Was Schüler*innen in anderen Ländern über den Holocaust lernen

Und was nicht. Das hat Peter Carrier untersucht – und eine Weltkarte erstellt.
Interview von Kolja Haaf
holocaust in der schule

Das Holocaust-Denkmal in Berlin soll an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Auch Schulunterricht soll über die Zeit aufklären. Aber in welchen Teilen der Welt tut er das wirklich?

Foto: time. / photocase.de

Peter Carrier ist vergleichender Literaturwissenschaftler und befasst sich mit kollektiven Gedächtnissen und geschichtlicher Bildung. Für das Georg Eckert Institut für internationale Schulbuch-Forschung hat er untersucht, ob und wie der Holocaust weltweit im Schulunterricht behandelt wird. Dabei hat er massive Unterschiede gefunden.

jetzt: Ich würde vermuten, dass das Thema Holocaust in Deutschland besonders präsent in Medien und Unterricht ist. Stimmt das?

Peter Carrier: Ja, das stimmt. Aber auch in den meisten anderen europäischen Ländern hat der Holocaust im Geschichtsunterricht einen relativ hohen Stellenwert. Deutschland sticht da nicht unbedingt heraus. Was allerdings stimmt, ist, dass in deutschen Lehrbüchern durchschnittlich mehr Seiten dem Holocaust gewidmet sind. Außerdem liegt hier mehr Gewicht auf einer politischen Einordnung: Es geht vor allem um Diktatur gegen Demokratie. In anderen Ländern spielen lokale Ereignisse wie zum Beispiel Kollaboration und Widerstand und auch die kulturgeschichtliche Einordnung eine größere Rolle.

„Dieses Unwissen bewirkt teilweise sogar eine Art Faszination – zum Beispiel von Hitler“

Sie haben Schulbücher und Lehrpläne weltweit verglichen und sogar eine Weltkarte erstellt. Je dunkler das Land ist, desto höher ist dort der Stellenwert des Holocausts in den staatlichen Lehrplänen. Was gibt es da für regionale Unterschiede und warum?

In Europa und der westlichen Welt ist es so, dass in allen Lehrplänen der Holocaust explizit benannt wird und vorgeschriebenes Unterrichtsthema ist. In Südamerika wird der Holocaust auch etwas mehr behandelt, wahrscheinlich, weil es dort eine starke jüdische Einwanderung gegeben hat, während und nach dem Krieg.

Afrikanische und asiatische Länder kann man ganz grob bündeln als Länder, in denen der Holocaust weder in den Lehrplänen noch in den Schulbüchern ein besonders großes Thema ist. Das ist für unser eurozentristisch geprägtes Empfinden kaum vorstellbar. Im nahen Osten wird der Holocaust teilweise völlig ignoriert. Das kann auch mit einer feindlichen Haltung gegenüber dem Staat Israel zu tun haben.

karte

Je dunkler die Fläche eines Landes auf der Karte eingefärbt ist, desto intensiver wird der Holocaust dort im Unterricht behandelt.

Peter Carrier et al. / The International Status of Education about the Holocaust. A Global Mapping of Textbooks and Curricula

Das heißt, dort steht in den Büchern einfach nichts zu dieser Zeit?

Nichts oder wenig. In einem aktuellen Schulbuch im Irak werden beispielsweise kurz „Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen“ erwähnt, die in Deutschland stattgefunden hätten. Der Ausdruck „Die Anführer des Nazismus“ fällt noch in diesem Zusammenhang und von den Nürnberger Prozessen ist kurz die Rede. In denen seien dann die Schuldigen bestraft worden und damit sei diese Zeit abgeschlossen gewesen und Gerechtigkeit wieder hergestellt. Es werden weder die Täter noch die Opfer explizit benannt, das Wort „Juden“ fällt nur im Zusammenhang mit der Einwanderung nach Palästina. 

„Jedes Land hat seine eigene Version der Geschichte“

Ist es nicht gefährlich, wenn das Wissen um dieses unvergleichbare Verbrechen in einem Land keine große Rolle mehr spielt?

Sehr. Uns hat auch teilweise verblüfft, dass es in vielen Ländern nicht nur Unwissen über diese Zeit gibt, sondern dass dieses Unwissen oder stark selektive Wissen teilweise sogar eine Art Faszination bewirkt. Etwa von der Figur Hitler. Sein Charisma wirkt so gesehen noch bis in die Gegenwart hinein und führt teilweise zu einer Art Verherrlichung.

Trotzdem ist es nicht so, dass wir unsere Auffassungen über den Holocaust einfach exportieren sollten und dann wäre alles in Ordnung. Sondern es geht auch um eine grundsätzliche Art von Geschichtsauffassung. Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen und zu begreifen, wie Geschichte zu Gegenwart führt. Und es geht darum, kritisch denken zu lernen, auch in Bezug auf das eigene Land und die eigenen Werte.

holocaust lehrplan quadrat

Peter Carrier fand heraus, wie unterschiedlich verschiedene Länder die Geschichte aufarbeiten.

Foto: Peter Carrier

Was wird denn in den entsprechenden Ländern stattdessen im Geschichtsunterricht gelehrt?

Jedes Land hat seine eigene Version der Geschichte. Eine Kollegin von mir befasst sich zum Beispiel damit, dass die hinduistischen Nationalisten, die Indien regieren, sich teilweise auf den Nationalsozialismus berufen. Das wird auch in Schulbüchern transportiert. Konzepte wie „Lebensraum“ und die ethnische Einheit einer Nation werden dort durchaus als positiv bewertet. Einen ganz anderen Zugang hat wiederum Ruanda: Dort werden in den Schulbüchern Holocaust und Nationalsozialismus mit dem Völkermord in Ruanda verglichen.

„In Aufsätzen wird zum Beispiel die Sprache der Nazis manchmal einfach übernommen“

In Deutschland und der westlichen Welt ist antisemitische Rhetorik immer häufiger zu hören. Auch in der Jugendkultur, im Gangsta-Rap zum Beispiel. Wissen junge Menschen zu wenig über die Verbrechen der Nationalsozialisten?

Das Wissen ist da. Aber wir haben in einer anderen aktuellen Studie die Beobachtung gemacht, dass Neuntklässler in Aufsätzen zum Thema häufig wenig Distanz zu den Tätern zu haben scheinen. Da wird zum Beispiel die Sprache der Nazis manchmal einfach übernommen. Da heißt es dann etwa: „Die Juden waren anders“, statt: „Die Nationalsozialisten behaupteten, die Juden seien anders.“ Auch wird häufig im Präsens geschrieben, statt in der Vergangenheitsform.

Was bräuchte es denn, um die Relevanz, den Kontext und nicht zuletzt das Grauen des Holocausts wenigstens annähernd zu vermitteln? Was sollte sich ändern beim Thema Holocaust im Geschichtsunterricht? 

Die Frage müsste meiner Meinung nach eher lauten: Was bräuchte man außer Geschichtsunterricht? In Deutschland, aber auch in anderen Ländern, fehlen andere Formen des Zugangs. Ein politikwissenschaftlicher zum Beispiel: Was ist Nationalsozialismus, wie funktioniert er? Oder ein soziologischer: Was ist Charisma? Wie kann es aus soziologischer Sicht zu so einem Verbrechen kommen?

Man sollte auch die Literatur, die Kunst und vor allem Praxis hinzuziehen. Das heißt: Gedenkstätten besuchen. Oder einfach auf die Straße gehen und sich umschauen. In Deutschland gibt es an jeder Ecke Denkmäler, Gebäude und andere Überbleibsel, die an diese Zeit und ihre Menschen erinnert und die den Schülern helfen können, sie zu sich selbst in Beziehung zu setzen. 

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