Die Lage zwischen Russland und der Ukraine spitzt sich weiter zu.  Am Sonntag rammte ein Schiff der russischen Grenzwache ein ukrainische Marineschiff, das gemeinsam mit zwei weiteren Booten durch die Meerenge von Kertsch in das Asowsche Meer einfahren wollte. Später wurden 24 ukrainische Marinesoldaten von den Russen festgesetzt. Am Montag rief der ukrainische Präsident Petro Poroschenko das Kriegsrecht aus und betonte gleichzeitig, dabei handle es sich um keine Kriegserklärung. Mittlerweile vebietet die Ukraine für die Zeit des Kriegsrechts männlichen russischen Staatsbürger zwischen 16 und 60 Jahren sogar die Einreise. 

Wir haben mit jungen Menschen aus Russland und der Ukraine darüber gesprochen, wie es ihnen gerade geht – und ob sie Angst davor haben, dass ein Krieg ausbricht.

„Das ist alles kalkuliert und geplant“

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Andrei ist sich sicher: Die ganze Situation wurde von beiden Seiten genau geplant.

Foto: privat

Andrei N., 32, Architekt und Designer aus Moskau:

Ich bin vor allem müde. Die Lage ist seit Jahren ähnlich, das erschöpft einen. Angst vor einem Krieg habe ich keine, ich glaube nicht, dass die Situation wirklich eskaliert. Das ist alles kalkuliert und geplant, da bin ich mir ganz sicher. Jeder kennt das Gebiet und weiß, wie die Grenzen verlaufen. Das war Absicht, und zwar von beiden Seiten.

Dass männliche russische Staatsbürger zwischen 16 und 60 für die Zeit des Kriegsrechts nicht mehr in die Ukraine einreisen dürfen, finde ich schade. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, wenn die Grenze zu ist. Das wird meiner Meinung nach nicht lange gut gehen. Ich persönlich hatte nicht vor, in naher Zukunft in die Ukraine zu reisen, aber viele meiner Freunde sind oft dort.

Das Ganze ist ein Sturm im Wasserglas – unterstützt von den Massenmedien. Und wegen der anstehenden Wahlen in der Ukraine im kommenden Jahr und der angespannten wirtschaftlichen Lage wird sich es nicht zu einer richtig schlimmen Eskalation kommen, sondern sich irgendwann wieder beruhigen. Meinen Freunden geht es ähnlich. Wir sind alle einfach müde, in einer Welt voller Konflikte zu leben. Das ist nicht unser Krieg, und nicht unser Spiel. Ich hasse das Klischee des aggressiven Russen, der sein Territorium erweitern will. Unter meinen Freunden, Nachbarn, meiner Familie ist kein Platz für Hass und Aggressionen. Niemand braucht das.

Die einzelnen Meinungen meiner Bekannten und Freunde hängen dann vor allem von den Medien ab, die sie konsumieren. Ich schaue kein russisches Fernsehen, lese einige Magazine. Russische Medien muss man auf eine besondere Art und Weise lesen: nach Fakten suchen und den Rest ignorieren.  

„Ich fühle mich hier nicht grundlegend sicher“

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Wenn Jana mit ihrer Mutter über Politik spricht, dann streiten die beiden.

Foto: privat

Jana Cheklina, 35, Freelancerin in Moskau:

Eigentlich haben wir schon seit 2014 Krieg, seit der Krimkrise. Seitdem fühle ich mich hier nicht mehr grundlegend sicher. Aber der Krieg ist hier, für uns in Moskau, nicht sichtbar. Ich hoffe sehr, dass der Konflikt nicht eskaliert. Beide Seiten wussten meiner Meinung nach sehr genau, was sie tun. Alle Handlungen waren sicherlich mit den obersten Befehlshabern abgesprochen. Es gibt in dieser Region gewisse Regelungen, die sonst auch befolgt werden. Wenn sie nicht befolgt werden, ist das eine klare Aussage. Also hat man auch damit gerechnet, dass die Lage sich zuspitzt. Ich hoffe sehr, dass es bei diesem kalkulierten Kräftemessen zwischen Russland und der Ukraine bleibt, und auch, dass sich ein Weg findet, die gefangenen Matrosen wieder der ukrainischen Seite zu übergeben, so dass sie nicht im russischen Gefängnis landen.

Mein Alltagsleben beeinflusst der Vorfall nicht. Ich kaufe jetzt zum Beispiel keine Vorräte ein, falls es wirklich zum Ernstfall kommt, aber ich habe gelesen, dass die Menschen in Donezk in der Ostukraine das machen. Von dem Vorfall erfahren habe ich auf der Nachrichtenwebsite Medusa. Das ist eine relativ objektive Nachrichtenwebsite auf Russisch. Fernsehen schaue ich hier nicht, daher weiß ich nicht, wie das Thema in den Massenmedien behandelt wird. In meinem Umkreis habe ich nicht gespürt, dass der Konflikt das beherrschende Gesprächsthema ist. Einige meiner Bekannten wissen gar nichts davon. Mit meiner Mutter spreche ich nicht mehr über Politik. Ihre Meinungsbildung ist von dem gesteuert, was hier im Fernsehen läuft. Wir streiten immer, wenn wir darüber sprechen.

„Diese Brutalität ist unfassbar“

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Wladyslaw denkt, dass sich im Großen und Ganzen nichts ändern wird.

Foto: Galina Balabanowa
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Wenn Jana mit ihrer Mutter über Politik spricht, dann streiten die beiden.

Foto: privat
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Andrei ist sich sicher: Die ganze Situation wurde von beiden Seiten genau geplant.

Foto: privat

Wladyslaw Saizew, 23, Aktivist und Projektmanager aus Mariupol:

Eigentlich haben mich die Nachrichten nicht überrascht. Die Russen haben im Asowschen Meer schon seit Jahresbeginn für Spannungen gesorgt. Es war klar, dass sie früher oder später den Weg der Eskalation wählen werden. Was mich aber überrascht hat, war die brutale Art des Vorgehens. Heute ist im Netz ein Foto vom Schiff aufgetaucht, das beschossen wurde. Darauf wurde ersichtlich, dass die Russen nicht etwa den Motor, sondern die Kommandobrücke beschossen haben. Gibt es denn keine andere Möglichkeit, ein Schiff zu stoppen, als gleich die Besatzung zu beschießen? Unfassbar, diese Brutalität.

In der Stadt ist es natürlich das Thema das Gesprächsthema Nummer eins. In letzter Zeit war die Atmosphäre hier angespannt, aber insgesamt ist alles ruhig.  Wir wissen nicht, wie der nächste Monat (unter der Verhängung des Kriegsrechts, Anm.) verlaufen wird. Aber ich denke, im Großen und Ganzen wird sich nichts ändern. Es wird keine großen Einschränkungen geben. Äußerlich hat sich in der Stadt nichts verändert. Mariupol ist ja schon so einiges an Spannungen gewohnt. Die Lage kann man gewiss nicht mit 2014 und 2015 vergleichen, als Mariupol unter Kontrolle der pro-russischen Separatisten war und später russische Soldaten bei Nowoasowsk eine neue Front eröffnet haben. Auf den Straßen herrschte damals Chaos, Anarchie. Die Geschäfte wurden geplündert, die Banken, die Autos. Schrecklich. Das Recht des Stärkeren, der das Maschinengewehr trägt.

Damals sind viele aus Mariupol geflohen, aber ich bin geblieben. Das waren schreckliche Zeiten. Heute ist die Lage anders. Erstens, weil wir Vertrauen in unsere Armee haben und zweitens, weil es derzeit keine Hinweise auf eine große Invasion gibt. Nach einer Eskalation sieht es derzeit nicht aus, aber ich glaube, dass es immer wieder Provokationen geben wird. Aber das hängt natürlich von der Russischen Föderation ab. Man darf nicht vergessen, dass wir nur wegen Moskau in diese Situation geraten sind. Es gibt ja Gerüchte, dass die Eskalation Poroschenko vor den Wahlen hilft. Aber in diese Lage sind wir nicht wegen ihm, sondern wegen der Handlungen Russlands geraten.

Leider hat uns die internationale Aufmerksamkeit weder bei der Annexion der Krim noch beim Kriegsausbruch im Donbass geholfen. Wir können uns und unserem Militär nur selbst helfen, mit Kriegsbasen, Schiffen und Waffen. Unsere Armee muss stärker werden und die westlichen Länder müssen härter gegen Russland vorgehen. Immerhin ist das kein Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen die zivilisierte Welt insgesamt.

Es hätte schon längst ein Einreiseverbot für männliche russische Staatsbürger geben sollen. Immerhin führt dieses Land gegen uns Krieg und nicht jeder Bürger der Russischen Föderation, der die ukrainische Grenze überschreitet, tut dies mit den besten Absichten.

„Die oberste Devise lautet jetzt, ruhig zu bleiben“

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Ira hat die Hoffnung auf Frieden noch nicht aufgegeben.

Foto: privat

Ira Kondratenko, 20, Studentin und Administratorin in einem Projektzentrum in Mariupol:

Die Ereignisse vom Wochenende haben mich erschüttert. Ich sorge mich natürlich um die Sicherheit meiner Stadt. Aber insgesamt bin ich recht ruhig geblieben. Ich bin in Mariupol geboren und bin niemals von hier weggezogen. Auch nicht, als hier 2014 der Krieg ausgebrochen bin.

Natürlich klingt es zuerst einmal furchtbar, dass das Kriegsrecht in der Ukraine verhängt wurde. Aber ich glaube nicht, dass die Rechte der Menschen eingeschränkt werden. Im Prinzip wird alles so bleiben, wie zuvor. Die oberste Devise lautet jetzt, ruhig zu bleiben. Ich denke, dass es die richtige Entscheidung ist, weil das Kriegsrecht die Stärke unseres Landes unterstreicht und auch international für klare Verhältnisse sorgt. Das Kriegsrecht wird also keinen direkten Einfluss auf mein Leben haben, und das beruhigt mich. Wir müssen uns einfach mit dem ukrainischen Gesetz auseinandersetzen, um zu sehen, dass wir nichts davon zu befürchten haben.

Zum Glück bin ich nicht direkt von der Situation betroffen, weil alle meine nächsten Familienmitglieder im Stahlwerk Asowstahl (Metallurgisches Kombinat Asowstahl, Anm.) arbeiten. Es wäre natürlich etwas anderes, wenn sie am Hafen arbeiten würden oder gar Matrosen wären. Dann müsste ich mir größere Sorgen machen. (Infolge der Seeblockade sind vor allem die Häfen in den ukrainisch kontrollierten Städten Mariupol und Berdjansk wirtschaftlich unter Druck geraten, Anm.). Die letzten Tage haben auf mein Alltagsleben also keinen großen Einfluss gehabt. Es ist nicht so, dass ich eine Aktivistin bin, aber wenn es möglich ist, dann nehme ich an Projekten und Organisationen teil, um unser Land zu unterstützen.

Was ich mir von der internationalen Gemeinschaft wünsche? Dass sie unserem Land und unserer Armee helfen. Es reicht nicht, einfach nur neue Sanktionen gegen Russland zu beschließen. Sie müssen uns auch mit militärischen Mitteln helfen. Die Hoffnung, dass es irgendwann Frieden geben wird, habe ich auch nicht aufgegeben. Die Frage ist nur, wann es endlich so weit sein wird. Aber irgendwann wird der Krieg bestimmt enden. Das Einreiseverbot ist mit egal. Ich habe keine Verwandten und Freunde in Russland. 

Anm. d. Redaktion: Wir haben diesen Text aufgrund der aktuellen Entwicklungen am Freitag aktualisiert und ergänzt.

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