Der Bundestag will seinen Twitter-Account jetzt doch mal benutzen

Warum das überfällig ist und welche Tipps wir haben.
Kommentar von Magdalena Pulz

Foto: dpa/Michael Kappeler Bearbeitung: jetzt

Es ist das Jahr 2019. Während eigentlich kein durchschnittliches Mittelstandsunternehmen mehr ohne eine digitale Content-Strategie überleben kann, hat der Deutsche Bundestag beschlossen, seinen seit vier Jahren unangetasteten Twitter-Account jetzt doch mal zu benutzen. Damit hat das Parlament es länger herausgezögert, den digitalen Raum zu entdecken, als der durchschnittliche Teenager sich sträubt, sein Zimmer aufzuräumen.

Außerdem – hört, hört – soll sogar auch noch ein Instagram-Account erstellt  und bespielt werden. Wobei, solange wir kein Gruppenselfie der Fraktionsvorsitzenden im Plenarsaal sehen, glauben wir gar nichts. Das ganze Vorhaben scheint noch sehr inkonkret zu sein: Ab wann sollen die Accounts bespielt werden? In naher Zukunft, heißt es der Welt zufolge. Welche Inhalte sollen verbreitet werden? Und wie oft? Das stehe noch nicht fest, die Beratungen dazu liefen und nähmen noch einige Zeit in Anspruch, so eine Pressesprecherin des Bundestages.

Mit dem „Rezo-Effekt“ habe die neue Initiative nichts zu tun

 

Die Innere Kommission des Ältestenrats des Bundestags hat die digitale Öffentlichkeitsinitiative wohl schon Mitte Mai beschlossen. Aufgabe dieses Ältestenrats ist es, den Parlamentspräsidenten zu unterstützen. Besetzt ist er natürlich nicht nur von Greisen, sondern von erfahrenen Parlamentariern. Dabei wäre die Leistung, Wolfgang Schäuble zu einem Instagram-Influencer zu machen, eine noch größere, als ihn davon abzubringen, Griechenland aus der Eurozone zu werfen.

Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass der offizielle Twitter- und Instagram-Account des Bundestags wirklich Content produziert, wäre das eine feine Sache. Die bisherigen Bundestags-Kanäle, die direkt für die Bevölkerung bestimmt sind, sind bisher nämlich weitgehend unbemerkt geblieben. Wer hatte schon einmal die von der Pressestelle herausgegebene Bundestagszeitung „Das Parlament“ in der Hand? Nein, noch nie? Damit bist du nicht alleine – momentan hat das Blatt nach Angaben der Pressestelle eine Druckauflage von etwas über 57000 Exemplaren. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik gibt es über 60 Millionen Wahlberechtige.

Mit dem „Rezo-Effekt“ habe die Idee für den Twitter- und Instagram-Account nichts zu tun, versichert eine Pressesprecherin des Bundestags. Die Gespräche über die neuen Accounts liefen schon seit dem 20. Februar. Es gibt natürlich auch jetzt schon Möglichkeiten, sich digital zu informieren: Der Youtube-Kanal des Parlaments erreiche monatlich zwischen 100 000 und 200 000 Abrufen, die App „Deutscher Bundestag“ habe 800 000 Nutzer, das Jugendportal etwa 700 000 und das Kinderangebot rund 300 000 Abrufe jährlich.

Hört auf, uns mit eurem Bananentelefon anzurufen

Wenn es darum geht, Transparenz darüber herzustellen, was bei den Abgeordneten eigentlich so abgeht, was diskutiert wird, wer was sagt und wie abstimmt, dann ist der Bundestag eine echte Herausforderung: Weltweit ist er zusammen mit dem Bundesrat eines der größten Parlamente – übertroffen nur von China. Mehr als 700 Abgeordnete tummeln sich in den blauen Sitzen unter der Glaskuppel des Reichstags, die wenigsten davon kennt oder erkennt man. Für eine solche Mammutaufgabe müssen alle Register gezogen werden. Auch Instagram. Auch Twitter.

Dabei macht eine 280-Zeichen-Begrenzung wie bei Twitter es für die Macher sicherlich nicht leichter, die Bevölkerung über die Vorgänge zu informieren. Trotzdem: Wenn die Menschen in sozialen Medien abhängen, dann sollte man auch versuchen, sie da zu erreichen. Man ruft ja auch nicht mit einem Spielzeug-Bananentelefon bei jemandem an, der ein Mobiltelefon hat. Und am besten wäre es gewesen, wenn der Bundestag schon vor sieben Jahren aufgehört hätte, uns mit seinem Bananentelefon anzurufen und das Projekt Instagram-Account angegangen wäre.

Bisher heißt es, dass der Bundestag für die Kanäle keine neue Person einstellen, sondern einfach die Pressestelle umstrukturieren will. Ob das so eine gute Idee ist, bleibt abzuwarten. Sollte aber tatsächlich noch kein Konzept für die Accounts vorliegen, helfen wir doch gerne mit ein paar Tipps, wie das mit dem Bundestags-Twitter- und Instagram-Account ganz bestimmt klappt:

  • Der Bundestag sollte sich noch heute einen Welpen anlegen. Tierbabys klicken wie die Sau. Mit Sicherheit würde der ein oder andere wilde Instagram-User nach dem „süüüüüß“-Moment auch noch ein Auge auf die Bildunterschrift werfen.
  • Twitter-Challenge: Wem fallen die besten Gags zur heutigen Bundestagsdebatte ein?
  • Die Food-Ecke: Was gibt es heute in der Bundestagskantine?
  • Lobbying transparent machen: Sollte es kleinere Aufmerksamkeiten von Unternehmen für die Abgeordneten geben, kann man die schön fotografieren und auf Instagram noch ein bisschen Geld durch Advertising für die BRD reinholen. Die deutsche Wirtschaft ist ein Geben und Nehmen!
  • Die Reihe der schlafenden Besucher auf den Tribünen festhalten.
  • Ein Blick hinter die Kulissen: Wo gehen die politischen VIPs aufs Klo?
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