„Wenn man der AfD beitritt, ist man extrem schnell in einer Filterblase“

Illustration: FDE

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Alexander Leschik, 21, studiert Jura und war ab 2015 aktives Mitglied der Jungen Alternativen, ab 2016 der AfD (Kreisverband Münster) und unter anderem im Bundesvorstand der Jungen Alternativen (JA). Im April diesen Jahres trat er aus – aus Gewissensgründen, wie er sagt. Zusammen mit seinem ebenfalls ausgetretenen ehemaligen Parteifreund Nicolai Boudaghi veröffentlichte er daraufhin das Buch „Im Bann der AfD“ über ihre Erfahrungen in der Partei. 

jetzt: Alexander, du warst 15, als du der Jungen Alternativen beigetreten bist. Davor warst du erst bei den Jusos und der Jungen Union. Wie kommt man gedanklich innerhalb kurzer Zeit von der SPD zur AfD?

Alexander Leschik: Ich fand Peer Steinbrück super damals – höherer Mindestlohn, einheitliche Bürgerversicherung, all das. Aber dann hat mich auch gestört, dass bei den Jusos Patriotismus total verpönt war. Der war dort gleichbedeutend mit Nationalismus und Fremdenhass. Für mich ist das nicht so. Meine Eltern kamen in den 80ern aus Schlesien und waren dankbar, hier leben zu dürfen. Auch ich will stolz auf meine Heimat sein dürfen. Und bei der Jungen Union hat mir einfach niemand zugehört oder mich für voll genommen.

2015, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, bist du dann in die AfD eingetreten. Wie standest du denn selbst zu Themen wie Einwanderung und Integration? Und wie heute?

Ich war damals anfällig für die Idee, dass man nur Migration aus christlichen Ländern anstreben sollte, weil alles andere zu Integrationsproblemen führe. Das sehe ich heute nicht mehr so. Ich glaube, dass Religion viel weniger ausschlaggebend für die Integrationsfähigkeit ist als Kultur, Bildung und soziale Verhältnisse. 

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Alexander sagt, dass er mit seinem Buch vor allem junge Menschen vom Eintritt in die AfD abhalten will.

Foto: Christoph Braun

Woher kommt dieser Meinungswandel?

Ich würde sagen, dass Begegnungen, Gespräche, Freundschaften mit Muslimen und mehr Lebenserfahrung mit Sicherheit den größten Anteil daran haben, dass ich heute mit 21 einen deutlich differenzierteren Blick auf Missstände in der Migrationspolitik habe, als das mit 15 oder 16 der Fall war. Wenn man der AfD beitritt, ist man extrem schnell in einer Filterblase. Freunde, die eine andere Meinung hatten, waren damals ganz schnell weg aus meiner Facebook-Freundesliste. Und dann war meine Timeline bald voll mit Posts, durch die man den Eindruck bekam, dass nichts anderes mehr in Deutschland passieren würde, als dass jeden Tag irgendeine Frau von einem Flüchtling ausgeraubt oder bestohlen oder vergewaltigt wird. Und ja, auch ich habe meine Wahrnehmung dadurch verzerren lassen. 

„Meine Eltern sind überzeugte SPD-Wähler, meine Schwester sogar eher noch weiter links. Sie gendert zum Beispiel“

Du hast zum Beispiel Dinge gepostet wie „Deutschland erwache!“ und die Antifa mit der SA verglichen.

Beide Äußerungen sind aus dem Wahlkampf 2017. Im ersten Fall wusste ich nicht, dass das eine Parole aus der NS-Zeit war. Als mich ein Parteifreund später darauf hingewiesen hatte, habe ich den Post sofort gelöscht. Im zweiten Fall war ich in einer emotional aufgeladenen Situation und habe körperliche Angriffe der Antifa auf AfD-Wahlkämpfer mit den Methoden der SA verglichen. Ich verachte Gewalt als Mittel in der politischen Auseinandersetzung, habe aber auch diesen Tweet schon lange Zeit vor meinem Austritt gelöscht, da die Verbrechen der SA in keiner Relation zu den gewalttätigen Übergriffen der Antifa stehen. Ich habe beide Aussagen auch sehr bewusst in meinem Buch schon in der Einleitung von mir aus thematisiert, ohne dass diese Postings vorher mediale Aufmerksamkeit erfahren hatten.

Wie kam deine AfD-Mitgliedschaft denn bei deinem sozialen Umfeld an? Bei deiner Familie? Deinen Freunden? 

Meine Eltern sind beide überzeugte SPD-Wähler, meine Schwester sogar eher noch weiter links. Sie gendert zum Beispiel. Meine Familie hat meinen AfD-Aktivismus dementsprechend kritisch gesehen, es gab schon die ein oder andere Auseinandersetzung. Sie haben meine Entscheidungen zwar insgesamt respektiert, waren dann aber doch erleichtert, als ich ausgetreten bin. Was meine Freunde angeht, hatte ich das Glück, dass in meinem engeren Freundeskreis erstmal niemand gesagt hat: Du bist für mich gestorben.

Und außerhalb dieses Freundeskreises?

Da ist mir schon viel Feindseligkeit begegnet. Man fängt an zu studieren, die Parteimitgliedschaft wird bekannt und auf einmal wirst du nicht mehr auf Partys eingeladen. Leute, die dich früher gegrüßt haben, tun das nicht mehr. Als ich 15 war, wurden auf dem Schulgelände 40 Plakate aufgehängt mit meinem Bild, auf denen ich als Aktivist der Jungen Alternativen geoutet werden sollte. Als ich 2016 Flyer für den Wahlkampf verteilt habe, wurde ich auch zusammengeschlagen, von Vermummten – ich vermute Antifa. Wir haben dann auch Anzeige erstattet. (Laut Staatsanwaltschaft Mainz wurde das Verfahren gegen drei angeklagte Personen und vier weitere, unbekannt gebliebenen Personen gegen Auflage eingestellt, Anm. d. Red.). Ich habe mich durch solche Erlebnisse auf der richtigen, der guten Seite gefühlt, die zum Schweigen gebracht werden soll.

„In die JA sind ruckartig immer mehr Leute gekommen, die vorher der Neuen Rechten angehört hatten“

In eurem Buch betont ihr immer wieder, dass ihr nicht Teil des Höcke-Flügels wart, sondern zu den „Moderaten“ gehört habt. Wie kann man in einer Partei moderat sein, in der mit NS-Vokabular um sich geworfen wird? 

Da gibt es schon Unterschiede. Ich finde zum Beispiel, man kann durchaus von einem konservativen Standpunkt aus den Islam kritisieren – aber der Flügel ist pauschal gegen Muslime, gegen Ausländer. Der Flügel will eine komplette Absage an außereuropäische Migration. Außer man bringt Millionenbeträge ins Land. Ich war dafür, sich am kanadischen Einwanderungs-Modell zu orientieren, verbunden mit der Green Card-Lotterie der USA. Ich habe mich gegen Rassismus und Homophobie ausgesprochen. In Münster ging das noch, aber auf Parteitagen wurde ich von Anhängern des Höcke-Flügels niedergebrüllt als „Merkel-Hure“, „Flüchtlings-Lobbyist“, „liberales Schwein“. Davon habe ich mich dann schon einschüchtern lassen. Aber auch mein Tonfall wurde rauer: „Masseneinwanderung“, „Flüchtlingswelle“, „Willkommenskanzlerin Merkel“. Dafür hat man dann Applaus bekommen.

Von außen betrachtet sieht man diese Unterschiede zwischen Moderaten und Flügel nicht wirklich.

Von innen aber ganz deutlich. Gerade in die JA sind ruckartig immer mehr Leute gekommen, die schon lange vorher der Neuen Rechten angehört hatten. Leute, die regelmäßig geschult wurden auf Seminaren des Instituts für Staatspolitik (Eine private Einrichtung um den Verleger Götz Kubitschek, die als Think Tank der Neuen Rechten gilt, Anm. d. Red.). Die gelernt haben: Wie baue ich Strukturen auf? Wie schleuse ich radikale Neu-Mitglieder in die Partei ein? Die waren sehr gut vorbereitet und hatten die klare Intention: Wir wollen hier eine neurechte Kaderpartei etablieren. 

Du glaubst also, dass das eine gezielte Unterwanderung war?

Ja. Die hatten einen genauen Zeitplan. Die haben gewusst: Die Zeit ist auf ihrer Seite. Am Rande des JA-Bundeskongresses 2018 habe ich Höcke mal persönlich getroffen und er hat zu mir gesagt: „Dieses Gespräch, das können wir uns sparen. Sie sind bald nicht mehr Teil dieser Partei. Ihre Zeit läuft ab und meine Zeit kommt noch.“

In eurem Buch werden unter anderem Chatverläufe aus der von dir gegründeten JA-Gruppe „Junge Garde“ von 2017 wiedergegeben mit eindeutig rechtsextremen Inhalten. Da bleibt kein Zweifel daran, warum die JA unter Beobachtung des Verfassungsschutzes gestellt wurde: Es wird damit angegeben, wer die meisten Ausländer verprügelt oder beleidigt hat, es wird die Freilassung eines verurteilten, gewalttätigen Neonazis gefordert, ein Bürgerkrieg wird herbeigesehnt und Gewaltfantasien durchgespielt („Ich will ein eigenes Arbeitslager. Und so Amon-Göth-like rumsnipen.“). Das war vier Jahre, bevor du ausgetreten bist. 

Diese krassen Aussagen sind nicht gefallen, als ich noch Administrator der Gruppe war. Ich hatte die Gruppe zwar gegründet, aber als der Tonfall da immer rauer wurde, hab ich sie wieder gelöscht. Dann wurde sie von jemand anderem wieder neu gegründet und ich wieder hinzugefügt. Moderate Mitglieder des Bundesvorstands haben mich dann damit beauftragt, in der Gruppe zu bleiben. Da hieß es: Bleib mal da drinnen, lies dir das durch, mach Screenshots und vielleicht können wir dann ein paar von den Leuten rauswerfen. 

„Man hat Angst, dass man, wenn man austritt, auf einmal aufwacht und eine riesige Leere vorfindet“

Und wurde jemand rausgeschmissen wegen deiner Screenshots? 

Einige der Screenshots haben den Weg in ein parteiinternes Dossier über den Landesverband der JA Niedersachsen gefunden. Dadurch wurde ein Beitrag dazu geleistet, dass wir alle Mitglieder des Landesverbandes, von denen die meisten zum Flügel gehörten, 2018 aus der Jungen Alternative ausschließen konnten. 

Als du diese Dinge gelesen hast, hattest du ja schwarz auf weiß, in was für einer Partei du warst. Mal ernsthaft, spätestens dann hättest du doch austreten können.

Schon, aber ich hatte auch einfach irgendwann eine Trotzhaltung, weil ich schon so viel in Kauf genommen hatte für meine konservative Position. 2019 bin ich dann immerhin schon aus der Jungen Alternative ausgetreten. Es ist wirklich erschreckend, wie die sich entwickelt hat. Das ist quasi ein Höcke-Führerkult, da gibt’s Höcke-Tassen, Höcke-Jutebeutel, das Buch von Höcke hat jeder. Da wird sich teilweise ernsthaft und nicht im Scherz mit „Heil Höcke!“ begrüßt. Ich glaube, wenn Björn Höcke auf einer Bühne steht und diesen jungen Leuten sagt: Zieht vor den Reichstag, wir stürmen dieses Gebäude – da gäbe es genug, die dazu bereit wären. 

Aber in der Mutterpartei bist du noch zwei Jahre geblieben.

Ja. Ich hatte auch ein Stück weit das Gefühl, dass es für mich kein Zurück mehr gibt. Ich glaube, das geht vielen Gemäßigten in der Partei so: Man hat Angst, dass man, wenn man austritt, auf einmal aufwacht und eine riesige Leere vorfindet. Die Gesellschaft akzeptiert einen nicht mehr. Manche haben auch nicht mehr die Unterstützung ihrer Familie oder Freunde. Aber in der AfD haben sie Halt, Freunde, eine Aufgabe, politische Wirkungsmöglichkeiten. Zumindest glaubt man das. 

Was glaubst du, wird mit der AfD passieren?

Ich glaube, dass die AfD deutlich lauter, radikaler, enthemmter werden wird. Aber ich glaube nicht, dass sie mehr Erfolg haben wird. Sie wird sich bundesweit einpendeln als rechtsradikale Protestpartei. Und solange es der CDU oder der FDP nicht gelingt, das enttäuschte Protest-Klientel von der AfD wegzuholen, wird sich auch so eine Partei im Bundestag halten und ihre Ideologie aus staatlichen Töpfen subventionieren können.

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