Keine Lust mehr auf SPD und CDU

Immer weniger junge Menschen engagieren sich in Parteien.
Illustration: FDE

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Gläubig, im öffentlichen Dienst angestellt, männlich, Akademiker – und ziemlich alt. 59 Jahre. Also kurz vor der Rente. Das ist das durchschnittliche Parteienmitglied in Deutschland. Oder anders gesagt: Mit diesem Typ Mensch umgibt sich, wer in eine der großen deutschen Parteien eintritt. Und die Mitglieder der meisten Bundestagsparteien werden nicht nur älter: Seit Jahrzehnten verlieren gerade die großen Parteien auch Mitglieder. Massiv. Sie treten aus, sie sterben. Gleichzeitig rücken kaum neue nach.

Seit den 1990er Jahren sieht man einen klaren Trend: Junge Menschen wenden sich immer mehr von den Volksparteien ab, sagt Michael Angenendt. Er ist Politikwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und beschäftigt sich in seinem Buch Politik abseits der Parteien mit Parteien- und Politikverdrossenheit. „Es ist gerade etwas im Wandel“, sagt Angenendt. „Wir sehen das im Wahlverhalten, in der Wahlbeteiligung und dem zunehmenden Aufkommen von Einzelkandidaten.“ Auch dass immer mehr Menschen sich für sogenannte Antiparteien oder Wählergemeinschaften wie die Freien Wähler entscheiden würden, sei ein Zeichen für diese tiefe Veränderung in der politischen Landschaft.

Nur noch zwei Prozent der Deutschen hat eine Parteimitgliedschaft

Deutschland ist eine Parteiendemokratie – so wie fast alle Staaten in Europa. Heißt: Parteien sind der Grundpfeiler für unser politisches System. Was passiert, wenn ihnen das Fundament wegbricht? Wenn sich keiner mehr für sie interessiert, ihnen angehören will oder sich in ihnen aktiv engagieren will? Nur noch zwei Prozent der Deutschen haben eine Parteimitgliedschaft – und davon sind die wenigsten jung. 1983 hatten die Unionsparteien etwa noch fast 920 000 Mitglieder, die SPD Mitte der 70er Jahre sogar über eine Million. In den vergangenen 30 Jahren haben sich die beiden Parteien halbiert. Die Linke und die FDP verloren sogar weit mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder. Wie kommt es, dass viele junge Erwachsene zunehmend skeptisch auf die politischen Verantwortungsträger blicken - und sich immer mehr von den Parteien abwenden, die den Anspruch haben, Volksparteien zu sein?

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Michael Angenendt ist Politikwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Foto: privat

Angenendt sagt, dass es früher, obwohl auch damals nur ein geringer Teil der Bevölkerung eine Parteimitgliedschaft hatte, deutlich normaler gewesen sei, in eine Partei einzutreten: „weil es Teil der politischen Kultur war, weil man das einfach tat, weil es hieß, dass das einfach wichtig ist.“ Die wenigen jungen Menschen, die heutzutage in Parteien eintreten würden, täten das weniger, um die Partei zu unterstützen, sondern eher, weil sie den Wunsch hätten, Berufspolitiker zu werden, so Angenendt.

Schon jetzt spüren die Parteien die Konsequenzen des fehlenden Nachwuchses

Trotzdem, schon jetzt spüren die Parteien die Konsequenzen des fehlenden Nachwuchses. Besonders auf kommunaler Ebene, wo die meisten aktiven Parteimitglieder zu finden sind. „Es fällt den Parteien insbesondere in kleineren Städten und Gemeinden zunehmend schwerer Ortsverbände aufrecht zu erhalten, wodurch es wieder schwerer wird, Kandidaten aufzustellen – und in diese Lücke stoßen derzeit die Wählergemeinschaften“, sagt Angenendt. Denn weniger Mitglieder bedeutet weniger Auswahl für Posten, Wahlkampf – und weniger Kandidaten und Kandidatinnen. Auf lange Sicht, so ist zu vermuten, könnte so die Qualität des Personals und die Möglichkeit, gute Nachwuchskräfte auszubilden, sinken.

Einzig die Grünen konnten seit 1990 ihre Mitglieder verdoppeln. Und: Mit einem durchschnittlichen Mitgliedsalter von 48 Jahren sind sie die jungen Hüpfer in der Parteienlandschaft. „Die Grünen haben es in den 80ern geschafft, eine neue Konfliktlinie im politischen Betrieb zu etablieren, und zwar abseits der klassischen, wirtschaftlichen rechts-links Thematik: postmaterialistische, gesellschaftliche Themen, die im Nachkriegsdeutschland, als es vor allen Dingen darum ging, dass etwas zu Essen auf dem Tisch stand, weniger wichtig waren“, sagt Angenendt.

Ging es bei den Grünen zunächst vor allen Dingen um den Umweltschutz, entwickelte sich die Partei zuletzt immer weiter, setzte sich für Gleichberechtigung, Teilhabe und Inklusion ein. Themen, die häufig als Identitätspolitik bezeichnet werden. Auch wenn hier immer wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen – wie Steuervorteile bei der Ehe für alle – so stehen sie nicht im Vordergrund. Diese Themen, so Angenendt, seien für viele junge Menschen wichtiger als wirtschaftliche Fragen. Auch der AfD gelänge das, indem sie in diesen Fragen die Gegenposition zu den Grünen einnähme. Beide Enden der Pole sind die einzigen Bundestagsparteien, die in den vergangenen Jahren an Mitgliedern gewinnen konnten.

Doch es gibt junge Menschen, die sich in Parteien engagieren

Es gibt sie also noch, die jungen Menschen, die sich in Parteien engagieren – die Parteien müssen nur die für sie relevanten Themen und Debatten aufgreifen. Oder? Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigt das Beispiel einer anderen Partei: Volt. Eine der bekanntesten Kleinparteien derzeit. Die paneuropäische Partei setzt sich vor allem dafür ein, dass die EU mehr Handlungskompetenzen bekommt, eine Republik Europa, und ein größerer Fokus auf die Digitalisierung – alles Themen, für die gerade junge Menschen in den vergangenen Jahren oft auf die Straße gegangen sind.

Am 27. Juli 2021 stellt Volt auf einer digitalen Pressekonferenz ihr Wahlprogramm vor. Doch die Aufmerksamkeit der Medien hält sich in Grenzen. Ungefähr zehn Journalistinnen und Journalisten haben sich auf Zoom zugeschaltet. Bei der Europawahl 2019 kam die zwei Jahre zuvor gegründete Partei auf 0,7 Prozent. Das ist zu wenig, um große Beachtung von Medien und Bevölkerung zu bekommen, aber genug für einen Abgeordneten-Sitz im Europäischen Parlament.

Der sitzt hunderte Kilometer weiter in seinem Büro in Brüssel vor seinem Laptop. Damian von Boeselager ist 33 und der Mitbegründer von Volt. Früher sei er klassischer Wechselwähler gewesen, erzählt er. Mal CDU, mal SPD, mal die Grünen. Er trägt ein weißes Hemd, den obersten Knopf lässig offen, ein Typ, dem man gerne zuhört, dem man anmerkt, dass er auf einer der besten Universitäten der Welt studiert hat und sich in der Anwesenheit erfolgreicher, ergebnisorientierter Menschen am wohlsten fühlt.

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Damian von Boeselager, 33, ist Mitbegründer der Partei Volt.

Foto: Michał Szyndel

2016, dem Jahr, das für viele ein politischer Weckruf war, kurz nach dem Brexit-Votum, unmittelbar nach Trumps Wahlsieg, entschloss er in den USA gemeinsam mit einem Italiener und einer Französin, sie müssten unbedingt politisch aktiv werden. Rein in die Politik, etwas verändern, dem Aufkommenden rechts-nationalen Populismus etwas entgegensetzen. „Wir waren uns aber einig: Die großen Probleme unserer Zeit kann man nur gesamteuropäisch angehen. Und die Antwort auf rechten Nationalismus ist keine proeuropäische nationale Partei, sondern eine Partei, die von Anfang an europäisch denkt und europäisch handelt.“ Drei Jahre später saß von Boeselager im Europäischen Parlament.

„Wir müssen die künstliche Wand, die zwischen uns und der Politik ist, runterreißen“

Von Boeselager betont immer wieder, dass er sich Sorgen um die Demokratie mache. Er weiß natürlich um die sinkenden Mitgliederzahlen bei den etablierten Parteien und um das Problem der fehlenden Jugend. Und er hat Angst davor, dass die die Sicht der jüngeren Generation auf Politik und die Menschen, die in den Parlamenten sitzen, zunehmend zynisch und negativ werden. „Wir müssen die künstliche Wand, die zwischen uns und der Politik ist, runterreißen. Klar, Demos sind wichtig, aber wir leben in einer Parteiendemokratie und von den Menschen in den Parteien werden eben die politischen Entscheidungen getroffen.“

Aber nicht nur die Jungen seien das Problem: Von Boeselager findet, dass auch die Parteien sich deutlich mehr um ihre Mitglieder bemühen sollten. Er erklärt, dass bei Volt jedes neue Mitglied mit einer persönlichen E-Mail begrüßt werde. Doch bei ungefähr 3 000 ist das natürlich noch deutlich einfacher als bei den großen Parteien. Und auch hier fällt auf, dass diese junge Partei in Wahrheit gar nicht so jung ist, wie man meinen könnte. Zumindest, was die Mitglieder betrifft. Das Durchschnittsalter liegt bei 38 Jahren. „Ich finde es super fahrlässig, wenn wir nicht wieder mehr in die Parteien streben. Wenn du was verändern willst, schnapp dir neun Freunde, geh in irgendeinen Ortsverband einer Partei, die euch am ehesten zusagt, dann seid ihr die Mehrheit an den aktiven Mitgliedern. Unsere Demokratie ist durchlässig, man kann etwas bewegen“, sagt Boeselager, und bevor er sich mit einer kurzen Entschuldigung verabschiedet, fügt er noch an „Politik ist keine Parallelgesellschaft. Das ist unsere Welt.“

Ihre Gegner:innen im Kampf um Stimmen für eine Direktplatzierung: Annalena Baerbock und Olaf Scholz

Lu Yen Roloff dagegen muss erst noch gewählt werden, sie will in den Bundestag. Gerade kommt sie von ihrem zweiten Tag am Wahlstand. Viele Gespräche, herausfordernde Begegnungen, erzählt sie und die Lachfalten um ihre Augen werden tiefer. „Drei haben sogar versprochen, mich zu wählen. Drei sind ein Trend, vier eine Bewegung und fünf die Revolution.“ Die 43-Jährige trägt eine weiße Bluse, ihr Haar ist zu einem Pony geschnitten. Hinter ihr, an der Wand in Ihrer Potsdamer Wohnung, hängt ein gelbes Plakat auf der in großen Buchstaben ein verkürztes Hannah Arendt Zitat prangt: „Macht ist die menschliche Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“ Roloff will diese Form von Macht und deshalb schaffen, was für die meisten wohl aussichtlos scheint: in den Bundestag einziehen. 

Roloff hat sich für einen ganz anderen Weg entschieden: Sie tritt als unabhängige Kandidatin im Wahlkreis 61 an: Potsdam / Mittelmark II / Teltow-Fläming II. Ihre Gegner:innen im Kampf um ausreichend Stimmen für eine Direktplatzierung: Annalena Baerbock und Olaf Scholz. Sie hätte sich wohl keinen schwierigeren Wahlkreis aussuchen können. Denn als Unabhängige ist ihre einzige Chance in den Bundestag zu kommen, die meisten Erststimmen im Wahlkreis zu bekommen.

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Lu Yen Roloff, 43, möchte als unabhängige Kandidatin in den Bundestag.

Foto: manuelaclemens.de

Erst drei Menschen haben das in der Geschichte der Bundesrepublik geschafft. Das war 1949. Seitdem hat sich einiges geändert – auch im Wahlrecht. Durch die Erst- und Zweitstimmenregelung ist es deutlich schwieriger als 1949, ohne Partei in den Bundestag einzuziehen. Und das ist auch beabsichtigt. „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“, heißt es in Artikel 21 des Grundgesetzes. „In Europa strukturieren Parteien den politischen Prozess und das macht es für unabhängige Kandidaten und Kandidatinnen schwieriger“, sagt Politikwissenschaftler Angenendt. „Ich denke, dass auch dieses Jahr die Zahl der unabhängigen Kandidatinnen und Kandidaten steigen wird, weil sie von der Parteienskepsis profitieren möchten, indem sie sich als Bürger statt Parteipolitiker präsentieren. Doch das kann nur funktionieren, wenn man wirklich sehr, sehr bekannt ist.“

Roloff ist da selbstverständlich deutlich optimistischer, obwohl sie für die meisten in ihrem Wahlkreis erstmal nur ein freundliches Gesicht auf einem Wahlplakat ist: „Es gab in den letzten Jahren einige Unabhängige, die Bürgermeisterwahlen gewonnen haben. Das waren teilweise deutlich größere Städte als mein Wahlkreis. Wichtig ist natürlich, dass man im eigenen Wahlkreis bekannt ist.“ Denn Parteien sind schon bekannt, die Wählerinnen und Wähler wissen ungefähr, wofür sie stehen, was sie von ihnen erwarten können. Sie helfen Wahlentscheidungen zu treffen in unserem komplexen politischen System.

„Da ist eine gläserne Wand zwischen Politiker:innen und Bürger:innen“

Spricht man mit Roloff geht sofort die Schublade „Macherin“ auf. Als sie Journalistin war, hatte sie ein Problem damit, wie viel über die großen Namen in der Politik und wie wenig über normale, politisch-aktive Menschen berichtet wurde. Also gründete sie Wahlfahrt09.de, wo sie Menschen aus ganz Deutschland besuchte und mit ihnen über Politik sprach. Bei Greenpeace versuchte sie durch Lobbyarbeit Einfluss auf die Politik zu nehmen. 2019 wurde sie Teil von Extinction Rebellion, kündigte ihren Job, um Vollzeit-Aktivistin zu sein. Wie viele junge Menschen sei sie während der Demonstrationen vor Ministerien von Politikerinnen und Politikern enttäuscht gewesen: „Da ist eine gläserne Wand zwischen Politiker:innen und Bürger:innen. 1 500 Menschen demonstrieren vor einem Ministerium und nicht eine Person kommt heraus, um mit den Leuten zu sprechen? Was ist das für ein Demokratieverständnis?“, fragt Roloff. 

Als vergangenes Jahr klar wurde, dass durch die Corona-Pandemie große Demos erst einmal nicht mehr möglich sein werden und eine von ihr gestartete Petition aus der Regierung wenig Beachtung fand, entschied sie sich für die Kandidatur als Unabhängige. „Auch in dieser Pandemie gab es wieder Krisenpolitik aus der Schublade: Geld an die Autoindustrie, Geld an große Konzerne und viele Menschen blieben erstmal auf der Strecke. Ich möchte aber in einer Welt leben, in der zuerst das Wohl von Menschen und Natur das Ziel politischen Handelns ist.“, sagt Roloff. Leisten kann sie sich diese Kandidatur durch die Förderung von JoinPolitics.

„In den meisten Parteien gibt es erstarrte Strukturen und Hierarchien“

Der Weg in eine Partei war für sie keine Option. Zum einen, weil es keine Partei gäbe, die wirklich ihre Auffassungen teile und die Klimakrise in der Vehemenz bekämpfen würde, die notwendig wäre, um sie noch aufzuhalten. Zum anderen, weil der Aufbau von Parteien widerstrebe: „In den meisten Parteien gibt es erstarrte Strukturen und Hierarchien, und bis man Einfluss gewinnt, muss man sich intern durchbeißen. Ich wollte wegen des Zeitdrucks der Klimakrise aber schon Einfluss auf diese Wahl ausüben“, sagt sie.

Eine Meinung, die viele jüngere Menschen mit Roloff teilen, sagt auch Angenendt: „Parteiarbeit ist das Bohren dicker Bretter. Das sind langwierige Prozesse. Heute möchte man eher punktuell aktiv werden und schnelle Resultate sehen – und sich nicht gleich einer ganzen Ideologie verschreiben, sei es der Konservativismus oder die Sozialdemokratie“ Es gäbe bei jungen Erwachsenen ein großes Bedürfnis, sich politisch zu engagieren. Das sehe man an Bewegungen wie Puls of Europe, Black Lives Matter und vor allen Dingen Fridays for Future. „Die Leute schließen sich lieber einer Bürgerinitiative an. Parteien stehen viele junge Menschen eher skeptisch gegenüber“, sagt der Wissenschaftler. Eine Entwicklung, die in ganz Europa erkennbar ist. Nur knapp sechs Prozent der Europäerinnen und Europäer können sich mit einer Partei identifizieren. Fast die Hälfte hat dagegen mindestens eine Partei, die sie ganzheitlich ablehnen.

Außerdem befürchtet die unabhängige Kandidatin Roloff, dass sie in einer Partei vielleicht gar kein Gehör finden würde. Denn Parteien seien sehr männlich dominiert, sehr alt und sehr deutsch. Und tatsächlich sind die Mitglieder von Parteien nicht besonders divers. Bei den großen Parteien sind die Grünen sind mit einer Frauenquote von 41 Prozent und einem Durchschnittsalter von 48 noch am Nähesten am Durchschnitt der deutschen Gesamtbevölkerung. Das durchschnittliche CDU-Mitglied ist mit 61 Jahren am ältesten. CSU und FDP haben mit 21 beziehungsweise 22 Prozent einen nur knapp höheren Frauenanteil, als die AfD mit 18 Prozent. „Das ist natürlich eine enorme soziodemographische Verzerrung“, sagt Angenendt „und ein sich selbst verstärkender Prozess. Parteiarbeit bedeutet oft, zugespitzt formuliert, dass du mit alten Männern in einer verrauchten Dorfkneipe rumsitzt. Und darauf haben die wenigsten jungen Menschen Lust und werden abgeschreckt.“

Auch diese Struktur könnte ein Grund dafür sein, dass die Wahlbeteiligung bei jüngeren Menschen besonders niedrig ist. Dass das Gefühl entsteht, Politiker und Politikerinnen interessieren sich nicht für die Sorgen junger Menschen und machen deswegen eine Politik, die sie nicht berücksichtig. Bei der letzten Bundestagswahl gingen nur ungefähr 70 Prozent der unter 30-Jährigen wählen. Ein stärkerer Abfall im Vergleich zu früheren Wahlen mit deutlich höherer Wahlbeteiligung als bei den älteren Wähler:innengruppen. Der Politikwissenschaftler sieht vor allen Dingen aber die Gefahr, dass die Parteien Menschen verlieren, die keinen Hochschulabschluss haben: „Bei den älteren Generationen gehen alle ungefähr gleich viel wählen. Bei Menschen unter 29 sieht man: Je mehr Bildung, desto mehr Wahlbeteiligung. Wenn Sie Abitur haben, ist die Chance, dass Sie zur Bundestagswahl gehen, dreimal so hoch wie mit einem Hauptschulabschluss.“

Auch ohne Partei etwas verändern?

Die Reaktionen auf der Straße, darauf, dass Roloff selbst Politik in die Hand nehmen möchte, sind bislang gespalten, erzählt die 43-Jährige. Viele seien positiv überrascht, dass es eine Unabhängige in ihrem Wahlkreis in den Bundestag schaffen möchte. Andere seien skeptisch, würden bezweifeln, dass eine einzelne Person etwas im Bundestag ausrichten könne. „Die Jobbeschreibung für Abgeordnete ist kurz: Du bist deinem Gewissen verpflichtet und du musst dem Volk dienen. Das ist sehr frei interpretierbar. Man kann Menschen einstellen und einladen, bekommt Zugang zu exklusiven Informationen und Entscheiderinnen“, sagt Roloff. Aber vor allen Dingen gehe es ihr darum, dass der Bundestag, so wie er jetzt funktioniert, nicht mehr zeitgemäß sei: „Es kann doch nicht sein, dass es einen Fraktionszwang gibt, der dich so sehr einschränkt, dass du nicht mal für Vorschläge einer anderen Partei klatschen darfst, weil du sonst schief angeschaut wärst.“

Dass Roloff mit dieser Einordnung wohl nicht ganz Unrecht hat, sah man zuletzt an den Reaktionen auf ein Interview des CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, der in der Polit-Talkshow „Maischberger Die Woche“ kritisiert wurde, weil er im Juni gegen die „großzügige Aufnahme afghanischer Ortskräfte“ gestimmt hatte. Der Antrag kam von den Grünen, also aus der Opposition, und wurde – wie es üblich ist – von den Parteien der Regierungsfraktion abgelehnt. Röttgens Begründung: „Man muss es sehen, wie im politischen System solche Fragen behandelt werden. Es geht um ein Tun der Regierung, nicht um einen Antrag, der gestellt wird. Es wird darüber nicht im Parlament entschieden, sondern in der Regierung.“ Und selbst in der Lokalpolitik ist es kein Geheimnis, dass nicht frei über die besten Vorschläge abgestimmt wird, sondern schon im Vorfeld fraktionsintern bewertet und Allianzen geschmiedet werden.

„Der politische Neustart hat begonnen“

Doch was passiert, wenn das Wahrscheinliche eintritt, wenn Baerbock oder Scholz die Stimmen unter sich ausmachen und Roloff weit abgeschlagen hinter den beiden Spitzenpolitiker:innen landet? Hat sich das vergangene Jahr, all die Vorbereitung und harte Arbeit überhaupt gelohnt? „Auf jeden Fall. Ich möchte andere inspirieren, selbst zu kandidieren, politisch aktiv zu werden, sich einzumischen und zu organisieren. Die sollen sehen: Da sind andere, die wollen auch eine Veränderung. Der politische Neustart hat begonnen“, sagt Roloff mit einem breiten Lächeln.

Wer nach Gründen sucht, weshalb junge Menschen sich nicht mehr mit den großen Parteien identifizieren, findet zu viele Ansatzpunkte, als dass unsere Parteienstruktur so bleiben kann wie wir sie kennen, wenn sie junge Menschen anziehen wollen. Sie sind viel zu weit von der Lebensrealität von Gen Z und Millennials entfernt. Programmatisch, personell und strukturell. Sie wollen keine festen Hierarchien, wollen kein „Weiter so“ der Politik, die Erde und ihre Zukunft gefährdet, drängen auf schnellere Lösungen, verzeihen politische Skandale weniger, wollen sich innerparteilicher Struktur nicht beugen. Ob unabhängige Kandidaten und Kandidatinnen wie Roloff oder neue Parteien wie Volt davon profitieren werden, oder die alten Volksparteien es doch schaffen, sich von Grund auf zu reformieren, das muss sich erst zeigen.

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