25 Stunden Ausnahmezustand in Thüringen

Unterwegs mit der Linke-Abgeordneten Katja Maurer, die nach der Wahl ihre neue Rolle sucht.
Von Marcel Laskus, Erfurt
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Foto: Marvin Laskus

Das gibts doch nicht. Da ist sie seit Stunden auf den Beinen, organisiert Demonstrationen, besorgt literweise Früchtetee und sogar einen Lautsprecherwagen für die rund 300 Menschen, die sich vor der Erfurter Staatskanzlei eingerichtet haben, mit Isomatten und Zelten – und dann, als es gerade so richtig losgehen sollte, ist es auch schon wieder vorbei. Katja Maurer, mit 28 Jahren eine der jüngsten Abgeordneten im Thüringer Landtag und eine der Organisatorinnen der Proteste, schüttelt den Kopf. Sie sagt „ach du Scheiße“ und dabei lächelt sie so breit, wie sie den ganzen Tag über noch nicht gelächelt hat.

Denn manchmal gibt es Tage, an denen ist es gut, wenn all die Mühe umsonst ist. Für Katja Maurer ist der vergangene Donnerstag so ein Tag. Thomas Kemmerich, der erst als Überraschungsgegner der Linken von der FDP aufgestellt und dann zum Überraschungsministerpräsidenten von Thüringen wurde, spricht nun durch die Lautsprecherboxen, die Katja Maurer besorgt hat. Und die Menschen, die eben noch „Schäm dich, Kemmerich“ im Chor riefen, sie verstummen für einen Augenblick. Moment mal, Thomas Kemmerich will zurücktreten, nach nicht mal 25 Stunden im Amt? Dann jubeln sie und Katja Maurer, die eben noch den außerparlamentarischen Protest verkörperte, ist nun wieder in erster Linie Berufspolitikerin.

Sechs Stunden zuvor ist die Stimmung noch eine andere. Katja Maurer steht vor ihrem Büro in einer Erfurter Altstadtgasse. Sie ist verpackt in eine lange, dicken Jacke, die sie Schlafsack nennt, sie sieht müde und erschöpft aus. Bevor sie nach Erfurt kam, hat sie Anthropologie und Kommunikationsforschung studiert, aber seit fünf Jahren ist ihr Leben die Poltik. Seitdem sie in Erfurt wohnt, ist sie Mitglied bei der Linken – und natürlich ist auch ihr Lippenstift dunkelrot. Im Oktober wurde sie, die bisher Stadträtin war, zum ersten Mal in den Landtag gewählt. „Ich fühle mich einfach nur verkatert“, ist das erste, was sie sagt. Und nein, das liege nicht am Alkohol. Denn getrunken habe sie so gut wie nichts auf der Party, die ja eigentlich eine Wahlparty für ihren Chef, den Linke-Spitzenkandidaten Bodo Ramelow, sein sollte, und dann zu einer Zusammenkunft der Ratlosen wurde. Zum ersten Mal, sagt Katja, habe sie wegen einer politischen Entscheidung geweint, zusammen mit den anderen Abgeordneten, die das Ergebnis genauso überrascht hat.

Durch die Gasse vor dem Parteibüro fährt nun ein Streifenwagen. Sowieso sieht man in den letzten Stunden mehr Polizei in der Stadt als an einem normalen Tag in Erfurt. „Die denken immer, dass wir was Schlimmes machen“, sagt Katja, als sie den Wagen sieht. Und man bekommt zum ersten Mal das Gefühl, dass hier nicht ein Mitglied einer Regierungspartei spricht, sondern eine, die auf einmal in der Opposition ist, und zwar nicht nur im Landtag – sondern auch auf der Straße. Die Opposition gegen die Wahl von Kemmerich, die Katja auch jetzt, einen halben Tag danach, noch nicht fassen kann.

Fassen können es dieser Tage auch viele andere nicht. Kemmerich und seine Familie wurden bedroht. Und auch hier, im Büro der Linken, sind in den vergangenen Stunden dubiose Typen vorbeigekommen, um zu drohen und zu pöbeln. Katja schließt die Tür zu ihrem Büro auf, innen riecht es schwer und säuerlich nach einem Abend mit viel Alkohol und wenig frischer Luft. Auf einem Tisch steht ein Wasserglas mit Salzstangenkrümeln; an der Wand ist ein Wahlplakat von Susanne Hennig-Wellsow aufgestellt – der Fraktionsvorsitzenden, die Kemmerich den Blumenstrauß vor die Füße warf und damit zum Mem wurde. Und zur Hoffnung aller, die nicht verstanden, was da in Erfurt vor sich ging. „Susi war gestern unsere Queen“, sagt Katja. Die beiden teilen sich das Büro.

Es ist, als habe man einen Schalter umgelegt

Was macht man jetzt, wenn sich die eigene Rolle vom einen Tag auf den nächsten so abrupt geändert hat? Katja tigert durch den Raum. Immer wieder klingelt ihr Handy, wie es eben schon den ganzen Vormittag klingelt. „Oh Gott, heute ist alles gleichzeitig, wie geht es dir?“, fragt sie den einen. „Hast du die Nummer von dem, der eine Soundbox hat?“, fragt sie die nächste.

Sie hebt eine Fahne auf, die recht eingestaubt auf einem Stapel liegt. Dann klettert sie auf die Couch vor der Fensterfront und hängt die Fahne so auf, dass jeder das Motiv von außen sehen kann: ein stilisiertes Männchen, das ein Hakenkreuz in den Müll wirft. Ein Bild wie aus einer anderen Zeit, in der Neonazis noch aussahen wie Neonazis und Bodo Ramelow noch vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Katja steigt vom Sofa nach unten, sie wirkt wacher als noch vor einer halben Stunde und sagt: „Soo, und jetzt geht's los.“

Es wirkt an diesem Vormittag nach der Wahl von Kemmerich so, als habe man bei der Linken einen Schalter umgelegt. Von der Regierungspartei, die man fünf Jahre lang war, wurde man auf einmal wieder das, was die Partei Die Linke ja noch viel länger und deutlicher verinnerlicht hat: die entschiedene Opposition gegen rechts.

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30 Meter entfernt von Katjas Büro liegt auch der Friseursalon „Masson“, der als eine von rund 20 Filialen Thomas Kemmerich gehört. Wenn sie zum Landtag oder zur Staatskanzlei gehen will, muss sie daran stets vorbei. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich auch schon mal dort war“, sagt sie jetzt, schaut auf das Geschäft, in dem zwei Friseurinnen die Kundschaft bedienen, und lacht. „Scheiße, ey.“ Es geht weiter, Richtung Staatskanzlei, denn auf der Wiese vor dem Gebäude, hat Katja erfahren, soll ein Protestcamp gegen Kemmerich errichtet worden sein.

In der Innenstadt von Erfurt gehen an diesem Tag – natürlich – die meisten Menschen ihrem Alltag nach. Auch nach dieser Wahl, die das Land erschüttert haben mag, sieht man vor allem das Kinderwagen schiebende, das händchenhaltende, das Schuhe kaufende und das Zalando-Pakete zur Post bringende Erfurt in den Straßen und Gassen mit all den Fachwerkhäusern. Und dennoch hat man das Gefühl, dass sich die Leute heute Köpfe ohne Haare etwas genauer anschauen als sonst.

„Da ist man gar nicht mehr stolz, Thüringer zu sein“

Das Protestcamp, an dem Katja nun am Donnerstagmittag angekommen ist, ist genau genommen eine Gruppe von 30 jungen Menschen, von denen die wenigsten älter sein dürften als 20. Zwei Wurfzelte haben sie aufgestellt, ein paar Isomatten ausgerollt, die meisten von ihnen sitzen oder liegen da und essen Karotten und Cocktailtomaten aus Tupperdosen. Auf einem Pappschild steht „Campen gegen Kemmerich“. Katja sagt, sie kenne niemanden von hier, was sie ungewöhnlich findet, da sie sonst so gut wie jeden jüngeren Menschen in Erfurt kenne. Dann läuft sie auf die erste Gruppe von vier Leuten zu. „Wir sind gerade aus Jena gekommen“, sagt eine von ihnen. „Ich habe ein Büro hier gleich um die Ecke. Wenn ihr was braucht, Musik, Tee, Decken – ich gebe euch meine Nummer“, sagt Katja. „Voll nett“, ist die Antwort und dann verabschieden sie sich, denn Katja ist ja nicht nur Aktivistin, sondern auch noch Abgeordnete. Also muss sie weiter, zum Landtag.

In dessen Foyer ist auch einer der Sicherheitsbeamten von Bodo Ramelow unterwegs. Nur von der Person, die er noch bis zum Vortag bewachen musste, ist nichts zu sehen. „Da ist man gar nicht mehr stolz, Thüringer zu sein“, sagt er zu Katja. Es sei das erste Mal, dass sie ihn in Jeans sähe, erzählt Katja. Sie läuft nun die Treppe hoch, geradewegs in die dritte Etage, wo ihr Büro ist – zumindest daran hat der Mittwoch von Erfurt nichts geändert. Auf dem Weg zum Schreibtisch läuft sie an einem dicken Papierstapel vorbei, der auf dem Sofa liegt: Es sind Unterlagen für einen Koalitionsarbeitskreis von Linken, Grünen und SPD. Nun kann man immerhin noch die Rückseiten als Schmierzettel verwenden, aber eigentlich ist dieser Stapel so egal ist wie eine Partei unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. „Den kannst du jetzt in die Tonne kloppen“, sagt Katja.

Seit 24 Stunden habe sie ihre Mails nicht gelesen und als sie die nun öffnet, merkt sie, wie egal das eigentlich auch ist: Absagen stehen darin, von Sitzungen, die heute hätten stattfinden sollen – Begründung: politische Lage. Wie auch soll man über Inhalte reden, wenn Gefühle gerade alles sind, über das man miteinander ins Gespräch kommen kann? Katja greift wieder zum Handy. „Ah super“, sagt sie. Ein Freund will ein paar Spraydosen mitbringen und politische Slogans auf die Straße vor der Staatskanzlei sprühen. „Aber bring eine Unterlage mit“, sagt Katja. „Wir wollen ja nicht den Staatsboden beschmutzen.“

„Merkel zur Kemmerich-Wahl: Ein unverzeihlicher Vorgang“, steht nun auf ihrem Handy-Display als Eilmeldung der Tagesschau und Katja sagt dazu: „Wer hätte gedacht, dass ich mich mal über Merkels Worte freue.“ Merkels Worte, ihre scharfe Verurteilung der Wahl – sie sind gewissermaßen der Höhepunkt der vergangenen Stunden, in denen sich die bundesdeutsche Spitzenpolitik beinahe durchweg, genau wie die Menschen auf Twitter und Instagram, aber auch auf den Straßen von München, Leipzig, Jena und Berlin, gegen Kemmerichs Entscheidung gestellt haben. Und damit irgendwie auch auf die Seite der Linken und auf die Seite von Katja. Kein alltägliches Gefühl für eine Partei, mit der außerhalb von Thüringen so gut wie niemand zusammenarbeiten will. Die Stimmung an diesem Donnerstag hat sich längst gedreht, weg von der Zerknirschtheit hin zum aktivistischen Trotz.

Katja steht nun wieder vor der Staatskanzlei bei den Demonstrierenden. Gerade als Thomas Kemmerich auf die Minute genau 24 Stunden im Amt ist, spricht sich unter den mittlerweile gut 300 Menschen rum, dass sich etwas tut. Kemmerich wolle eine Pressekonferenz geben, heißt es. Was er wohl sagen wird? „Ich weiß es nicht“, sagt Katja. Sie glaubt zu diesem Zeitpunkt nicht an einen Rücktritt. „Der Protest“, sagt sie „vielleicht wird er sich Tage, vielleicht auch Wochen oder Monate ziehen.“

Eine gute Stunde später ist Katja Maurer wieder Politikerin

Aber dann, wenige Minuten später, als die Übertragung der Rede von Thomas Kemmerich auf dem Vorplatz der Staatskanzlei beginnt, wird dann doch, mal wieder, alles anders. Der 25-Stunden-Ministerpräsident, er tritt zurück; das Camp soll aufgelöst werden, denn das Ziel, „Campen gegen Kemmerich“, scheint ja erreicht. „Ich fühle mich durcheinander, erleichtert, beschwipst“, sagt Katja. „Ich habe gerade nicht das Gefühl, dass ich Politikerin bin, sondern dass ich die Schule schwänze wie die Leute von Fridays for Future.“

Eine gute Stunde später ist Katja Maurer wieder Politikerin und nicht mehr primär Oppositionelle. Die Demo, die sie am Nachmittag eigentlich noch besuchen wollte, lässt sie ausfallen. Die Linke hat eine außerordentliche Sitzung. In der Parteizentrale, nicht auf der Straße, soll nun beraten werden, wie es weitergeht. Die Abgeordneten, die sich am Tag zuvor noch in der Armen lagen, um miteinander zu weinen, liegen sich nun in den Armen, um sich miteinander zu freuen, zumindest über diesen Etappensieg. Ein Zettel geht durch die Reihen, auf dem steht, dass in den letzten Stunden neue Mitglieder in die Linke eingetreten sind. In Erfurt sind es elf, in Weimar sieben, in Jena sechs. „Alle sind so aufgeregt“, sagt Katja. „Es ist so geil. Wenn es Neuwahlen gibt, denke ich, dass wir zulegen werden.“

In den Stunden danach treffen die Ergebnisse der ersten Umfragen ein, es sind die ersten seit der Kemmerich-Wahl. Und tatsächlich: Die Linke kommt demnach auf sechs Prozentpunkte mehr als bei der Landtagswahl. Würden die Ergebnisse bei einer möglichen Neuwahl ähnlich ausfallen – Bodo Ramelow wäre dann, anders als vor zwei Tagen, nicht mehr angewiesen auf eine einzige Stimme von CDU, AfD oder FDP.

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