicht verwunderlich, bedenkt man, dass ein Erasmus-Aufenthalt in Ländern wie Schottland, England oder Irland per se nur denjenigen offen steht, die ein entsprechendes Budget aufwenden können. Spätestens Mitte 2020 wird sich zeigen, ob sich dieser Eindruck bestätigt oder es doch noch zu einem Einbruch der Bewerberzahlen kommt, jetzt wo der Brexit eine beschlossene Sache ist. 

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