Ich habe mehr Angst vor rechtem Terror als vor Islamismus

Denn im Bundestag sitzen keine Islamist*innen.
Kommentar von Nadja Schlüter

Rechtsextremismus hat es in Deutschland immer gegeben. Aber heute ist er wieder viel sichtbarer – zum Beispiel im Parlament.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: Reuters

Als ich die ersten Meldungen über die Gewalttat in Hanau las, war ich sprachlos. Der Täter hat mindestens neun Menschen erschossen und viele weitere verletzt. Sein Leichnam und der seiner Mutter wurden später in seiner Wohnung gefunden. Mein Gehirn feuerte erst einmal nur Flüche und ratlose Fragen ab. Der erste klare Gedanke, den es dann fasste, war: „Hoffentlich war es kein Rechtsextremist.“ Aber schnell wurde bekannt, dass der Täter ein rechtsextremes Motiv und, so hat es Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstagmittag in Karlsruhe gesagt, eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ hatte. Den Opfern und ihren Angehörigen muss jetzt all unser Mitgefühl gelten.

Die Fälle von rechtsextremem Terror häufen sich. Kassel. Halle. Hanau. Erst vergangenen Freitag wurden mehrere Mitglieder einer rechten Terrorzelle festgenommen. Die Schlagzahl der Eilmeldungen auf meinem Telefon erinnert mich an 2015 und 2016. An die islamistischen Terroranschläge, wie sie unter anderem in Paris, Brüssel und Berlin verübt worden sind. Wenn ich damals erfuhr, dass irgendwo in Deutschland ein Täter auf offener Straße Menschen angegriffen oder umgebracht hatte, war mein erster Gedanke noch: „Hoffentlich war es kein Islamist.“ Ich hatte Angst vor Radikalisierung und Terror. Heute habe ich die immer noch. Aber jetzt bezieht sie sich vor allem auf rechten Terror – und sie ist viel größer und viel grundsätzlicher als die vor potenziellen islamistischen Tätern. 

Im ersten Moment mag das unlogisch wirken. Immerhin bin ich eine weiße, biodeutsche Kartoffel. Ich gehöre nicht zur offensichtlichen Zielgruppe rechtsextremer und rassistischer Terroristen. Dann schon eher zu der von Islamisten. Aber die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines islamistischen Anschlags zu werden, war in Deutschland immer schon klein, und die Angst vor dem Terror war diffus. Da waren vor allem unbeantwortete Fragen: Wie geht es weiter? Was könnte noch auf uns zukommen? Was sind potenzielle Ziele? Wird dieser Extremismus vor unserer Haustür Fuß fassen oder nicht? Klar hatte ich Angst und machte mit Sorgen. Aber so richtig tief im Innersten berührte sie mich nicht – weil sie nicht konkret genug war.

Das ist heute, angesichts des wachsenden Terrors von rechts, anders. Ich selbst muss zwar immer noch nicht fürchten, Opfer zu werden. Aber zum einen bin ich solidarisch mit den Minderheiten, die von Rassisten bedroht und angegriffen werden. Und zum anderen sind da, wo damals nur ungeklärte Fragen waren – und damit gleichzeitig auch die Hoffnung, dass alles gut ausgeht – heute Gewissheiten: Der Rechtsextremismus, den es in Deutschland immer gegeben hat, hat in den vergangenen Jahren und Monaten wieder besonders fest Fuß gefasst. Er ist hier tief verwurzelt. Und er bedroht ganz konkret bestimmte Teile unserer Gesellschaft.

Es gibt hier keine politischen Funktionäre, die zum „heiligen Krieg“ aufrufen, aber solche, die die „erinnerungspolitische Wende“ fordern

Natürlich hat es in Deutschland islamistische Anschläge gegeben, deren Opfer wir nicht vergessen dürfen und werden. Und natürlich gibt es in Deutschland islamistische Netzwerke und Gefährder – auf die (ebenso wie auf Linksextremismus) nach rechtsextremen Terroranschlägen gerne verwiesen wird. Dass wir da doch auch ein Problem hätten. Womöglich sogar ein größeres. Dabei ist der Unterschied doch offensichtlich: Weder im Bundestag, noch in deutschen Landesparlamenten sitzen Islamisten. Es gibt in Deutschland keine politischen Funktionäre, die zum „heiligen Krieg“ aufrufen, dafür aber solche, die die „erinnerungspolitische Wende“ fordern und vor einem angeblichen „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“ warnen. Es gibt auch keine islamistischen Rockkonzerte und keine islamistischen Demos in Deutschland. Aber es gibt Menschen, die Rechtsrock grölen, auf der Straße den Hitlergruß zeigen und Migrantinnen und Migranten jagen. Jeder Extremismus kann in Deutschland seine Nische finden und darin sprießen, vielleicht sogar ein wenig wuchern und wachsen. Doch einen wirklich breiten Nährboden, den gibt es nur für rechten Terror – und der wird gerade immer fruchtbarer. 

Was man bei all dem nicht vergessen darf: Als vor ein paar Jahren die Angst vor dem Islamismus umging, die auch ich gespürt habe, haben die Rechten davon profitiert. Sie haben sie geschürt und angestachelt. Die Bedrohung größer geredet, als sie war. Sie haben die Menschen bei der Unsicherheit gepackt, ihnen Sicherheit versprochen und sich davon in die Parlamente tragen lassen. Und dann haben sie mit ihrem Hass und ihren Verschwörungstheorien dafür gesorgt, dass viele Menschen in diesem Land nicht mehr sicher leben können.

Darum ist nicht nur die gegenwärtige Bedrohung so beängstigend konkret, sondern auch die zukünftige. Der Hass gegen Menschen, die nicht weiß oder nicht christlichen Glaubens sind, gegen Minderheiten und Geflüchtete, ist in Deutschland so sehr institutionalisiert, dass er immer weiter gefüttert werden wird. So lange, bis sich unser Land endlich traut, wirklich etwas dagegen zu unternehmen.

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