„Dieser Tag ist ein Mahnmal für unsere Gesellschaft“

Wie präsent die Pogromnacht bei jungen Jüdinnen und Juden auch 2019 noch ist.
Interview von Niko Kappel

Foto: "Rent a Jew" Verein

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Nazis in Deutschland Synagogen nieder, zerstörten Geschäfte und ermordeten Menschen jüdischen Glaubens. Auch 2019 wird in ganz Deutschland der Nacht gedacht, die als Auftakt für den größten Völkermord Europas gilt. Der 9. November ist bei Jüdinnen und Juden immer noch sehr präsent. Mascha Schmerling hat die Organisation rent a jew mitgegründet. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, warum ihre Organisation wichtig ist, für was der 9. November stehen sollte und wie es heute um den Antisemitismus in Deutschland steht.

jetzt: Mascha, wie präsent ist der 9. November im Leben junger Jüdinnen und Juden?

Mascha: Der 9. November ist ein nachdenklicher und trauriger Tag für uns. Manche Gemeinden gehen zum Beispiel Stolpersteine putzen, es gibt in vielen Städten Lesungen, Ausstellungen und andere Gedenkveranstaltungen. Ich muss aber sagen, dass das Thema Judenhass im Jüdisch-Sein immer mitschwingt, dafür brauchen wir keinen bestimmten Tag. Wir nutzen den 9. November aber natürlich schon als jüdischen Gedenktag, aber er sollte mehr sein.

Was zum Beispiel?

Dieser Tag ist ein Mahnmal für unsere Gesellschaft, nicht nur für die jüdischen Gemeinden. Er zeigt, was Hass alles anrichten kann. Die Pogromnacht ist nicht plötzlich passiert. Das war ein schleichender Prozess von Tabubrüchen, Grenzüberschreitungen und Übergriffen auf das jüdische Leben. Und das sehen wir heute auch wieder, nicht nur bei Juden. Wir erleben Grenzüberschreitungen gegenüber LGBTQ-Angehörigen oder Menschen anderer Hautfarbe. Ich finde es wichtig, dass wir an Tagen wie dem 9. November nicht nur an die Pogromnacht denken, sondern auch daran, dass wir einschreiten müssen, wenn jemand aufgrund seiner Hautfarbe, Religion oder Sexualität angegangen wird.

„Wir versuchen, dem Wort Jude ein Gesicht zu geben“

Der 9. November steht dieses Jahr vor allem auch unter dem Eindruck des Attentates von Halle, oder?

Die jüdische Gemeinde war unglaublich geschockt von Halle. Aber überrascht waren wir nicht. Es hat einen Grund, dass im ganzen Land seit Jahren jüdischen Einrichtungen geschützt werden müssen. Antisemitismus war nie weg. Er ist heute nur, auch durch Social Media, wieder sichtbarer. Trotzdem versuchen wir offen zu sein, weil Aufklärung das einzige ist, was hilft. Ich wünschte wir bräuchten diesen Schutz nicht und könnten unsere Türen für alle Menschen öffnen und jeden einladen, der Lust hat, mit uns Freitagabend Schabbat zu feiern.

Um solche Begegnungen zu schaffen, hast du 2014 die Organisation rent a jew gegründet. Was macht ihr genau?

Wir wollen jüdische und nicht-jüdische Menschen zusammenbringen. 130 jüdische Ehrenamtliche, verteilt über ganz Deutschland, wollen zeigen, dass es nicht die oder den Juden gibt. Wir sind ja nicht nur Juden, wir sind in erster Linie auch Deutsche. Ich persönlich möchte auch nicht nur auf meinen Glauben reduziert werden, ich bin viel mehr als ,nur‘ Jüdin. Deshalb gehen wir zum Beispiel in Schulen, Unis, kirchliche Gruppen und Sportvereine und erzählen dort von uns. Wir reden nicht über das Judentum, wir reden über uns und erzählen aus unserem Alltag.

Warum ist das so wichtig?

Wir versuchen, dem Wort Jude ein Gesicht zu geben. Wir zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind. Vielen ist nicht klar, dass man in Deutschland in den allermeisten Fällen nicht merken würde, wenn ein Jude neben einem in der Tram sitzt. Viele haben immer noch ein abstraktes Bild von Juden. Wenn wir in Schulen sind, dann bekommen wir als Feedback oft zu hören, dass die SchülerInnen erstaunt waren, wie normal wir sind. Das ist krass und deshalb so wichtig.

Woher kommt dieses, wie du es nennst, „abstrakte“ Bild, das junge Menschen von Jüdinnen und Juden haben?

Das Bild unserer Religion ist geprägt vom Holocaust. Die allermeisten hören zum ersten Mal vom Judentum im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg. Wir sind sehr wenige in Deutschland, um die 200 000 Menschen. Wir sind eine Minderheit, viele kennen einfach keine Juden persönlich. Das wollen wir mit rent a jew ändern.

„Hass ist ein menschlicher Reflex“

Du sprichst durch deinen Job mit sehr vielen Menschen über deine Religion. Wie hat sich der Antisemitismus in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert?

Antisemitismus ist ein bisschen wie ein Chamäleon. Er passt sich seiner Umgebung an. Solche Dinge wie Rassenideologie haben wir, Gott sei Dank, überwunden. Heute zeigt sich Antisemitismus oft versteckt als Israelkritik, so passt er sich halt immer der Zeit an.

Gibt es heute mehr Antisemitismus als vor zehn Jahren?

Schwierig zu sagen. Hass kann heute über das Internet einfacher denn je geäußert werden, wir kriegen also viel mehr davon mit. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Mund aufmachen. Ich spreche nicht nur von Judenhass. Wenn die Juden nicht da wären, dann würde dieser Hass nicht verschwinden. Hass ist ein menschlicher Reflex, eine einfache Lösung für ein kompliziertes Problem. Wir müssen deshalb verstehen, dass wir aufstehen und den Mund aufmachen müssen. Egal welche Minderheit angefeindet wird.

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