Wie die SPD mich und meine Freunde verloren hat

Oder wir sie?
Von Nadja Schlüter

Vielleicht muss man die Partei, die man als Jugendliche gewählt hat, mit all dem anderen Kram entsorgen...

Illustration: Julia Schubert

Wenn man das Wahlergebnis einmal umgekehrt betrachtet, sieht es fast noch dramatischer aus. Denn dass die SPD bei der Europawahl 15,8 Prozent bekommen hat, bedeutet auch, dass mehr als 84 Prozent sie nicht gewählt haben. Ich gehöre dazu. Dabei war die SPD die erste Partei, für die ich aus voller Überzeugung gestimmt habe, als ich wahlberechtigt wurde. Die Partei, der ich treu bleiben wollte und dann nicht treu geblieben bin.

Manchmal, wenn ich die schlechten Ergebnisse der vergangenen Jahre sehe, dann fühle ich mich mitschuldig am Niedergang der SPD. Ich fühle mich gemeint, wenn die taz die „ASW“ (abgewanderten Wähler*innen der Sozialdemokraten) anprangert, die zu viel von der Partei gewollt haben. Es fühlt sich dann an, als wäre eine Partei eigentlich eine Fußballmannschaft, die man gerade dann besonders unterstützen sollte, wenn es schlecht läuft – und ich habe das irgendwann nicht mehr gemacht, sondern mir eine neue Mannschaft gesucht. Aber manchmal, da bin ich auch wütend auf die SPD, weil sie meine erste Lieblingsmannschaft war und ich irgendwann das Gefühl hatte, dass sie sich gar nicht mehr darum bemüht, mich auf ihrer Tribüne zu halten. Was ist da bloß passiert?

Ich bin im sozialdemokratischen Rheinland-Pfalz und gleichzeitig in einem katholischen, konservativen Elternhaus aufgewachsen, in dem so gut wie nie über Politik diskutiert wurde. Die Dinge waren, wie sie waren, und sollten bitte auch so bleiben. Mein politisches Bewusstsein und die Erkenntnis, dass sich Dinge auch ändern können (und dass es Dinge gab, die sich dringend ändern mussten), entwickelten sich darum in der Schule. Als 1998 Gerhard Schröder gewählt wurde, war ich gerade zwölf Jahre alt geworden. Seit ich denken konnte, war „Bundeskanzler“ für mich ein Synonym für „Helmut Kohl“ gewesen. Jetzt war da auf einmal dieser andere Kanzler, jünger, charismatischer, und – was keine unerhebliche Rolle spielte – von meinem Klassenlehrer verehrt. Heute kann ein Typ wie Schröder bei mir keinerlei gute Gefühle mehr auslösen, aber damals faszinierte er mich. Für mich stand er für etwas Neues, Unbekanntes, für Aufbruch und für Ausbruch aus dem, was ich immer gekannt hatte. Und dafür, dass die Welt von jetzt an besser und fairer werden würde.

Der Wahl-O-Mat schlug mir Die Linke vor, aber der vertraute ich zu wenig. Vertrauen hatte ich nur in die SPD

Mein damaliges Gefühl war kein individuelles. Um die Jahrtausendwende herrschte Aufbruchstimmung, es war insgesamt eine Zeit des Optimismus: Zwischen 1999 und 2000 blickten nach einer Studie des Allensbacher Instituts nur zehn Prozent der Deutschen pessimistisch in die Zukunft – der niedrigste Wert, den das Institut seit seiner Gründung im Jahr 1948 verzeichnet hatte. Ich ließ mich davon mitreißen, genauso wie vom Mantra der Mittelschicht-Millennials, das sich heute, in Zeiten der Klimakrise, als großer Fehler herausstellt: „Alles ist möglich und du kannst alles erreichen!“ Dieses positive Zukunftsgefühl setzte bei mir genau zur gleichen Zeit ein wie die rot-grüne Regierung.

Dann kam es am 11. September 2001, zwei Tage vor meinem 15. Geburtstag, zu der Katastrophe, die mein Erwachsenwerden geprägt hat. Von da an wurde aus grenzenlosem Optimismus langsam Unsicherheit, aus „Hurra, Globalisierung und Fortschritt!“ die Sorge, ob es da nicht Brüche gibt, die wir zu lange ignoriert haben. Trotzdem, oder gerade deswegen, blieb ich der SPD treu.

Denn als ich 2005 zum ersten Mal den Bundestag wählen durfte, passte alles zusammen: Ich war noch zu jung und die Situation meiner Familie zu gut, als dass die Hartz-Gesetze mich berührt hätten; ich haderte sehr mit dem Christentum, mit allem Konservativen sowieso; ein starker Staat und soziale Gerechtigkeit waren mir wichtig; ich war bei den Anti-Irakkrieg-Demos mitmarschiert; und ich sympathisierte mit dem Juniorpartner der SPD, den Grünen. Der Wahl-O-Mat schlug mir Die Linke vor, aber um die zu wählen, vertraute ich der Partei und ihrem Personal zu wenig.

Mit der Zeit verkörperte sie für mich nicht mehr das Neue, sondern Stillstand

Vertrauen, das hatte ich nur in die SPD, die das sogar in ihrem Slogan stehen hatte: „Vertrauen in Deutschland“. Und nicht zuletzt wählten auch meine Freunde, denen ich  ebenso sehr vertraute, die SPD. Die waren, da ähnlich oder sogar noch stärker sozialdemokratisch sozialisiert, eine Art SPD-Cheerleader*innen-Team, manche lauter, manche leiser, aber alle rot. Einige von ihnen traten sogar in die Partei ein.

Bei dieser, unserer ersten Bundestagswahl im Jahr 2005 wurde Schröder abgewählt und Angela Merkel Kanzlerin einer Großen Koalition. Ab da ging es abwärts – für die SPD allgemein, aber auch zwischen ihr und mir. Für den allgemeinen Abwärtstrend werden bis heute verschiedenste Gründe genannt, die vermutlich alle zum Teil zutreffen. Die Ur-Katastrophe Hartz IV. Die GroKo, in der die SPD „zerrieben“ worden ist. Die Grünen, die Teile ihres Profils übernommen haben und das in der Opposition besser sichtbar machen konnten. Der generelle Niedergang der Volksparteien und die Zersplitterung der Parteienlandschaft, in der man nun mal hier, mal da Programmpunkte der Sozialdemokraten finden und sich darum seine ganz eigene Rosine herauspicken kann. Das Spitzenpersonal und die Kanzlerkandidaten, die mal als zu wenig charismatisch, mal als zu unbequem daher kamen.

In dieser Zeit wurde ich erwachsen, zog aus, studierte, fing an zu arbeiten. Ich wurde von der katholischen Beamten-Tochter vom Dorf zu einer dieser jungen, progressiven Großstadt-Akademiker*innen. Asylrecht, Feminismus, Nachhaltigkeit, Klimaschutz wurden zu Themen, die mich besonders umtrieben. Die SPD ging da nicht mit oder sie ging mir nicht weit genug. Mit der Zeit verkörperte sie für mich nicht mehr das Neue, sondern Stillstand. Sie wurde zur Rentnerpartei, mit altem Personal und alten Wähler*innen.

„Geht bitte in die Opposition und kommt erneuert wieder raus“. So ist es nicht gekommen

Vielleicht lag es auch an mir, vielleicht war ich zu akademisch geworden, während die SPD ja auch immer noch die Arbeiter und Angestellten erreichen wollte und musste. Vielleicht war ich zu hochnäsig, um zu würdigen, was sie erreichte, den Mindestlohn etwa oder die Ehe für alle. Errungenschaften, für die hinterher auf einmal die CDU gefeiert wurde. Vielleicht hätte ich der SPD gerade deswegen treu bleiben müssen. Aber dann hat sie auch nicht mehr die Kurve gekriegt. Sich nicht genug um Erneuerung bemüht und damit irgendwie auch nicht genug um mich. Sie hat sich dauernd mit sich selbst beschäftigt, aber ohne, dass dabei etwas herauskam. Zumindest nichts, das mich erreicht hätte.

2017 habe ich die SPD zum ersten Mal seit zwölf Jahren nicht gewählt. Aus meiner Lieblingsmannschaft war eine geworden, mit der man nicht mal mehr die Kreisliga gewinnen konnte. Ich war sauer und enttäuscht und im Team „Geht bitte in die Opposition und kommt erneuert wieder raus“. So ist es nicht gekommen, es wurde sogar noch schlimmer. Die vergangenen Wochen haben mir den Rest gegeben. Wenn die Menschen in einer Partei so hart und unnachgiebig miteinander umgehen, wenn intern so viel gehackt, so viel mit dem Finger aufeinander gezeigt wird, wie sollen sie da gemeinsam etwas erreichen und wir mit ihnen?

Die Sozialdemokraten haben auch einige meiner Freund*innen, die Cheerleader*innen von damals, verloren. Eine hat zwar ihr Parteibuch noch und wählt auch noch regelmäßig SPD. Aber ein Freund antwortet auf meine Frage, ob er sie denn auch noch wähle: „Natürlich nicht.“ Eine andere Freundin mit Parteibuch hat das seit 2016 nicht mehr getan. Und eine ist vor über zwei Jahren ausgetreten und hat bei der Europawahl 2019 zum ersten Mal nicht SPD gewählt.

Ein Freund antwortet auf meine Frage, ob er denn noch SPD wähle: „Natürlich nicht“

Nur einer meiner Schulfreunde ist der SPD besonders treu geblieben. Er ist Mitglied und arbeitet für sie. Ich schreibe ihm, was er glaubt, warum seine Partei mich und so viele von uns verloren hat. Er habe großes Verständnis für jeden, der gegen die GroKo sei und die SPD darum nicht mehr wähle, schreibt er mir. Seine Peergroup sei enttäuscht, weil wir uns eine linkere SPD wünschten. Und mehr Klimaschutz, der teuer sei und den unsere Cheerleader*innen-Gruppe von damals sich leisten könnte, der Stammwähler der SPD aber nicht unbedingt. Zum Schluss schreibt er noch: „Aber ich glaube wirklich, dass nur die SPD (und vielleicht Teile der Linken) die gesellschaftliche Spaltung aufhalten können.“

Ich bewundere sein Vertrauen. Ich wäre auch so gerne weiterhin der Mannschaft treu, die mir als erste ein politisches Zuhause gegeben hat. Wäre gerne zuversichtlich, dass sie uns aus dem gesellschaftlichen und ökologischen Schlamassel führen kann, in dem wir stecken. Das Gefühl von damals, diesen großen Optimismus, hatte ich seitdem nie wieder. Wenn die SPD es schaffen würde, mir den zurückzugeben, würde ich sie vielleicht auch wieder wählen.

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