„Wir haben jetzt ein großes Glaubwürdigkeitsproblem“

So bewerten junge Liberale die Wahl in Thüringen.
Protokolle von Katharina Steinhäuser
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Fotos: James Zabel, Privat

Am Mittwoch wurde Thomas Kemmerich von der FDP zum

Ministerpräsidenten gewählt – mit Stimmen der AfD. Das sorgte

bundesweit für Proteste. Kemmerich nahm die Wahl zunächst an, hat aber

inzwischen seinen Rücktritt verkündet. Durch den Vorfall geriet die FDP

stark in die Kritik. Noch ist unklar, welche Folgen daraus für die Partei

entstehen. Wir haben mit Mitgliedern der Jungen Liberalen darüber gesprochen, wie sie zu den Ereignissen in Thüringen stehen.

„Wenn die Wahl eine Pizza wäre, würde man die zurückgeben, zu viel Rande, zu wenig Mitte“

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Foto: James Zabel

Tobias, 22, Wirtschaftspädagogikstudent aus München

„Ich war enttäuscht und verärgert. Natürlich ist es gut, wenn es neben den beiden Kandidaten von links und rechts eine Alternative gibt. Es geht aber nicht, dass sich ein FDP-Kandidat mit Unterstützung von rechten Parteien ins Amt bringen lässt. Kemmerich hätte die Wahl deshalb nicht annehmen dürfen. Ich bin froh, dass er nun zurücktritt, um größeren Schaden von der Partei, Thüringen und der Demokratie abzuwenden.

Die Proteste gegen die Wahl kann ich nachvollziehen und finde sie auch

notwendig. Die Art und Weise sehe ich allerdings kritisch. Die FDP-

Geschäftsstellen, zum Beispiel in München oder Berlin, stehen unter

Polizeischutz. Das finde ich schon krass. Die starken Anfeindungen, die wir

bekommen, sind einfach unangemessen. Was mich auch sehr geärgert

hat, ist, dass sich die Kritik gegen die gesamte FDP und nicht nur gegen

den Landesverband Thüringen richtet. Es wird überhaupt nicht

differenziert.

Ich hoffe, dass es zu Neuwahlen kommt und die anderen Parteien den Weg

dafür freimachen. Dann wünsche ich mir ein Bündnis der Mitte, das die

Extreme von links und rechts durchbricht. Wenn die Wahl eine Pizza wäre,

würde man die zurückgeben, zu viel Rande, zu wenig Mitte.“

„Ich denke, keiner in der Partei hat mit diesem Ergebnis gerechnet“

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Foto: Privat

Matthias, 25, Rechtsreferendar aus Kempten

„In Thüringen sind zwei Extreme sehr stark ausgeprägt: Auf der einen Seite die Linke, auf der anderen Seite die AfD, die aus meiner Sicht noch deutlich schlimmer ist. Daher fand ich es grundsätzlich gut, dass die FDP mit ihrem Kandidaten eine demokratische Alternative aus der Mitte geboten hat. Die Wahl von Kemmerich kam für mich überraschend. Ich denke, keiner in der Partei hat mit diesem Ergebnis gerechnet. Die AfD hat dadurch ihre Macht demonstrieren können. Dass ein Ministerpräsident durch die Stimmen einer Partei gewählt wird, deren Landesvorsitzender in seinen Reden sehr offen rechtsextremes Gedankengut äußert, hat einen schrecklichen Beigeschmack, auch wenn der Kandidat selbst ein aufrechter Demokrat ist.

Meiner Meinung nach wäre es gut gewesen, erst mal zu versuchen, eine

Regierung zu bilden. Die FDP hat sich nun für Neuwahlen entschieden. Ich

bin mir nicht sicher, ob die dafür nötige Zweidrittel-Mehrheit zustandekommt. Vor allem befürchte ich, dass das Ergebnis nach der neuen Wahl wieder ähnlich aussieht. Da hilft nur abwarten, was die Zukunft bringt.“

„Neuwahlen wären meiner Meinung nach im Moment die beste Reaktion“

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Foto: Privat

Benjamin, 32, Ingenieur in der Luftfahrtbranche aus Fürstenfeldbruck

„Kemmerich hätte die Wahl nicht annehmen sollen. Es gab bereits im Vorfeld Anzeichen, dass die AfD für ihn stimmen könnte. Deshalb hätte man sich überlegen müssen, wie man sich in diesem Fall verhält. Neuwahlen wären meiner Meinung nach im Moment die beste Reaktion auf die Ereignisse. Dadurch hätten die Wähler wieder die Entscheidung, was aus meiner Sicht das Beste wäre.

Es ist klar, dass es für Aufregung sorgt, wenn man sich von der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lässt. Das wird völlig zurecht kritisiert. Die Hitler-Vergleiche sind aus meiner Sicht aber übertrieben.

Ich denke, dass die Ereignisse in Thüringen sich negativ auf die gesamte FDP auswirken. Wir haben jetzt ein großes Glaubwürdigkeitsproblem. Das könnte zur Folge haben, dass uns einige Menschen nicht mehr wählen. Kritiker können nun immer darauf verweisen, dass wir uns erst von der AfD abgegrenzt haben und uns dann doch von ihr wählen lassen.“

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