Lilly Blaudszun kämpft für eine bessere SPD

Die Nachwuchs-Politikerin hat die Hoffnung in ihre Partei noch nicht verloren und sagt: „Jetzt erst recht“.
Interview von Lena Kellhuber

Foto: Paul Bahlmann

Der Umgang mit Artikel 13, das Youtube-Video gegen die Volksparteien, ständige Personaldebatten, Groko, „Rentnerpartei“: Die SPD stürzt immer mehr in die Krise und verliert vor allem bei jüngeren Wähler*innen an Zustimmung.  

Und trotzdem gibt es noch Menschen wie Lilly Blaudszun. Sie ist 18 Jahre alt und stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos in Mecklenburg-Vorpommern. Was ist ihre Motivation, weiterhin für die SPD zu kämpfen?

jetzt: Warum bist du in der SPD?

Lilly Blaudszun: Ich bin seit Anfang 2017 Mitglied. Die Grundidee, dass wir jeden Menschen in seiner individuellen Lebensplanung unterstützen, egal wo er herkommt und wer seine Eltern sind, gefällt mir. Jeder soll in seinem Leben erreichen können, was er möchte: zum Beispiel Abitur machen oder studieren. Alle sollen die finanzielle Möglichkeit dazu bekommen und den Aufstieg schaffen können. Das ist die Idee der Sozialdemokratie und die finde ich so faszinierend, dass ich dafür eingetreten bin.

Also bist du aktuell nicht von deiner Partei enttäuscht?

Natürlich finde ich es schwierig, wie sich die SPD in manchen Punkten verhält. Wenn man jetzt zum Beispiel auf das „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ im Bundestag schaut (Anm. d. Red.: ein Gesetzesentwurf über die konsequentere Durchsetzung der Ausreisepflicht von abgelehnten Asylbewerbern) – da erwarte ich als Sozialdemokratin, dass die SPD sich anders verhält. Würde ich eine Partei wollen, die mir voll und ganz entspricht, müsste ich meine eigene gründen. Gerade jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir die SPD komplett umkrempeln können – inhaltlich und personell. Ich bin motiviert und will diese „Jetzt erst recht“-Haltung mit in die Partei tragen und zusammen für eine bessere SPD kämpfen.

Ein Kritikpunkt an der SPD ist, dass sie junge Menschen nicht mitnimmt. Wie siehst du das?

Es gibt keine Partei, mit der man 100 Prozent einverstanden ist. In der SPD finde ich natürlich auch Punkte, mit denen ich nicht übereinstimme. Wir kämpfen intern für neue Inhalte und Personen und setzen uns natürlich mehr für junge Leute ein. Man hat ja bei der Wahl gesehen, dass die SPD das momentan nicht wahrnehmbar tut, aber dass wir da definitiv hinmüssen.

„Die SPD ist in der Basis keine alte Männerpartei mehr und das müssen wir zeigen“

Also doch keine Rentnerpartei?

Der Eindruck hat viel mit den vergangenen Parteispitzen zu tun, das waren oft ältere Männer. Aber zum Beispiel mit dem „Schulz-Hype“ sind viele junge Leute eingetreten, die die Partei vor Ort mitgestalten. Die SPD ist in der Basis keine alte Männerpartei mehr und das müssen wir auch im Parteivorstand zeigen.

„Es reicht nicht, wenn Andrea Nahles geht“, hast du auf Twitter geschrieben. Was würde denn in deinen Augen reichen?

Mein Weg wäre, dass wir den Parteitag auf den Sommer vorziehen, dann müssen wir den kompletten Parteivorstand neu wählen. In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder unsere*n Parteivorsitzende*n ausgetauscht. Es reicht aber nicht, immer nur den führenden Kopf auszutauschen, wenn das Team dahinter dasselbe bleibt. Mein Ziel ist zum einen eine inhaltliche Erneuerung und zum anderen, dass die Leute wirklich mal hinterfragen: „Was habe ich zur aktuellen Situation der SPD beigetragen und wie kann ich dazu beitragen, dass es besser wird?“ Entweder, indem sie nicht mehr antreten oder durch eine radikale Kursänderung.

Was meinst du mit Kursänderung? In welche Richtung soll sich die SPD für dich entwickeln?

Mir ist es wichtig, dass wir mal offen diskutieren. Kevin Kühnert zum Beispiel hat einen Anstoß gegeben mit der Systemfrage. Dass das nicht gleich weggewischt wird, sondern dass wir als SPD uns trauen, mutig darüber zu diskutieren. Wo wollen wir eigentlich stehen, wie soll die Zukunft für uns aussehen? Der demokratische Sozialismus ist beispielsweise in unserem Grundsatzprogramm verankert, das ist ja nichts, von dem sich die SPD distanzieren müsste. Es ist etwas, das zu unserer Identität gehört. Wir müssen aber auch bei Themen wie Klimaschutz oder Digitalisierung unsere Ideen und Antworten formulieren, da sind wir einfach überhaupt nicht auf dem Platz.

„Es ist einfach, sich abzuwenden. Aber ist nicht spannender, für eine gute Grundidee zu streiten?“

Nach dem Ende von Andrea Nahles wurde der SPD ein schlechter Umgang mit Frauen vorgeworfen. Erlebst du das auch?

Parteien können nur so gut wie die Gesellschaft sein. Daher ist es natürlich ein Problem innerhalb der Partei, aber vor allem auch der Gesellschaft insgesamt.  Oft ist es beispielsweise so, dass Frauen gar nicht die Zeit haben, abends zur Ortsvereinssitzung zu gehen. Da müssen die Politik und auch die SPD familienfreundlicher werden, damit sich mehr junge Frauen einbringen können. Gleichzeitig sieht man mit Manuela Schwesig und Malu Dreyer, dass man auch als Frau in der SPD etwas erreichen und sehr viel gestalten kann. Wir jungen Frauen sollten uns das als Beispiel nehmen und uns niemals unterkriegen lassen.

Was sagst du jungen Leuten, die von der SPD enttäuscht sind?

Ich kann sie nur dazu aufrufen, selbst mitzugestalten, wie wir die SPD in Zukunft ausrichten. Natürlich ist es immer einfach, sich von Parteien abzuwenden. Aber ist es nicht viel spannender, für eine gute Grundidee zu streiten? Gerade jetzt stehen wir vor einer grundlegenden Neuausrichtung der Sozialdemokratie. Wir haben viele gute Leute, die gute Ansichten vertreten und die man auch unterstützen sollte.

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