Billie Eilish ist das Vorbild, das ich mir gewünscht hätte

Denn bei den Britneys und Christinas gab es keine Stärke ohne Sexiness.
Von Magdalena Pulz

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Mit ihren grün-schwarzen Haaren und dem übergroßen Glitzer-Jogger sieht Billie Eilish bei den Grammys so deplatziert aus wie ein Smoothie im Steakhouse. „Why?“ ruft sie bei der Verleihung ins Mikrofon, den kleinen goldenen Plattenspieler in den Händen. Und nach einer kurzen Pause folgt noch ein ungläubiges „Puhh.“

Billie Eilish hat an diesem Abend als erste Frau in der Geschichte der Grammys alle vier Hauptpreise gewonnen: Best New Artist, Best Record of the Year, Song of the Year („Bad Guy“) und Album of the Year („When We All Fall Asleep, Where Do We Go“). Mit 18 Jahren. Sie ist ganz oben angekommen, keiner kann das Teenage-Wunder mehr ignorieren. Und das sind wirklich gute Nachrichten für junge Frauen auf der ganzen Welt. Eilish ist eine neue Evolutionsstufe des weiblichen Popstars. Eine, die wir Millennial-Frauen auch gerne als Vorbild gehabt hätten. Eilish ist ein Grund, weshalb wir neidisch sind auf die Generationen, die uns folgen.

Das Geheimnis ihrer Einzigartigkeit ist so einfach wie schmerzhaft: Billie Eilish ist nicht sexy. Auf jeden Fall nicht Media-Markt-sexy. Sie trägt keine Miniröcke, keine neckischen Shoulder-Free-Tops, keine hinreißenden rückenfreien Kleider. Sie zieht vor allem übergroße Pullover an. Klar, über ihren besonderen Kleidungsstil wurde im vergangenen Jahr schon viel geschrieben. Aber eigentlich ist es mir ziemlich egal, ob das jetzt voll mega-stylish und hip ist oder nicht. Die Hauptssache ist, dass sie anders ist.

„Stark“ und „selbstbewusst” war für Frauen immer fest an „sexy“ gekoppelt

In den Jahren, in denen wir Millennial-Frauen in der Bravo nach weiblichen Vorbildern für uns geblättert haben, gab es zwar auch einen Haufen starker Frauen. Selbstbewusst posierten die Aguileras, Lavignes und Pinks für uns: breitbeinig, die gefärbten Haare sturmzerzaust, kein Lächeln. Das Bauchnabelpiercing glänzte keck im Studiolicht, die Augen der Stars sagten: „Komm du nur, dich mach ich fertig!“ Die waren stark, die waren unberührbar, weiblich, heiß. 

Ihre empowerenden Hits hießen „I am Beautiful“, „Stronger“, „So what“ oder „Run the World“. In den Musikvideos tanzten sie wie Stripperinnen auf Barhockern, schön und gefährlich. Skatergirl Avril Lavigne trug zwar schon etwas weitere Jeans und normale T-Shirts. Aber auch sie minimalisierte ihre Outfits bei Auftritten und machte so klar: Auch „Rockgöre“ kann schön und sexy. Sogar die deutschen Musikerinnen – zumindest die, die ihr Image nicht auf lieblich ausgerichtet hatten – zogen das so durch: Ob Tic Tac Toe oder Evanescence – „stark“ und „selbstbewusst” war für Frauen immer fest an „sexy“ gekoppelt.

Ich habe absolut kein Problem mit „sexy“ – jede und jeder darf genauso sein, wie sie oder er mag. Ich ziehe etwa den Hut vor Frauen, die im echten Leben Strapse tragen, und sich dabei nicht vorkommen wie die Karikatur einer Burlesque-Künstlerin. Sich stark und schön zu fühlen, ist etwas, dass ich mir für alle Frauen, Männer und nichtbinäre Personen wünsche. Allerdings hat bei mir der Umkehrschluss eine ganze Weile meinen Selbstwert zerschossen: Habe ich mich nicht schön und sexy gefühlt, konnte ich mich auch nicht stark finden. Herauszufinden, dass das Nonsens ist, hat mich ein paar Jahre meines Erwachsenenlebens gekostet.

Dass sie so fantastisch schön ist, hilft natürlich auch

Viele werden jetzt denken: „Wow, das sind hier ja wirklich brandneue Informationen, dass Frauen sexualisiert dargestellt wurden… äh werden. Duh!” Trotzdem, Eilish ist ein Aha-Moment. Denn es ist das eine, den Ist-Zustand unseres Frauenbildes zu kritiseren. Es ist etwas anderes, ein neues (Vor-)Bild gezeigt zu bekommen. Besonders, wenn es eine Sängerin ist, die es so leicht aussehen lässt. Eilish witzelt herum, ist mal aufgeregt, mal ganz cool, wirkt in Interviews authentisch schockiert über ihren Spontanerfolg und auf der Bühne hochprofessionell. Was sie den Menschen von sich in der Öffentlichkeit zeigt, ist ehrlich sympathisch. Ja, Eilish hat die überweiten Klamotten nicht erfunden. Sie ist auch nicht die erste Künstlerin, die sich außerhalb ihrer Sexualität inszeniert, ohne dabei ihre Weiblichkeit zu verleugnen. Dass sie so fantastisch schön ist, mit ihren blitzblauen Augen, der dunklen Augenmähne hilft natürlich auch. Aber alles zusammen – ihre Jugend, ihre musikalische Genie, ihr eigener Zugang zu ihrer Weiblichkeit, ihre Weirdness – ergibt eine neue Art von Role-Model – eines, das wir Millennials auch gerne gehabt hätten. Denn sie klärt, (so seltsam sie sich zu sein traut) nebenbei auch über all das auf, was die anderen uns verschwiegen haben: über Depressionen und dunkle Tage, übers Anderssein und Leiden müssen. Und darüber, dass weibliche Superstars auch ohne Sexiness Superstars sein können. 

Wer weiß, ob Eilish nicht nächstes Jahr bei den Grammys doch noch Bock bekommt, das rückenfreie Versace-Kleid auszuprobieren oder einen Bauchnabelpiercing rausblitzen zu lassen. Aber das Bild, das wir jetzt von ihr haben, hat auf jeden Fall auch ohne Eindruck hinterlassen.

  • teilen
  • schließen