„Es hat nicht mit Hanau angefangen und es wird nicht mit Hanau aufhören“

Vor einem halben Jahr erschoss ein Rassist in Hanau neun Menschen. Die Hinterbliebenen sind traurig, wütend – und enttäuscht von der Politik.
Protokolle von Sophie Aschenbrenner
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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Ein halbes Jahr ist es heute her, dass ein Rassist in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschoss: Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Hamza Kurtović, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Er ermordete sie am Abend des 19. Februars 2020 in der Shisha-Bar Midnight am Rande der Hanauer Innenstadt und in einer wenige Meter weiter liegenden Café-Bar. Wenig später eröffnete er in einer weiteren Bar im Hanauer Stadtteil Kesselstadt erneut das Feuer. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Die Ermittlungen gegen ihn laufen noch.

Am 19. August wollen nicht nur in Hanau, sondern auch in vielen anderen Städten in Deutschland Menschen der Opfer gedenken. Am Samstag, den 22. August, ist in Hanau eine große Demonstration geplant. Etwa 10 000 Menschen aus ganz Deutschland werden erwartet.

Wie geht es Freund*innen und Nahestehenden der Opfer ein halbes Jahr nach der Tat? Wie haben sie die vergangenen Monate erlebt und was wünschen sie sich von der Politik? Wir haben mit vier von ihnen gesprochen.  

„Der Täter hat uns in unserer intimsten Privatsphäre angegriffen“

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Parmies, 22, lebt in Hanau und hat bis zum Anschlag in der Midnight-Bar gearbeitet, einem der Tatorte.

Ich war zwei Jahre lang jeden Tag in der Midnight-Bar. Von Tag eins an habe ich dort gearbeitet, und wenn ich nicht gearbeitet habe, war ich trotzdem da. Die Menschen dort waren nicht nur Kollegen, sondern Freunde. Wir waren Familie. Sedat hat diese Bar aus dem Nichts aufgebaut. Am Ende lief es bombe, und das war sein Verdienst. 

Wir haben uns in Shishabars immer sicher gefühlt. Dieser Angriff war ein gezielter Angriff auf Hanauer, ein Angriff auf uns junge Leute, die Spaß am Leben haben. Auf Menschen, die sich verabredet haben, um von ihren Alltagsproblemen wegzukommen. Der Täter hat uns in unserer intimsten Privatsphäre angegriffen. Danach war oft die Rede von ,Shishabar-Morden‘. Es waren aber keine Shishabar-Morde. Das waren Morde an Orten, an denen wir uns sicher gefühlt haben. Als hätte er uns zuhause getötet. Jetzt überlege ich: Soll ich in eine Shishabar gehen? Ist sie noch sicher? Passiert so etwas noch einmal? Wenn ich jetzt in einer Shishabar bin, habe ich ein komisches Gefühl. Ich arbeite zwar wieder in einer, zusammen mit meinen alten Kollegen. So habe ich meine Familie wieder um mich. Aber ich fühle mich nicht immer sicher. 

Ich kenne die Straße auswendig, in der die Midnight-Bar war. Ich kenne alle, die dort arbeiten. Nach dem Anschlag hatte ich Angst, dass ich mich in der Straße nicht mehr wohlfühle. Dass der Gedenkraum direkt gegenüber der Bar ist, hat mir sehr geholfen, dort bin ich regelmäßig, dort fühle ich mich aufgehoben.

Am 19. Februar war ich bis 20 Uhr mit meinem Bruder in der Bibliothek. Eigentlich wollten wir danach unbedingt in die Midnight-Bar. Dann haben wir uns aber umentschieden, weil wir mal woanders hingehen wollten. Zum ersten Mal überhaupt – und dann der Anschlag. Es rief mich eine Freundin an und sagte: ,Vor der Midnight-Bar liegt jemand auf dem Boden.‘ Als immer mehr Polizei und Krankenwagen kam, wussten wir, dass was Schlimmes passiert ist. Bis zur Beerdigung von Sedat habe ich nichts realisiert. Er war mein Chef, aber auch mein bester Freund, er war wie mein Bruder. Am Tag vor der Beerdigung hatte ich das erste Mal in meinem Leben eine Panikattacke. Da habe ich gemerkt: Es ist etwas passiert, das hat etwas in mir ausgelöst. 

Es fühlt sich noch unrealistisch an, dass jetzt sechs Monate vorbei sind. Die Corona-Pandemie hat uns total eingeschränkt, man konnte sich nicht so gut persönlich austauschen, nichts unternehmen, um alles zu verarbeiten. Ich war den ganzen Tag daheim, und war viel alleine mit meinen Gedanken. Wenn man einmal darüber nachdenkt, was passiert ist, dass es einen selbst auch hätte treffen können, ist das sehr schwer. Ich hatte Angst, dass alle Opfer vergessen werden. Und ich bin froh, dass es viele Menschen gibt, die dafür kämpfen, dass man sich erinnert. Wir halten stark zusammen. Ich verstehe nicht, wie es zu der Tat kommen konnte. Ich frage mich, ob das auch passiert wäre, wenn der Täter ein Mann mit ausländischen Wurzeln gewesen wäre. Die Verantwortlichen sollten zurücktreten.“

„Ich habe mich gefühlt, als hätte ich keine Zunge mehr“

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Abdulkerim, 23, verlor bei dem Anschlag zwei enge Freunde. 

„Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an die Verstorbenen denke. An unsere Freunde, an unsere Brüder. Ich weiß, sie sind nicht mehr da, aber es fällt mir schwer, das zu realisieren. Wenn man alleine ist und nachdenkt, dann kommen immer wieder die Tränen. Vergessen kann man nie, was passiert ist. Es ist immer bei uns. 

Der Anschlag fühlt sich noch sehr nah an. An dem Abend hat mein Handy nicht mehr aufgehört zu klingeln. Ich war in meiner Freizeit sehr oft in der Midnight-Bar, hatte da 2019 noch gearbeitet, Sedat war mein Chef. Als Freunde gesagt haben, dass er tot ist, habe ich es nicht geglaubt. Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf. Ich war eigentlich auf dem Weg zu einem Freund, bin sofort umgedreht und Richtung Midnight gefahren. Als ich gesehen habe, dass dort alle geschrien haben, habe ich den zweiten Anruf bekommen: In Kesselstadt wird auch geschossen. Da dachte ich gleich: Amoklauf. Ich bin Richtung Kesselstadt durchgebrettert, um zu sehen, wie es dort aussieht. Es war wie in einem schlechten Horrorfilm. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich keine Zunge mehr, war wie gelähmt. 

Vorm Midnight stand ein Krankenwagen. Alle haben wiederholt: ,Sedat ist tot.‘ Ich dachte die ganze Zeit: Vielleicht wird er ja nur im Krankenwagen versorgt, vielleicht hat er eine Schusswunde. Aber dann habe ich seinen Cousin angesprochen und sofort an der Art und Weise, wie er mir zugenickt hat, gemerkt: Sedat lebt nicht mehr. Alle haben die ganze Zeit telefoniert, um zu schauen, wie es Freunden und Verwandten geht. Die ganze Nacht war ich wach. Die kommenden Tage haben wir kaum geschlafen und sind wie Zombies durch die Gegend gelaufen. Wir waren an den Tatorten, weil wir es nicht wahrhaben konnten. Ich bin immer zwischen Kesselstadt und dem Midnight hin und her gefahren, war kaum daheim, habe bei Freunden oder im Auto geschlafen. 

Der Politik vertraue ich nicht mehr. Wie denn? Die meisten reden schön vor der Kamera und wenn die Kamera aus ist, geht es weiter wie bisher. Es sind schon so viele Menschen gestorben durch rechtsradikal motivierte Taten. Und es tut sich noch immer nichts. Ich wünsche mir strengere Waffengesetze. Wenn jemand zum Beispiel im Schützenverein ist, fände ich es gut, wenn die Waffen dort gelagert und ausgegeben werden würden, damit niemand daheim Waffen hat. 

Meiner Meinung nach darf auch die AfD nicht existieren. Die haben hier in Deutschland freie Bahn. Ich würde mir wünschen, dass die Partei mehr kontrolliert wird. Mir stellen sich auch andere Fragen. Wieso dürfen Nazikonzerte stattfinden? Das versteh ich nicht. Warum macht da niemand was? Es ist klar, dass diese Menschen rassistisch motiviert sind. Ich glaube, aus solchen Verbindungen wird auch der nächste Attentäter hevorgehen. “

„Die Polizei hat meiner Ansicht nach komplett versagt“

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Begüm, 27, wurde in Hanau-Kesselstadt geboren und ist dort aufgewachsen. Sie hat bei dem Anschlag mehrere Freund*innen verloren. 

„Für mich fühlt es sich so an, als ob der Anschlag gestern gewesen wäre. Ja, das Leben geht weiter, auch wenn ein paar Freunde nicht mehr da sind. Aber anders. Ich sehe in meinem Kopf immer wieder Szenen vor mir von dem Tag, an dem es passiert ist. Wenn ich an den 19. Februar denke, dann erinnere ich mich an die Polizei, die Schreie der Eltern, die Sirenen. Am 20. Februar standen wir stundenlang vor dem Tatort und haben gewartet, dass die Leichen freigegeben werden. So eine Erfahrung prägt einen fürs Leben. Die Strecke, die der Täter hinter sich gebracht hat, das ist eine Strecke, die jeder von uns regelmäßig geht. Was wäre, wenn meine Mutter dort gewesen wäre? Meine kleinen Geschwister? Es hätte uns alle treffen können. An die Gräber zu gehen, das Leid der Familien zu sehen, das fühlt sich immer noch nicht real an. 

Als es passiert ist, war ich in meiner Wohnung und auf dem Weg zu meiner Nachtschicht. Eine Bekannte wohnt genau gegenüber der Midnight-Bar, sie rief mich an und sagte: ,Begüm, hier ist eine Schießerei.‘ Über einen Videoanruf zeigte sie mir, was gerade passiert. Während meiner Schicht habe ich dann gehört, dass auch in Kesselstadt geschossen wurde. Ich habe sofort meine Familie und Freunde angerufen. In den ersten Stunden sind viele Gerüchte kursiert, wir wussten erst nicht, wer wirklich zu den Opfern gehört. Eine Weile gab es Gerüchte, ein enger Freund von mir sei auch tot. Ich habe erst geglaubt, dass er noch lebt, als ich ihn anfassen und sehen konnte. 

Die Polizei hat meiner Ansicht nach komplett versagt. Es gab durchaus Anzeichen auf die rassistische Gesinnung des Täters. Schon im November 2019 hatte er Auszüge aus seinem Manifest als Anzeige an den Generalbundesanwalt geschickt und gebeten, Ermittlungen wegen der angeblichen Geheimdienst-Überwachung einzuleiten. Die eindeutig rassistischen Passagen sind von ihm wohl erst nachträglich eingefügt worden. Der Täter war Mitglied im Schützenverein, absolvierte wohl ein Schießtraining in der Slowakei. Die Behörden benennen ihn mittlerweile klar als Rassisten. Und es gab einen Vorfall im Mai 2018, bei dem ein Mann im Jugendzentrum Kesselstadt – in der Nähe des Wohnhauses des Täters Tobias R. – mehrere Jugendliche mit einem Sturmgewehr bedroht haben soll. Als die Polizei kam, war der Mann nicht mehr da. Gesucht hat die Polizei wohl kaum. Die Beschreibung des Unbekannten passt auf den späteren Attentäter. 

Durch die Corona-Pandemie haben sich auch die Medien schnell auf andere Dinge konzentriert. Umso wichtiger ist es, dass man sagt: Diese Namen und diese Tat dürfen nicht vergessen werden. Es hat nicht mit Hanau angefangen und es wird nicht mit Hanau aufhören. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Rassismus hier ein großes Problem ist. Wir werden beispielsweise immer wieder grundlos von der Polizei kontrolliert, nur wegen unserer Hautfarbe. Die Stadt muss zum Anschlag stehen und sagen: Die Opfer waren Hanauer. Wir werden hier immer als die Ausländer markiert, aber ich bin deutsch.“

„Die Opfer werden immer fehlen“

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Seda, 30, ist in Hanau-Kesselstadt aufgewachsen. Nach dem Anschlag gründete sie gemeinsam mit anderen die Initiative „19. Februar“.

„Den Familien der Verstorbenen ist sehr wichtig zu sehen, dass die Leute den Anschlag noch nicht vergessen haben. Dass auch sechs Monate später Menschen auf die Straße gehen. Es sind neun Menschen gestorben, deren Namen man auch im Schatten einer Pandemie nicht vergessen darf. Wir haben auf dem Hanauer Marktplatz die Fotos der Getöteten aufgehängt. Immer wieder kommen aus der Politik Forderungen, diese jetzt mal abzuhängen. Man solle jetzt mal loslassen, heißt es dann. Aber das geht nicht. Man kann das, was passiert ist, nicht loslassen. Die Opfer werden immer fehlen. Wenn wir nach jedem Anschlag einfach nur loslassen, dann ist das nicht nur Verleugnung, sondern auch Akzeptanz von rechtem Terror. Dann wird sich nichts ändern. Es geht natürlich darum weiterzumachen, aber man muss anders weitermachen. 

Bis heute hat noch keine Aufklärung stattgefunden. Da sind noch so viele offene Fragen. Wieso war die Polizei so spät am Tatort? Wieso hat es so lange gedauert, das Haus des Täters zu stürmen? Wieso ist nichts passiert, als Jugendliche in Hanau vor zwei Jahren schon einmal von einem Mann mit einem Gewehr bedroht wurden – und war das der Täter? Von staatlicher Seite kam nichts, außer dass der Innenminister uns erklärt, wie exzellent die Polizei in dieser Nacht ihre Arbeit gemacht hätte.

Die vergangenen Monate haben noch einmal gezeigt, wie sehr Rechtsextremismus in Deutschland verankert ist. Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz, die auch einige Familien hier in Hanau vertritt, bekommt beispielsweise Drohungen, die mit ,NSU 2.0‘ unterzeichnet sind. Nach dem 19. Februar haben sich die Familien der Opfer sofort zusammengeschlossen. Sie kämpfen zusammen. Ich bin müde vom Wütendsein. Doch gleichzeitig sehe ich, dass die Familien nicht müde werden. Ihr Kampfgeist ist noch der gleiche wie am ersten Tag.

Unser Gedenkraum – oder ,der Laden‘, wie wir ihn nennen – ist für die Familien ein zweites Wohnzimmer. Sie kommen jeden Tag. Wir essen zusammen, gehen zusammen einkaufen, diskutieren. Er ist für die Familien ein Schutzraum. 

Die Bürger und Bürgerinnen in Hanau kommen im Laden vorbei, es gibt Firmen, die große Summen spenden oder die Ladenmiete für ein paar Monate übernehmen. Gerade bekommen wir unfassbar viel Solidarität. Ich denke, dass das auch mit den Black-Lives-Matter-Protesten zu tun hat. Wir haben gemerkt: Das einzige, das was bringt, ist Druck auf die Politik. Dafür muss man laut sein.“

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