„Boomer prokrastinieren, aber fordern von Millennials, mehr anzupacken“

Millennials geht es wirtschaftlich nicht gut. Aber laut Buchautor Lukas Sustala sind sie daran nicht schuld.
Interview von Nora Pauelsen
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Sind Millennials faul? Oder einfach nur arm dran?

Foto: Andrew Neel / Unsplash / Bearbeitung: jetzt

Im Vergleich zur Babyboomer-Generation, leben Millennials nicht in einer Zeit des extremen wirtschaftlichen Aufschwungs. Wer in den Achtziger- oder Anfang der Neunzigerjahre geboren wurde, muss sich heute mit unbezahlbaren Mieten, befristeten Jobs und einem stagnierenden Einkommen abfinden. Aber liegt das wirklich daran, dass Millennials einfach unmotiviert, faul und verwöhnt sind, wie uns oft vorgeworfen wird? Autor und Volkswirt Lukas Sustala, 33, sagt: Nein. Die Herausforderungen für Millennials seien nicht auf ihr persönliches Versagen, sondern vielmehr auf die Prokrastinations-Politik der früheren Generationen zurückzuführen. Wir haben mit ihm über sein Buch „Zu spät zur Party gekommen - Warum eine ganze Generation den Anschluss verpasst“, gesprochen.

Jetzt: Beim Lesen deines Buches habe ich schlechte Laune bekommen. Steht es denn wirklich so schlecht um die Millennial-Generation, zu der auch du und ich gehören?

Lukas Sustala: Wenn wir uns damit beschäftigen, wie die Wirtschaftskrise 2008 die Erwerbsbiografien der Millennials beeinflusst, muss man leider eine nüchterne Bilanz ziehen. Die Wirtschaftskrise hat dazu beigetragen. Die „Rush Hour of Life“ – Familie gründen, Karriere starten, Eigentum schaffen – ist jetzt mit noch mehr Hürden verbunden als früher. Die Millennials sind leider zu spät zur Party gekommen. Die Boomer waren vor ihnen da und konnten von vielem profitieren. Mit dem Buch möchte ich mit Vorurteilen aufräumen, die die Millennials-Generation treffen. 

Welche Vorurteile sind das? 

Sie seien verschwenderisch und gäben zu viel Geld aus, für das neueste Smartphone oder ausgiebige Brunches. Das stimmt so nicht. Menschen zwischen 20 und 37 sind nur oft unter einem höheren Einkommensdruck als die Generationen vor ihnen, gerade zu Beginn. Dann geben sie vielleicht mehr Geld für den kleinen Luxus aus, wie gutes Essen oder Elektrogeräte, als für den großen Luxus wie Immobilienerwerb. Millennials essen nicht nur Avocado-Toast und investieren keine Zeit in ihre Karriere. Das ist typisches Generationen-Bashing. Ich möchte mithilfe von Daten zeigen, wie es wirklich ist. 

lukas sustala

Lukas ist selbst Millennial – ob ihn die wirtschaftlichen Probleme dieser Generation deshalb zu seinem Buch inspiriert haben?

Foto: Lukas Sustala

Inwiefern lässt sich denn mit deinen Daten ein besonders starker Generationenkonflikt belegen zwischen Millennials und Babyboomern?

In der Wirtschaftskrise 2008 wurden die Interessen der Älteren stärker geschützt als die der Jüngeren. Die Folge: Junge Leute sind heute in der EU relativ gesehen eher armutsgefährdet als Alte. 2018 waren in Deutschland 19,6 Prozent der 16- bis 24-Jährigen von Armut bedroht. Bei den über 64-Jährigen nur 18,2 Prozent. In der Eurozone ist der Unterschied noch größer. Aus der Gruppe der Jüngeren sind 7,6 Prozentpunkte eher armutsgefährdet als aus der der Älteren. 

„Bildung wird immer notwendiger – aber reicht seltener aus“ 

Welche Probleme siehst du noch zwischen den verschiedenen Generationen?

Aktuell werden wieder viele politische Fragen diskutiert, aber es passiert wenig. Wenn wieder einmal darüber geredet wird, welche Probleme es in der Klima-, oder Wohnungspolitik gibt, werden die wirksame Aktionen in die Zukunft verschoben. Boomer prokrastinieren, aber fordern von Millennials, mehr anzupacken. Das nervt offenischtlich viele. So entstand ja auch das Meme „Ok, Boomer“, das soviel aussagt wie: „Du kannst mir nicht wirklich was sagen, denn dir verdanke ich ja das Schlamassel.“

Eine der großen Herausforderungen, denen wir uns als Millennials stellen müssen, seien prekäre Arbeitsbedingungen und weniger Aufstiegschancen. Das mag zwar für kreative Jobs gelten, aber in anderen Branchen, wie Informatik oder Datenanalyse kann man sich einen gut bezahlten Job doch förmlich aussuchen, oder? 

Natürlich gilt das nicht für jeden gleichermaßen. Aber im Mittel kann man sehen, dass die Anforderungen, um sich in die Mittelschicht zu arbeiten, gestiegen sind. Andere Bereiche haben geboomt, wie Programmieren oder medizinische Forschung. Das entwertet aber nicht die Geschichte. Im Schnitt gestaltet sich der Weg für Millennials schwieriger.

Ich bin also machtlos meinem Schicksal ausgeliefert, dass ich es trotz all meiner Bemühungen schwerer haben werde als meine Eltern? Ziemlich deprimierend.

So pessimistisch würde ich es nicht sehen. Das gilt für den traditionellen Weg: Ich fange nach dem Studium einen Job an, dort bleibe ich lange und habe automatisch laufende Einkommenssteigerungen: Darauf kann man sich nicht mehr verlassen. Die Konkurrenzsituation hat sich verschoben. Mit einem akademischen Abschluss findet man nicht automatisch einen guten Job. Bildung wird immer notwendiger – aber reicht seltener aus. Das heißt nicht, dass Bildung nichts bringt. Aber man muss noch stärker überlegen, wohin man sich entwickeln möchte.

„Man muss steilere Wege auf sich nehmen, um zum selben Ziel zu kommen“

In deinem Buch beschreibst du, wie auch der„klassische Lebensweg“ mit Hochzeit, Hauskauf und Kind immer später eingeschlagen wird – wegen der schlechteren finanziellen Situation. Könnte das aber nicht auch daran liegen, dass wir einfach keine Lust mehr auf dieses konservative Lebenskonzept haben?

Da spielen verschiedene Faktoren hinein. Sicher ist die spätere Familiengründung auch eine Folge von anderer Prioritätensetzung im Lebenslauf. Aber ein großer Teil der Entwicklungen in den letzten fünfzehn Jahren lässt sich mit den ökonomischen Rahmenbedingungen erklären. Immobilien werden nicht gekauft, weil nicht genug Eigenmittel da sind. Das ist keine freie Entscheidung. Wenn ich als Mitarbeiter in Kettenverträgen arbeite und immer nur einen befristeten Ausblick haben, mit welchem Einkommen ich in den nächsten Jahren rechnen kann, lässt sich eine Familie schwer planen. Viele möchten ihre wirtschaftliche Situation verbessern, bevor sie Kinder bekommen. Das ging früher in einigen Bereichen eben schneller als heute. 

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Der Staat versucht da ja einzugreifen, zum Beispiel durch die Erhöhung des Kindergeldes. Bringt das etwas? 

Nein, überhaupt nicht. Kindergeld wird nie das eigene Gefühl ersetzen können, selbst beruflich etwas geleistet und verdient zu haben. Wenn man die klassische Personalfrage: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ nicht beantworten kann, dann ist eine Familienplanung schwer. Bis das Kind aus dem Haus ist, dauert es zwei Jahrzehnte. Da ist ein Gefühl von Sicherheit viel entscheidender, als ein paar hundert Euro mehr im Monat. 

Was würdest du mir als Millennial raten? 

Stell dich breit auf. Ob das Erlernen einer anderen Sprache oder mit Programmierfähigkeiten, oder indem du in Online-Kursen von amerikanischen Spitzenuniversitäten Coden lernen. Die Möglichkeiten sind heute ja sehr vielfältig. Man muss sie nur nutzen. Dabei muss einem aber eins bewusst sein: Breite Fähigkeiten sind vielleicht kein goldenes Ticket mehr in den Berufseinstieg, wie noch vor 30 Jahren. In vielen Bereichen findet man einen deutlich höheren Wettbewerb unter super talentierten, intelligenten, mathematisch sowie soziologisch versierten jungen Menschen. Man muss steilere Wege auf sich nehmen, um zum selben Ziel zu kommen.

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