„Wir wollen dort demonstrieren, wo es passiert“

Mechthild Stier ist Teilnehmerin der #Yachtfleet – einer Demo auf dem Mittelmeer für Seenotrettung.
Interview von Nadja Schlüter

Die #Yachtfleet ist für Mechthild Stier die erste Mission auf dem Mittelmeer.

Foto: Mission Lifeline

Vom 16. bis zum 21. Juni demonstrieren drei Segelyacht-Crews auf dem Mittelmeer für Seenotrettung, gegen Rückführungen nach Libyen und für legale Einreisewege: #Yachtfleet heißt die Aktion, die von der deutschen Seenotrettungsorganisation „Mission Lifeline“ ins Leben gerufen wurde. Die „Lifeline“ hatte im Juni 2018 mehr als 230 Menschen vor der libyschen Küste gerettet und musste tagelang auf hoher See ausharren, bis Malta die Einfahrt in einen Hafen gewährte. Anschließend wurde das Schiff von den maltesischen Behörden beschlagnahmt und ihr Kapitän Claus-Peter Reisch angeklagt, es nicht ordnungsgemäß registriert zu haben. Im Mai wurde Reisch zu einer Geldstrafe von 10 000 Euro verurteilt und hat dagegen Revision eingelegt. Solange der Prozess läuft, wird die „Lifeline“ nicht freigegeben. Die Organisation hat mittlerweile ein kleineres Ersatzschiff gekauft, das bald zu seiner ersten Mission starten soll – und setzt sich nun eben auch mit der #Yachtfleet-Demo dafür ein, dass die geflüchteten Menschen in Libyen und auf dem Mittelmeer nicht in Vergessenheit geraten.

Mechthild Stier ist 27 Jahre alt und Teilnehmerin der #Yachtfleet. Sie hat im Mai 2018 angefangen, ehrenamtlich für „Mission Lifeline“ zu arbeiten, und ist mittlerweile hauptamtlich für die Spender-Betreuung zuständig. Wir erreichen sie telefonisch, als die Demo-Flotte gerade vor der Küste von Lampedusa ankert, von wo aus sie am Samstag weiter aufs Mittelmeer hinaus segeln wird.

jetzt: Zwei der drei #Yachtfleet-Schiffe haben ganz besondere Namen, habe ich gehört ...

Mechthild Stier: Ja! Sie heißen Matteo S. und Sebastian K. – da kann sich jetzt jeder überlegen, worauf sich das wohl bezieht.

Wie ist denn die Stimmung bei euch?

Die Atmosphäre ist echt cool! Wir sind circa 30 Leute und die Crews sind sehr gemischt, im Alter von 19 bis 82 Jahren, aus Deutschland, Italien, Syrien, der Schweiz, Österreich und Griechenland. Jeder bringt was anderes mit. Manche haben schon Seenotrettungen gemacht, andere in der Geflüchtetenhilfe gearbeitet, ein paar sind Freizeitsegler*innen, ein paar sind Aktivist*innen.

„Ich finde es gut, so ein Zeichen setzen zu können, dass Menschenrechte für alle gelten“

Wie wurden die Crews denn zusammengestellt?

Wir haben über Social Media und Newsletter einen Aufruf in verschiedenen Sprachen gemacht und daraufhin haben sich Leute beworben. Die Crews wurden dann so zusammengestellt, dass es von der Chemie und von der Erfahrung her passt. Ich bin zum Beispiel erst einmal gesegelt und jedes Schiff braucht ja einen Skipper (einen Bootsführer mit der nötigen Befähigung, also einem entsprechenden Führerschein; Anm. d. Red.).

Warst du schon mal bei einer Lifeline-Mission dabei?

Bisher nicht. Ich wollte es immer machen, aber hatte nie den Mut und neben dem Studium nicht genug Zeit dafür. Aber jetzt hat es gepasst und die Kolleg*innen haben mich in meiner Entscheidung, mitzufahren, total unterstützt. Ich finde es gut, so ein Zeichen setzen zu können, dass Menschenrechte für alle gelten.

Was genau ist das Konzept von #Yachtfleet?

Wir wollen dort demonstrieren, wo es passiert – wo Menschen umgekommen sind und auch weiterhin sterben. Darum werden wir fünf Tage lang unsere Meinung auf dem Mittelmeer kundtun und sie natürlich auch online publizieren.

Dabei geht es jeden Tag um ein anderes Thema, oder?

Genau. Sonntag ist das Motto „Remember them“, das Gedenken an die Opfer, um sich darauf zurück zu besinnen, dass es Menschen sind, die hier gestorben sind, und keine Zahlen. Es waren Mütter, Töchter, Väter, Enkelkinder, die ein Schicksal und Träume hatten. Montag demonstrieren wir für Bewegungsfreiheit, dazu werden wir auch ein Statement von Crew-Mitgliedern absetzen, das wird spannend, aber mehr verrate ich dazu noch nicht! Dienstag fordern wir, dass die EU nicht mehr mit Libyen kooperiert und dass die Menschen nicht mehr zurück in Kriegsgebiet geschickt werden. Mittwoch erinnern wir an Artikel 98 des internationalen Seerechtsübereinkommens: Menschen in Seenot müssen gerettet werden! Am Donnerstag, dem Weltflüchtlingstag, wollen wir das Ganze positiv enden lassen, darum ist das Motto „Solidarität“: Wir wünschen uns eine solidarische Welt, in der wir uns gegenseitig helfen, egal, woher man kommt und wie man aussieht.

„Wir haben Rettungswesten und Rettungsinseln an Bord, um die Lage zu stabilisieren“

Gibt es auch Aktionen an Land?

In Dresden ist schon eine Demo geplant. Generell wünschen wir uns, dass Menschen sich beteiligen und gerne auch spontan Aktionen an Land machen.

Wie habt ihr euch auf die Demo auf dem Wasser vorbereitet?

Wir haben auf Sizilien trainiert, uns kennengelernt, Briefings abgehalten und Segeltörns geübt.

Seid ihr denn auch auf Seenotrettungen vorbereitet?

Unser Ziel war es eigentlich, dass wir mit ganz vielen Schiffen rausfahren und so ein größeres Gebiet abdecken können. Jetzt sind wir leider weniger als geplant und beim Training hat sich gezeigt, dass wir nur eine begrenzte Kapazität haben. Auf einer Segelyacht können wir nur maximal zehn Menschen zusätzlich an Bord nehmen. Darum werden wir auch nicht, wie ursprünglich geplant, in die libysche Rettungszone fahren, das ist viel zu gefährlich. Unser Fokus liegt also auf der Demonstration – aber dabei werden wir in der italienischen und maltesischen Rettungszone unterwegs sein, da kann es natürlich passieren, dass wir auf ein Boot in Seenot treffen.

Und dann?

Wir haben Rettungswesten und Rettungsinseln an Bord, um die Lage zu stabilisieren. Wir werden den Menschen beistehen, sie beruhigen und Rücksprache mit Rettungsleitstellen halten. Und wir werden andere Schiffe in der Nähe anfunken und sie auffordern, zu helfen – denn das ist ihre Pflicht!

Ihr schreibt auf eurer Homepage: „Wir zwingen die EU, hinzusehen.“ Wie wollt ihr das erreichen?

Wir werden über Twitter publizieren und die Politiker*innen auch direkt anschreiben. Das Büro in Dresden wird sich, soweit ich weiß, auch an Verantwortliche wenden. Ich hoffe sehr, dass unsere Botschaft bei der Politik ankommt. Und dass das hier vielleicht nur der Start ist, eine erste Demo, aber nicht die letzte. Es wäre toll, wenn so etwas alle paar Monate stattfinden würde, um auch der Bevölkerung immer wieder zu sagen: Es geht uns alle an! Jeder Mensch hat das Recht, zu fliehen und sich frei zu bewegen.