„Wir haben das Kanzleramt nicht gepachtet“

Laschet oder Söder: Wer soll Kanzlerkandidat der CDU/CSU werden und warum? Mitglieder der Jungen Union erzählen, wen sie für die richtige Wahl halten.
Protokolle von Leonie Sanke und Lea Konrad
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Sie beide wollen Kanzlerkandidat der CDU/CSU werden: Armin Laschet und Markus Söder.

Foto: Sean Gallup / Getty Images, Peter Kneffel / dpa; Bearbeitung: jetzt

In den kommenden Tagen wird sich die CDU/CSU voraussichtlich für einen Kanzlerkandidaten entscheiden. Markus Söder oder Armin Laschet – einer der beiden soll es werden. Aber wer? Während sich das CDU-Präsidium am Montag für ihren Parteivorsitzenden Armin Laschet ausgesprochen hat, unterstützt die CSU den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Doch wie sieht die junge Vereinigung der beiden Parteien, die Junge Union, diesen Machtkampf? Vier Mitglieder sprechen darüber, wer ihr Favorit ist – und ob sie überhaupt daran glauben, dass einer der beiden Kandidaten nach der Bundestagswahl Kanzler werden wird.

„Es geht in den nächsten Wochen um die Zukunftsfähigkeit der Union“

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Foto: Nicola Gehringer

Christian Doleschal, 32, ist Landesvorsitzender der Jungen Union Bayern. Er spricht sich klar für Markus Söder als Kanzlerkandidaten aus.

„Ich stehe nicht nur hinter Markus Söder, weil er aus Bayern kommt. Es geht mir darum, dass die Union sich in einer schwierigen Phase befindet und sich wieder erholen muss. Mit Angela Merkel bekleidet eine sehr beliebte Politikerin das Amt der Bundeskanzlerin. Und die Umfragewerte der CDU sind, milde formuliert, auf sehr niedrigem Niveau. Deshalb muss die Union mit dem besten Kandidaten antreten. Neben der inhaltlichen Ausrichtung sind die Wahlchancen entscheidend – und Söder liegt nach Meinung der Bevölkerung klar vor Laschet

Wir in Bayern kennen und schätzen unseren Markus Söder, aber gerade in den anderen Bundesländern hat seine Beliebtheit deutlich zugenommen. Söder liegt sogar in Nordrhein-Westfalen deutlich vor Laschet. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich ihn vorne sehe. Markus Söder überzeugt mich auch inhaltlich mehr: Er steht für Themen, die gerade die junge Generation umtreiben. Mit seinen Maßnahmen in Bayern hat er etwa bewiesen, dass er Ökologie und Ökonomie gut zusammendenken kann. Er setzt Themen, setzt um, was er angekündigt hat, nimmt Stimmungen auf. 

Trotzdem war zu erwarten, dass sich das CDU-Präsidium hinter Laschet stellt. Dass es in der CDU Loyalitäten gegenüber dem eigenen Bundesvorsitzenden gibt, ist nachvollziehbar. Aber es geht in den nächsten Wochen um die Zukunftsfähigkeit der Union. Ich glaube, diese Dramatik ist noch nicht bei jedem Funktionär angekommen. Wenn sich die Partei nur mit ihrem eigenen Personal beschäftigt und die Stimmungen in der Bevölkerung ignoriert, kann das die Wahlergebnisse dramatisch verschlechtern.

Klar ist: Wir haben das Kanzleramt nicht gepachtet. Unser Anspruch sollte es deshalb sein, bei der Bundestagswahl ein Ergebnis nahe der 40 Prozent zu erzielen. Denn: Wenn gegen uns regiert werden kann – es also für eine rot-rot-grüne oder grün-rot-rote Regierung reicht – dann wird das auch passieren. Deshalb müssen wir als Union uns in den nächsten Tagen vernünftig miteinander arrangieren. Wir können uns fünf Monate vor der Wahl keine zerrissene Partei erlauben.“

„Als Mitglied an der Basis hat man kaum Chance mitzuentscheiden“

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Foto: Filipp Romanovskij

Theresa Hein, 25, ist CDU-Mitglied und in Hannover in der Kommunalpolitik aktiv. Sie würde beide Kandidaten unterstützen.

„Ich kann schwer sagen, ob Söder oder Laschet mein Favorit ist. Söder tritt sehr dominant auf – was man durchaus positiv sehen kann. Gerade in der aktuellen Corona-Situation ist das eine gute Eigenschaft, aber auch bei Treffen mit Regierungschefs anderer Länder. Armin Laschets Kompetenz liegt eher darin, Meinungen zusammenzubringen und zu versöhnen. In der Union gibt es sehr linke und sehr konservative, wirtschaftszentrierte Ansichten. Laschet könnte das gut vereinen. Dafür haut er selten auf den Tisch. Es stellt sich also die Frage, was in der Bevölkerung besser ankommt und was in der Weltpolitik die wichtigere Eigenschaft ist.

Bei Söder halte ich es für ein Problem, dass man ihn auf Bundesebene schwer einschätzen kann. In Bayern ist er beliebt, aber es ist die Frage, inwieweit das auf ganz Deutschland überstrahlt. Laschet hat den Vorteil, dass er Deutschland bisher besser abdeckt. Er wurde aber zurecht für seine wenig stringenten Aussagen beim Corona-Management kritisiert. Markus Söder schafft es mit seinem lockeren Auftritt in den sozialen Medien besser, die junge Generation zu erreichen. Aber ich denke, dass beide sich gleichermaßen für junge Themen einsetzen.

Meine Sorge ist, dass dieser öffentliche Machtkampf der Partei schadet. Ich bin vor allem kommunalpolitisch aktiv und erlebe, wie stark die Meinungen in der Kanzlerfrage auch hier in Hannover auseinandergehen und wie emotional die Debatte geführt wird. Viele CDU-Mitglieder finden diese Unruhe im Bund schrecklich. Denn sie wirkt sich auch auf ihre Arbeit in der Kommunalpolitik aus. Als Mitglied an der Basis hat man kaum Chance mitzuentscheiden. Deshalb hoffe ich, dass die Mitglieder der Unionsfraktion, die uns alle repräsentieren, bei der Entscheidung um den Kanzlerkandidaten Mitspracherecht bekommen. Eine Mitgliederbefragung würde zu lange dauern, diese Zeit haben wir jetzt nicht.

Wenn die Union in den nächsten Monaten einen guten Job bei der Pandemie-Bekämpfung macht und den Maskenskandal komplett aufklärt, glaube ich, dass sie gute Chancen bei der Bundestagswahl hat, auch darauf, den Kanzler zu stellen. Die Bundestagswahlen hängen aber immer stärker von Sympathien gegenüber den Kandidaten ab. Da hat Laschet Optimierungsbedarf. Ich würde trotzdem nicht zu sehr auf Umfragen hören. Martin Schulz wurde auch mal für seine Umfragewerte gehypt – und das ist nicht gut ausgegangen.“

„Wir sollten schnell mit dieser Selbstbeschäftigung aufhören“

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Foto: Lennart Biesenbach

Johannes Winkel, Landesvorsitzender der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, steht bei der Kanzlerfrage hinter Armin Laschet.

„Das Allerwichtigste ist die Pandemie-Bekämpfung. Jede Stunde, die wir uns nicht mit der Pandemie, sondern mit Personaldebatten beschäftigen, ist eine verlorene Stunde. Deswegen sollten wir auch schnell mit diesem Postengeschacher aufhören und die Kandidatenfrage klären. Hier ist die entscheidende Frage: Wer kann das Land am besten regieren? Und nicht: Wer ist gerade am beliebtesten? Das soll nicht falsch verstanden werden: Ich traue Markus Söder das schon zu, er ist bayerischer Ministerpräsident. Aber ich weiß eben aus eigener Erfahrung, dass Armin Laschet hier in Nordrhein-Westfalen exzellente Regierungsarbeit macht. Er hat auf Landesebene die richtigen Themen durchgesetzt, innere Sicherheit und eine nachhaltige Finanzpolitik zum Beispiel.

Ich erwarte mir von Armin Laschet auch einen wirklichen Reformimpuls für die Europäische Union, die in der Krise leider wieder einmal handlungsunfähig war. Auch sein Regierungsstil gefällt mir sehr gut. Hier in Düsseldorf, wo die einzige schwarz-gelbe Koalition in Deutschland regiert, haben wir nur eine Stimme Mehrheit im Landtag. Laschet regiert in dieser Koalition seit 2017 ohne größeren Streit. Das liegt auch daran, dass er ein Team-Player ist, der nicht jede Entscheidung selbst verkünden muss, sondern anderen ihre Bühne lässt.

Auch in Laschets Corona-Politik sehe ich keine unklare Linie, wie es ihm manche vorwerfen. Er hat lediglich offen kommuniziert, dass man auch in einer Krise eine verhältnismäßige Politik machen kann. Dass man auch schauen muss, wie man nicht noch mehr Existenzen an den Rand des Abgrunds steuert. Im CDU-Bundesvorstand und im CDU-Präsidium sitzen auch nicht irgendwelche Leute, die vom Himmel gefallen sind. Sondern 15 Landesvorsitzende, erfolgreiche Ministerpräsidenten, der Bundestagspräsident und alle Vorsitzenden der Vereinigungen. Und sie haben klar für Laschet votiert.“

„Eine Kampfabstimmung könnte der Union weh tun“

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Foto: Paul Blau

Lilli Fischer, 21, sitzt für die CDU im Stadtrat in Erfurt und engagiert sich als Vorsitzende des Arbeitskreises „Bildung“ innerhalb der Jungen Union Thüringen. Bei der Kanzlerfrage ist Markus Söder schon lange ihr Favorit. 

„Ich habe schon im Februar 2020 gesagt, dass ich für Markus Söder Wahlkampf machen möchte. Er hat einen klaren Kurs, lässt sich aber auch von Argumenten überzeugen. In Bayern macht er offensichtlich einen guten Job und hat einen großen Rückhalt. Vor allem Bereiche wie Klima und Umweltschutz spricht er sehr interessant an. Außerdem hat er einen konservativen Markenkern, den er sehr gut mit modernen Themen verbindet. 

Diese Fähigkeiten würde ich Armin Laschet nicht unbedingt absprechen. Aber die Umfragen zeigen ja, dass Söder aktuell von allen möglichen Kanzlerkandidaten die mit Abstand besten Werte hat. Die Rufe nach Markus Söder wurden immer lauter – es hätte vielen nicht gefallen, wenn er sich nicht als möglicher Kanzlerkandidat bereit erklärt hätte. Trotzdem wäre es bedenklich gewesen, wenn sich das CDU-Präsidium nicht hinter ihren Parteivorsitzenden Armin Laschet gestellt hätte. Doch ich glaube, dass uns eine Kampfabstimmung bei der Kanzlerfrage nicht gut tun würde. Es braucht eine Einigung aus einem Führungsteam aus CSU und CDU, ohne die Entscheidung in die Fraktion hineinzutragen. 

Ich will kein linkes Bündnis in der Regierung sehen. In Thüringen ist in den sechs Jahren Rot-Rot-Grün in meinen Augen nichts passiert. Das war eine ‚Schönwetter-Regierung‘, die unter den besten Bedingungen regiert, aber nicht an die Zukunft gedacht hat. Darum ist für mich auch entscheidend, welcher Kandidat sich am stärksten gegen ein linkes Bündnis einsetzt. Die Union sollte ein klares Angebot für die breite Mitte der Bevölkerung bereithalten und nicht nach links rutschen. Dafür steht Markus Söder.

Wie Markus Söder schon bei Lanz in der Talkshow gesagt hat, dürfen wir dem Zeitgeist nicht hinterherrennen, sondern müssen Taktgeber sein. Für die Bundestagswahl sollten wir mit einem ‚Trendsetter-Wahlprogramm‘, wie Söder es nennt, klar die Themen der Zukunft benennen. Genau das brauchen wir!“

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