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Drei Stunden war die Oberbaumbrücke in Berlin von „Extinction Rebellion“ besetzt.

Foto: Sophie Aschenbrenner

Am frühen Abend, nach fast drei Stunden Sitzblockade, tragen Polizisten die letzten Aktivistinnen und Aktivisten von der Berliner Oberbaumbrücke. Zuvor hatte es viele Gespräche gegeben, Bitten, Aufforderungen. Doch die Demonstrierenden wollten sitzen bleiben für ihr Ziel: den Klimaschutz. Immer wieder johlten und skandierten sie in den vergangenen Stunden „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Die Aktion wirkte wie die radikalisierte Version einer „Fridays for Future“-Demo.

Die Demonstrierenden, das waren an diesem Montag in Berlin rund 200 Menschen. Sie gehören zum deutschen Ableger der internationalen Aktivisten-Gruppe „Extinction Rebellion“. Diese hatte in London schon Ende November bei Protesten mehrere Brücken blockiert. Die Klimaaktivsten haben drei Hauptforderungen: Die Regierung soll erstens zusammen mit den Medien „die Wahrheit“ über die akute Bedrohung durch die Klimakrise und die Zerstörung unserer Ökosysteme kommunizieren. Sie sollten endlich wahrhaben, dass es so nicht weitergehen könne. Zweitens soll Deutschland bis 2025 keine Treibhausgase mehr emittieren. Und drittens soll es eine Bürgerversammlung geben, die diesen Wandel kontrolliert.

Um diese Ziele zu erreichen, wollen sie nicht einfach „nur“ demonstieren. Sondern den Alltag der Menschen beeinflussen und beeinträchtigen – durch die Sitzblockade stehen Busse und Autos plötzlich im Stau oder werden zum Umdrehen gezwungen. Das große Getriebe soll stocken und die Menschen sollen nachdenken.

„Schau, die sitzen wirklich auf der ganzen Brücke. Find ich gut“

„Wir verneigen uns vor den Aktivisten und Aktivistinnen, die mit ,Fridays For Future’ auf die Straße gehen. Aber diese Proteste können vom Großteil der Menschen ignoriert werden. Wir wollen eine unignorierbare Störung hervorrufen. Wir wollen, dass die Menschen darüber sprechen“, sagte Sprecherin Hanna Elster im Vorfeld. Und das funktioniert. Läuft man gegen 17 Uhr ein paar Schritte von der Oberbaumbrücke Richtung U-Bahnhof Schlesisches Tor, ist der Verkehr dort komplett zum Erliegen gekommen. Und alle paar Meter sagen vorbeigehende Menschen: „Ach, da ist doch heute dieser Protest! Cool!“, oder „Schau, die sitzen wirklich auf der ganzen Brücke. Find ich gut.“

Die Blockade in Berlin, die Teil einer von den Klimaaktivisten und Kilmaaktivistinnen ausgerufenen Protestwoche ist, war nicht angemeldet, zwei Kundgebungen in den Stunden zuvor aber schon. Rund 100 Demonstrierende stellten vor dem Reichstag ihre Forderungen vor. Zwei Stunden später versammelten sich etwa 200 Menschen auf der Jannowitzbrücke zu einer Demo.

„Wir sind die einzigen Klimaaktivisten, die die Wahrheit sagen“, sagt Aktivist Tadzio Müller auf einer der Bühnen. Er findet deutliche Worte: „Wir brauchen eine soziale Bewegung, weil sonst die Normalität beschissen wird“, ruft er, und: „Der normale Klimaschutz ist Bullshit“. Brandender Applaus.

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Aktivistinnen und Aktivisten auf der Jannowitzbrücke.

Foto: Sophie Aschenbrenner
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Foto: Sophie Aschenbrenner
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Sitzblockade auf der Oberbaumbrücke.

Foto: Sophie Aschenbrenner
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Schild bei der Demo auf der Jannowitzbrücke.

Foto: Sophie Aschenbrenner
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Sitzblockade auf der Oberbaumbrücke.

Foto: Sophie Aschenbrenner
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Kein Durchkommen für den Verkehr auf der Oberbaumbrücke.

Foto: Sophie Aschenbrenner
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Kein Durchkommen auf der Oberbaumbrücke.

Foto: Sophie Aschenbrenner

„Sagt die Wahrheit und handelt so, als sei die Wahrheit real“, steht auf einem Schild, auf einem T-Shirt ist nur ein Satz aufgedruckt: „It’s time to rebel.“ Große Seifenblasen wabern durch die Luft, bunte Stoffgirlanden lassen sich vom Wind durchwirbeln. Manche haben ihre Kinder mitgebracht. Nach dem letzten Redebeitrag läuft Techno, Menschen beginnen, zu tanzen. Es sind junge, umweltbewusste Leute, die sich da versammeln: Viele haben ihren Fahrradhelm an den Rucksack gekettet. „Wir brauchen Mut, um das System zu verändern“, sagt eine Teilnehmerin, deswegen sei sie heute hier.

„Ich will, dass meine Handlungen direkte Auswirkungen haben“

Dass das hier aber keine Spaßdemo fürs Klima an einem sonnigen Montagnachmittag ist, dass es hier nicht um bunte Fahnen, Musik und ein bisschen Tanzen geht, zeigen auch die inhaltlichen Beiträge wie zum Beispiel das Trauerritual, das eine Gruppe inszeniert. In schwarzen Kutten stehen ein paar Menschen in einem Kreis und tragen mit ernster Stimme vor: „Wir verlieren unser sauberes Wasser. Unseren Regenwald. Unsere Menschlichkeit. Unsere Biodiversität. Unsere saubere Luft. Den Respekt vor unserer Mutter Erde. Und eben auch: Unsere Zukunft.“

Das finden auch Louic und Louise. Die beiden kommen aus Frankreich und studieren Umweltwissenschaften in Berlin. Als Franzosen sind sie Spezialisten fürs Streiken, sagt Louic mit einem Augenzwinkern. Und betont weiter: „Ich will nicht nur auf einer Demonstration darum bitten, dass sich etwas ändert. Ich will etwas tun. Ich will, dass meine Handlungen direkte Auswirkungen haben. Deswegen bin ich heute hier.“ Louise nickt zustimmend.

Gut möglich, dass die Aktionen in Berlin nur einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben haben, was diesen Sommer noch an deutschlandweiten Protesten kommen wird.