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Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer an der Grenze zwischen katholischen und protestantischen Wohngebieten in Belfast. 

Foto: Herr und Speer

Vor  knapp drei Jahren hatten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer die Idee, dass jeder 18-Jährige in der EU ein Interrailticket geschenkt bekommt. Im letzten Jahr ging ihr Projekt in eine Pilot-Phase: Über einen Bewerbungsprozess gewannen Tausende Europäerinnen und Europäer eines der Gratistickets. Bis zu 700 Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren dafür bereitstehen. Nun wollen Martin und Vincent-Immanuel bei einer Rundreise durch Europa herausfinden, wie es den jungen Menschen auf ihren Reisen ergangen ist – und sie außerdem zu ihren Einstellungen, Problemen und Wünschen für ein besseres Europa befragen. Für jetzt werden die beiden in den kommenden Wochen von ihrem Trip berichten. Dieses Mal besuchten sie Irland. 

Welche Orte wir besucht haben: Dublin, Newry, Belfast

Was wir erlebt haben: Fahrten entlang der Grenze und durch von Mauern getrennte Stadtteile, Gespräche mit einer Friedens-NGO, einer feministischen Gruppe, dem EU-Parlamentsbüro, lokaler Bevölkerung, Sport mit jungen Menschen unterschiedlicher Hintergründe.

Was wir gelernt haben: Die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland ist die Achillesferse des Brexit-Deals. Zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland gibt es nach wie vor Spannungen. Hier droht bei einer Grenzschließung neue Gewalt. Die junge Generation versucht durch Austausch die Barrieren zu überwinden.

Der Satz, den wir nicht mehr vergessen werden: „I feel more European because of Brexit“ (Aussage einer Sozialarbeiterin in Belfast)

Am Dienstag um fünf Uhr morgens ging es zum Flughafen in Helsinki. Es lag noch ein wenig Schnee. Acht Stunden und gut 2000 Kilometer weiter waren wir in Dublin angekommen, der Hauptstadt der Republik Irland. Es ist frühlingshaft warm – ein großer Kontrast zu Finnland. Dublin zeigt sich uns zuerst als Partystadt für Junggesellenabschiede. Es ist viel los auf den Straßen und in den unzähligen Pubs. Dublin als Stadt boomt. Neben feiersüchtigen Studierenden zieht die Metropole auch Start-ups, Finanzexpertinnen und große Unternehmen an. Das hat auch etwas mit dem Brexit zu tun. Wer aus London mit seiner Firma weggeht, kommt nicht selten hier in Irland an. Generell ist der Brexit hier das dominierende Thema. Denn der umstrittenste Punkt des ganzen Ausstiegsprozesses des Vereinigten Königreiches aus der EU ist die Zukunft der inner-irischen Grenze, der sogenannte „Backstop“. Die Republik Irland ist Teil der EU und wird das auch bleiben. Tatsächlich gibt es in keinem EU Land höhere Zustimmungswerte zur Union als hier, 84 Prozent sehen die EU positiv. Nordirland aber ist Teil des Vereinigten Königreiches und damit drauf und dran, die EU zu verlassen. Zurzeit ist die Grenze zwischen Irland und Nordirland offen, sobald nun aber der eine Teil die EU verlässt, der andere aber dabeibleibt, braucht es eine wie auch immer geartete Grenze. Genau das will aber niemand hier. Das hat mit der irischen Geschichte zu tun.

Die Kurzfassung: Seit Anfang des 17. Jahrhunderts dominierten die protestantischen Engländer und Schotten das weitestgehend katholische Irland. Bis 1922 war Irland Teil des Vereinigten Königreiches (UK). Erst dann, und nach Ende eines blutigen Unabhängigkeit- und Bürgerkriegs, wurde der große südliche Teil der Insel ein eigenständiges Land. Der nördliche Teil, in dem die meisten Protestanten lebten, verblieb mit dem UK. Seitdem gab es insbesondere in Nordirland immer wieder Probleme, da ein Teil der dort lebenden katholischen Minderheit die Vereinigung beider Landesteile als unabhängiges Irland anstrebte und das immer noch tut. Die Situation kochte in den 60ern über. Die nächsten dreißig Jahre sind hier als „The Troubles“ bekannt – eine Art Bürgerkrieg entlang nationaler und religiöser Trennlinien. Sowohl Katholiken als auch Protestanten formten eigene paramilitärische Einheiten, die, ursprünglich dem Schutz der jeweiligen Gruppe angedacht, schnell damit begannen, gegeneinander vorzugehen. Bei Attentaten wurde dann besonders die zivile Bevölkerung beider Seiten schwer in Mitleidenschaft zogen. Ungefähr 3600 Menschen sind seit 1969 in dem Konflikt ums Leben gekommen, über 50.000 wurden verletzt. 1998 wurde schließlich ein Friedensabkommen beschlossen (das Karfreitagsabkommen), das den Großteil der Gewalt beenden und einen halbwegs stabilen Frieden sichern konnte. Der kritische Punkt: Das Abkommen basiert zentral auf der nun offenen Grenze zwischen beiden Landesteilen. Würde hier wieder eine Grenze eingeführt werden, so könnte das alte Gräben aufreißen und zu neuer Gewalt führen. In Dublin wird uns erzählt, dass die Brexit-Verunsicherung vermutlich auch zu stärken Bestrebungen führen könnte, beide Landesteile zu vereinigen.

„Wir erwarten ein Referendum über die Einheit Irlands in den nächsten zehn Jahren“, sagt uns ein Mitarbeiter des EU-Parlamentsbüros in Dublin. „Die Demografie spielt der Entwicklung in die Hände, da der Anteil der Katholiken in Nordirland und damit der Unterstützer einer Einheit stetig steigt.“ Man braucht kein Genie zu sein, um zu erkennen, dass eine solche Einheit nicht im Interesse der Protestanten in Nordirland wäre, die unbedingt Teil des UK bleiben wollen.

Tatsächlich ist die Irlandfrage beim Brexit ein ernstes Dilemma: Egal, was passiert, es gibt immer einen großen Teil der Bevölkerung Nordirlands, der damit unzufrieden sein wird. Zum ersten Mal wird uns wirklich klar, dass der anstehende Brexit nicht nur wirtschaftliche Folgen haben könnte, sondern auch das Potential hat, Menschenleben zu gefährden. Denn all die Gewalt ist noch nicht lange her. Es gibt immer noch eine Reihe von Organisationen und Individuen, die Waffen auf Vorrat haben und sich eine gewaltsame Lösung in ihrem Sinne durchaus vorstellen könnten.

 

„Ich traute mich damals nicht auf die Grundstücke katholischer Familien oder in die Nähe katholischer Dörfer“, sagt James.

Wie schwierig die Vergangenheit in Nordirland war, lernen wir von James und Mary, bei denen wir ein paar Tage verbringen – nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt. James ist Protestant, Mary Katholikin, auch heute ist das noch eher ungewöhnlich. James erzählt, dass er aufgewachsen ist in einem Land, in dem Katholiken in der einen Straße lebten und Protestanten in der anderen. Nach der Heirat wollten beide in die Gegend von James‘ Familie ziehen. Eines Tages kam ein Nachbar vorbei und warnte ihn: „Mary wäre die erste Katholikin in der Straße. Pass lieber auf.“ Das war die Realität für viele. Protestanten und Katholiken lebten und arbeiteten streng getrennt. Jede Seite hatte eigene Schulen, Sportclubs, Vereine. „Ich traute mich damals nicht auf die Grundstücke katholischer Familien oder in die Nähe katholischer Dörfer“, sagt James.

Mary und James können sich noch lebhaft an die Zeiten erinnern, als es Straßenbarrikaden gab, wöchentlich Bomben hochgingen und haufenweise Unschuldige auf beiden Seiten starben. „Jede Familie kann eine Geschichte davon erzählen, wie man einen Verwandten verloren hat oder jemand in der Umgebung knapp dem Tod entkommen ist“, erzählt Mary. Ihr Patenonkel wurde ermordet, weil er Richter war. Am Abend sitzen wir beiden in einem typisch irischen Pub. Der Wirt zapft Guinness und erzählt Geschichten aus dem Dorf. Wir beide sitzen an der Bar und hören zu. Später erzählt uns James, dass Mitte der 90er in genau dem Pub, genau dort, wo wir saßen, zwei junge Männer (ein Katholik und ein Protestant) erschossen wurden. Angriffe auf Pubs waren allzu häufig, wie uns ein Taxifahrer in Belfast erzählt. „Wenn man schnell viele Leute umbringen will, dann ist ein Pub der beste Ort.“

Das Land hat seitdem viele Fortschritte gemacht. Nach dem Karfreitagsabkommen ist die Gewalt deutlich zurückgegangen. Aber auch heute noch zeigt sich die Spaltung der Gesellschaft an vielen Stellen. In Belfast schauen wir uns die sogenannten Peace Walls an – Friedensmauern. Ein trügerischer Name. Mehrere Meter hoch, halten die Mauern und Zäune auch heute noch protestantische und katholische Gemeinschaften voneinander fern. Am Abend gehen die großen Schutztore zu und trennen Menschen, die eigentlich nur wenige Meter voneinander entfernt leben. Die Mauern erschrecken uns und sind doch von der Bevölkerung gewollt: „So fühlen sich die Leute sicherer,“ sagt uns Mark, der auf einer Seite der Mauer wohnt. „Die Gewalt und die Vergangenheit sind einfach noch zu frisch.“

 

Auch Bombenalarme gehören zum Aufwachsen hier dazu

In Belfast erleben wir aber auch Momente, die uns Hoffnung schenken. Gerade in der jungen Generation tut sich viel. Wir besuchen die Peace Players Initiative, die junge Menschen unterschiedlicher Hintergründe beim Baskeball-Spiel zusammenbringt. Einmal wöchentlich treffen sich Teenager aus protestantischen und katholischen Haushalten, um sich kennenzulernen, zu sprechen, zu lachen und natürlich: Basketball zu spielen. Viele der Coaches der Initiative kommen aus den USA und freuen sich, so einen Beitrag zum nordirischen Friedensprozess leisten zu können. Ein junges Mädchen erzählt uns, dass auch sie schon mit Steinen beworfen wurde von Schülern einer Schule der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe. Auch Bombenalarme gehören zum Aufwachsen hier dazu. Immerhin gibt es dann schulfrei, hören wir. Allerdings: die junge Generation ist nach der großen Gewalt geboren und findet sich gut zurecht in einer Gesellschaft, die sich langsam füreinander öffnet. Als wir die 60 Jungs und Mädchen Basketball spielen sehen, gibt uns das ein richtig gutes Gefühl. Es ist sicherlich nicht leicht, in Nordirland aufzuwachsen. Aber wenn die junge Generation hier daraus soviel Gutes ziehen kann, dann ist das auch ein Hoffnungsschimmer für andere Teile Europas und der Welt.

Nordirland werden wir sicherlich als eine der beeindruckendsten und lehrreichsten Stationen auf unserer Reise in Erinnerung behalten. Die Erfahrungen hier zeigen, wie zerbrechlich Frieden sein kann. Vielleicht nehmen wir unsere sehr angenehme Situation in Deutschland manchmal zu selbstverständlich. In Nordirland leben viele Menschen nach wie vor durch Mauern getrennt. Sie sprechen nicht miteinander, gehen auf andere Schulen und haben andere Freunde. Aber ist es soviel anders bei uns zu Hause? Wie oft sprechen und interagieren wir mit Menschen, die einen anderen Hintergrund, eine andere Religion oder eine andere soziale Schicht haben? Wie oft suchen wir das Gespräch mit denjenigen, die gänzlich anderes wählen als wir? Physische Mauern sind das eine, richtig gefährlich sind wohl aber Mauern in unseren Köpfen. Sobald wir uns darüber definieren, was uns unterscheidet, und im Zweifelsfall lieber unter uns bleiben, leisten wir einen ersten Beitrag zur Spaltung unserer Gesellschaft. Aus Nordirland nehmen wir also mit, mehr mit Menschen zu sprechen, mehr zuzuhören und nicht schon von vornherein Vermutungen oder Vorurteile aufzubauen. Wir haben gelernt, dass wir alle einen Beitrag dazu leisten sollten, Gesellschaft offen zu halten, besser zu machen und für Frieden und Demokratie aufzustehen.