Sollte vor deutschen Schulen die Deutschlandflagge wehen?

Das fordert die CDU in Baden-Württemberg. Was halten die Jugendorganisationen der anderen Parteien davon?
Protokolle von Annika Säuberlich

Fotos: privat Bearbeitung: jetzt

Die Schüler Union und die CDU in Baden-Württemberg wollen vor deutschen Schulen dauerhaft Flaggen hissen: die des jeweiligen Bundeslands, die Deutschland- und die Europaflagge. Auch die Junge Union Baden-Württemberg unterstützt diesen Antrag. So soll die Verbundenheit der Schüler*innen zu Land, Bund und EU gefördert werden und die Nationalflagge wieder positiver besetzt werden. Am Freitag soll der Antrag beim CDU-Bundesparteitag in Leipzig gestellt werden. Doch was halten die Jugendorganisationen der anderen großen Parteien davon? Wir haben mit ihren Vertreter*innen gesprochen. Nur die „junge Alternative“ antwortete nicht auf unsere Anfrage.

„Weder im Positiven noch im Negativen würden diese Flaggen irgendwas verändern“

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David Schwarz, 18, ist stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos in Baden-Württemberg.

„Ich habe nicht den Eindruck, dass meine Generation viel mit Flaggen und Nationalsymbolen verbindet, oder dass sie daran irgendwelche politischen Entscheidungen festmacht. Die großen Probleme, die sich uns stellen, sind global, zum Beispiel der Klimawandel. Ich persönlich habe zwar auch einen starken Bezug zu Europa, aber nicht zum Symbol der Europäischen Flagge.

Ich finde es bedenklich, dass Schüler Union und CDU keinen besseren Vorschlag in der Bildungspolitik haben. In Baden-Württemberg stellen sie mit Susanne Eisenmann die Kultusministerin, aber es wird weder an der Bildungsqualität noch an der Bildungsgerechtigkeit gearbeitet. Der Antrag auf Beflaggung ist im Vergleich dazu völlig trivial und in meinen Augen ein reines Ablenkungsmanöver. Und egal, wie viel oder wenig sowas kostet, das Geld wäre woanders besser aufgehoben.

Auch der Rechtsruck in unserer Gesellschaft wird so nicht bekämpft. Guter Gemeinschaftskundeunterricht und eine soziale Durchmischung an Schulen wären viel wirksamer. Wahrscheinlich würden die Flaggen dem Großteil der Schüler erstmal gar nicht auffallen und, selbst wenn, nicht weiter interessieren. Weder im Negativen noch im Positiven würde diese Beflaggung irgendwas verändern.“

Angesichts der deutschen Geschichte halte ich diesen Patriotismus sogar für gefährlich

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Lea Elsemüller, 26, ist Co-Sprecherin der Grünen Jugend in Baden-Württemberg.

„Diese absurde Symbolpolitik der CDU trägt in keiner Weise zum Zusammenhalt in Deutschland bei und kommt bei jungen Menschen nicht an. Auch für mich hat weder die baden-württembergische Flagge noch die Deutschlandflagge einen emotionalen Wert. Was es braucht, ist eine bessere Schulsozialarbeit, ein durchlässigeres Schulsystem und endlich die Entkopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

Es ist erschreckend, dass eine Regierungspartei denkt, Wertevermittlung würde über das Aufhängen von Flaggen funktionieren. Angesichts der deutschen Geschichte halte ich diesen Patriotismus sogar für gefährlich. Die Schüler Union sollte sich lieber tiefergehend damit auseinandersetzen, wie der europäische Zusammenhalt wirklich gestärkt werden kann und dazu einen Antrag beim Bundesparteitag der CDU stellen.

Wären alle unsere Schulen saniert und gut ausgestattet und gäbe es genügend Schulsozialarbeiter*innen und Lehrer*innen, würden wir uns bei einer europäischen Flagge oder zum Beispiel einer Regenbogenfahne vor Schulen sicher nicht querstellen. Aber aktuell kämpfen die Schulen mit viel größeren Problemen. Außerdem zeigt sich echte Verbundenheit für uns nicht durch Flaggen, sondern durch solidarische Politik und ein solidarisches Miteinander.“

Die Auseinandersetzung mit dem Thema könnte die Werteentwicklung fördern

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Valentin Abel, 28, ist Vorsitzender der Jungen Liberalen in Baden-Württemberg.

„Der Antrag, die europäische Flagge, die deutsche Flagge und die Flagge des Bundeslandes an Schulen wehen zu lassen, hat die symbolische Wirkung einer Blendgranate. Er ist nicht zielführend und erweckt den Eindruck, als würden sich die Zukunft und Entwicklung der Schüler an der Frage der Nationalflagge entscheiden.

Die deutsche Flagge wie auch die der Europäischen Union stehen aber nach wie vor für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Deswegen sind wir auch nicht per se gegen den Einsatz von Flaggen, aber es ist wichtig, sich damit nicht von anderen abzugrenzen, sondern gemeinsame Werte und die Vielfalt eines Staates zu repräsentieren.

Auch wenn das Denken in Nationalstaaten bei jungen Menschen heute eh eine geringere Rolle spielt als bei den Generationen vor ihnen, glaube ich, dass ihnen die emotionale Bindung an ihr Land oder an ihre Heimat immer noch wichtig ist. Die Beflaggung könnte deswegen ein positives Signal an sie ausstrahlen und die Auseinandersetzung mit dem Thema die Werteentwicklung fördern. Aus meiner Sicht wäre das Geld in der Digitalisierung und der Sanierung der Schulen aber sinnvoller aufgehoben.“

„Als nichtbinäre Person freue ich mich eher, wenn ich LGBT*-Fahnen sehe

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Arn Bronner, 20, ist Pressesprech* der Linksjugend [’solid] Baden-Württemberg:

„Für mich macht der Antrag der Schüler Union keinen Sinn, weil ich nicht weiß, was er den Schüler*innen bringen soll. Wir haben doch starke Defizite im Bildungssystem: Es herrscht Lehrer*innenmangel, es gibt keine moderne Technik oder kein Wissen darüber an den Schulen. Viele Gebäude müssen dringend saniert werden. Statt wirklich etwas zu ändern, wird Pseudopolitik gemacht. Der Versuch, Wählerstimmen mit einem patriotischen Fahnenwedeln abzugreifen, behebt keine Probleme.

Nationalstaatliches Denken ist bei Jugendlichen durch die Globalisierung und das Internet sowieso in den Hintergrund getreten. Seine Identifikationsgruppe findet man nicht mehr über das Kriterium ‚in der Umgebung‘. Auch wenn Nationalflaggen für Jugendliche dadurch weniger wichtig werden, glaube ich nicht, dass Flaggen als Symbole für sie generell eine kleinere Rolle spielen.

Die Bewegung Fridays For Future arbeitet mit ihrem Logo, den Bannern auf Twitter und den speziell generierten Profilbildern in den sozialen Medien mit einer Art Flaggenäquivalent. Als nichtbinäre Person freue ich mich außerdem eher, wenn ich LGBT*-Fahnen sehe, denn sie stehen für Akzeptanz. Die baden-württembergische Flagge hat für mich keine solche Aussagekraft.“

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