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Isaac (links) und Phil ziehen mit ihren Schildern durch die Straßen von San Luis Obispo.

Foto: Niko Kappel

„Let’s Make America Great“, begrüßt Isaac seinen Partner Phil mit einem Fist-Bump. Die Sonne scheint, es ist 8 Uhr morgens. Isaac und Phil sind 21 und 25 Jahre alt und studieren an der California Polytechnic State University in San Luis Obispo, einer Stadt an der Küste zwischen Los Angeles und San Francisco. Phil und Isaac gehören zum Wahlkampfteam des republikanischen Kandidaten Justin Fareed, der für das Repräsentantenhaus kandidiert. 2016 stimmten in Kalifornien 62 Prozent für Hillary Clinton und 32 Prozent für Donald Trump. Der Staat gilt als urdemokratisch.

Es ist warm, 28 Grad im Schatten. Kommenden Dienstag wählen die Amerikaner, wer die nächsten zwei Jahre im Repräsentantenhaus sitzt. Die Midterms sind wichtig, sie entscheiden, wie viele seiner Vorhaben Donald Trump als Präsident durchsetzen kann. Wer die Mehrheit im Repräsentantenhaus hat, kann viele Entscheidungen des Präsidenten blockieren. Noch sind das Repräsentantenhaus und der Senat fest in der Hand der Republikaner.

„Als Republikaner hat man es in Kalifornien schwer“

Laut Umfragen werden die Demokraten das Repräsentantenhaus voraussichtlich zurückholen. Damit konfrontiert lachen Isaac und Phil laut los. „Die Umfragen sagen das? Weißt du, was wir sagen? 2016. Ihr alle wolltet uns erzählen, das Hillary gewinnt. Und wer ist jetzt Präsident?“

Isaac und Phil sehen aus, als gingen sie gerade an den Strand. Sie tragen Schlappen, Sport-Shorts und Hemden. Isaac fährt sein Auto barfuß, seine Füße sind braun gebrannt. An der Stelle, an der sonst der Riemen seiner Schlappen sitzt, ist ein weißer, ungebräunter Streifen.

Seit April 2018 laufen die beiden Studenten im County von San Luis Obispo von Tür zu Tür. Sie klingeln bei fremden Menschen und versuchen sie davon zu überzeugen, für ihren Kandidaten zu stimmen. Sieben Tage die Woche, pro Tag etwa fünf Stunden. Heute fahren sie nach Oceano. In der kleinen Küstenstadt wohnen eher ärmere Leute, viele Trailerparks, hauptsächlich bewohnt von Senioren. Bevor es losgeht, gibt es Frühstück. „Mexikanisch?“, schlägt Phil vor. „Klar“, sagt Isaac und steuert einen kleinen, mexikanischen Imbiss an.

„Als Republikaner hat man es in Kalifornien schwer“, erzählt Isaac, während er in seinen Burrito mit Bohnenreis beißt. Er kommt ursprünglich aus der Bay-Area um San Francisco. Dass er in einer Demokratenhochburg lebt, spürt er vor allem in der Uni, erzählt Isaac. Viele Professoren an der California Polytechnic kommen aus Kalifornien und damit aus eher links gerichteten Milieus. „Die meisten sind in ihrer Notengebung nicht mehr objektiv, wenn sie hören, dass ich rechtsgerichteter Republikaner bin“, behauptet Isaac. Belegen kann er das nicht.

„Mitschüler haben mich früher wegen meiner politischen Ansichten ausgegrenzt“

Phil kommt aus einer kleinen Stadt in Südkalifornien, er ist überzeugter Anhänger der Republikaner seit seinem zwölften Lebensjahr. „In der High School wollte ich immer der Schlauste im Raum sein“, erzählt er. „Ich habe alles über Politik gelesen, was ich in die Finger bekommen habe. So konnte ich mich argumentativ wehren, wenn mich meine Mitschüler wegen meiner politischen Ansichten ausgegrenzt haben.“

Das Team von Justin Fareed organisiert seinen Wahlkampf über eine App, die ähnlich wie Google Maps funktioniert. Auf einer Karte sind die Gegenden markiert, in denen potentielle Republikaner-Wähler wohnen. Das Team bestimmt diese Gegenden anhand von früheren Wahlergebnissen.

Isaac und Phil laufen sie getrennt ab und klingeln an den Haustüren. Wenn jemand die Tür öffnet, bieten die Wahlkämpfer eine kurze Zusammenfassung des Wahlprogramms ihres Kandidaten an. Bei einer positiven Reaktion bekommt der Haushalt in der App ein grünes Kreuzchen verpasst. So erhält die Mitglieder der Kampagne während des Wahlkampfs schon ein Stimmungsbild auf den möglichen Ausgang im November.

„Wenn die Vorgärten künstlerisch aussehen, gibt es für uns Republikaner nichts zu holen“

„Wir gehen gar nicht erst in Gegenden, in denen demokratisch gewählt wird“, erzählt Isaac. Er läuft durch die von Palmen gesäumten Straßen Oceanos, in einer Hand hält er einen Stapel mit Flyern. „Nach fünf Monaten Wahlkampf erkennst du, wo unsere potentiellen Wähler wohnen,“ meint er lachend. „Wenn die Vorgärten bunt dekoriert sind und irgendwie künstlerisch aussehen, dann gibt es für uns Republikaner nichts zu holen. Wenn du eine Flagge siehst und der Vorgarten gemäht ist, dann sind wir richtig.“

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Isaac klopft an die Türen der Bürger in Oceano, um die zu überzeugen, die Republikaner zu wählen.

Foto: Niko Kappel

Isaac klingelt an einer Tür. Eine Flagge weht von der Veranda, der Vorgarten sieht gepflegt aus. Auf der staubigen Veranda steht ein Schaukelstuhl, daneben ein Tischchen mit überquellendem Aschenbecher. Eine junge Frau im Jogginganzug öffnet, sie hält ein Baby im Arm. Isaac stellt sich höflich vor und fragt, ob die Frau Justin Fareed, den republikanischen Kandidaten für das Repräsentantenhaus wählen wird. „Aber klar,“ antwortet die. „Unser Präsident macht unser Land in der Welt stark, natürlich stimme ich für seine Partei.“

„Demokraten vermittelten mir das Gefühl, dass ich mich schämen müsste, weiß zu sein“

Isaac erzählt, dass er nicht immer ein Anhänger der Republikaner war. „Bei den Primary Votes habe ich Bernie gewählt, 2016 Hillary. Guck mal, wie ich damals aussah.“ Er zeigt ein Foto auf seinem iPhone. Er trägt schulterlanges Haar und einen ungepflegten Vollbart. Isaac war, wie Millionen andere junge Menschen in Amerika davon fasziniert, wie Bernie Sanders die politische Elite der USA attackierte. „Bernie ist Trump ähnlicher als ihr Deutschen glaubt, er ist auch ein Populist. Der Unterschied ist, dass er sich am linken Rand bewegt und nicht am rechten.“

Irgendwann fing Isaac an, sich an der Rhetorik der Linken in den USA zu stören. „Die Linken sind zu emotional, zu wenig auf Fakten gestützt und zu ideologisch.“ Dass auch Trump sich nicht an die Fakten halte, sei ihm klar, sagt er. Er möge allgemein keine Populisten. Es sei aber auch keine Entscheidung zwischen Bernie Sanders und Donald Trump gewesen, die ihn auf die Seite der Republikaner gebracht hätte. „Ich finde konservativ sein und eine starke Wirtschaft wichtig. Deshalb bin ich jetzt Republikaner.“ Von Trumps öffentlichen Auftritten hält er wenig. Zu viel Getwitter, zu viele Drohungen und hohle Versprechungen. Aber so lang er die Stimmen bringe, sei ihm das egal.

Mit den Jahren störte sich Isaac mehr und mehr am demokratischen Bild der weißen Mehrheit. „Demokraten vermittelten mir im persönlichen Gespräch immer das Gefühl, dass ich mich schämen müsste, weiß zu sein. Für die Demokraten sind immer die weißen Männer an allem Schuld.“ Als Beispiel nennt Isaac den Fall von Brett Kavanaugh. Nur weil eine Frau einen weißen Mann beschuldigt, hat sie noch lange nicht Recht.“

„Es ist falsch, Leute zu verurteilen, nur weil sie weiße Männer sind“

Isaac sagt, er glaube fest an den Grundsatz „Innocent until proven guilty“. Nur wer vor Gericht schuldig gesprochen wird, ist es auch. Davor ist jeder Mensch unschuldig, egal was ihm vorgeworfen wird. „Es ist falsch, Leute zu verurteilen, nur weil sie weiße Männer sind. Das ist für mich Rassismus und identitäre Politik, wie sie bei euch in Europa gerade einen Aufschwung erlebt. Nur passiert das bei uns auf der linken und nicht auf der rechten Seite.“

Wenn Isaac und Phil sich als Rechte bezeichnen, zuckt man, ohne es zu wollen, zusammen. Zu vorbelastet ist dieser Begriff im Kontext der deutschen Sprache, wir denken an Neonazis, die AfD oder an die Identitären. Das Verständnis der jungen Amerikaner für diesen Begriff ist anders. „Rechts sein bedeutet für mich, dass ich konservativ bin,“ sagt Isaac. „Von Rassismus aller Art will ich mich eindeutig distanzieren, das hat für mich nichts mit meinem ‚Rechts sein‘ zu tun.“

Der Fall um den Richter Brett Kavanaugh ist heute bei den Gesprächen an den Haustüren von Oceano das Hauptthema. „Die Demokraten sind verrückt geworden“, sagt ein Mann, der definitiv die Republikaner wählen wird. „Wie kann man das Leben eines Mannes zerstören, ohne einen Beweis zu haben? Ich lass mir von den Medien doch nichts erzählen, der Mann ist definitiv unschuldig.“

„Die Medien spalten das Land“

Auch für Phil und Isaac sind die amerikanischen Medien zum Feindbild geworden. „Die Medien spalten das Land“, sagt Phil. „Wie die Kavanaugh runtergemacht haben, das war Bullshit. Das hat mit neutraler Berichterstattung nichts mehr zu tun.“ Zum erstem Mal an diesem Tag werden die sonst so sachlich sprechenden Jungs ausfallend. „Ja, die Scheiße, die CNN macht, geht gar nicht“, sagt Isaac. „Das ist gegen Demokratie.“

Mittlerweile ist es früher Nachmittag, Isaac schwitzt. Er schaut auf seine App. Noch 100 Türen für heute. „Ich mag die Richtung, die unser Land gerade fährt“, sagt er. „Was mir auf die Nerven geht, ist die Art, wie politisch diskutiert wird und wie die Menschen miteinander umgehen. Es herrscht viel zu viel Hass. Wir müssen alle ein bisschen raus aus der Extreme kommen und sachlicher miteinander umgehen.“ Isaac spricht auch über die versuchten Briefbombenattentate auf die Clintons und Obama, oder über das Attentat auf die Synagoge in Pittsburgh. „Ich finde Extremismus scheiße, egal ob rechts oder links. Menschen versuchen, ihre politischen Ziele durch Bomben durchzusetzen. Wie krank ist das denn?“

„Alle sind zu emotional“, pflichtet ihm Phil bei. Er trinkt einen Schluck aus seiner Cola, die er schon während des ganzen Wahlkampftages in der Hand trägt. „Ich habe gestern einen CNN-Beitrag über das Migrationsproblem gesehen. Darin kam ein kleines, weinendes Mädchens vor, das von ihrer Mutter getrennt wurde. Natürlich sind die Schicksale von Flüchtlingen oft unglaublich traurig, aber diese Menschen haben sich bewusst dazu entschieden, illegal die Grenze zu überqueren. Keiner zwingt sie dazu.“

 

Für Phil haben Emotionen wie Mitleid in der Politik nichts verloren

Wenn CNN in diesem Zusammenhang ein weinendes Kind zeigt, dann triggern sie die Zuschauer damit insofern, dass sie Mitleid mit den Flüchtlingen bekommen.“ Für Phil haben Emotionen wie Mitleid in der Politik nichts verloren. „Wir sollten allein aufgrund von Fakten entscheiden. Wenn durch die Migration mehr Kriminalität in unser Land kommt, dann müssen wir die Migration besser regulieren.“

Viele der Leute, mit denen die zwei am Nachmittag sprechen, unterstützen den amerikanischen Präsidenten. 2016 holte Trump im County von San Luis Obispo 42 Prozent, in ganz Kalifornien waren es 32 Prozent. „Trump hat die politische Landkarte verändert,“ sagt Phil voller Überzeugung. „Unsere größte Wählergruppe sind weiße, arme Leute.“ Vor Trump gehörte die weiße Unterschicht eher den Demokraten, die im County zum Beispiel große Unterstützer von subventionierten Wohnungen sind. „Trump hat die Republikaner von einer Partei der Mittelklasse immer mehr zu einer Arbeiterklassen-Partei gemacht“, sagt Isaac. „Mit gefällt, dass wir immer mehr auf der Seite der armen Leute stehen.“

Die beiden verstehen gut, warum der amerikanische Präsident nach allen Skandalen immer noch fest im Sattel sitzt. „Die Welt denkt bei jedem Skandal um Donald Trump, dass er jetzt fällig sei. So denken aber nicht seine Wähler. Nehmen wir mal die Sache mit Stormy Daniels, dem Pornostar. Die Presse schreibt von einem Skandal, die Welt redet von einem Amtsenthebungsverfahren. Trump-Wähler denken sich ‚Boah, was für ein geiler Typ, mit der hätte ich auch was angefangen‘. Die wollen keinen Präsidenten, der politisch korrekt ist, sie wollen einen Draufgänger.“

Ständig wiederholt sich das Mantra: „Unschuldig bis zum Beweis der Schuld“

Isaacs App leuchtet grün. Geschafft. 300 Türen in fünf Stunden. Mit dem Auto geht es zurück in Richtung Campus. Phil hat heute Abend Telefondienst. Er muss um die 200 Haushalte anrufen und fragen, ob die Menschen bei den Wahlen für Justin Fareed stimmen wollen. Auch für Isaac ist der Tag noch nicht vorbei, er hält heute Abend am College eine Rede bei einem Treffen des studentischen Clubs der Republikaner. Er hofft, dass er noch ein paar Freiwillige für die Fareed-Kampagne findet, die dabei helfen, die letzten Stimmen einzufangen.

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Der junge Republikaner Isaac beim Treffen der Republikaner in der California Polytechnic State University.

Foto: Niko Kappel

Isaac trägt ein Tweed-Sakko und hat sein Hemd in die Hose gesteckt. Er wirkt nervös, checkt ständig sein Handy und seine Notizen. Es ist das vierte Treffen der College-Republikaner in diesem Schuljahr. An diesem Abend sitzen gut 50 Leute in einem Vorlesungssaal der California Polytechnic State University. Die Mädchen tragen bauchfreie Tops, die Jungs Flip-Flops. Es gibt fettige Pizza, über eine Bluetooth-Box laufen Country-Songs. In der Ecke des Raumes hängt eine amerikanische Flagge, daneben eine Fahne mit dem Trump-Schriftzug: „Make America Great Again“. Isaac beginnt zu sprechen, er erzählt von den Zielen der Kampagne und davon, was Fareed für den Staat tun will. Er bekommt viel Applaus für seine Rede.

„Wir haben einen starken Präsidenten, der der Welt zeigt, dass Amerika zuerst kommt“

Auch bei den College-Republikanern ist das Hauptthema der Fall um Brett Kavanaugh. Verschiedene Mitglieder halten Reden, ständig wiederholt sich das Mantra „Innocent until proven guilty“ – Unschuldig bis zum Beweis der Schuld. „Kavanaugh ist ein guter, christlicher Vater, es ist eine Schande, wie die Demokraten ihn behandeln“, ruft ein Mädchen wütend in die Runde, die Menge johlt. „Wir können einem Menschen nicht einfach glauben, weil sie eine Frau ist!“, ruft das Mädchen hinterher. Lang anhaltender Applaus.  Von Kavanaughs verdächtigem Verhalten in den Anhörungen oder davon, dass mehrere Frauen ihn beschuldigt haben, spricht hier niemand.

Nach einer Stunde sind die Redebeiträge vorbei. „Man sieht, wie motiviert die Menschen hier sind, das freut mich“, sagt Isaac. „Wir konservativen, jungen Rechten können dieses Land wirklich verändern. Ich möchte nicht, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus zurückholen, unserem Land geht es gut. Wir haben weniger Arbeitslose und einen starken Präsidenten, der der Welt zeigt, dass Amerika zuerst kommt. Das motiviert mich, dafür gehe ich jeden Tag auf die Straße.“

Die Vorsitzende des Clubs bittet um Ruhe. Zusammen stehen alle auf, drehen sich zur amerikanischen Flagge, die Hand auf der Brust. Sie singen sie die Nationalhymne der Vereinigten Staaten und schwören danach der amerikanischen Flagge ihre Treue.

Viele junge Amerikaner denken ganz anders: