Die Generation Z braucht mehr Vorbilder wie Sanna Marin

Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin sprach auf einer Pressekonferenz über Videos, die sie beim Tanzen mit Freund:innen zeigten.
Foto: Lehtikuva/Reuters

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Auf Partys tanzen und trinken, mit der Smartphone-Kamera flirten, sich mit Freundinnen in den Armen liegen und vielleicht ein bisschen grölen. Junge Menschen tun es ständig, auch die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin tat es vor Kurzem – und andere mächtige Menschen sollten es viel öfter tun. Denn die Generation Z braucht diese Vorbilder. Diejenigen, die wichtige Posten und Ämter bekleiden – und trotzdem noch ein selbstbestimmtes und erfülltes Privatleben führen.

Die 36-jährige Sanna Marin muss sich seit Tagen fürs Feiern rechtfertigen, unter anderem tat sie mithilfe eines negativen Drogentests. Der Vorwurf in Kürze: Sanna Marin sei in diesem Zustand in Notfällen wohl kaum regierungsfähig. Ein weiterer: „Ein bisschen peinlich“ seien die Videos eben auch. So kommentierte zumindest Marins eigene Finanzministerin Annika Saarikko die Aufnahmen. Dabei könnte kaum etwas weiter entfernt von peinlich sein. Die tanzende Sanna Marin wirkt in den Videos authentisch, glücklich, voller Energie. Die Videos, die sie zeigen, sind daher etwas, das junge Menschen sogar unbedingt sehen sollten.

Denn auch in Zukunft wird die Welt noch Menschen brauchen, die verantwortungsvolle Positionen übernehmen wollen. Anders als in vergangenen Zeiten reißen sich junge Leute heute aber nicht mehr um machtvolle Positionen, erbitterte Ellenbogenkämpfe um Jobs als Vorgesetzte werden in Zukunft seltener und vielleicht kaum mehr stattfinden. Die GenZ und auch Millennials haben andere Erwartungen ans Leben als ihre Eltern und Großeltern. Mehr als die Hälfte der Gen Z und der Millennials gab beispielsweise in einer Befragung an, dass sie ihren Job kündigen würden, wenn dieser ihr Privatleben beeinträchtigte. Die SZ titelte mit Bezug auf die Ergebnisse: „Millennials wollen nicht mehr Chefs werden“. Junge Menschen legen heute häufig weniger Wert auf Macht und Geld, als darauf, eine gesunde Work-Life-Balance für sich zu finden.  

Ist also beides möglich: Steile Karriere und ein erfülltes Privatleben?

Der Anblick einer tanzenden Top-Politikerin dürfte bei vielen jungen Menschen daher einen erleichternden Gedanken pflanzen: Wenn eine Ministerpräsidentin in ihrer Spitzenfunktion noch so ausgelassen tanzen und Spaß haben kann – können wir das dann nicht auch? Ist dann nicht beides möglich: Steile Karriere und ein erfülltes Privatleben? Dass junge Menschen diese Frage mit „Ja“ beantworten, wird in naher Zukunft wichtig werden.

Keine Überraschung also, dass sich kaum jemand im Netz an den Videos der Politikerin störte. Stattdessen gingen sie unter Zuspruch viral, häufig im Gegenschnitt zu anderen Politiker:innen beim „Tanzen“: Angela Merkel beim Schunkeln zum Beispiel, oder Olaf Scholz beim Verlegen-in-die-Menge-Winken. Der Blick in die sozialen Netzwerke macht schnell klar, was junge Leute statt Marins Videos also wirklich „ein bisschen peinlich“ finden.

Was über Sanna Marin deshalb im Gedächtnis bleiben wird, ist nicht der Vorwurf der fehlenden Professionalität. Sondern die Erkenntnis, dass auch eine Ministerpräsidentin noch ein Leben haben kann, zu dem Spaß und Ausgelassenheit selbstverständlich dazugehören. Dass auch verantwortungsvolle Aufgaben im Beruf nicht dazu führen müssen, dass man im Privatleben versteifen muss. Sanna Marin sendete mit ihrer Reaktion auf die Veröffentlichung der Videos ein Zeichen an junge Menschen, das kraftvoller und notwendiger kaum sein könnte: „Ich möchte zeigen, dass es gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Leben sind, die Jobs wie diesen machen“, sagte sie. Das ist ihr gelungen.

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