„Wir haben so viele Leute mobilisiert“

Nadia Asiamah hatte die Ursprungsidee für die „Silent Demos“. Am Samstag sprach sie in Stuttgart vor 10 000 Menschen über Rassismus.
Von Niko Kappel, Stuttgart

Nadia auf der Demo.

Foto: dpa

Nadia Asiamah postet auf Instagram eigentlich nur Selfies. Zumindest bis zum 27. Mai 2020. Zwei Tage zuvor, am 25. Mai, starb in  Minneapolis der Afroamerikaner George Floyd, nachdem ein Polizist bei einer Festnahme minutenlang auf dessen Nacken kniete. Nadia, eine 22-jährige Afrodeutsche aus Stuttgart, lädt am 27. Mai ein fünfminütiges Video auf Instagram hoch. Sie ist sehr aufgebracht, spricht über die Proteste in den USA, die Willkür der Polizei und darüber, dass sie nicht mehr schweigen will. Sie ist wütend, so wie Tausende Schwarze und People of Color weltweit, die in den vergangenen Tagen auf die Straße gegangen sind, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Nadia will auch protestieren, sie meldet gemeinsam mit ihrer Freundin Perla Londole, auch 22, eine Kundgebung an. Perla in Mainz, Nadia in Stuttgart. Zwei Tage vor der Demo sagt sie: „Ich freue mich unglaublich, bin aber auch sehr nervös. Ich habe kaum geschlafen, vor so vielen Leuten habe ich noch nie gesprochen.“

Am Samstagnachmittag dann steht sie vor Tausenden Menschen auf einer Bühne. Es regnet in Strömen, als die Demonstration in Stuttgart am Samstag um 14 Uhr beginnt. Trotzdem sind deutlich mehr als 700 Leute gekommen. Das Gelände vor der Staatsoper im Oberen Schlossgarten ist voll, fast alle tragen schwarze Kleidung, fast alle sind unter 30 Jahre alt. Nadia spricht auf der Bühne über die Proteste in den USA und sagt, dass es auch in Deutschland rassistische Polizeigewalt gibt. Wenn sie immer noch nervös ist, dann merkt man es ihr nicht an. Vor der Bühne stehen die Menschen dicht gedrängt, alle tragen Masken. Auf einem Schild steht „rasicm is a pandemic, too“.  Die Menschen hören Nadia und den anderen Redner*innen zu, heben die Faust und rufen: „Black lives matter“ und „No justice, no peace“.

Nicht nur in Stuttgart waren am Samstag Menschen auf der Straße, sondern in ganz Deutschland. Aus Nadias Idee ist die deutschlandweite „Silent Demo“ gegen Rassismus geworden. „Silent“, also „still“, weil auf den Demonstrationen acht Minuten und 46 Sekunden geschwiegen werden soll. Solange kämpfte George Floyd unter dem Knie des Polizisten um sein Leben. Über Instagram vernetzte sich Nadia mit Schwarzen Menschen aus Hamburg und Berlin, zusammen gründeten sie die Instagramseite silent_demo_06.06.2020. Am Tag der Demonstration hat die Seite mehr als 40 000 Follower*innen, in 19 Städten wird im Rahmen der „Silent Demos“ protestiert, zudem gibt es weitere Proteste, auch am Sonntag.

Auf der Bühne erzählen Schwarze Menschen von ihren Erfahrungen mit Rassismus. Links neben der Bühne steht Samuel, ein junger Schwarzer, der in Wirklichkeit anders heißt. Er trägt ein „Nazis raus“-Patch auf seiner Jeans-Jacke und weint minutenlang, während eine junge Frau auf der Bühne erzählt, dass sie als kleines Mädchen in der Badewanne versucht habe, ihre braune Haut abzuwaschen, weil sie im Kindergarten gehänselt wurde. Ein Schwarzer Mann mittleren Alters läuft durch die Menschenmenge und filmt die Schilder, die die umstehenden Menschen hochhalten. Er streamt das Video live und spricht dabei in sein Smartphone: „Es ist 2020, ich kann es nicht glauben, dass ich immer noch für unsere Rechte im Regen stehen und demonstrieren muss“. Franc ist 33. Der Schwarze Mann mit Wurzeln in Kamerun sagt: „Ich bin hier, weil Rassismus, Polizeigewalt und Racial Profiling endlich ein Ende haben müssen.“ Nadine ist 31 und sagt: „Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland, ich habe zwei Kinder. Und ich will ein Zeichen setzen gegen Hass und Diskriminierung.“

Mehrere Tausend Menschen gingen allein in Stuttgart gegen Rassismus auf die Straße.

Foto: Niko Kappel

Der sogenannte „Silent Protest“ entstand spontan innerhalb weniger Tage.

Foto: Niko Kappel

Auch in vielen anderen Städten gehen die Menschen an diesem Wochenende auf die Straße.

Foto: Niko Kappel

Foto: Niko Kappel

Ihre Forderung: Eine strukturelle Änderung unserer rassistischen Gesellschaft.

Foto: Niko Kappel

Vor allem junge Menschen waren auf der Straße.

Foto: Niko Kappel

Im hinteren Teil der Demonstration wird es nach etwa einer Stunde lauter. Die Redebeiträge von der Bühne werden hier nicht mehr gehört, die Boxen sind zu klein. Ein paar junge Männer steigen in einen Baum des Schlossgartens und heben ein Schild hoch: „No justice, no peace“. Sie feuern die Menge an, sie sind wütend, sie wollen lauten Protest. Sie heben ihre Faust hoch, die Menschen unter ihnen machen es nach. Dann springen die jungen Männer von dem Baum herunter und marschieren los, in Richtung Innenstadt.

„Hinterfragt eure Privilegien“, ruft eine junge Schwarze Frau von der Bühne

Hunderte Menschen folgen ihnen, sie laufen über die Königstraße, Stuttgarts Einkaufs- und Konsumboulevard, über den Rotebühlplatz und über die Theodor-Heuss-Straße, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Teilweise kommt der Verkehr deshalb zum Erliegen. Sie rufen „I can’t breathe“, den Satz, mit dem George Floyd um sein Leben kämpfte. Die Polizei schreibt später in einer Mitteilung, dass die Stimmung des Zuges teilweise aggressiv war. Ein Twitter-Video wird am Abend das friedliche Ende der Demo auf dem Schlossplatz zeigen. Eine Demonstrantin bedankt sich darin bei der Polizei für die friedliche Begleitung des Protests. In anderen Städten kommt es teilweise zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei, in Berlin zum Beispiel wurden mehrere Menschen festgenommen.

Im Vorfeld der Demonstration gab es Kritik am Konzept der „Silent Demo“. Auf Twitter schrieben viele Nutzer*innen, dass die Zeit des Schweigens für Schwarze Menschen vorbei sein sollte. „Ich verstehe, dass Menschen auch laut protestieren wollen“, sagte Nadia dazu. „Jeder soll so demonstrieren, wie er will. Ich finde aber, dass das Schweigen manchmal lauter ist als Geschrei. Wenn es ruhig ist, kann jeder denken.“ Und komplett „silent“ sei ihr Protest ja nicht. „Es geht uns darum, dass die Gesellschaft  Schwarzen Menschen mehr zuhören muss. Dazu muss es halt auch mal still sein.“

Zurück zur Demo am Samstag: Auch wenn mittlerweile Hunderte durch Stuttgart marschieren, stehen vor der Bühne im Schlossgarten immer noch etwa tausend Menschen. Es wird Musik von Bob Marley und 2Pac gespielt, immer wieder gibt es zwischen den Beiträgen und den Parolen Denkpausen. „Hinterfragt eure Privilegien“, ruft eine junge Schwarze Frau von der Bühne. „Helft uns, steht zu uns und fragt euch, was ihr besser machen könnt.“ Um 17 Uhr sind die Kundgebungen vorbei. „Ich bin sehr froh, dass so viele da waren. Aber mit einer Demo ist es nicht getan“, sagt Nadia. Die „Silent Demo“ war die erste Demonstration, die die 22-jährige angemeldet hat. 

Die öffentlich-rechtlichen Medien sprechen später von 10 000 Demonstrierenden in Stuttgart. Auf der „Silent Demo“ in München sollen es sogar 25 000 gewesen. „Wir haben so viele Leute mobilisiert, das ging alles so schnell.“ Nadia will weiter machen, weiter Demonstrationen organisieren. „Wir haben die Menschen heute daran erinnert, dass wir alle gleich sind“, sagt sie. Mittlerweile ist es 18 Uhr, es sind nur noch wenige Menschen im Oberen Schlossgarten. Vor der Bühne tanzt eine Gruppe junger Schwarzer zu Beats, die auf einer Bluetooth-Box abgespielt werden. Ihre Schilder legen die Demonstrierenden überall in der Stadt aus. 

Foto: Niko Kappel

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