„Wenn wir uns als Krone der Schöpfung sehen, werden wir den Kürzeren ziehen“

Lernen von den Alten: Reinhold Messner erzählt, warum es gut ist, sich immer wieder neu zu erfinden, und wie wir der Klimakrise begegnen sollten.
Interview von Leonie Sanke
lernen von den alten

Extrembergsteiger, Politiker, Museumsmacher: Das sind nur drei der Leben von Reinhold Messner.

Foto: Alessandra Schellnegger

Die meisten kennen Reinhold Messner als Extrembergsteiger, als den ersten Menschen, der alle 14 Achttausender bestiegen hat. Der heute 76-jährige Südtiroler hat aber auch schon die Wüste Gobi durchquert, grüne Politik im Europäischen Parlament gemacht, Filme gedreht und Museen gestaltet. Inzwischen hält er vor allem Vorträge über seine Expeditionen und seine Philosophie des Bergsteigens. Ein Erlebnis prägt ihn und seine Arbeit bis heute: der Tod seines Bruders Günther Messner bei einer gemeinsamen Besteigung des Nanga Parbat und die Spekulationen über die Ursache des Unglücks. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, worauf es beim Bergsteigen und auch sonst im Leben ankommt, was er „Fridays for Future“ rät und was junge Menschen in den sozialen Medien aus seiner Sicht verlernt haben.

jetzt: Sie sind mit acht Geschwistern und einem sehr strengen, auch gewalttätigen Vater in einem konservativen Dorf in Südtirol aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?

Reinhold Messner: Das hat mich mächtig geprägt. Wir waren als Kinder in eine bestimmte Haus- und Arbeitsordnung eingebunden – Kinderarbeit, etwa in der Landwirtschaft, war eine Selbstverständlichkeit. Ich bin deshalb schon früh immer wieder aus diesem engen Tal geflohen, nach oben in die Berge. Das Bergsteigen bedeutete für mich auch, gegen Widerstände anzugehen.

Was bedeutet Ihnen das Klettern und Bergsteigen bis heute?

Heute reicht mir auch ein Waldhügel, es muss nicht mehr die Felswand sein. Das Bergsteigen ist ja nicht nur Sport, bei dem man Rekorde anstrebt – es ist eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg. Es geht darum, sich ganz darauf einzulassen. Nur dann kann man tiefgründige menschliche Erfahrungen machen. Das gilt für alles, was ich tue: wenn, dann ganz.

„Wir waren jung, wir waren ehrgeizig, wir hatten die höchste Wand der Welt unter unseren Füßen“

Sie sagten kürzlich, viele Ihrer Expeditionen seien rückblickend egoistisch und Familie und Freunden gegenüber kaum zu rechtfertigen gewesen. Bereuen Sie heute, dass Sie es trotzdem gemacht haben?

Bereuen ist der falsche Ausdruck. Es kann einem niemand verbieten, so etwas zu versuchen. Die Kunst ist es, alle Risiken auszuschalten – aber die Natur ist uns so weit überlegen, dass wir uns nur mit Versuch und Irrtum an die Grenze des Machbaren herantasten können. Ich habe ein paar Sachen gemacht, die damals über die Grenze des Möglichen gingen. Dabei sind Unfälle passiert, mein Bruder Günther ist etwa am Nanga Parbat ums Leben gekommen. Wir waren jung, wir waren ehrgeizig, wir hatten die höchste Wand der Welt unter unseren Füßen und wir haben geglaubt, es geht gerade noch. Doch dann mussten wir runter, um Günther aus Gefahren zu retten, die zuletzt nicht überlebbar waren. Mein Bruder und ich haben am Nanga Parbat Fehler gemacht, weil wir nicht rechtzeitig abgebrochen haben. Ich habe mit viel Glück überlebt. Da ist keine Frage der Schuld, da gibt es kein Richtig oder Falsch, es geht um Tatsachen. Aber auch dazu bleibt eine interessante Erfahrung: zu sehen, was Aussenstehende alles dazu erfinden, wenn sie sich so etwas nicht vorstellen können.

Nachdem Sie 1970 die Besteigung des Nanga Parbat überlebt hatten, Ihr Bruder Günther aber nicht, zweifelten einige Bergsteiger an Ihren Schilderungen und warfen Ihnen vor, Ihren Bruder aus Ehrgeiz im Stich gelassen zu haben.

Ich hatte diese Verleumdungen zu ertragen und ertrage sie nach wie vor. Ich habe damit sehr früh erfahren, was Verschwörungstheorien anrichten können. Und ich habe gelernt, wie wichtig es ist, dass man Verschwörungstheorien widerspricht. In jeder Hinsicht.

Was ist am Ende wichtiger: Familie oder der eigenen Leidenschaft zu folgen?

Das kann man nicht gegeneinander aufrechnen, das ist ja das Problem. Ich sage heute: Das, was wir extremen Abenteurer tun, ist nicht vertretbar. Und trotzdem tun wir es. Man kann es nicht verbieten – ich will es auch nicht verbieten. Aber ich würde nie jemanden beflügeln oder dazu auffordern, das zu tun, was ich getan habe. Ich warne sogar davor. Aber wenn jemand anderes das tut, gefällt mir das. Ich beobachte die Szene und kann gut herauslesen, welche dieser Abenteuer wirkliche Abenteuer sind.

Gibt es heute noch wirkliche Abenteuer?

90 Prozent der Abenteuer, die Sie sehen, sind nur gefakte Geschichten. Die Leute fliegen irgendwohin, machen ein paar Bilder, posten sie und fliegen wieder nach Hause. Und die meisten fallen auf solche Fakes rein, weil die allerwenigsten eine Ahnung haben vom wirklichen Abenteuer.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Influencer*innen verboten gehören. Sie selbst haben Ihre Erlebnisse in Büchern, Filmen und Vorträgen in die Öffentlichkeit getragen. Was unterscheidet Sie von einem Influencer?

Jeder Mensch, der etwas Grundsätzliches erlebt, hat den Wunsch, es zu erzählen. Geschichten begleiten die Menschheit von Anfang an. Aber die Fähigkeit, das Ganze auch wirklich zu erzählen, mit Sprachbildern weiterzugeben, schrumpft. Weil über das Netz nur noch im Chat-Slang kommuniziert wird. Das Narrativ zum Thema Berg ist für mich eine Lebensäußerung, ein kreativer Prozess.

Die Profile von Outdoor-Influencer*innen zeigen oft die immer gleichen Motive. Was würden Sie Leuten sagen, die zu solchen Hotspots gehen, nur um Fotos zu posten? 

Ich würde sie nur fragen, ob sie es nicht langweilig finden, die Welt über das Handy wahrzunehmen. Es geht ja auch darum, dass ich mich mit einer Besteigung oder einer Aktion unverwechselbar ausdrücke.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten Ihr Leben nicht darauf ausgelegt, dass Sie älter als 40 werden. Wie denken Sie heute über diese Einstellung? Haben Sie das Alter inzwischen schätzen gelernt?

Ich habe tatsächlich so intensiv gelebt und um mich rum sind so viele Kameraden verstorben, dass ich nicht davon ausgehen konnte, dass immer alles gut geht. Jetzt schaue ich gelassen auf das Alter. Die Pandemie zwingt mich, dieses Alter vorauszuleben – alle meine Vorträge sind abgesagt oder aufgeschoben. Ich bin trotzdem beschäftigt und komme gut damit zurecht, einfach mal ein paar Tage zu wandern, für mich auf meiner Hütte zu sein und dann wieder zu schauen, was im Büro so los ist.

„Die Leute wählen lieber die, die den Untergang kleinreden“

Ist das die richtige Einstellung, als junger Mensch im Moment zu leben und gar nicht groß über die Zukunft nachzudenken? Oder braucht es doch ein klares Ziel im Leben?

Mit 25 war ich wegen meiner Erfrierungen gezwungen, von meiner großen Leidenschaft Felsklettern umzusteigen auf das Höhenbergsteigen. Weil meine Zehen zum Teil amputiert werden mussten. Das war auch Glück, denn daraus habe ich gelernt, dass im Umstieg von einem Tun auf ein anderes ein großes Potenzial liegt. Immer wenn ich gemerkt habe, das „Spiel“ beherrsche ich, es bringt mir keine Aufregung mehr, bin ich wieder auf null zurückgegangen. Damit bin ich inzwischen zu sieben Leben gekommen – vom Kletterer etwa über den Forscher und Politiker bis zum Museums- und Filmemacher. Ein achtes Leben wird nach Corona folgen. Das ist mein Erfolgsmodell.

Ihre Heimat Südtirol hat die Corona-Pandemie schwer getroffen. Was können und sollten wir aus dieser Krise lernen?

Dass dieses Virus Teil der Natur ist und die Natur aus dem Gleichgewicht ist, sonst hätte das so nicht passieren können. Und: Wir haben die Natur nicht im Griff. Noch nie hatte die Menschheit so viele Mittel zur Verfügung, um einem Virus auf den Grund zu gehen, und trotzdem wissen wir noch relativ wenig. Das sollte uns Demut vor der Natur lehren. Ich bin ja anarchisch veranlagt, aber in diesem Fall bin ich bereit, alle Regeln, die die Virologen vorschlagen und die Politiker umsetzen, zu befolgen, weil ich weiß: Das können wir nur alle gemeinsam lösen.

Sie waren von 1999 bis 2004 als Teil der Grünen Fraktion Abgeordneter im EU-Parlament. Kommt die Gesellschaft auch beim Thema Klimaschutz nur zur Vernunft, wenn die Politik klare Regeln vorgibt?

Das Problem ist: Wenn Sie heute als Politiker mit dem Thema Einschränkung oder Verzicht auftreten, kommen Sie in kein Parlament. Wir müssen verstehen, dass wir den Konsum zu weit getrieben haben. Aber die Leute wählen lieber die, die den Untergang kleinreden. Die Populisten wissen genau, was sie in ihren Reden auslassen und was sie betonen müssen. Für mich dagegen bedeutet Verzicht Wohlbefinden, ja Glück, ein Gefühl von Freiheit. Nur wenn der Verzicht zum positiven Wert wird, ist die Welt mit Upcycling vielleicht zu retten. 

Viele junge Menschen sind bereit, für das Klima und ihre Zukunft auf Konsum zu verzichten. Was raten Sie Klimaaktivist*innen, die dafür kämpfen, dass ihre Forderungen auch politisch umgesetzt werden?

Diejenigen, die heute für „Fridays for Future“ demonstrieren, könnten in fünf bis zehn Jahren alle in den Parlamenten sein, wenn sie das wollen und mit ihrer Haltung Mehrheiten erobern. Wenn sie Parlamentarier, Ministerin oder Kanzlerin sind, haben sie die Möglichkeit, wirklich etwas zu verändern. Ich respektiere diejenigen, die auf die Straße gehen – aber nur, wenn sie an der Machtquelle sitzen, können sie wirklich etwas umsetzen.

„Dass ein junger Mensch radikal denkt, sei ihm verziehen, das habe ich auch getan“

„Fridays for Future“-Aktivist*innen würden entgegnen, dass es in fünf bis zehn Jahren zu spät ist.

Es geht aber nur, wenn man die Verantwortung wirklich in die Hand nimmt. Es braucht die Revolution von unten, die „Fridays for Future“ fordert, aber nur der Vorschlag reicht nicht. Dass ein junger Mensch radikal denkt, sei ihm verziehen, das habe ich auch getan. Aber dann kommt man darauf, dass das Ganze nicht so einfach ist und dass Demokratie vor allem von Überzeugungsarbeit und Kompromissbereitschaft lebt.

Sie planen eine Vortrags-Tournee, sobald es die Pandemie zulässt. Welche Botschaft soll von Ihnen in Erinnerung bleiben?

Der Respekt vor der Natur im Verhältnis zu unserer Winzigkeit. Und dass der traditionelle Alpinismus uns Erfahrungen menschlicher, nicht sportlicher Natur schenkt. Es geht nicht darum zu zeigen, dass man besser ist als ein anderer. Viel wichtiger ist: Was passiert mit mir, wenn ich mich der Kälte, der Höhe, der Einsamkeit ausliefere? Wer sind wir Menschen eigentlich? Warum sollen wir diese Erfahrung verschenken, weil alle Kletterer Olympia-tauglich sein und 1000 Touristen zugleich auf den Everest wollen, nur weil er der höchste Berg der Welt ist? Und wenn sie es nicht können, lassen sie den Berg so präparieren, dass er zum Kinderspielplatz wird.

Welche Antwort haben sie auf die Frage gefunden, wer wir eigentlich sind?

Wir sind eine Spezies auf der Erde, die zu Intelligenz und einem Bewusstsein gekommen ist, auf welchen Umwegen auch immer. Aber das soll uns nicht überheblich machen. Im Gegenteil: Es ist für uns Menschen auf Dauer nur möglich zu überleben, wenn ein Gleichgewicht herrscht. Wenn wir uns als Krone der Schöpfung sehen, werden wir den Kürzeren ziehen.

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