Warum dürfen Frauen keine Eizellen spenden?

So klein, und doch so wichtig.
Foto: Christoph Burgstedt / Adobe Stock

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Mit sieben Jahren bekam Claudia die Diagnose, dass ihre Eierstöcke nicht funktionsfähig sind. Mutter geworden ist sie trotzdem – dank Eizellspende. Doch der Weg dahin war mühsam. Denn Eizellspenden sind in Deutschland verboten. Das Embryonenschutzgesetz, das dieses Verbot regelt, stammt aus den 1990er-Jahren. Eine Änderung hat die Bundesregierung erst vergangenes Jahr abgelehnt. Die Begründung damals wie heute: Es sei „im Interesse des Kindeswohls, die Eindeutigkeit der Mutterschaft“ zu gewährleisten. Eine gespaltene Mutterschaft könne die Identitätsfindung des Kindes gefährden. Die Folge ist, dass Frauen, die eine Eizellspende empfangen möchten, für eine anonyme Spende ins Ausland reisen müssen. Schätzungen zufolge tun das jährlich 1000 bis 3000 Frauen.

Vor etwa drei Jahren fasste Claudia den Entschluss einer Eizellspende und fuhr in eine Kinderwunschklinik nach Tschechien. Doch bis es so weit kam, musste sich die 35-Jährige durch zahlreiche Internetforen und Facebook-Gruppen klicken. „Ich habe alle möglichen Suchbegriffe bei Google eingegeben“, sagt sie. Es sei schwer gewesen, verlässliche Informationen zu finden. Am Ende habe sie sich auf die Erfahrungsberichte von anderen Betroffenen verlassen müssen. Unterstützung von Ärzt*innen können Frauen, die eine Eizellspende bekommen wollen, in der Regel nicht erwarten, denn die Ärzt*innen würden sich schon mit einer Beratung strafbar machen.

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Claudia hat ihr Mutterglück in Tschechien gefunden.

Foto: privat

„Das sind alte Zöpfe, die man mal abschneiden sollte“

„Das Argument, mit dem die Eizellspende ursprünglich verboten wurde, ist paternalistisch und heute nicht mehr tragfähig“, sagt Friederike Wapler, Professorin für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht an der Universität Mainz. Warum sollen zwei Mütter schlimmer für das Kind sein als zwei Väter? Dahinter stehe ein Mutterideal, nach dem eine Mutter ihr Kind möglichst „natürlich“ erzeugen und gebären muss. „Das sind alte Zöpfe, die man mal abschneiden sollte“, sagt Wapler, die vor allem zu Kinder- und Familienrecht und zu Fragen der reproduktiven Autonomie und Rechte von Frauen arbeitet. Es brauche gute medizinische Gründe, um einen Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper zu rechtfertigen.

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Friederike Wapler, Professorin für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht an der Universität Mainz

Foto: Dirk Meußling

Dieser Meinung war auch Anna*, als sie auf der Suche nach den guten Gründen in etlichen Ministerien anrief. „Ich wollte verstehen, warum ich keine Eizellspende empfangen darf“, sagt die 30-jährige Medizinstudentin. Überzeugende Antworten bekam sie keine. Ein Kind schließlich trotzdem. Von ihrer Frauenärztin bekam sie den Tipp, dass ein Kinderwunschzentrum in Spanien eine passende Spenderin für sie habe. Es dauerte nicht lange, bis Anna daraufhin mit ihrem Mann nach Alicante flog. Auf ihrem Instagram-Account @derlangewegzumgluck hat sie alles dokumentiert, vom Foto der befruchteten Eizelle bis zur Geburt ihrer Tochter. So möchte sie andere Frauen auf ihrem Weg unterstützen und ermutigen. Über den Eingriff sagt sie: „Ein intimer Moment, der so gar nichts Intimes mehr hatte.“ Auf einer Leinwand konnte sie sehen, wie der Arzt die Eizelle in ihre Gebärmutter einsetzte. Ihr erster Gedanke: „Jetzt bin ich schwanger. Nur wie lange?“

Es ist selten, dass eine Eizellspende beim ersten Mal erfolgreich ist. Anna hatte Glück. In den meisten Fällen braucht es bis zu drei Anläufe, bis es klappt. „Während die Risiken für die Spenderin sehr gering sind, haben die Empfängerinnen häufiger Schwangerschaftskomplikationen“, sagt Vanadin Seifert-Klauss, Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde in München. Bei einer Eizellspende bekommt die Spenderin eine hormonelle Therapie, damit mehrere Eizellen gleichzeitig reifen. Diese werden ihr dann bei einem vaginalen Ultraschall mittels einer Punktion durch eine kleine Nadel am Ultraschallkopf entnommen. Nachdem sie mit dem Sperma des Mannes befruchtet wurden, werden sie der Empfängerin eingesetzt. Es kann vorkommen, dass der Körper schlecht auf das fremde Gewebe reagiert. Erhöhter Blutdruck, Frühgeburten und Fehlgeburten können die Folge sein. Daher sei es wichtig, dass die Frauen vor einer Eizellspende ausreichend aufgeklärt und mögliche Vorerkrankungen berücksichtigt werden. „Die Situation, in der eine innigst gewünschte und mit Eizellspende herbeigeführte Schwangerschaft abgebrochen werden muss, weil sie das Leben der Mutter gefährdet, gehört zu den traurigsten Notfällen unseres Fachgebietes“, sagt Seifert-Klauss.

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Anna flog mit ihrem Partner nach Spanien, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

Foto: privat

Wenn es zu Komplikationen kommt, fühlen sich die Frauen oft allein gelassen. Als Claudia nach dem ersten Versuch der Eizellspende krank wurde und eine Fehlgeburt erlitt, habe sie wenig ärztlichen Beistand bekommen, erzählt sie. Stattdessen musste sie alle Behandlungen und Befunde mit ihrer Ärztin in Deutschland und dem Arzt aus dem Kinderwunschzentrum in Tschechien abklären. „Ich saß am Telefon und musste zwischen den Kliniken vermitteln“, erzählt sie. Die Skepsis ihrer Frauenärztin gegenüber der ausländischen Klinik habe es nicht leichter gemacht.

In Deutschland gibt es ein Netzwerk, das bereits befruchtete Eizellen aus einer Eizellspende weitergibt. Diese sogenannten imprägnierten Eizellen stammen von Paaren, die sie nicht mehr brauchen, sie aber auch nicht wegwerfen wollen. Obwohl diese Vorgehensweise nicht kommerziell ist und auch deswegen lange erlaubt war, hat das  Bayerische Oberste Landesgericht Anfang November erstmals entschieden, dass auch diese Form der Spende rechtswidrig ist. Begründet wurde das Verbot damit, dass es sich bei den imprägnierten Eizellen nicht um Embryonen handelt, da die Eizelle in diesem Zustand noch nicht mit der Samenzelle verschmolzen ist. Die nichtkommerzielle Weitergabe von überzähligen Embryonen aus der künstlichen Befruchtung ist nämlich erlaubt.

„Die meisten Frauen entscheiden sich aus einem rationalen Grund für eine Spende: Geld“

Geld ist ein weiteres Argument gegen die Legalisierung, das oft genannt wird: Kritiker*innen fürchten eine Kommerzialisierung der Fortpflanzung. Zum einen, weil die Behandlungen sehr teuer sind und so nur für Menschen mit gewissen finanziellen Möglichkeiten in Frage kommen. Anna und Claudia haben beide jeweils zwischen 10 000 und 20 000 Euro für den Eingriff gezahlt. Zum anderen, weil die Spenderin für ihre Eizelle bezahlt wird. Einkommensschwache Frauen könnten in ein weiteres Ausbeutungsverhältnis rutschen, so die Kritik. „Die meisten Frauen entscheiden sich aus einem rationalen Grund für eine Spende: Geld“, sagt die Jura-Professorin Wapler, „aber die Eizellspende darf nicht zu einem kapitalistischen Warenaustausch werden.“ Um das zu verhindern, müssten die Frauen fair entlohnt und im Vorhinein ausreichend aufgeklärt werden, um eine freie und unabhängige Entscheidung treffen zu können. Männer bekommen für eine Samenspende beispielsweise bis zu 100 Euro.

„Die Gesundheit der Kinder und Frauen muss im Fokus stehen“

2017 hat auch der Ethikrat die Eizellspenden im Ausland und die Konsequenzen für den Umgang mit der Eizellspende in Deutschland diskutiert. Die Referentinnen thematisierten etwa die Risiken, die mit dem medizinischen Eingriff einhergehen können, und die Abhängigkeiten, die durch das Einkommensgefälle zwischen Spenderin und Empfängerpaar entstehen können. Sie kamen zu dem Schluss, dass „die Beratungsangebote zu Fragen der Eizellspende entkriminalisiert und ebenso wie die psychosoziale Betreuung der Kinderwunschpaare ausgebaut werden müssen“. Die Debatte um die Eizellspende ist auch im Bundestag angekommen, doch bislang steht nur die FDP als Fraktion geschlossen hinter der Legalisierung.

„Die Gesundheit der Kinder und Frauen muss im Fokus stehen“, betont Oberärztin Seifert-Klauss. Wäre die Eizellspende in Deutschland erlaubt, könnte man sie entsprechend deutscher medizinischer und ethischer Standards regulieren – auch was die Kenntnis der Abstammung betrifft. Denn in der Regel sind Eizellspenden im Ausland anonym. Gleichzeitig könnte das Recht auf Selbstbestimmung der Frau und die Freiheit der Fortpflanzung gesichert werden. Denn dass Frauen für eine Eizellspende ins Ausland gehen, lässt sich durch das Verbot nicht verhindern.

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Oberärztin Frau Seifert-Klauss betont, dass die Gesundheit der Kinder und der Frauen im Fokus stehen muss.

Foto: privat

„Natürlich wäre mir eine Behandlung bei Ärzten, denen ich vertraue, lieber gewesen“, sagt Anna. Doch der Kinderwunsch ist größer. Deshalb wird sie nächstes Jahr wieder nach Spanien fliegen, um sich die zweite Eizelle einsetzen zu lassen, die dort eingefroren auf sie wartet.

*Anna möchte nicht, dass hier ihr richtiger Name veröffentlicht wird. Er ist der Redaktion aber bekannt.

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