Die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Ablenkung ist nicht dekadent

Viele junge Menschen sehnen sich nach einem Ausbruch aus dem Pandemie-Alltag. Sie dafür zu verurteilen, macht alles nur schlimmer.
Kommentar von Charlotte Haunhorst
jugend corona feiern

Foto: lubero / Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

In dieser Woche wurde in den sozialen Netzwerken eine junge Frau namens Ida massiv attackiert. Ida, Nachname unbekannt, wurde vom ZDF Heute Journal in Berlin-Friedrichshain angesprochen, Thema des Beitrags: Junge Menschen und Corona. Ida erzählte daraufhin, sie sei seit März nicht mehr feiern gewesen, dabei habe sie das vorher drei Mal die Woche gemacht. Die fehlenden Partys gingen ihr jetzt „schon echt ab“. Genau aus diesem Grund würden ihr zufolge jetzt trotz Corona wieder mehr Partys gefeiert werden – „weil eben so viele das krass vermissen“. 

Auf Twitter geschah das, was derzeit oft reflexartig passiert, wenn junge Menschen anzumerken wagen, dass ihnen während der Pandemie die alte Normalität fehlt. Von „First World Problems“ war da zu lesen, von der „Generation ‚es geht nur um mich‘“. Der Satiriker Jan Böhmermann hatte sich schon Tage zuvor über „nutzlose Partystudent_fuck_innen“ aufgeregt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann stellte kürzlich in Hinblick auf steigende Infektionszahlen seine Prioritäten klar: „Partys muss man nicht feiern, arbeiten und lernen schon.“ Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte dramatisch an junge Menschen, sich zu überlegen, was ihnen wirklich wichtig sei: „Ist das die Gesundheit Ihrer Familie? Auch der Großeltern?“ Und zementierte somit wieder das Narrativ der jungen Generation, die für eine gute Party die Gesundheit ihrer Oma aufs Spiel setzen würde.

Die von der Politik geforderte „generationenübergreifende Solidarität“ weist derzeit offenbar nur in eine Richtung. Die Jungen und Gesunden sollen sich für die Alten und die Risikogruppen zusammenreißen und verzichten. Wagen sie es trotzdem, allein den Gedanken zu formulieren, dass sie gerne mal aus dem tristen, pandemischen Alltag ausbrechen würden, begegnet man ihnen mit Unverständnis und Häme. Das ist weder fair noch hilfreich. Wer eine Spaltung der Gesellschaft über die Frage, wer sich wie weit einschränken muss, wirklich verhindern will, sollte Nachsicht, ja vielleicht sogar Empathie für die derzeitige Situation junger Menschen zeigen.

Denn aus der Perspektive der arrivierten Familie oder des über 70-Jährigen ist es leicht zu behaupten, dass Familienurlaube und Erwerbsarbeit wichtiger seien als unbeschwerte Feierei. Was in der momentanen Krise verzichtbar ist und was man, wie Ida es ausdrückte, „krass vermisst“ hängt maßgeblich vom eigenen Lebensalter und -entwurf ab. In Deutschland, wo das Durchschnittsalter der Bevölkerung knapp 45 Jahre beträgt und das der Abgeordneten im Bundestag sogar 49, ist recht klar, wer die Deutungshoheit hat: die Älteren, Etablierten. Und die sagen: „Verzichtet!“ Aber das ist leicht zu fordern, wenn man selbst alles schon erlebt hat. Wenn feiern, knutschen, reisen, kurz: leben in der eigenen Jugend noch erlaubt waren. 

Nur weil  junge Menschen ein geringes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, heißt das nicht, dass sie nicht unter der Pandemie leiden

Und es ist ja nicht so, dass die junge Generation in den vergangenen Monaten nicht verzichtet hätte. Einer aktuellen Studie der TUI-Stiftung zufolge gaben im Oktober 2020 nur zwei Prozent der 16- bis 26-Jährigen Befragten an, sich überhaupt nicht an die Corona-Beschränkungen zu halten. Sieben Prozent fanden die derzeitigen Regeln „übertrieben“. Nun sind wie man etwas empfindet und wie man handelt zwei sehr unterschiedliche Dinge. Und natürlich hat die Stigmatisierung der Jungen ihren sehr realen Ursprung in der hohen Zahl der Neuinfektionen in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen. Aber: An den bisher von den Gesundheitsämtern identifizierten Superspreader-Events wie Hochzeiten, Familienfeiern, Kirchenbesuche, Privatpartys in Restaurants waren nicht nur junge Menschen beteiligt. Vielleicht ist der Wunsch nach einem Ausbruch aus der aktuellen Situation also auch gar nicht nur ein Phänomen der Jugend.

Auch das Vergleichen der Verzichte, die derzeit jeder Einzelne leistet, ist nicht zielführend. Nur weil junge Menschen ein geringes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, heißt das nicht, dass sie nicht unter der Pandemie leiden. Wer dieses Semester sein Studium beginnt, findet schwer Anschluss in digitalen Hörsälen und ohne Ersti-Partys. Berufseinsteigerinnen und -einsteiger kommen auf einen schwierigen Arbeitsmarkt. Viele junge Menschen leben in kleinen WG-Zimmern, sich zu den Eltern zurückziehen ist aufgrund des Infektionsrisikos nicht gern gesehen. Das alles bedeutet nicht nur, dass junge Menschen meist wenig Raum haben, wo sie die Kontaktbeschränkungen aussitzen können, sondern dass ihnen auch die klassische Kernfamilie fehlt. Kontakte in der Uni oder Ausbildung, abends ausgehen oder mit Freunden verreisen – all das ist in dieser Schlüsselphase des Lebens wichtig, um ein soziales Netz aufzubauen, das oft jahrzehntelang hält.

Statt eines Generationenkonflikts brauchen wir Generationensolidarität – von alten und von jungen Menschen

Angesichts dessen ist es nicht gerecht, eine besondere Bringschuld der Jugend in der Pandemie zu beschwören. Junge Menschen haben nicht erst seit diesem Jahrtausend ein stärkeres Bedürfnis nach intensiver Begegnung und nach rauschhaften Erlebnissen als die ältere Generation. Diese Sehnsucht nach Gemeinschaft und Ablenkung ist nicht dekadent. Beides ist wichtig für ein glückliches Leben. Und damit auch für die psychische Gesundheit, die bei allen Diskussionen um leibliche Unversehrtheit leider oft vergessen wird. Zumal es längst nicht mehr nur um ein paar Wochen geht, sondern um einen Verzicht von unabsehbarer Dauer.

Statt eines Generationenkonflikts brauchen wir Generationensolidarität – von alten und von jungen Menschen. Dazu gehört auch, den Wunsch nach Partys und die dahinterstehenden Bedürfnisse nicht grundsätzlich als nachrangig abzukanzeln, sondern darüber zu reden, unter welchen Bedingungen ein bisschen mehr gemeinschaftliche Lebensfreude und Ausgelassenheit wieder möglich sein könnte. Natürlich gibt es keine einfachen Lösungen für ein Nachtleben während Corona. Doch ähnlich wie beim Thema Bundesliga-Neustart vor einigen Monaten, als sich Kritiker schon über den bloßen Gedanken an Vergnügen in Zeiten der Pandemie empörten, ist es wichtig und legitim, mögliche Lösungen zumindest zu diskutieren. Schon lange liegen Hygiene-Konzepte von Clubbetreibern vor, die von den Verantwortlichen geflissentlich ignoriert werden. Dabei hätte eine ernsthafte Debatte möglicher Lockerungen im Alltag einen sehr viel positiveren Effekt auf die Durchhaltefähigkeit junger Menschen, als ständige Schuldzuweisungen und Moralappelle.

Dafür müsste man allerdings endlich aufhören, die Opfer der Jungen nicht ernst zu nehmen. Wenn schon nicht aus echtem Verständnis, dann aus Eigennutz. Denn wer in den Augen der anderen eh schon alles falsch macht, hat wenig zu verlieren.

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