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Greta Thunberg ist eine bewundernswerte junge Frau. Sie hätte den Preis verdient – trotzdem wäre es besser, wenn sie ihn nicht bekommt.

Foto: Axel Heimken/AFP

Drei norwegische Parlamentarier haben die 16-jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg für den Friedensnobelpreis nominiert. Freddy Andre Oevstegaard von der Sozialistischen Linkspartei sagt, dass Greta mit „Fridays for Future“ eine Bewegung in Gang gesetzt habe, die einen wichtigen Beitrag zum Frieden leiste. Denn die Auswirkungen des Klimawandels seien im großen Maße mitverantwortlich für Kriege und Konflikte.

Er hat mit allem davon recht. Klimaschutz ist das wichtigste Thema der Gegenwart, weil der Klimawandel Milliarden Menschen und ihre Lebensgrundlage gefährdet. Greta Thunberg ist das bewusst und deshalb hat sie im Sommer 2018 ganz alleine angefangen, vor dem schwedischen Parlament für eine bessere Klimapolitik zu streiken. Daraus ist die weltweite Protestbewegung „Fridays for Future“ entstanden. Gretas Konsequenz und ihr Mut haben unzählige junge Menschen motiviert, ihr zu folgen. Sie ist eine starke und bewundernswerte junge Frau, die diese Nominierung verdient hat. Am Donnerstagmorgen schrieb sie auf Twitter, sie fühle sich geehrt und sei dankbar. Und ja, sie hätte auch den Preis verdient. Trotzdem wünsche ich ihr, dass sie ihn nicht bekommt. Denn ich fürchte, er würde ihrer Sache nicht nützen.

Der Preis würde die Erwartungen in die Höhe schnellen lassen – und die Kritik gleich mit

„Fridays for Future“ ist eine sehr junge Bewegung. Sie wirkt riesig und monolithisch, aber sie ist noch immer im Entstehen und das macht sie fragil. Ein Friedensnobelpreis zu diesem Zeitpunkt würde Greta und den anderen Jugendlichen auf ihrem Weg ein extrem schweres Gepäck aufladen. Als 2009 der damalige US-Präsident Barack Obama ausgezeichnet wurde, war er gerade mal neun Monaten im Amt. Viele, sogar er selbst, fanden das zu früh. Rückblickend wurde sein Handeln oft danach bewertet, ob er dem Preis nachträglich auch wirklich gerecht wurde (Fazit: Wurde er nicht). Nun war Obama zu diesem Zeitpunkt der mächtigste Mann der Welt und Greta Thunberg ist eine Schülerin, die eine Graswurzelbewegung gestartet hat. Der Vergleich hat also Schwächen. Was sie und Obama aber einen würde, bekäme sie den Preis, wären die Vorschusslorbeeren, die die Erwartungen in die Höhe schnellen lassen – und die Kritik gleich mit.

Schon jetzt, seit Greta und „Fridays for Future“ medial gehyped werden, haben die Jugendlichen, trotz aller Zustimmung, mit einem riesigen Backlash zu kämpfen. Mit Kritikern, aber auch mit Hass und Hetze. Vielleicht war ein Gedanke der Parlamentarier, die Greta nominiert haben, dass der Preis auch den Zweiflern und Hetzern zeigen würden, dass ihr Engagement ernst zu nehmen ist. Ich fürchte aber, dass genau das Gegenteil passieren könnte: Viele „linksgrünversifft“- und „Ihr seid doch alle gebrainwashed und debil“-Krakeeler würden danach nur noch lauter werden. Und andere würden noch genauer hinschauen, was Greta so macht. Sie auf Herz und Nieren prüfen und für jede Kleinigkeit kritisieren. Das passiert jetzt schon – Greta isst Bananen? Klimasünderin! Greta benutzt ein Smartphone? Ausbeuterin! Greta hat Asperger? Unzurechnungsfähig! Greta ist 16? Zu jung, um Ahnung zu haben! – und würde nur noch schlimmer werden. Das ist ihr nicht zu wünschen. Vor allem, weil es am Ende von ihrem eigentlichen Anliegen wegführen würde, wenn sich alle auf sie als Person konzentrieren – was sie vermutlich selbst überhaupt nicht gut fände.

Gretas Bewegung braucht derzeit keine Multiplikatoren. Sie braucht Konsequenzen

Nun kann man natürlich sagen, dass das Geschrei von Rechten, Klimawandelleugnern und anderen Frotzlern kein Grund ist, einer tollen jungen Frau den wichtigsten Friedenspreis der Welt vorzuenthalten. Vor allem dann nicht, wenn der Nutzen des Preises den Schaden überwiegt. Aber wäre das wirklich so? Klar, die neun Millionen schwedische Kronen (etwa 853.000 Euro), mit denen der Preis einhergeht, wären für den Klimaschutz nicht schlecht. Eine weitere Frau auf der bisher überwiegend männlichen Liste der Friedensnobelpreisträger wäre super. Und vielleicht würde die Auszeichnung einer Klimaaktivistin auch manche Politiker dazu bewegen, endlich eine konsequente Klimapolitik zu implementieren. Aber der wohl größte Nutzen, den Aktivisten aus dem Friedensnobelpreis ziehen können, ist Aufmerksamkeit für ihr Engagement. Und die braucht Greta Thunberg derzeit gar nicht.

Greta hat es aus eigener Kraft geschafft, dass ihre Anliegen gehört werden. Dass ihre Bewegung groß wurde und weiter wächst. Unermüdlich macht sie Öffentlichkeitsarbeit, ist auf Twitter und Facebook aktiv, tritt auf Konferenzen auf, ist weltweit vernetzt. Jeder kennt sie und jeder kennt „Fridays for Future“. Und das ist vielleicht der Punkt, an dem man sagen könnte, dass andere den Preis aktuell mehr verdient hätten – weil er ihnen mehr nützen würde. Vergangenes Jahr etwa wurde er an Nadia Murad und Denis Mukwege verliehen, die sich gegen sexuelle Gewalt als Waffe in Kriegen und Konflikten einsetzen. Beide sind nicht unbekannt, aber ihre Arbeit stand in den Monaten vor der Auszeichnung nicht im Mittelpunkt aller öffentlichen Debatten. Gretas Arbeit schon. Gerade braucht ihre Bewegung keine Multiplikatoren. Sie braucht Konsequenzen – und die kommen nicht vom Nobelpreiskomitee, sondern aus der Politik.