Junge Briten kämpfen gegen den Brexit

Noch haben sie Hoffnung auf ein neues Referendum.
Von Sina Pousset

Die jungen Brexit-Gegner verschaffen sich auch mit außergewöhnlichen Demo-Aktionen Gehör.

Foto: AFP / Ben Stansall

Es ist der 13. Dezember 2018, der Tag, an dem Großbritanniens Premierministerin Theresa May um das Vertrauen ihres Parlaments bangt. Nur ein paar hundert Meter vom Londoner Regierungssitz entfernt treibt ein kleiner Kutter mit jungen Menschen auf der Themse. Sie halten Protestschilder in die Höhe, fordern die „People’s Vote“, die zweite Volksabstimmung, die den Brexit verhindern könnte. Einer von ihnen ist Femi Oluwole, 28, Mitbegründer der Jugendorganisation „Our Future Our Choice“, kurz OFOC. Der Brite mit nigerianischen Wurzeln hält ein Megafon in der Hand und ruft mit heiserer Stimme Parolen in die kalte Dezemberluft. Der Aktivistenchor stimmt wütend ein: „Wir wollen die Volksabstimmung – jetzt!“. Nach kurzer Zeit tauchen zwei Boote auf. „Polizeijagd, das wird lustig“, sagt Femi abgebrüht.

Femi kennt das Leben als Aktivist. Seit 2016 stellt der Jura-Absolvent von der Universität Nottingham Videos auf Youtube ins Netz, um jungen Menschen die Konsequenzen des Brexit zu erklären. Er selbst studierte Europarecht und glaubt, dass viele zu wenig über die EU wissen. Eigentlich sollte Femi grade in Wien ein juristisches Praktikum absolvieren. 2018 tat er sich mit zwei weiteren Aktivisten zusammen, um „Our Future Our Choice“ zu gründen. Heute ist die Kampagne sein Vollzeitjob: „Jetzt muss ich wohl in die Politik“, sagt er. May hat ihr Vertrauensvotum im Dezember gewonnen, aber für Femi ging die Arbeit da erst richtig los.

Er trägt zwar eine Union-Jack-Krawatte, kämpft aber für den Verbleib in der EU: Femi Oluwole

Foto: OFOC

Gerade zog das mittlerweile 13-köpfige Team von OFOC in den Londoner Millbank Tower – gemeinsam mit weiteren Aktivisten, die unter der Leitung der nationalen „People’s Vote“-Organisation zusammenarbeiten. Über 100 lokale Gruppen stehen mittlerweile unter ihrer Schirmherrschaft. Finanziert werden sie über klassische Spenden und Crowdfunding. Gemeinsam organisierten sie im vergangenen Jahr den 700.000 Menschen starken People’s March in London.

Das Brexit-Votum offenbarte eine Kluft zwischen den Generationen: Etwa 75 Prozent der Jungwähler zwischen 18 und 25 stimmten für einen Verbleib in der EU, der Großteil der Brexit-Befürworter war über 60. Femis Generation ist die erste, die mit der EU groß wurde: „Der Brexit passt nicht zu unserem Weltbild. Wir leben, lieben und arbeiten über Landesgrenzen hinaus“, so Femi. Das Ergebnis war damals schon knapp, 52 Prozent zu 48 Prozent. Das Problem: Die Wahlbeteiligung der Jungen war mit 64 Prozent zwar vergleichsweise hoch, unter den Älteren wählten jedoch bis zu 90 Prozent. Etwa 1,4 Millionen Menschen sind seit 2016 volljährig geworden – sie könnten nun zur Wahl. Aber erst müssen die Aktivisten ihre Generation davon überzeugen, dass jede Stimme zählt.

Femi ist deshalb auch nicht der einzige Jungaktivist, der sich für ein zweites Referendum starkmacht. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, haben Jugendorganisationen Infostände an Unis und in Innenstädten aufgestellt, organisieren Events und Demonstrationen oder stellen Content ins Netz. OFOC hat über 45.000 Follower auf Twitter.

Wie für Femi begann der Weg vieler junger Aktivisten auf Social Media. Einer von ihnen, der Gärtner Sam Hickmott, war zur Zeit des Referendums gerade 18. Über Twitter kam er mit dem Ingenieur Tom Brufatto, 28, in Kontakt, der heute der Vorsitzende der People’s-Vote-Kampagne ist: „Wir trafen uns im Pub und überlegten, was wir tun könnten.“ Danach übernahm Sam kurzerhand die Leitung von People’s Vote Bristol. Heute sind dort 10.000 Menschen registriert. Tom ging nach London und vernetzt seitdem Aktivisten aus dem ganzen Land. Wie Femi hat auch er dafür seinen Vollzeitjob gekündigt.

Auch die nationale Studentenorganisation, kurz NUS, unterstützt eine zweite Abstimmung öffentlich. Die Studentenräte aller britischen Unis arbeiten zusammen, um ihre mehr als sieben Millionen Studierenden dazu zu motivieren, aktiv zu werden. „Der Brexit geht jeden etwas an“, sagt Reece Patrick Roberts, Präsident des Studentenausschusses der Uni Birmingham. Birmingham ist die jüngste Stadt Europas. Glaubt er, dass junge Menschen den Brexit verhindern können? „Es hängt zu 50 Prozent an uns, zu 50 Prozent an den Abgeordneten.“ Deshalb schicken Unis Briefe an sie oder laden zu Diskussionen.

Femi glaubt, eine Politisierung der jungen Briten zu spüren

Im beliebtesten Video auf Femis Youtube-Kanal erklärt er dem Brexit-Hardliner Nigel Farage, wie Einwanderungsrecht funktioniert. Farage ist wie viele der Brexit-Supporter, mit denen Femi in seinen Videos diskutiert, eine Generation älter.

Femi glaubt, eine Politisierung der jungen Briten zu spüren: „Junge Menschen haben sich bis jetzt nicht in der Politik repräsentiert gefühlt. Deshalb dachten sie vielleicht auch, es gehe sie nichts an.“ Durch die Aktivisten bekommt die junge Generation Großbritanniens ein Gesicht. Als Corbyn 2017 an Jungwähler appellierte, sprachen die Medien von einem „Youthquake“. Auch wenn die Wahlbeteiligung stieg, war der Hype jedoch größer als das Endergebnis.

Deshalb setzen die Aktivisten dieses Mal nicht nur auf Gleichaltrige. Eine weitere junge Anti-Brexit-Organisation heißt „For Our Future’s Sake“. Ihr Kampagne trägt zwar den Titel „Der Kampf unserer Generation“. Doch im Untertitel steht: „Unsere Generation braucht die Hilfe von eurer“. Sie wird landesweit von Parlamentariern und Studentenausschüssen unterstützt. Auch OFOC versucht, nicht nur auf Social Media oder an Unis, sondern auch in den klassischen Medien präsent zu sein.

Dass ein Kutter vor dem Parlament den Brexit kaum verhindern wird, weiß Femi – aber am Abend sind die Aktivisten im Fernsehen zu sehen, in den Wohnzimmern der Älteren. Femi glaubt, sie so überzeugen zu können: „Die Leute können niemandem mehr trauen – nicht den Politikern, nicht den Businessexperten – nur uns jungen Menschen. Denn wir kämpfen tatsächlich um unsere Zukunft.“ Der Fernsehsender Channel 4 lud ihn gerade zur Sendung #BrexitInbetweeners ein, in der junge Menschen den Brexit diskutieren. Femi beschwerte sich danach auf Twitter, der staatliche Sender hätte zu viele EU-Gegner eingeladen.

Viele junge Briten sind mittlerweile frustriert von der Brexit-Debatte, da sie von eigentlichen Problemen ablenkt. „Wir haben mit Wohnungsnot, einem maroden Gesundheitssystem und dem Klimawandel zu kämpfen“, so Sam. Viele von Sams Freunden sind angesichts der Brexit-Debatte pessimistisch. Die anhaltende Unsicherheit über den EU-Austritt empfinden viele als nervenaufreibend: „Die Studenten wollen wissen, was passieren wird“, bestätigt Reece, Vorsitzender des Studentenausschusses der Universität Birmingham.

„Ein zweites Referendum könnte eine ganze Generation mobilisieren“

Auch wenn der Brexit ihn viel Kraft kostet, hat es sich für Femi jetzt schon gelohnt: „Er bedeutete für uns ein politisches Erwachen.“ Auch die Proteste gegen Waffengewalt in den USA haben für ihn gezeigt, dass junge Menschen in der Lage sind, sich Gehör zu verschaffen, wenn sie etwas wirklich angeht. Könnte der Brexit so ein Moment sein? Organisationen wie OFOC und For Our Future’s Sake gab es beim letzten Referendum jedenfalls noch nicht. Sam, Leiter von People’s Vote in Bristol, sagt: „Früher haben die Menschen uns ausgelacht, wenn wir sie auf der Straße ansprachen. Heute sieht das anders aus.“ Er denkt, ein zweites Referendum könnte für viele junge Menschen ein Aha-Erlebnis sein. „Es könnte eine ganze Generation mobilisieren – oder sie resignieren lassen.“

Tom, Sam, Reece und Femi – sie alle glauben nach wie vor, dass der Brexit gestoppt werden kann. „Die Zukunft sieht gut aus, weil junge Menschen Werte verkörpern, die gleichzeitig sehr europäisch und sehr britisch sind“, erklärt Tom von People’s Vote.

Doch noch liegt die Zukunft nicht in ihrer Hand. Am 15. Januar wird Mays Parlament über den mit der EU verhandelten Brexit-Deal abstimmen. Noch ist nicht klar, ob ihm zugestimmt wird. Klang eine Volksabstimmung vor ein paar Monaten noch wie eine liberale Fiktion, wird diese angesichts der Uneinigkeit innerhalb von Mays Parlament zumindest denkbar. Wettagenturen bewerten eine zweite Abstimmung mittlerweile als wahrscheinlich. „Die Politiker wissen, dass sie mit dem vereinbarten Deal nicht gut wegkommen und die Versprechen an ihre Wähler nicht halten können“, glaubt Femi. „Sie haben Angst, dass sich das bei den nächsten Wahlen bemerkbar machen wird.“ Die Frage ans Volk zurückzugeben, könnte also auch für Konservative eine Möglichkeit sein.

Offen ist die Frage, wie so eine Abstimmung aussehen könnte. Entschieden werden muss, ob nur über den Brexit-Deal abgestimmt wird oder der EU-Austritt insgesamt erneut zur Debatte steht. Ist es nicht undemokratisch, noch mal über eine vom Volk beschlossene Sache abzustimmen? Nein, findet Femi. „Die Leute sind heute viel besser informiert als früher. Außerdem ist der Brexit, für den die Mehrheit 2016 gestimmt hat, eindeutig nicht umsetzbar.“ Klar ist: Die Aktivisten werden bis zum Schluss für ein zweites Referendum kämpfen. Gemeinsam mit den Jungwählern könnten sie das Ruder vielleicht noch mal rumreißen – vorausgesetzt, sie bekommen die Möglichkeit dazu.

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