„Es gibt jetzt keinen Ort mehr, wo man noch sicher ist“

Foto: Wojtek Radwanski / AFP

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Vor zwei Wochen ist Masha aus ihrer Heimatstadt Minsk in Belarus nach Polen geflogen, nur mit einer Tasche als Handgepäck. Sie besuchte ihren Bruder, der vor Kurzem für die Arbeit nach Krakau gezogen ist. Die Geschwister verstehen sich gut, Masha wollte ihn nach vier Monaten das erste Mal wieder sehen. Es sollte ein Urlaub werden. Jetzt wird daraus vielleicht ein Daueraufenthalt.

Masha überlegt, erst einmal in Polen zu bleiben, zumindest für die kommenden Monate. Sie hat sich schon vor einiger Zeit ein Arbeitsvisum besorgt, als eine Art Hintertür. „Zur Zeit ist es als Belarussin besser, ein Visum fürs Ausland zu haben. Ich brauchte einen Notfallplan, für den Fall, dass die Dinge sich noch weiter zuspitzen.“ Dass sie diesen Plan nun tatsächlich in die Tat umsetzen muss, hätte Masha nicht gedacht. Doch dann ließ Präsident Lukaschenko ein Flugzeug in Belarus zwangslanden, und der Blogger und Aktivist Roman Protassewitsch und dessen Begleiterin Sofia Sapega wurden festgenommen.

Deshalb steht Masha, die selbst immer wieder gegen Lukaschenko demonstriert hat, nun vor der Entscheidung: zurück nach Belarus oder ein neues Leben in Polen anfangen, mit nichts als einer Tasche Handgepäck. „Ich wollte zwar nicht mein ganzes Leben in Belarus bleiben. Aber so wollte ich mein Land nicht verlassen. Ich fühle mich verloren“, sagt die 22-Jährige. Immer wieder bricht ihr während des Telefon-Gesprächs die Stimme weg.

Am vergangenen Sonntag zwang ein belarussischer Kampfjet einen Ryanair-Flieger auf dem Weg von Griechenland nach Litauen unter dem Vorwand einer Bombendrohung in Minsk zum Landen. Der dort verhaftete 26-jährige Roman Protassewitsch hatte seit Jahren als Journalist gearbeitet. Zuerst von Belarus aus, für verschiedene unabhängige Medien. 2019 floh Protassewitsch dann nach Polen. Dort war er zunächst Chefredakteur des Telegram-Kanals Nexta, später wurde er Moderator des Telegram-Kanals Belamova. Telegram hat in Belarus eine großen Stellenwert und ist eine wichtige unabhängige Nachrichtenquelle. Während seiner Zeit im Exil wurde Protassewitsch zu einem der bekanntesten Kritiker des Regimes. In Belarus droht ihm die Todesstrafe.

„Roman wird wahrscheinlich sterben. Womöglich schon bald“, sagt Oli Kowalska. Die Exil-Belarussin lebt seit zweieinhalb Jahren in Krakau, war zuletzt vor neun Monaten, unmittelbar nach der Wahl, in ihrer Heimat Belarus. Seitdem ist es für die 26-Jährige zu gefährlich, nach Hause zu reisen. Zu aktiv ist sie, zu viele Demonstrationen gegen das Lukaschenko-Regime hat sie initiiert. Als sie auf Telegram von der Entführung las, verbrachte Oli gerade einen freien Tag in Breslau mit einigen belarussischen Freund*innen. „Danach hatten wir keine Lust mehr, irgendwas zu machen, wir waren einfach nur sehr traurig und hatten Angst“, sagt sie. Die Entführung trifft Oli. „Das zeigt, wie weit Lukaschenko geht, und war auch eine Drohung an uns Belaruss*innen im Ausland. Lukaschenko wollte damit sagen: ‚Ich kriege euch überall. Sogar im Himmel.’“

Noch ist Mashas Rückflugticket für Sonntag nicht offiziell gecancelt

Dass die Regierung nicht einmal vor solchen Maßnahmen zurückschreckt, ist für Masha wie das letzte Teil eines Puzzles, das sie in den vergangenen Monaten Stück für Stück zusammengesetzt hat und nun zum ersten Mal in seiner Gänze sieht. „Es gibt jetzt keinen Ort mehr, wo man noch sicher ist. Nicht zu Hause, nicht mal in einem Flugzeug“, sagt sie.

Vielleicht wurde ihr die Entscheidung, ob sie nun zurückkehren soll oder nicht, gerade ohnehin abgenommen: Immerhin dürfen keine belarussischen Fluggesellschaften mehr auf EU-Flughäfen starten oder landen. Mit dieser Sanktion hat die EU am Montag auf Protassewitschs Festnahme reagiert. Noch ist Mashas Rückflugticket für Sonntag aber nicht offiziell gecancelt und aktuell gehen auch Flüge von und nach Minsk. Masha hält es trotzdem nur für eine Frage der Zeit bis ihr Flug abgesagt wird. Bis dahin stellt sie sich die viel größere Frage: Will sie zurück?

Zuhause warten ihre Eltern auf sie, ihr Freund und eine Katze, die sie sich erst vor Kurzem zugelegt hat. Aber auch die Nachbarin, die das Lukaschenko-Regime unterstützt und weiß, dass Masha es nicht tut. „Ich denke immer: Vielleicht bin ich die nächste, die verhaftet wird. Weil sie mich bei Protesten gefilmt haben, oder meine Nachbarin mich verrät. Ich habe ständig Angst.“ Eine Entscheidung, ob sie versuchen wird, nach Minsk zurückzukehren, hat Masha noch nicht getroffen.

Das Leben in Belarus hat sich in den vergangenen Monaten stark verändert. Große Demonstrationen wie zu Beginn der Proteste gibt es wegen des immer härter durchgreifenden Staats inzwischen kaum noch: „Es gibt keine Proteste mehr, denn alle, die verdächtig aussehen, werden sofort verhaftet“, sagt Masha. Menschenrechtsorganisationen haben inzwischen zahlreiche Fälle von Verhaftungen von Journalist*innen, Organisator*innen von Demonstrationen und Aktivist*innen dokumentiert, die unter anderem von Folter in der Haft berichtet haben.

In einer Videobotschaft sagte Protassewitsch, dass er fair behandelt werde. Zudem kündigte er an, demnächst ein Geständnis abzulegen, dass er „Massenproteste in der Stadt Minsk organisiert habe.  Die Opposition im Ausland glaubt, dass das Geständnis nur unter Zwang und Gewaltanwendung zu Stande gekommen sei. Protassewitschs Gesicht sieht aufgedunsen und geschminkt aus, als ob Spuren von Schläge überdeckt wurden. „Ich bin mir sicher, dass Roman gefoltert wird, um zu gestehen“, sagt Masha.

Sie erinnert sich noch gut daran, wie ein Freund von ihr im September 2020 verhaftet wurde und vor Gericht sagte, er sei von der Polizei geschlagen worden. Als die Medien anfingen, über den Freund zu berichten, veröffentlichte die Polizei auch von ihm ein Video, in dem er angab, sich die Sache mit den Schlägen ausgedacht zu haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „Aber ich kenne ihn gut, ich habe seine Wunden gesehen. Er wurde gefoltert, um das zu sagen. Ich bin mir sicher, dass Roman dasselbe passiert ist“, sagt Masha.

„Das Regime hat unser Land in ein Nordkorea mitten in Europa verwandelt“

Die belarussische Regierung duldet keine Widerständler, das hat es mit der Flugzeugentführung klargestellt. „Das Regime hat unser Land in ein Nordkorea mitten in Europa verwandelt“, sagte Oppositionspolitikerin und Ex-Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja in einem Statement zur Verhaftung Protassewitschs.

Unterkriegen lassen will sich Oli von der Einschüchterung nicht, im Gegenteil. Lukaschenkos Angriff hat neues Feuer in die Protestbewegung im Exil gebracht. „Am Sonntag ziehen wir in einem Protestmarsch durch Krakau. Um auf unsere Situation aufmerksam zu machen, aber auch damit alle Belaruss*innen in Krakau merken, dass sie nicht alleine sind“, sagt Oli. Im Sommer war Oli noch optimistisch, dass der Kampf für ein freies Belarus schnell zu Ende gehen wird. Heute klingt sie müde. „Im August als wir protestierten, haben wir uns gefühlt, als ob wir schon gewonnen hätten. Wir waren so glücklich.“ Vielleicht, sagt sie, seien sie damals etwas naiv gewesen. Lukaschenko herrscht seit 26 Jahren, ein Regime zu stürzen kann lange dauern. Doch die Hoffnung bleibt. „Ich denke, die Entführung war ein Fehler von Lukaschenko. Jetzt ist Belarus komplett isoliert. Ich bin mir sicher, dass das System kollabieren wird. Der Wirtschaft geht es schon so schlecht, das wird keine fünf Jahre mehr dauern. Wir dürfen nicht aufgeben.“

Oli hatte darauf gehofft, ihre Familie im Sommer nach fast einem Jahr endlich wieder zu sehen. Nicht in Belarus, das wäre zu gefährlich, sondern vielleicht im Nachbarland Ukraine. Aber wie soll ihre Familie dahinkommen bei den neuen Verboten? Oli muss weiter warten. Doch die Sanktionen der EU findet sie den richtigen Schritt: „Wir müssen alle etwas opfern, damit unser Land frei sein kann: unseren Komfort, unser Geld, die Möglichkeit zu fliegen und unsere Familie zu sehen. Ich hoffe nur, nicht unser Leben.“

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