Was das rechtsextreme Oktoberfestattentat für die Gegenwart bedeutet

Heute vor 40 Jahren starben bei dem Bombenanschlag dreizehn Menschen. Ein junger Dokumentarfilm zeigt, dass das Attentat uns alle angeht. Auch heute noch.
Von Sophie Aschenbrenner
im kampf gegen das vergessen cover

Foto: Screenshot Film

Zwölf Menschen tötete ein Rechtsextremist bei dem Bombenanschlag auf dem Oktoberfest am 26. September 1980, mehr als 200 wurden verletzt, auch der Attentäter selbst starb bei der Explosion. Das Attentat jährt sich an diesem Samstag zum 40. Mal – erst im Juli dieses Jahres wurde es von der Generalbundesanwaltschaft als rechtsextrem eingestuft. 

Hans Roauer und Renate Martinez überlebten den Anschlag. Die beiden sind zwei der Protagonist*innen des Dokumentarfilms „Im Kampf gegen das Vergessen“, den die Deutsche Gewerkschaftsjugend (DGB) München gemeinsam mit der Media School Bayern und dem Münchner Kreisjugendring zum 40. Jahrestag des Anschlags gedreht hat. 

„Wir wollten den Überlebenden viel Raum geben und außerdem die Frage stellen: Wieso ist es wichtig, dass sich junge Menschen an das Attentat erinnern?“, sagt Regisseur Markus Hensel im Interview. Der 30-Jährige ist freier Filmemacher, gemeinsam mit einem Team aus etwa zehn Menschen plante und drehte er den Film in den vergangenen Monaten. Initiiert wurde das Projekt von der DGB-Jugend, die sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, dass das Attentat nicht vergessen und restlos aufgeklärt wird. 

Der Attentäter trainierte mehrere Jahre mit der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“

Ihm sei wichtig, dass sich junge Menschen mit dem Attentat auseinandersetzen, sagt Hensel. „Ich glaube, dass das Gedenken an das Attentat sehr stark zusammenhängt mit dem Engagement gegen Rechtsextremismus und der Auseinandersetzung damit heute. Wir müssen uns fragen: In was für einer Gesellschaft wollen wir heute leben? Ich persönlich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Rechtsextreme andere Menschen umbringen können und dann nicht dafür belangt werden.“ Es müsse alles getan werden, um rechtsextreme Taten aufzuklären und auch die Netzwerke dahinter zu finden.

Der Verdacht, dass der 21-jährige Gundolf Köhler das Attentat auf das Oktoberfest nicht alleine plante, steht zwar im Raum, kann juristisch aber nicht belegt werden. Der damalige Student trainierte mehrere Jahre mit der rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die im Januar 1980 als verfassungsfeindliche Organisation verboten wurde. Der damalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) bescheinigte ihr eine „Signal- und Sogwirkung“ für das gesamte rechtsextreme Lager. Dennoch wurde der Attentäter, der bei dem Anschlag selbst starb, lange als Einzeltäter behandelt und seine rechten Gesinnungen heruntergespielt. Die ersten Ermittlungen ergaben, dass der Anschlag keinen politischen Hintergrund habe. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der damals gerade für das Amt des Bundeskanzlers kandidierte, vermutete kurz nach dem Anschlag, dass es sich um linken Terror gehandelt haben könnte. Als sich herausstellte, dass das nicht stimmte, stellte er die These des Einzeltäters auf.

Im Kampf gegen das Vergessen (2020) - Kurz-Doku zum Oktoberfest-Attentat von 1980

„Dabei haben auch Augenzeugen berichtet, dass sie kurz vor dem Anschlag gesehen haben, wie der Attentäter mit anderen Männern heftig diskutierte. Aber diesen Hinweisen wurde damals nicht nachgegangen“, sagt Regisseur Markus Hensel. Auch die Überlebende Renate Martinez glaubte nie an diese These. Gemeinsam mit anderen kämpfte sie lange dafür, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden. Im Dezember 2014 dann entschloss sich der Generalbundesanwalt, den Fall noch einmal aufzurollen. Jetzt wird der Täter offiziell als Rechtsextremist angesehen, der durch Terror die Bundestagswahl 1980 beeinflussen wollte. „An die Einzeltäterthese habe ich keine Sekunde geglaubt“, sagt Martinez im Film dazu. Sie wünsche sich, dass „endlich ernst genommen wird, was da passiert.“ In der Dokumentation spricht sie, die damals Mitte 30 war, auch über ihre Erinnerungen an den Anschlag und an die Jahre danach. Fünf Monate musste sie im Krankenhaus bleiben, hatte einen Splitter in der Lunge.

Das Oktoberfestattentat gilt bis heute als der blutigste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Doch die NSU-Morde, der Mord an Walter Lübcke oder die rechtsextremen Anschläge in Halle und Hanau sind nur vier Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, die deutlich machen: Rechtsextreme morden in Deutschland weiterhin.

Markus Hensel findet: Noch immer tut die Politik zu wenig, um rechtsextreme Netzwerke wirklich aufzudecken und zu verhindern: „Diese Theorie des Einzeltäters gibt es heute immer noch, zuletzt nach dem Anschlag in Hanau.“ Deswegen sei es wichtig, dass junge Menschen ein Bewusstsein dafür entwickelten, dass rechter Terror Realität sei. „Nur, wenn man diese Kontinuitäten kennt, dann kann man heute auch sagen: Diese Anschläge sind keine Einzelfälle. Sie reihen sich ein in die lange Geschichte rechtsextremer Anschläge in Deutschland“, sagt Hensel. Dafür sei auch der Film da.

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Moderatorin Suli Kurban im Gespräch mit Hans Roauer.

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Im Denkmal an der Theresienwiese sind die Namen der zwölf Opfer eingraviert.

Foto: Screenshot Film
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In diesem Jahr soll auch eine neue Gedenkstätte eingeweiht werden, die gemeinsam mit Überlebenden konzipiert wurde.

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Adriana Bil ist Teil der DGB Jugend München. Auch sie kommt im Film zu Wort und sagt im Gespräch mit Moderatorin Suli Kurban zum Urteil vom Juli: „Wir haben jetzt endlich die Gewissheit und die Sicherheit, dass der Attentäter ein Neonazi war. Aber Mittäter*innen werden nicht aufgedeckt werden.“ Das sei ein Problem. „Wir werden nicht müde in diesem Kampf“, macht sie aber deutlich.

Hensel findet: Die Auseinandersetzung mit dem Attentat gehört in den Schulunterricht

Wegen der Corona-Pandemie waren die Macher*innen auch beim Filmen eingeschränkt, konnten Szenen nicht drehen, die eigentlich geplant waren, etwa auf dem Frühlingsfest, das traditionell auf der Theresienwiese stattfindet. Letzten Endes verleihe das dem Film aber auch eine ganz bestimmte, ruhige Stimmung, sagt Markus Hensel. Eindrücklich ist die Szene, in der Hans Roauer zurück auf die Theresienwiese kommt, die er lange komplett mied. „Aufgeregt und angespannt“ sei er, „richtig nervös“. Er steht das erste Mal ganz nah vor dem Denkmal, das dort an die Opfer erinnert, sieht deren eingravierte Namen. Am Abend des Attentats traf er sich nach Feierabend mit Bekannten auf der Wiesn. Dann explodierte die Bombe. „Auf der einen Seite die Blasmusik, auf der anderen Seite der Knall. Die Stille, und dann die Schreie“, erinnert sich Hans Roauer. Er trug eine schwere Trümmerverletzung am Fuß davon, musste mühsam wieder das Laufen lernen.

Auf der Theresienwiese wird der Film in Kooperation mit einem Theaterstück der Münchner Kammerspiele nun am Samstagabend auch gezeigt. Zudem wird am Samstag ein neuer Gedenkort für die Opfer und Überlebenden des Attentats eingeweiht, der gemeinsam mit Überlebenden konzipiert wurde. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werden kommen und der Opfer gedenken.

Markus Hensel wünscht sich, dass das Attentat auch in der Schule ein größeres Thema sein sollte, sagt er. „Das Oktoberfestattentat ist das blutigste Attentat der Nachkriegsgeschichte, daran sollte man sich erinnern, wenn man in München wohnt. Ich wohne hier, seit ich 17 bin, und ich wusste sehr lange nur wenig über die Hintergründe der Tat. Das hat mich erschreckt, als ich mit der Recherche begonnen habe.“ Es gebe Pläne, den Film auch in ein Unterrichtskonzept zu integrieren.

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