„Ich wollte kein Teil davon sein“

Simon hat vor drei Jahren seine Polizei-Ausbildung wegen rassistischer Vorfälle abgebrochen. Was die aktuelle Debatte aus seiner Sicht bewirkt.
Interview von Magdalena Pulz
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Simon hat ein neues Leben angefangen, das Thema Polizei bewegt ihn aber bis heute.

Foto: Luca Berger

Der 23-jährige Simon Neumeyer ist heute in den Endzügen seines Bachelorstudiums. Eigentlich wollte er früher immer als Polizist arbeiten – und war auch auf dem besten Weg dorthin. 2016 wurde er an der Polizeiakademie angenommen. Neun Monate später brach er die Ausbildung ab. Der Grund: An seiner Ausbildungsstätte war rechtsextremes Gedankengut salonfähig, immer wieder geriet Simon in unangenehme Situationen, weil er versuchte, darauf hinzuweisen, dass hier etwas schieflief. Im Anschluss machte er seine Erlebnisse dort öffentlich. Bis heute liegt ihm das Polizei-Thema am Herzen – schließlich war es einmal sein Traumberuf. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, ob die Polizei inzwischen dazugelernt hat, was er anderen rät, denen es geht wie ihm, und was er von Seehofers „Kompromiss-Studie“ hält.

jetzt: Was hat dich damals dazu gebracht, deinen Traumjob Polizist aufzugeben?

Simon Neumeyer: Ich war von 2016 bis 2017 auf der Polizeischule Leipzig. In meiner Ausbildung habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass rassistische Äußerungen gefallen sind, sowohl von anderen Azubis als auch von Vorgesetzten. Zum Beispiel kam von einem Schießausbilder: Wir Polizisten müssen wieder schießen lernen, weil so viele Geflüchtete nach Deutschland kommen. Oder es gab Mitazubis, die mir erzählt haben, sie seien auf NPD-Festen gewesen, oder die Lieder von Stahlgewitter (eine deutsche Rechtsrock-Band, Anm. d. Red.) auf der Stube gesungen haben. Irgendwann war mir das zu viel. Nach neun Monaten habe ich um Entlassung gebeten.

Gab es einen konkreten, Vorfall der dich dazu gebracht, zu gehen?

Grundsätzlich gab es kein einzelnes Ereignis – es war eher die Vielzahl der Momente, die mir am Ende signalisiert hat, dass es für mich dort keine Zukunft gibt. Ich wollte kein Teil davon sein.

Aufgrund des starken Korpsgeistes gelten Polizeibeamte, die Polizeibeamte kritisieren, oft als Verräter*innen. Du hast deine Geschichte und auch Screenshots von rassistischen Whatsapp-Unterhaltungen 2018 schon auf Instagram öffentlich gemacht. Hattest du keine Angst vor den Reaktionen?

Ich habe davor schon abgewogen, ob da etwas passieren kann, etwa dass ich angezeigt werde, oder was ich tue, wenn sich Leute an mir rächen wollen. Aber ich habe mich immer auf rechtlich sicherem Boden bewegt, etwa Namen geschwärzt, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Am Endet habe ich gedacht: Wo leben wir denn, wenn wir uns nicht einmal mehr trauen, so etwas zu veröffentlichen? Das war für mich der Punkt.

Gab es damals für die Beteiligten irgendwelche Folgen?

Ich musste bei einem Disziplinarverfahren gegen einen Beamten in Ausbildung aussagen, der wurde dann auch nicht übernommen. 

„Es ist natürlich gut, wenn die Sache jetzt mehr Aufmerksamkeit bekommt“

Im Zuge der neuesten Vorwürfe zum Thema Rassismus innerhalb der Polizei wurdest du wieder um Interviews gebeten. Ist die Situation heute anders als vor zwei Jahren?

Gerade in den letzten drei, vier Wochen sind ganz schön viele Fälle von Rassismus bei der Polizei ans Licht gekommen. Das kann auch daran liegen, dass Polizistinnen und Polizisten dafür sensibilisiert worden sind. Vielleicht ist es nicht mehr so salonfähig, eine rechte oder rechtsextreme Meinung zu haben, und es wird mehr gemeldet. Das ist natürlich erst einmal positiv. Aber es ist schon auch krass, was da jetzt alles rauskommt: bei der Polizei in NRW, in Berlin, in Mecklenburg-Vorpommern, in der Bereitschaftspolizei Sachsen-Anhalt.

Nervt es dich, dass das Thema erst jetzt so groß ist, wenn die Problematik eigentlich schon seit Jahren bekannt ist? 

Es ist natürlich gut, wenn die Sache jetzt mehr Aufmerksamkeit bekommt und auch in der breiten Gesellschaft diskutiert wird. Aber klar, man muss sich auch mal überlegen, wie hoch die Dunkelziffer ist und wie viele Sachen nicht ans Tageslicht gekommen sind. Jetzt wäre es an der Zeit für Veränderungen.

Schreiben dir eigentlich Menschen, denen es bei der Polizei ähnlich ergangen ist wie dir?

Ich habe schon einige Nachrichten von Polizistinnen und Polizisten bekommen, die aus ihrem aktiven Dienst berichten und sagen: Ja, bei mir läuft das genauso. Auch von Leuten, die wie ich ihre Polizei-Ausbildung abgebrochen haben. Oder Polizeibeamte, die schreiben: Ich habe das nicht so erlebt, aber stark, dass du das machst.

Rassismus-Vorwürfe gegenüber der Polizei sind ein sehr emotionalisiertes Thema: Kriegst du auch Drohungen?

Ich bekomme wirklich viele Nachrichten, aber man muss sagen, dass die größtenteils positiv sind. Nur vereinzelt kommen auch Texte, die komplett beleidigend sind.

„Ich mag es nicht, wenn Medien hier von einem Kompromiss sprechen“

Die Studie über Rechtsextremismus bei der Polizei, die die SPD gefordert hat, soll wohl doch nur eine gesamtgesellschaftliche Rassismus-Studie werden, in der die Polizei nur eine Komponente darstellt. Das ist ein politischer Kompromiss, den Innenminister Horst Seehofer (CSU) nach langem hin und her vorgestellt hat. Nun wird aber wieder diskutiert, es dauert wohl noch, bis hier wirklich etwas passiert. Was sagst du dazu?

Ich mag es nicht, wenn Medien hier von einem Kompromiss sprechen. Für mich ist das nämlich keiner. Es muss diese konkrete Studie zu Rechtsextremismus bei der Polizei geben. Von finanziell unabhängigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Alles andere ist Augenwischerei.

Hast du einen Ratschlag für jemanden, die oder der bei der Polizei etwas Ähnliches erlebt wie du damals?

Ich glaube, dass die gesamte Situation heute anders ist. Ich hatte damals nicht die Möglichkeit, mich an jemanden von der Ausbildungsstätte zu wenden. Heute sollte man auf jeden Fall erst einmal den offiziellen Weg gehen und versuchen, das intern bei der Polizei zu klären. Nur wenn das wirklich nicht geht, sollte man sich anonym an die Öffentlichkeit wenden. Aber ich plädiere dafür, dass man eine anonyme Meldestelle für Polizistinnen und Polizisten einrichtet. Man muss Kollegen und Kolleginnen oder Vorgesetzte melden können, ohne damit die eigene Karriere zu gefährden.

Wie ist es für dich, wenn du heute Polizeibeamte auf der Straße siehst?

Mein Grundvertrauen in die meisten Polizistinnen und Polizisten nicht eingeschränkt. Der Großteil von ihnen macht ihren Job gut. Das eigentliche Problem ist die steigende Anzahl an Rechtsextremisten und -extremistinnen in Deutschland – und damit auch innerhalb der Polizei.

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