„Wenn ich nicht daran glauben würde, wo läge dann der Sinn?“

Aktivistin Oli nahm an den Massenprotesten nach den Präsidentschaftswahlen 2020 in Belarus teil. Doch es wurde zu gefährlich – und sie musste ihre Heimat verlassen.
Foto: Stringer / imago images

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Am 9. August 2020 erklärte sich der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko wieder zum Sieger der Präsidentschaftswahlen. Seit 27 Jahren herrscht der Diktator inzwischen über das Land in Osteuropa. Internationale Beobachter*innen sprachen schnell von Wahlbetrug, hunderttausende Belaruss*innen riefen in Massendemonstrationen nach freien Wahlen. Auch Oli Kowalska ging damals in ihrer Heimat auf die Straße. Doch als die Polizei sie auf die Wache zitierte, fürchtete Oli, verhaftet zu werden, so wie Hunderte anderen Belaruss*innen während dieser Zeit. Sie reiste zurück nach Krakau, wo sie seit einigen Jahren lebt. Dort organisierte sie ein Jahr lang Proteste für ein freies Belarus und half geflüchteten Belaruss*innen bei der Ankunft in Polen. Wir erreichen sie per Telegram-Anruf in ihrer Wohnung in Split, wo sie etwas Abstand von den anstrengenden letzten Monaten sucht. 

jetzt: Oli, wie geht es dir heute, ein Jahr nach der Wahl und dem Beginn der Proteste in deiner Heimat? 

Oli Kowalska: Mir geht es ganz ok, zumindest besser als den Menschen in Belarus. Aber ich bin sehr erschöpft, so wie wir alle. 

Was stimmt dich so optimistisch? 

Wenn ich sehe, wie viel viele Menschen in meiner Heimat tun, was sie bereit sind zu opfern und beispielsweise für zehn Jahre ins Gefängnis zu gehen, stimmt mich das zuversichtlich. Sie sind mutig genug, alles zu riskieren, alles zu verlieren: ihre berufliche Stellung, ihren sozialen Status, ihr Geld. Es geht alles nicht so schnell, wie wir das gehofft hatten, aber wir haben das akzeptiert. Auch, weil einige Menschen noch nicht bereit sind, zu kämpfen und Opfer zu bringen. Vielleicht werden wir und die Demokratie nicht gewinnen, bis wir alle dazu bereit sind. 

„Für mich ist es einfacher, mit Hoffnung zu leben“

In den ersten Wochen der Revolution dachtest du, dass es eine Frage von wenigen Monaten sei, bis Belarus frei sein wird. Warst du damals ein bisschen naiv? 

Ja, vielleicht. Ich bin keine politische Expertin und damals waren wir einfach so überwältigt, so glücklich. Wir haben so viel Solidarität erfahren. Wir haben an das Beste und an uns geglaubt. Und vielleicht bin ich immer noch naiv. Andere Menschen um mich herum sind nicht mehr besonders zuversichtlich. Aber für mich ist es einfacher, mit Hoffnung zu leben. Denn wenn du pessimistisch bist und nicht daran glaubst, was du tust, kannst du es nicht erreichen. Wenn ich nicht daran glauben würde, wo läge dann der Sinn in meinem Handeln?

Dennoch bist du seit Mitte Juli in Kroatien und weniger politisch aktiv. Warum?

Es ist eine Art kreative Pause. Ich habe Krakau aus persönlichen Gründen verlassen: Ich mochte meinen Job nicht, also hab ich gekündigt. Ich kam nach Kroatien, um mich persönlich weiterzuentwickeln, von anderen Leuten zu lernen und eine gute Anführerin meiner Community zu werden.

Viele Belaruss*innen haben im letzten Jahr das Land verlassen und sind nach Polen, in die Ukraine oder Litauen geflohen. Deine Familie lebt noch immer in Belarus. Konntest du sie sehen, seitdem du das Land im August 2020 verlassen hast?

Ich wollte sie eigentlich in diesem Sommer in der Ukraine treffen, aber nun können sie nicht kommen, da Lukaschenko die Grenze geschlossen hat. Wir könnten uns in Russland treffen, aber das will ich nicht. Es ginge auch Georgien, aber zurzeit ist einfach alles so instabil. Im Moment geht es meinen Eltern gut. Vielleicht treffen wir uns Ende August oder im September. Meine Schwester hat vor Kurzem eine Stelle als Doktorandin in Berlin bekommen, so wird wenigstens sie nahe bei mir sein. Meine Eltern sind noch nicht bereit, Belarus für immer zu verlassen, und wir als Familie haben Hoffnung, dass alles gut wird. Wir denken nicht daran, was passiert, wenn das nicht klappt.  

„Vor Kurzem wurden die Eltern einer Freundin verhaftet“

Trotzdem muss es schwer für dich sein, von deiner Familie getrennt zu sein.

Natürlich würde ich wahnsinnig gern nach Hause, aber ich kann es nicht und das muss ich akzeptieren. Man gewöhnt sich an dieses Leben. Viele meiner Freund*innen verlassen jetzt Belarus, ziehen nach Polen oder in die Ukraine. Vielleicht, weil sie die Hoffnung verlieren, dass sich die Situation im Land bald ändert. Und es ist natürlich auch gefährlich, in Belarus zu bleiben. Vor Kurzem wurden die Eltern einer Freundin verhaftet und sie kann nichts tun, weil sie in Krakau ist. Wenn meinen Eltern was passieren würde, könnte ich auch nichts tun. Das macht mir Angst. 

Bist du eine andere Person als vor einem Jahr?

Natürlich bin ich das. Ich bin aber keine bessere oder schlechtere Person, sondern habe neue Fähigkeiten. Ich bin persönlich sehr gewachsen. Es war ein hartes, aber auch ein gutes Jahr. Wir haben unser Land verändert und wir haben uns als Menschen verändert.  

Vor Kurzem wurde noch einmal die internationale Aufmerksamkeit auf Belarus gelenkt, als Lukaschenko ein Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius entführen ließ, um den Blogger und Regimekritiker Roman Protassewitsch zu verhaften. Auch du hast daraufhin einen Protest in Krakau organisiert.

Es war ein sehr großer Protest, es kamen viele Menschen, auch einige Politiker*innen. Anschließend habe ich mit Politiker*innen in Krakau die Situation der Belaruss*innen diskutiert. Ich habe ihnen erklärt, dass sich die Lage nicht so schnell ändern wird, dass immer mehr Belaruss*innen nach Krakau kommen werden und sie etwas tun müssen, um die Situation der Geflüchteten zu verbessern. Wir haben dann ein großes Festival organisiert, mit belarussischer Musik, Kunst und Kultur. Wir Belaruss*innen wollen zeigen, wer wir sind, uns in Krakau integrieren und den geflüchteten Belaruss*innen beim Ankommen helfen. Es war ein wichtiges Event, um eine starke Diaspora aufzubauen.  

Ein Jahr lang hast du jetzt Proteste, Events, Ausstellungen organisiert, um auf die Situation in Belarus aufmerksam zu machen. Worauf bist du besonders stolz?

Der internationale Women’s March im Oktober 2020 war für mich etwas Besonderes. Damals haben einige Freund*innen und ich von Krakau aus zu Demos für ein freies Belarus aufgerufen – Menschen in 60 Ländern sind unserem Aufruf gefolgt und haben protestiert. Mir ist es auch wichtig, Menschen direkt zu helfen, vielleicht noch wichtiger als die Demonstrationen. Ich denke da zum Beispiel an den Sprachkurs für Geflüchtete, den wir organisieren. Auch die kulturellen Dinge liegen mir am Herzen, wie unser Festival. Allgemein war der Juni sehr intensiv für mich. Das war auch einer der Gründe, warum ich vor Kurzem nach Kroatien gegangen bin. 

Geht der Widerstand dort weiter?

Nach dem Festival wollten zehn Personen gerne als Volunteers in unserer Initiative weiterarbeiten, also habe ich meine Aufgaben auf sie aufgeteilt. Bisher hatte ich das alles allein gemacht. Das war nicht gut für meine Community und nicht gut für mich. Jetzt schau ich mal, wie es ohne mich läuft.  

Willst du wieder nach Krakau zurückkehren?

Ich habe mir dort etwas aufgebaut und kenne viele Menschen. Aber aktuell mache ich einen Onlinekurs als Kuratorin für moderne Kunst. Ich möchte anschließend dorthin, wo ich einen guten Job im Kulturbereich finde. 

Für Belarus wirst du weiterkämpfen, egal, wo du bist, oder?

Ich lerne zurzeit sehr viel und sammle Erfahrungen. Das ist wichtig für Belarus, wenn wir später unser Land und unsere Gesellschaft wieder aufbauen. Belarus wird gute Anführer*innen und Arbeiter*innen brauchen. Wir sollten alle gut auf uns achten und uns weiterentwickeln.

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