Europa ist unser Schicksal

In den vergangenen Wochen berichteten Vincent und Martin für uns aus Europa. Heute ziehen sie ein Fazit.
Von Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer

Foto: Herr und Speer

Sechs Wochen lang waren wir in Europa unterwegs – sechs Wochen, in denen wir unsere Heimat neu kennengerlernt und entdeckt haben. Und obwohl es nicht unsere erste Interrailreise war, hat sich vieles wie eine Neuentdeckung angefühlt.

Die 13 400 zurückgelegten Kilometer haben uns verändert und unseren Blick erweitert. Ob wir es wollen oder nicht, ob unser nationales Ego sich dem widersetzt oder nicht: Wir sind über 500 Millionen Menschen, die zusammen auf diesem Kontinent leben. Europa ist unser großes gemeinsames Schicksal.

Auf dieser Reise haben wir gelernt, was das konkret bedeutet. Wir haben neue Freundinnen und Freunde kennengelernt, besser verstanden, welche Ängste und Hoffnungen es gibt, wo Fallstricke verborgen liegen, wo sich aber auch Chancen auftun. Nach über 100 Gesprächen, Begegnungen und Interviews können wir ein Fazit für uns ziehen:

Europa ist politischer geworden

Im Jahr 2014 waren wir schon einmal per Interrail unterwegs, seitdem hat sich einiges verändert. Brexit, Trump, Orban aber auch #MeToo, „Fridays for Future“ und die Gelbwesten-Bewegung sorgen für Gesprächsstoff und bringen die Leute dazu, politischer zu werden. Auf dieser Reise hatten alle, mit denen wir sprachen, eine politische Meinung. Das fällt ganz besonders in Großbritannien auf. Hier wird seit Wochen über eigentlich nichts anderes mehr gesprochen als über die politische Zukunft des Landes. Menschen verstehen, dass Politik nicht mehr nur Angelegenheit der Parlamente und Regierungen ist, sondern Aufgabe aller. Wir erwarten bei den Europawahlen auch eine höhere Wahlbeteiligung als 2014.

Europas Zivilgesellschaft erfindet sich neu

 

Eine stärkere Politisierung stößt einen weiteren Trend an. Eine Ausweitung des Politikbegriffs. Lösungsvorschläge für die großen und kleinen Fragen unserer Zeit kommen immer häufiger aus der Bürgerschaft. Die Zivilgesellschaft erobert sich mehr Platz im politischen Raum und das Engagement ist so vielfältig wie der Kontinent selbst. Ein paar Beispiele: Über eine Million Menschen aus 22 EU-Staaten unterstützen die Europäische Bürgerinitiative für ein Verbot des Pestizids Glyphosat. In Südfrankreich organisieren sich junge Menschen in der Facebook-Gruppe „Recyclop“, um in ihren Städten Müll aufzusammeln. In Portugals Hauptstadt stimmen Bürgerinnen und Bürger auf der Plattform „Lisboa Eu Participo“ selbst über Lieblingsprojekte ab, die sie von der Stadt gefördert sehen wollen. Und in Nordirland kämpfen Frauen in der „Alliance For Choice“ gegen eines der strengsten Abtreibungsgesetze weltweit. Dank digitaler Vernetzung und akutem Handlungsdruck in vielen Politikfelder erlebt Europas Zivilgesellschaft einen Boost.

Europas Populismus blüht

Seit Ende der 90er Jahre haben populistische rechte wie linke Parteien in der EU ihre Wahlergebnisse mehr als verdreifacht (von sieben Prozent auf rund 25). Immer mehr Menschen in der EU legen ihre politische Zukunft in die Hände radikaler Kräfte. In Frankreich könnte der rechtsextreme Rassemblement National zur stärksten Kraft in der Europawahl werden, er erreicht Wähler bis ins bürgerliche Lager hinein. Bei der Nationalwahl in Spanien zog die neue rechte Partei Vox mit zehn Prozent ins Parlament ein. Die Gräben zwischen etablierter Politik und der Bevölkerung haben sich vergrößert. Hier liegt nach unserer Einschätzung die größte politische Gefahr für die Zukunft des europäischen Projektes.

 

Europas Zukunft ist weiblich

Es ist ein Trend, der uns schon früh auf der Reise aufgefallen ist. Ob in lokalen Büros der europäischen Institutionen oder im Aktivismus – pro-europäische und pro-demokratische Arbeit wird in der Mehrzahl der Fälle von Frauen erledigt. In keinem einzigen regionalen Büro des europäischen Parlaments oder EU-Infobüro haben wir auch annähernd eine Balance an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erlebt. Im Gegenteil, einige Büros sind rein weiblich, alle hatten deutlich mehr Frauen im Team, auch bei der EU Kommission. Von den 32 299 Angestellten sind 17 920 weiblich, das sind rund 55 Prozent. In ehrenamtlichen Tätigkeiten, besonders wenn es um Fragen der Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Demokratisierung geht, das gleiche Bild: mehr Frauen. Zu sagen, dass Frauen die besseren Europäerinnen sind, klingt erst einmal gewagt, auf der anderen Seite lässt sich der Eindruck für uns zumindest nur schwer widerlegen. Tatsächlich stimmen Frauen in Europa im Durchschnitt seltener für populistische Parteien als Männer. Die Lösung europäischer Probleme, die Arbeit für mehr Verständigung und Annäherung – ohne Frauen wären wir alle hoffnungslos aufgeschmissen.

 

Europa sucht nach dem großen Wurf

 

Es geht ein Ruck durch Europa. Die viele Unsicherheit der vergangenen Jahre hat die Bereitschaft gefördert, einen großen Befreiungsschlag herbeizuwünschen oder zumindest darüber nachzudenken. Brexit ist ein Beispiel dafür – wenn auch ein misslungenes. In Frankreich gibt es den Trend auch: eine neue Republik, eine neue Partei oder das Flirten mit den Rechtspopulisten. Die Zeit scheint reif dafür, Europa mutig neu zu denken. Die „Pulse of Europe“-Bewegung hat schon vor zwei Jahren dieses Potential erahnen lassen. Ein Europa der Bürgerinnen und Bürger kündigt sich immer lauter an. Dass es mit VOLT nun auch ein Experiment gibt, das erstmals eine kontinentale Partei ins System einführen möchte, ist Teil dieses Trends. Und in Brüssel stehen die Türen offen für ungewöhnliche Ideen, Vorschläge und Verfahren. So erklären wir uns auch einen Teil des #FreeInterrail-Erfolgs bis hierher. Vor zehn Jahren hätte die Idee keiner ernstgenommen. Heute ist die Lage anders, die politische Union, aber auch immer mehr Bürgerinnen und Bürger wünschen sich mehr Beteiligung und politische Programme, die das Leben spürbar verändern.

Das größte Friedensprojekt der Menschheitsgeschichte, die EU, ist nicht am Ende, sie steht vor einem neuen Kapitel. Sie befindet sich in einem Umbruch – von einer technokratischen Union der Eliten hin zu einem Projekt der Zivilgesellschaft. Noch ist nicht ganz klar, wohin uns dieser Trend führt: Hin zu mehr Skepsis gegenüber internationaler Zusammenarbeit, mehr Mauern und Angst vor dem Unbekannten oder in Richtung von Austausch, Kooperation und Freude an Vielfalt. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein. Wenn wir uns alle noch stärker beteiligen, einmischen und jeden Tag versuchen unseren Beitrag für eine gerechte, demokratische und lebenswerte Gesellschaft zu leisten, steht Europa eine blühende Zukunft bevor. Es liegt an uns.

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