„Die Last ist enorm“

Regisseurin Kathrin Pitterling hat seit 2019 „Fridays for Future“ begleitet. Dabei konnte sie auch die Folgen der Corona-Pandemie für die Bewegung dokumentieren.
Interview von Sandra Belschner
aufschrei der jugend cover

Foto: Jürgen Todt

Die Regisseurin Kathrin Pitterling hat Fridays for Future (FFF) seit Beginn 2019 begleitet. Ihr Dokumentarfilm „Aufschrei der Jugend“ zeigt, was die Corona-Pandemie mit der Umweltbewegung macht und zeichnet das Porträt einer engagierten Generation. Im Rahmen der ARD Themenwoche „Wie leben – bleibt alles anders?“ läuft der Film am 18. November um 23:20 Uhr und ist danach in der ARD-Mediathek verfügbar. Ein Gespräch mit der Regisseurin Kathrin Pitterling über ihre Arbeit.   

Jetzt: Was war das prägendste Ereignis in der Zeit, in der Sie FFF filmisch begleitet haben?

Kathrin Pitterling: Ich kann mich nicht auf ein Ereignis festlegen. Was mich aber immer wieder beeindruckt hat, ist diese enorme Selbstbehauptung, die die Jugendlichen haben. Es gab immer wieder Situationen, in denen Erwachsene zu den Besprechungen kamen und ihre Hilfe angeboten haben. Aber die Jugendlichen haben das für ihre Bewegung  konsequent abgelehnt. Sie wollten eine Jugendbewegung bleiben und haben klar gesagt, wir wollen das selbst organisieren, wir wollen das erleben und wir wollen unsere Fehler machen.  Dieses Selbstvertrauen in diesem Alter, hat mich sehr beeindruckt.

Der Film zeigt auch, wie kräftezehrend die Protestarbeit ist. Hatten Sie in den Gesprächen mit den Jugendlichen manchmal das Gefühl, dass die Last zu groß ist?

Ja, auf jeden Fall. Die Last ist enorm. Das können sich Außenstehende gar nicht vorstellen. Einige hatten auch Burn-out- Erscheinungen. Mir ist ein Zitat hängen geblieben: „Es ist doch verrückt, dass wir Schüler versuchen die ganze Welt zu retten.“ Ich glaube, das zeigt diese Last ganz gut.

Als Sie mit Ihrem Filmprojekt begannen, stand die Bewegung noch ganz am Anfang. Was hat Sie zu dem Thema gebracht?

Ich hatte damals natürlich von Greta gehört, aber das war weit weg. Dann erfuhr ich, dass in Berlin, 300 Meter entfernt von meinem Zuhause, freitags junge Menschen auf die Straße gehen. Das ist in Deutschland erstmal unglaublich. In einem Land, in dem alles ordentlich und nach festen Regeln verläuft, kommen Jugendliche auf einmal auf die Idee, nicht in die Schule zu gehen, die erlauben sich das. Das alleine war für mich schon neu und beeindruckend. Mich hat es interessiert, wer das ist und was sie antreibt. Ich habe gespürt: Egal wie sich diese Bewegung entwickelt, diese Ernsthaftigkeit möchte ich bewahren. Ich möchte sehen, was die Jugendlichen bewegen können und wie sie das vielleicht auch selbst verändert.

Wie haben Sie sich auf den Film vorbereitet?

Ich habe den Jugendlichen erzählt, was ich machen möchte. Nachdem wir die ersten Drehs hatten, habe ich mich mit ihnen getroffen und ihnen erste Ausschnitte gezeigt. Im Austausch mit den Jugendlichen habe ich versucht herauszufinden, was ihnen für den Film wichtig ist. Ich glaube, das hat sehr viel geöffnet.

Durch den Altersunterschied zu den Jugendlichen haben sie eine Außenbeobachtung dieser Generation gemacht. Wie haben Sie sich dabei positioniert?

Es war und ist bei einer Außenbeobachtung geblieben. Das war mir wichtig und darauf habe ich auch immer ganz bewusst geachtet. Aber natürlich war es wichtig,  mich auch etwas zu öffnen, denn nur auf diese Weise kann Vertrauen entstehen kann.  Dennoch habe darauf geachtet nicht Teil der Bewegung zu werden, um meine journalistische Neutralität zu bewahren.

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Kathrin Pitterling im Interview mit der Aktivistin Clara.

Foto: Jürgen Todt

Der Film soll das Gesamtbild der Generation abbilden. Gedreht wurde aber nur in Berlin. Hätte man die Bewegung nicht besser abbilden können, indem man auch FFF Gruppen aus anderen Städten begleitet hätte? Beispielsweise aus ländlichen Regionen, die nicht die gleichen Möglichkeiten haben?

Das war meinem Wohnort Berlin geschuldet. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt in München, Hamburg Köln oder in Oranienburg  gelebt, hätte ich den Film über die Menschen dort gemacht. Aber ich habe ich mich entschieden, lieber mit wenigen Jugendlichen und dafür intensiver mit ihnen zusammen zu arbeiten. Es ist besser, nah an den Menschen dran zu bleiben.

„Es war für mich verblüffend, mit welcher Energie sie trotz der vielen Enttäuschungen weiter gemacht haben“

Nachdem die Bewegung regelmäßig ein Jahr gestreikt hat, wurde es Ende letzten Jahres sehr still um FFF und auch die Medien berichteten, dass der „große Hype“ vorbei ist. Wie haben Sie die Jugendlichen in dieser Zeit wahrgenommen?

Ich habe die Jugendlichen zu dieser Zeit sehr intensiv begleitet. Vor allem die Vorbereitungen der großen Demo am 29. November 2019. Damit man sieht, was da an Vorbereitung drinsteckt. Es war für mich verblüffend, mit welcher Energie sie trotz der vielen Enttäuschungen weiter gemacht haben. Es gab eine Besprechung, die auch im Film zu sehen ist. Da wird die Enttäuschung und Verzweiflung der Jugendlichen deutlich. Sie haben sich immer wieder gefragt: Wenn wir so viele Menschen auf die Straßen bringen und das nichts ändert, was dann? Wie können wir weitermachen?

Hatten Sie mal das Gefühl, die Jugendlichen wollen aufhören?

Nein, den Eindruck hatte ich komischerweise nie. Natürlich haben einige die Bewegung verlassen und man wusste nicht so recht, wie es weitergehen soll. Aber die Energie war da und es kamen auch immer wieder neue Menschen hinzu.  Wobei, natürlich wollen sie aufhören, aber sie können nicht, weil ihre Ziele nicht erreicht werden.

Ende 2019 hielt Luisa Neubauer eine Rede beim großen Klimastreik, in der sie die großen Pläne von FFF für 2020 ankündigte: „Mit der Einstellung, mit der Leute in dieser Stadt die Berliner Mauer zu Fall gebracht haben, mit dieser Einstellung starten wir ins neue Jahr.“ Wenige Monate später, änderte die Corona-Pandemie alles, die Proteste konnten nicht mehr wie gewohnt stattfinden. Wie war die Stimmung in der Bewegung zu dieser Zeit?

Die Jugendlichen wollten der Öffentlichkeit beweisen, dass sie noch da sind. Dann hat die Corona-Pandemie ihnen die Möglichkeit für diesen Beweis genommen.  Aber sie haben sich nicht unterkriegen lassen und sich schnell Gedanken darüber gemacht haben, wie die Bewegung trotz Corona weitergehen kann. Clara, eine der Protagonistinnen, hat zu diesem Zeitpunkt auf einer Intensivstation gearbeitet. Sie hat die Vorbereitung auf die Pandemie und die Engpässe in den Krankenhäusern gesehen und miterlebt. Ungeplant wurde auch das Teil des Films. Das zeigt ganz gut, dass die Jugendlichen auch ein Leben außerhalb der Bewegung haben, das vergessen viele.  

Wie schätzen Sie das Potential von FFF in einer Zeit wie dieser ein, in der es für viele ganz andere Probleme, wie Existenz-Ängste oder gesundheitliche Problem gibt und die Folgen des Klimawandels uns  noch nicht unmittelbar betreffen?

Natürlich haben wir alle aktuell mit vielen Problemen zu kämpfen, die uns unmittelbar betreffen. Da geraten die Folgen des Klimawandels in den Hintergrund. Ich hoffe, dass der Film es schafft, daran zu erinnern und Aufmerksamkeit für dieses Thema schafft. Auch den Jugendlichen ist bewusst, dass sowohl für die Gesellschaft-, als auch für die Politik momentan andere Probleme im Fokus stehen.  Sie haben den Hashtag #fighteverycrisis für sich gefunden. Der zeigt auch, dass sie die Situation als Ganzes im Blick haben und nach neuen Lösungen für ihr Ziel suchen.

Wird Fridays for Future die Corona-Krise überleben?

Ich bin mir sicher, dass man sich darüber keine Gedanken machen muss. So wie ich die Jugendlichen erlebt habe, weiß ich, dass sie neue Möglichkeiten finden werden. Weil sie das Ganze mit so einer Ernsthaftigkeit betreiben.

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