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Illustration: Katharina Bitzl

Alisa Tretau (32) und ihr Mann wünschen sich ein Kind. Sie wird schwanger, verliert das Kind. Nach der Fehlgeburt beginnt ihr Körper ihr weitere Schwangerschaften vorzuspielen, obwohl keine Befruchtung stattgefunden hat. Immer wieder, mit jedem Zyklus. Sie merkt ein Ziehen in Ihren Brüsten, ihr ist übel, sie hat Bauchschmerzen. Scheinschwangerschaft nennt man das. Aus medizinischer Sicht eine Neurose, die sowohl psychisch als auch hormonell bedingt sein kann. Wie viele Frauen diese Diagnose erhalten, dazu lassen sich kaum aktuelle, verlässliche Zahlen finden. Die New York Times schreibt 2006, dass in den USA auf 22.000 Schwangerschaften ein bis sechs Scheinschwangerschaften kommen. In Ländern, in denen Pränataldiagnostik weniger verbreitet ist, ist diese Zahl tendenziell höher.

Alisa, die als Theaterregisseurin und Performance-Künstlerin arbeitet, beginnt über ihre Erfahrungen zu schreiben. „Nicht nur Mütter waren schwanger“ heißt der Sammelband”, den Alisa mithilfe von Crowdfunding (läuft bis zum 12. Juni) im Oktober veröffentlichen will. Ein Kapitel daraus ist kürzlich in Teilen erschienen auf kleinerdrei erschienen. Das Buch ist eine vielstimmige Auseinandersetzung mit überhörten Perspektiven auf Schwangerschaft, die Mut machen soll, offen mit diesem intimen Thema umzugehen. Wir haben mit Alisa darüber gesprochen, wie man eine Scheinschwangerschaft erlebt und wie die Gesellschaft auf das Thema reagiert.

jetzt: Hast du bei jeder Scheinschwangerschaft wieder an die Möglichkeit einer Schwangerschaft geglaubt?

Alisa Tretau: Eine Zeit lang ja, inzwischen nicht mehr. Nach meiner ersten Fehlgeburt wollte ich so gerne wieder schwanger werden, dass ich begann meinen Körper am Ende jedes Zyklus auf eine mögliche Schwangerschaft hin abzuhorchen. Ich war ja auch bereits einmal schwanger und hatte oft das Gefühl „Das ist jetzt so wie damals”. Im letzten Jahr bin ich dann ein zweites Mal schwanger geworden und hatte im Februar erneut eine Fehlgeburt.

Seit der zweiten Fehlgeburt mache ich eine Schwangerschaftspause und versuche mich nicht mehr so sehr mit dem Thema zu befassen. Scheinschwanger zu sein kann man nur über einen gewissen Zeitraum mitmachen, sonst wird man verrückt. Doch der Wunsch ist so stark, dass es schwerfällt, das zu akzeptieren. Es ist so, als wolle der Körper die Fehlgeburt rückgängig machen.

Was genau passierte bei diesen Scheinschwangerschaften?

Ich hatte verfrühte Regelschmerzen, meine Brüste zogen und ich hatte mit Übelkeit zu kämpfen, was mir dann wiederum auf den Magen schlug. Zudem beschäftigte ich mich innerlich permanent mit dem Thema und verhielt mich so, als sei ich schwanger. Wenn ich in dieser Zeit etwa mit Freunden was trinken ging, tat ich das nur mit schlechtem Gewissen, denn es hätte ja geklappt haben können. Oder ich fragte mich beim Sport, ob ich dieses oder jenes wirklich tun sollte. Am Ende war ich jedes Mal aufs Neue enttäuscht, weil ich mir umsonst Gedanken gemacht hatte. Zugleich trauerte ich um die Fehlgeburt und weil es einfach nicht klappen wollte. Ich habe mich lange dafür geschämt, dass mir das jeden Zyklus passiert. Mittlerweile denke ich: Es war die Trauer, die mich ausgefüllt und meinen Körper beeinflusst hat. Die musste ich erstmal loslassen lernen.

Machst du noch Schwangerschaftstests?

Ich habe immer wieder mal Tests gemacht, aber das ist mir auf Dauer etwas zu teuer. In Foren zum Thema Kinderwunsch habe ich gelesen, dass manche Frauen selbst dann weiterhin glauben, dass sie schwanger sind, wenn sie bereits ihre Regelblutung haben. Das zeigt, wie sehr es sie beschäftigt und wie belastend es für diejenigen sein muss.

Wie haben dich die zwei Fehlgeburten und zahlreichen Scheinschwangerschaften in drei Jahren verändert?

Ich würde schon sagen, dass ich einen Teil meiner Leichtigkeit und Naivität verloren habe. Andererseits kann ich die Dinge, die mir im Leben leichtfallen, jetzt viel mehr wertschätzen als früher.

Aufgrund meiner Erfahrung habe ich mich viel mit Trauer und und dem Umgang mit Fehlgeburten beschäftigt. Wenn jetzt in meinem Umfeld traurige Sachen passieren, kann ich damit viel souveräner umgehen als früher. Ich habe gemerkt, dass Trauer in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird und es kaum Raum dafür gibt. Bei meiner zweiten Schwangerschaft war es so, dass sich mein Freundeskreis, der meine Geschichte gut kennt, sehr mit mir gefreut hat. Nach der Fehlgeburt haben dann viele der Leute, die mir gratuliert hatten, einfach gar nichts dazu gesagt. Das hat mich überrascht und mir gezeigt: Wir wissen alle nicht, was wir in solchen Momenten sagen sollen. 

Zwar war die Schwangerschaft früh wieder vorbei, trotzdem habe ich um einen Wunsch und einen Lebensentwurf getrauert. Vielleicht fühlt es sich gerade deshalb so schlimm an, weil es keinen konkreten Menschen gibt, um den man trauern kann und keine bestimmten Erlebnisse, an die man sich zurückerinnern kann. Wenn ich das mit mir selbst ausmache, dann schäme ich mich schnell für das, was mir passiert ist.

Welchen Umgang wünschst du dir im Bezug auf die Trauer?

Ich habe das Gefühl, dass traurigen Ereignissen und Verlusten in unserer Gesellschaft nicht mehr so viel Raum gegeben wird. Früher wurden etwa acht Wochen die Spiegel verhängt oder sich ein Jahr lang schwarz gekleidet. Somit war klar: Da trauert jemand und der funktioniert vielleicht grade nicht so gut, diese Person muss man unterstützen. Nach meinen Fehlgeburten hatte ich das Gefühl, die Menschen wissen nicht, wie sie mich unterstützen sollen. Sie haben mir zwar gesagt: „Melde dich, wenn Du was brauchst“, aber oft wusste ich in dem Moment gar nicht, was ich brauchen könnte. Ich hätte mir einfach gewünscht, eine Woche lang heulen zu dürfen.

Dein Partner kommt in deinem Buch bewusst nicht vor, trotzdem würde uns interessieren, wie man als Mann mit dem Thema gut umgehen kann?

Es wäre sicher keine schlechte Idee, wenn sich Männer generell und bereits im Biounterricht mehr mit dem Zyklus der Frau auseinandersetzen. Oft verkommen beispielsweise die Regelschmerzen, die wir Frauen wirklich spüren und die uns belasten, zum Altherrenwitz über weibliche Launenhaftigkeit. Dabei ist es einfach eine Realität, die 50 Prozent der Menschheit betrifft. Zuhören und in den Arm nehmen, wenn es gebraucht wird, ist sicher auch nicht verkehrt.

Wie werden Scheinschwangerschaften medizinisch behandelt?

Scheinschwanger zu sein ist etwas Psychosomatisches. Meine Gynäkologin sagt, dass jede Frau, die in ihren Körper hineinhorcht, auch immer etwas hören wird. Insbesondere im weiblichen Körper finden den ganzen Zyklus über zahlreiche Veränderungen statt. Etwas wächst, wird wieder abgestoßen und das ist nicht unnatürlich. Aber diese Fixierung darauf und das Interpretieren ist etwas, dass man mit einer Therapie gut in Angriff nehmen kann.

Mir hat es geholfen professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. So war ich beim FFGZ, dem Feministischen Frauengesundheitszentrum in Berlin. Diese Zentren gibt es aber auch in anderen Städten und auch andere Organisationen wie pro familia bieten Beratungen zu unerfülltem Kinderwunsch und Fehlgeburten an. Mir hat das sehr geholfen, um zu verstehen, dass ich mit meinem Kummer nicht alleine bin. Zusätzlich habe ich ein paar Monate eine systemische Gesprächstherapie gemacht. Auch chinesische Medizin, etwa Akupunktur, fand ich für mich sehr hilfreich.

Allerdings ist es auch nicht unnormal, wenn es nicht gleich klappt. Ich glaube, viele Frauen stresst es, wenn sie nicht nach zwei bis drei Mal Sex ohne Verhütung schwanger werden und sie denken sofort: Mit mir stimmt was nicht. Meine Frauenärztin hat mich vor meiner ersten Schwangerschaft darin bestärkt, dass alles ok ist und dass ich warten soll. Nach einem Jahr, als ich grade noch mal zu ihr gehen wollte, bin ich dann tatsächlich schwanger geworden.

Du schreibst, dass du dir Vorwürfe gemacht hast und dachtest, du wirst nicht schwanger, weil du etwas falsch machst.

Ich dachte zu dem Zeitpunkt vor allem, dass ich nicht entspannt genug bin und weniger über das Thema nachdenken sollte. Den Tipp haben mir auch andere Leute oft gegeben. Aber das ist natürlich so, wie nicht an den rosa Elefanten zu denken.

Im Bezug auf die Fehlgeburt habe ich viel darüber nachgedacht, ob an meinem Körper etwas falsch ist. Zudem hatte ich das Gefühl, dass ich an bestimmten Vorbildern scheitere. In meiner Familie heißt es, dass viele meiner Verwandten relativ jung schwanger werden und es trotz schwieriger Umstände oft gut hinbekommen. Das ist das Ideal, mit dem ich aufgewachsen bin und an dem ich lange zu knabbern hatte, als ich merkte, dass es bei mir anders ist. Dabei habe ich auch Freundinnen, die das durchaus anders sehen und mit 35 noch ganz entspannt sind.

Woher kommt dieser Druck, auf jeden Fall ein Kind bekommen zu müssen?

Was Frauen unter Druck setzt, ist die Geschichte von der biologischen Uhr. Vor einem Jahr habe ich mit meiner Kollegin Diana Thielen einen Fragebogen an Frauen zwischen 30 und 40 Jahren verschickt. Fast alle haben geschrieben, dass ihre sogenannte biologische Uhr mit 28 zu ticken begonnen hat. Angesichts der biologischen Möglichkeiten ist das total verfrüht. Ich habe das Gefühl, es gibt gesellschaftlich gesehen einen sehr engen Altersrahmen von 25 bis 35 Jahren, der als der richtige und normale Zeitraum für eine Schwangerschaft angesehen wird.

Hinzu kommt der Mythos, dass man es als Frau bereuen wird, wenn man keine Kinder bekommt. Die Mutterschaft wird nicht selten als etwas „Magisches“ beschrieben und als die Erfüllung schlechthin stilisiert.  In unserer Gesellschaft hat man sich daher als Frau vor allem dann selbst verwirklicht, wenn man Mutter wird. Gleichzeitig fehlt die Infrastruktur, um die Aufgaben und Arbeit, die mit den Kindern kommt, zu meistern und sich noch anderweitig zu verwirklichen.

Was möchtest Du mit deinem Buch bewirken?

Mein erster Impuls war, dass ich Raum bieten und zuhören will. Ich hatte für mich gemerkt, dass es nicht so einfach war, über diese Themen zu sprechen und Gehör zu finden. Zunächst einmal habe ich angefangen aufzuschreiben, was mich bewegt. Dann habe ich allerdings schnell gemerkt, dass meine Perspektive sehr auf die einer Frau begrenzt ist, die in einer heterosexuellen Paarbeziehung lebt. Es gibt ja auch Frauen, die einen Kinderwunsch haben, aber nicht den Partner dazu. Oder lesbische Frauen mit Kinderwunsch, die niemals „einfach so“ schwanger werden. Da habe ich gemerkt, dass ich ein Buch rausbringen möchte, in dem so viele Stimmen wie möglich gehört werden.

Wen schließt der Titel „Nicht nur Mütter waren schwanger” alles mit ein?

Damit sind zunächst einmal Fehlgeburten und Abtreibungen gemeint, die sehr schmerzhafte Erfahrungen bedeuten. Aber auch transmännliche Schwangerschaften kommen in dem Sammelband vor. Also Schwangerschaften von Männern, die biologisch als Frau geboren wurden. Transmänner, die ihr Geschlecht als männlich umtragen lassen und auch ihren männlichen Vornamen legitimiert haben lassen, müssen, sobald sie Kinder haben, wieder als Frau angesprochen werden. In der Geburtsurkunde muss ihr ursprünglicher weiblicher Name eingetragen werden. Diese Rückkehr in eine abgelegte Identität ist für die Betroffenen emotional sehr einschneidend: Öffentlich wollen sie die Rolle des Vaters leben, von der Gesellschaft wird das aber nicht anerkannt. 

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