Geflüchtete radeln nach Brüssel, um gegen Situation in Libyen zu protestieren

Ihr „Ride4Justice“ soll auf die Notlage der Menschen in den Flüchtlingslagern dort aufmerksam machen.
Von Nadja Schlüter

Die Teilnehmer des „Ride4Justice“ sind von Frankfurt über Koblenz, Köln, Aachen und Maastricht bis nach Brüssel gefahren.

Foto: AP/Francisco Seco

In den vergangenen drei Tagen ist Esau 150 Kilometer mit dem Rad gefahren, von Aachen über Maastricht bis nach Brüssel. Es war kalt für Anfang Mai, regnerisch und windig. Keine leichte Reise also. Aber Esau Yemane, 21 Jahre alt, schlank und mit leiser Stimme, hat eine sehr viel schwerere Reise hinter sich. Im September 2015 ist er in Deutschland angekommen, nach drei Monaten Flucht aus Eritrea. Zwei Monate davon saß er in Libyen fest. Auf die Frage, was er dort gesehen hat, sagt er: „Ich habe alles gesehen.“ Dass Menschen in Lagern festgehalten und erpresst wurden. Dass sie gefoltert wurden, wenn sie nicht zahlen konnten. Esau selbst wurde so hart geschlagen, dass ihm das Trommelfell riss. Er floh über das Mittelmeer, durchquerte Italien, kam nach Deutschland. Erst dort wurde er im Krankenhaus behandelt. Jetzt steht er hier in Brüssel auf dem Schuman-Rondell, in einem gelben „Team Africa“-Trikot und mit seinem Fahrrad.

Esau ist Teilnehmer des „Ride4Justice“, bei dem vom 1. bis zum 5. Mai eritreische Geflüchtet von Frankfurt bis nach Brüssel geradelt sind, über Koblenz, Köln, Aachen und Maastricht. Gestartet sind sie zu acht, angekommen sind sie am Sonntag mit etwa 30 Radfahrern im Parc Maximilien in der Nähe des Brüssler Nordbahnhofs, in dem seit Jahren Geflüchtete campieren. Heute folgte die Abschlusskundgebung, zu der etwa 200 Menschen gekommen sind, die meisten selbst eritreische Flüchtlinge.

Esau (r.) ist 2015 aus Eritrea geflohen. Heute lebt er in Trier, dem „Ride4Justice“ hat er sich in Aachen angeschlossen.

Foto: Nadja Schlüter

Die Aktivisten fordern die Evakuierung von Geflüchteten aus Libyen, einen humanitären Korridor nach Europa, die Entkriminalisierung der zivilen Seenotretter im Mittelmeer und eine gemeinsamen europäischen Rettungsmission. Außerdem kritisieren sie die EU für ihre Kooperation mit der libyschen Küstenwache, die im Rahmen der Schleuserbekämpfung Flüchtlingsboote abfängt und zurückführt. Von Anfang 2017 bis Ende 2018 wurden etwa 29.000 Menschen zurück an die libysche Küste gebracht. Dort sind sie „unglaublichem Grauen“ ausgesetzt, heißt es in einem UN-Bericht aus dem Dezember 2018. In den Lagern, die teilweise unter der Kontrolle von Milizen stehen, werden Menschen gefoltert, erpresst, versklavt, vergewaltigt und getötet. Die Camps sind überfüllt, es gibt weder genug Nahrung noch ausreichende sanitäre Anlagen. Wie viele dort festsitzen, ist unklar, die Schätzungen gehen weit auseinander, sie reichen von Hunderttausend bis zu einer Million. 90 Prozent der Menschen, die versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, starten von Libyen aus. In dem Bürgerkriegsland kommt es seit einigen Wochen wieder zu heftigen Gefechten, was die Situation noch erschwert.

„In Eritrea ist Rennrad-Fahren National- und Volkssport. Die Radtour ist also eine Verbindung zu unserer Heimat“

Zerai Kiros Abraham, 42, ist der Initiator des „Ride4Justice“, er ist auch selbst mitgefahren. Für die Abschlusskundgebung hat er das Rad-Trikot gegen eine Steppjacke und eine karierte Hose getauscht. Zerai lebt in Frankfurt. Seine Mutter floh mit ihm aus Eritrea, als er 13 Jahre alt war. Heute engagiert er sich für andere Geflüchtete. „Ich benutze das Wort allerdings nie, ich nenne sie Newcomer“, sagt er und lacht.

Zerai hat die „Ubuntu Campaign for Black Refugees“ gegründet, die sich für schwarze Geflüchtete einsetzt, der „Ride4Justice“ ist Teil der Kampagne. Dass er ausgerechnet als Fahrradtour stattfindet, hat einen Grund: „In Eritrea ist Rennrad-Fahren National- und Volkssport. Die Radtour ist also eine Verbindung zu unserer Heimat und gleichzeitig gut für eine Kampagne geeignet, weil wir mobil sind und Aufmerksamkeit erregen können“, sagt Zerai. Vor der Kundgebung in Brüssel hatte eine Delegation der Aktivisten einen Termin in der Kommission, um dort mit Mitarbeitern über die Lage in Libyen zu sprechen und ihre Forderungen vorzutragen. „Natürlich können sie die nicht eins zu eins übernehmen, weil sie politische Interessen vertreten“, sagt Zerai. „Aber immerhin wurden wir angehört.“

Zerai Kiros Abraham vor der Europäischen Kommission in Brüssel.

Foto: Nadja Schlüter

Die Menschen auf dem Schuman-Rondell halten ein Banner, auf dem „Stop 21st Century Slavery“ steht. Ein Aktivist steigt auf einen Zaun, ein anderer hält seine Beine, damit er nicht fällt. Mit heiserer Stimme ruft er in ein Mikrofon, die Menge spricht ihm auf Englisch nach: „Befreit unsere Brüder und Schwester in Libyen! Sie sterben in Libyen, sie sterben in Eritrea! Bringt sie in Sicherheit! Libyen ist ein Ort der Gewalt, ein Ort der Folter!“ Danach jubeln sie, einige Frauen schlagen mit Löffeln auf Topfdeckel. Sie sind laut, aber um sie herum braust der Verkehr. Viele Autofahrer schauen gar nicht hin, in Brüssel sind sie Kundgebungen auf dem Schuman gewöhnt. Weil diese hier allerdings recht groß für den kleinen Platz ist, bleiben einige Fußgänger stehen und fragen, worum es geht.

2017 gab es fast 490 000 eritreische Flüchtlinge weltweit

2017 gab es laut ProAsyl fast 490 000 eritreischen Flüchtlingen weltweit. Im Sommer 2018 schlossen Eritrea und Äthiopien nach jahrzehntelangen Grenzkonflikten ein Friedensabkommen, was für Entspannung in der Region sorgte. Doch kürzlich wurde die Grenze wieder geschlossen und die Situation in Eritrea ist für die Menschen dort noch immer kaum besser geworden: Präsident Isayas Afewerki regiert autoritär, seit 1993 gab es keine Wahlen mehr. Der Militärdienst ist obligatorisch und zeitlich unbefristet, 2017 berichtete Amnesty, dass er in einigen Fällen bis zu 20 Jahre dauerte. Meinungs- und Religionsfreiheit sind eingeschränkt, die Bewegungsfreiheit und das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard ebenfalls. Die Anerkennungsquote von Eritreern, die in Deutschland Asyl beantragen, ist hoch, 2016  etwa duften mehr als 90 Prozent der Antragsteller bleiben, 2017 immer noch mehr als 80 Prozent. Aber um einen Asylantrag stellen zu können, müssen die Menschen es erstmal lebend über die Grenze, durch Sudan, Libyen und über das Mittelmeer schaffen. Niemand kann genau sagen, wie viele niemals ankommen und wo genau sie sterben.

Tesfit, 21, trägt ein weißes T-Shirt über seinem Pullover, auf das er mit rotem Filzstift „Stop killing Eritreans in Libya“ geschrieben hat – so wie seine fünf Freunde, mit denen er hier ist. Seit fünf Monaten lebt er in Belgien, vorher war er drei Jahre in der Schweiz. Auch er ist aus Eritrea geflohen, auch er musste Libyen durchqueren. „Ich werde nie vergessen, wie schlimm es dort war“, sagt er. Auf Nachfrage möchte er nicht ins Detail gehen. Sein Bruder sei noch dort, sagt er. Deswegen ist er heute hier.

Esau steht ganz vorne am Platz, direkt an der Straße, in einer Reihe mit den anderen Radfahrern. Sie fallen auf in ihren leuchtend gelben Trikots. Er ist müde von der langen Radtour, aber er erzählt lächelnd davon, wie viel Unterstützung sie bekommen haben. Bei ihrem Stopp in Maastricht wurden sie von einem Mann aufgenommen, der den „Ride4Justice“ unterstützen wollte, und durften bei ihm übernachten. „Wir hatten Glück“, sagt Esau. Er hatte auch viel Glück, dass er aus Libyen entkommen ist, mittlerweile hat er Asyl in Deutschland und macht eine Ausbildung zum Metallbauer. Für die, die es nicht geschafft haben, demonstriert er heute in Brüssel. Weil die Europäische Union mit Schuld trägt an der Situation in Libyen. Weil sich etwas ändern muss.

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