Junger Protest ist weiblich

Weltweit führen junge Frauen die Proteste fürs Klima und gegen Waffengewalt an.
Von Anna Sophia Merwald

Illustration: Julia Schubert

Greta Thunberg streikt fürs Klima, Emma Gonzalez gegen Waffengewalt und Malala Yousafzai für ein Recht auf Bildung: Was bedeutet das, wenn so viele junge Frauen Proteste anführen?

Die Klimaproteste „FridaysforFuture“ sind eine weltweite Bewegung geworden, in den meisten Fällen stehen junge Frauen an ihrer Spitze: Greta Thunberg in Schweden, Luisa Neubauer in Deutschland, Anuna De Wever in Belgien. Und in Großbritannien Anna Taylor: Sie ist 17 Jahre alt, organisiert die Proteste in Großbritannien und engagiert sich schon seit Jahren. Bevor die Bewegung gestartet ist, hat sie geglaubt, sie wäre alleine, aber jetzt opfert sie ihre Freizeit für diesen full-time job. Sie hat sogar das UK Students Climate Network gemeinsam mit einer Freundin gegründet und ist von dort aus mit den anderen Gruppen auf der Welt vernetzt.

Auch die 10-jährige Lilly Platt aus den Niederlanden war schon vor FridaysforFuture aktiv. Sie hat 2015 Lilly’s Plastic Pickup gestartet und wöchentlich Plastikmüll aufgesammelt, meistens mit ihrem Opa. Sie ist außerdem Youth Ambassador der Plastic Pollution Coalition, einer globalen Organisation, die sich für eine plastikfreie Welt einsetzt. Seit über 20 Wochen ist sie jetzt schon im Schulstreik, weil sie glaubt: „Jeder kann eine Stimme sein.

 

Sie sind weiblich, haben für etwas gekämpft und viel Aufmerksamkeit und Hass abbekommen 

Eine Stimme sein und anderen eine Stimme geben: Das hat auch Emma Gonzalez aus den USA geschafft. Sie hat letztes Jahr die Parkland-Proteste mitangeführt. Trat öffentlich gegen Waffengewalt auf und bekam dafür jede Menge Hass im Netz ab. Blickt man weiter zurück, fällt einem Malala Yousafzai ein: Die junge Frau, die 2012 von der Taliban angegriffen wurde, weil sie zur Schule gehen wollte. Seit 2014 ist sie Friedensnobelpreisträgerin und damit eine der jüngsten überhaupt.

Die vielen Frauen haben eins gemeinsam: Sie sind weiblich, haben für etwas gekämpft, dafür viel Aufmerksamkeit und viel Hass abbekommen. Während sie in der Öffentlichkeit stehen, sieht man junge Männer meist nur im Hintergrund. Warum ist das so besonders, wenn Frauen an der Spitze dieser Proteste stehen und was können sie erreichen?

Greta ist eine Identifikationsfigur für sehr viele junge Frauen geworden. Eine junge Frau, die sich einem typischen Mann wie Trump entgegenstellt, ist eine riesige Inspiration und Motivation für andere. Jana Günther, Sozialwissenschaftlerin an der TU Dresden sagt: „Protestakteure brauchen diese Hoffnung, diese Galionsfiguren. Greta braucht aber auch unsere Solidarität“. Auf der ganzen Welt folgen junge Menschen Gretas Aufruf. Aber auch sie wird angefeindet und gehasst, weil sie sich für das Klima engagiert. Soziologe Oskar Fischer von der LMU München sagt: Viele hätten ein Problem damit, „dass so eine weitreichende ökologische Frage gestellt wird, noch dazu von einer jungen Frau“. Politiker spielen ihr Engagement herunter, Journalisten beleidigen sie in ihren Artikeln. Die AfD Heidelberg nennt sie sarkastisch eine „minderjährige Heilige, zu der die ganze Kirchengemeinde ehrfurchtsvoll aufschaut“. Der ehemalige FAZ-Korrespondent Thomas Rietzschel beschreibt sie auf der Webseite „Achse des Guten“ als „Ein 16-jähriges Mädchen, altklug und verhaltensgestört, von Untergangsphantasien verfolgt".

 

Greta ist zu einem Vorbild für viele junge Menschen geworden

Warum wird eine junge Frau, die sich für etwas derart Wichtiges wie das Klima einsetzt, als verhaltensgestört abgestempelt? Laut Melanie Groß, Expertin für Genderforschung von der Fachhochschule Kiel, entlädt sich hier „die Feindlichkeit, die Menschen – meist Männer – über alle schütten, die ihrem oft maskulinistischen und rechtspopulistischem Weltbild nicht entsprechen“. Ist das der Unmut der Alten über die Jugend? Noch dazu über eine, die nicht solange gehorsam zur Schule geht, bis sie auf der Erde nicht mehr leben kann? Und hätte es diese Kommentare auch gegeben, wenn an der Spitze der Bewegung ein junger Mann gestanden wäre?

Greta erfüllt keines der typischen Klischees eines braven Schulmädchens. Sie ist hartnäckig, lässt sich nicht mit leeren Versprechen abspeisen und will keine Kompromisse in ihrem Kampf für das Klima eingehen. So ist sie zu einem Vorbild für viele junge Menschen geworden. Dabei sagt sie nur, was prinzipiell jeder andere auch sagen könnte: Sie gibt wissenschaftlich belegte Aussagen über den Klimawandel wieder. Aber laut Soziologe Fischer „verkörpert sie damit eine junge Generation“.

Dass Frauen politisch aktiv sind, ist an sich nichts Neues. Im Krieg gab es zum Beispiel auch Partisaninnen. Nur das kollektive Wissen darüber fehlt. Die Frauen- und Umweltbewegung in den 70er-Jahren ist ein Grundstein für den jetzigen Protest: „Greta steht auf den Schultern dieses Protests“, sagt Soziologe Fischer. Damals sind Frauen wegen des Abtreibungsparagrafen 218 oder wegen Männergewalt auf die Straße gegangen. Weibliche Ikonen des Protests gab es schon viel früher: etwa die französische Nationalheldin Jeanne D’arc. Oder die barbusige Marianne, die auf dem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ die französische Flagge in die Luft reckt und zu einem Symbol für Freiheit geworden ist. Oder die 12-jährige Severn Suzuki aus Kanada, die 1992 auf dem UN-Klimagipfel in Rio sprach. Laut Fischer hat sie weltweit Aufsehen erregt, „weil sie für eine Generation gesprochen hat, die keine Stimme hatte“. Später war sie nur noch bekannt als das Mädchen, das die Welt zum Schweigen brachte.

"Junge Männer werden öfter gehört und ergreifen öfter das Wort"

So könnte auch Greta in die Geschichte eingehen: Sie ist als Identifikationsfigur etwas Besonderes, da laut Genderforscherin Groß „eher Jungen und jungen Männern Raum in politischen Debatten eingeräumt wird. Sie werden öfter gehört und ergreifen öfter das Wort“. Mädchen seien in der FridaysforFuture-Bewegung deutlich sichtbarer als bisher. Das könnte aber auch an der Lesart der Medien liegen: Greta wurde „zunächst als ‚leicht verschroben’ medial inszeniert, was dann eine Eigendynamik entwickelt hat“, vermutet Groß. Die einen haben Respekt vor ihrem Mut und die anderen hassen sie dafür. Zustimmung kriegt sie aber von jungen Aktivistinnen genauso wie von Aktivisten.

Denn die jungen Menschen wissen genau: Der Klimawandel könnte ziemlich harte Folgen für uns haben. Wir verbinden dieses Thema wie auch ‚Pazifismus und soziale Gleichheit’ eher mit Frauenbewegungen. Sozialwissenschaftlerin Günther meint: „Junge Frauen wehren sich, das hat einen besonderen symbolischen Wert in einer Welt, in der Frauen immer noch als eher passiv gesehen werden“. In der jungen Bewegung selbst gebe es eine höhere Sensibilität für ein aufgeklärtes Geschlechterverhältnis: Ob sich da Frauen, Männer oder Nicht-Binäre engagieren, sei manchmal gar nicht so wichtig für die Repräsentation der Protestgruppe.

Eine junge Frau an der Spitze bewegt natürlich trotzdem: Vor allem macht sie anderen jungen Frauen Mut.