Alle sind vernarrt in die Weltretter*innen der Generation Z

Und was ist mit uns? Der offene Brief eines beleidigten Millennials.
Von Berit Dießelkämper

Illustration: Julia Schubert

Liebe Generation Z,

alles begann mit dem Gefühl, auf einmal nicht mehr gut genug zu sein. Ein leichtes Ziehen im Körper, irgendwo zwischen Magen und Herz. Das war vor ein paar Jahren, als einige bereits anfingen, von euch, der Generation Z, also den seit 1997 Geborenen, zu schwärmen. Darüber, wie technisch versiert ihr doch wärt und wie mühelos ihr mit den neuen, digitalen Herausforderungen umgehen würdet, während wir uns das alles erst mühsam aneignen mussten. 

Das war sehr schwierig für mich als Mitglied der Generation Y – also eine Person, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurde. Denn wir Millennials wollten doch, dass bitte weiterhin nur über uns als die Zukunft gesprochen wird. Im Gegensatz zu euch wussten wir noch, wie es sich anfühlt, draußen zu spielen und uns ein Bein zu brechen. Wir fühlten uns überlegen, weil wir keine Helikoptereltern hatten (oder zumindest hießen sie damals noch nicht so), weil wir nicht schon seit der Krabbelgruppe Leistung bringen mussten und weil Bilder unserer Kindheit noch in Fotoalben geklebt wurden und nicht irgendwo in einer Cloud schwebten. Wir hielten euch für unfassbar naiv, hatten Mitleid. Dabei waren wir es, die alles einfach nicht kapierten. 

Denn jetzt seid ihr auf einmal die Zukunft. Die, die uns alle retten werden. Euer Glück, dass viele wichtige Frauen der Gegenwart, wie Greta Thunberg, Emma González und Malala Yousafzai, alle eurer Generation angehören. Uns bleibt jetzt nur noch eines übrig: Beleidigt sein! Dieses flaue Gefühl von vor ein paar Jahren hat sich mittlerweile zu echtem Hass auf euch verklumpt.

Millennials gelten jetzt schon als die schlimmste Generation überhaupt

„Warum?“, fragt ihr jetzt vielleicht ein wenig verwirrt und starrt uns aus euren süßen Kulleraugen an. Aber darauf fallen wir nicht mehr rein! Alle anderen sind vielleicht total vernarrt in euch, eure Visionen und euer Engagement, aber wir nicht! Sorry, aber das ist der Deal, die inoffizielle Zusatzklausel im Generationenvertrag: Jede Generation ist verpflichtet, ihre Nachfolgegeneration zu verachten. Insbesondere, wenn man so unbeliebt ist wie meine.

Wir wissen auch nicht so genau, wie das passiert ist, aber wir, die Millennials, gelten jetzt schon als die schlimmste Generation überhaupt. Zumindest ist es das, was (ältere) Menschen immer wieder proklamieren. Wir sind zu sensibel, verweichlicht, egozentrisch, starren nur in unsere Handys, sind ansonsten ziemlich faul – und wir haben die Mayo getötet. Und jetzt seid da ihr: Ihr seid politisch, wir nur selbstmitleidig. Ihr habt das große Ganze im Blick, wir nur uns selbst. Ihr werdet das Klima retten, wir werden mit unserem Avocado-Konsum auch das letzte Wasserloch austrocknen.

Und weil diese ganzen Wir-so-ihr-so-Behauptungen ohne harte Wikipedia-Fakten nichts wert sind, gibt es natürlich auch reihenweise Studien dazu: In einem Video erklärt ein Professor der Universität New Hampshire, wir Millennials hätten eine „Tendenz zu einem übersteigerten Selbstbewusstsein“, eine „unrealistische Erwartungshaltung“ und eine „tief verankerte Abwehr gegenüber Kritik“. Wir halten das für absolut schwachsinnig und glauben eher, dass ihr das Problem seid. Ihr stehlt uns nämlich die Show! 

Wenn aus unserer Generation mal jemand etwas Mutiges macht, wie beispielsweise die Kapitänin der „Sea Watch 3“, Carola Rackete, dann wird das nicht direkt uns allen zugeschrieben, sie ist dann eine Ausnahmeheldin. Und während man uns für anspruchsvolle, verwöhnte Smombies hält, verfallen alle in Begeisterungsstürme, wenn ihr vor euren Handys hängt. Vielleicht gründet ihr ja gerade das nächste Start-up, das im Gegensatz zu unseren auch noch super nachhaltig und politisch relevant ist. Super unfair!

Während wir auf der Suche nach Selbstverwirklichung barfuß durch Indien laufen, geht ihr jeden Freitag auf die Straße

Auch auf den verschiedensten Streaming-Portalen gibt es immer mehr Serien und Filme, in denen Mitglieder eurer Generation die Held*innen sind: Ihr rettet die Welt vor Aliens (Rim of the World), organisiert euch eine eigene, bessere Gesellschaft (The Society) oder werdet reich, indem ihr im Internet Drogen verkauft (How to Sell Drugs Online (Fast)). Die Message ist: Ihr könnt alles erreichen, ihr müsst nur daran glauben, beziehungsweise es einfach machen. 

Das ist nicht besonders neu, genau das Gleiche hat man uns auch erzählt, aber dann wurden wir irgendwann zur Karikatur. Rund 20 Geburtenjahrgänge undankbare Nichtsnutze. Während wir uns also mit Mitte 20 von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten wälzen, spricht eure Heldin Greta Thunberg mit 15 Jahren vor Politikerinnen und Politikern auf der UN-Klimakonferenz. Während wir auf der Suche nach Selbstverwirklichung barfuß durch Indien laufen, geht ihr jeden Freitag auf die Straße. Ihr verändert das, womit wir versucht haben, zurechtzukommen. Ihr erreicht, an was ihr glaubt und wir hebeln uns selbst aus.

Versteht uns nicht falsch, die Welt zu retten, finden wir super, aber wir wären halt gerne dabei, als Teil eures Teams. Wir würden uns das auch gerne in den Lebenslauf schreiben und als die Generation, die auch etwas hinbekommen hat, aus dem Ganzen hier rausgehen.

Deswegen: Liebe @GenerationZ, wenn ihr schon so viel weniger egoistisch seid als wir, dann könnt ihr uns doch jetzt auch mal ein bisschen empowern und uns mit ins Weltretter-Business holen – vielleicht als Praktikantinnen?!

xoxo

Eure Millennials

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