„Wenn ich jedem ,Bleib gesund’ schreibe, ist es irgendwann nichts mehr wert“

Kommunikationsexperte Murtaza Akbar über Sprache in der Corona-Krise.
Interview von Nadja Schlüter
interview murtaza akbar

Murtaza Akbar lehrt an der Hochschule Darmstadt im Studiengang Onlinekommunikation und leitet eine Agentur für Unternehmenskommunikation.

Foto: Sven Marquardt

Emmanuel Macron sprach vom „Krieg“ gegen das Virus, Angela Merkel von einer „historischen Aufgabe“, Donald Trump nennt Sars-CoV-2 „das chinesische Virus“ und im Alltag jonglieren wir mit Begriffen wie „Quarantäne“, „Ausgangsbeschränkungen“ und „Soziale Distanz“: Die Corona-Krise beeinflusst unseren gesamten Alltag und dadurch natürlich auch unsere Sprache. Denn eine neue Situation bringt neue Wörter und Formulierungen hervor. Doch welche davon helfen uns, welche machen uns vor allem Angst oder verzerren die Lage? Das haben wir Murtaza Akbar gefragt. Er ist Kommunikationsexperte und -berater und lehrt als Dozent im Studiengang Onlinekommunikation an der Hochschule Darmstadt. 

jetzt: Wenn Sie in zehn Jahren auf die Corona-Pandemie zurückschauen, an welchen Begriff werden Sie dann zuerst denken? 

Murtaza Akbar: Ich werde mich wahrscheinlich vor allem an die Begriffe erinnern, die ich schwierig finde, zum Beispiel „durchseuchen“. Das ist ein Fachbegriff, den Virologen verwenden, aber die meisten Menschen ohne Fachwissen empfinden ihn als angsteinflößend. „Virenparadies“ wird mir auch im Kopf bleiben. Und natürlich „Shutdown“ und „Lockdown“, von denen viele nicht genau wissen, was dahintersteckt.

Donald Trump und Emmanuel Macron haben vor allem zu Beginn der Pandemie die Situation mit Begriffen wie „Krieg“ und „Kampf“ beschrieben. Was steckt dahinter? 

Macron hat in seiner ersten Ansprache vom „Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“ gesprochen und wollte den Menschen so suggerieren, dass es hier um Leben und Tod geht. In dieser drastischen Form war das sicher überzeichnet – denn glücklicherweise befinden wir uns nicht im Krieg. Weil die Pandemie ja noch länger nicht vorbei ist, muss Macron sich aber vor allem fragen: Was ist die Steigerung von Krieg? Er muss schließlich noch weitere Ansprachen an die Bevölkerung halten …

In seiner zweiten Rede zur Lage war er dann auch viel zurückhaltender – und selbstkritisch.

Ja, er hat gemerkt: Angst ist kein guter Ratgeber. Man kann mit Angst nicht wochenlang die Menschen beschäftigen. Das Ziel müssen Einsicht, Verständnis und Gemeinsamkeit sein.

„In Deutschland hat niemand von ,Krieg‘ gesprochen“

Neben der Kriegsrhetorik gibt es noch andere kritische Formulierungen, die immer wieder benutzt werden: „das chinesische Virus“ zum Beispiel, oder die „italienischen Verhältnisse“, die wir in Deutschland angeblich vermeiden müssen.

Das ist eine pure Form der Diskriminierung und genau das Gegenteil von zusammenführender Sprache. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Sprache sowohl von rechts als auch von links gerade weniger missbraucht wird als sonst. Viele Menschen haben derzeit existenzielle Sorgen. Da merken extreme Gruppen, dass sie mit ihren Botschaften nicht durchkommen, dafür ist derzeit überhaupt kein Platz. Auch Politiker der Oppositionsparteien haben es ja schwer, sich Gehör zu verschaffen. Ich befürchte aber leider, dass es bei den extremen Gruppierungen bald ein Nachkarten geben wird. 

Als im Sommer 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, sagte Kanzlerin Merkel ihren berühmten Satz: „Wir schaffen das!“ Der wurde mit der Zeit ins Negative und Zynische gewendet. Könnte sowas diesmal auch passieren? 

Ich bin vorsichtig optimistisch, dass es nicht so kommt. Die Bundeskanzlerin hat ja auch daraus gelernt: Ich habe diesmal in keiner Weise sowas wie „Wir schaffen das“ von ihr gehört. Vor allem ihre Fernsehansprache im März war sehr durchdacht. Vielleicht wird sich irgendwann auf Merkels Aussage „Die Situation ist ernst“ bezogen, mit „Sie war noch viel ernster“ oder „Jetzt ist sie nicht mehr zu retten“. Ich hoffe es aber nicht.

Wie bewerten Sie generell die aktuelle Rhetorik der Politiker*innen in Deutschland?

Hier hat niemand von „Krieg“ gesprochen, was aufgrund der deutschen Historie verständlich ist. Und die Fernsehansprache der Bundeskanzlerin war wirklich ein Musterbeispiel, wie man in dieser Lage sprechen sollte! Sehr empathisch, sehr wertschätzend: dass die Situation ernst ist, dass wir nicht von Zwang leben, dass wir uns in einer Demokratie befinden und vor einer historischen Aufgabe stehen, die gemeinsam zu bewältigen ist.

„Die ,Corona-Sprache‘ vereint die Gesellschaft. Und auch die Generationen“

Sie sprach auch vom „solidarischen Handeln“. 

Ich finde es faszinierend, dass so ein Wort wie „Solidarität“ auf einmal so oft verwendet wird. Die „Corona-Sprache“ vereint die Gesellschaft. Und auch die Generationen.

Wie meinen Sie das?

Die verschiedenen Generationen sprechen zwar dank der Social-Media- und Onlinekommunikation schon seit einiger Zeit viel mehr miteinander als früher, aber haben trotzdem immer noch verschiedene Wortschätze. Wenn Ältere „Blitzmerker“ sagen oder Jüngere „Das ist catchy“, verstehen sie sich gegenseitig nicht. Die Pandemie ist jetzt ein Thema, das alle verbindet. Das ist traurig, aber es führt wenigstens zusammen.

Gerade wabern sehr viele Begriffe wild herum: Kontaktsperre, Ausgangssperre, Kontaktreduzierung, Ausgangsbeschränkung, „soziale Distanz“, Quarantäne, Lockdown, Shutdown. Wie können wir uns da zurechtfinden?

Vor allem anfangs war die Kommunikation unscharf und schwammig, weil auch die Bundesländer verschieden agiert haben. Aber seit ein, zwei Wochen hat sich die Politik anscheinend auf eine Art „Glossar“ geeinigt: Sie spricht in Deutschland vor allem von „Kontaktsperren“ und „Ausgangsbeschränkungen“. Die Menschen brauchen gerade Sicherheit und Vertrauen und eine einheitliche Verwendung von Wörtern fördert das. Ich bin überrascht und beeindruckt von den Politikern, dass das gerade relativ gut funktioniert. Und auch die Wissenschaft hat jetzt eingesehen, dass weniger mehr ist. 

Inwiefern?

Anfangs hat das Robert-Koch-Institut jeden Tag eine Pressekonferenz gegeben, das ist nicht förderlich. Jetzt gibt es jede Woche eine, da werden die Aussagen viel nachhaltiger und verlässlicher. Wir brauchen derzeit gute Kommunikation, und das bedeutet: klar, konkret und verbindlich zu kommunizieren.

Das ist aber nicht so leicht, wenn die Lage sich fast täglich ändert. Wie schafft man es trotzdem?

Die Politiker und die Wissenschaftler müssen vor allem mit Versprechen vorsichtig sein. Damit können sie natürlich Optimismus ausstrahlen – aber dann muss man sie auch einhalten. Man sollte auch alle absoluten Aussagen wie „Es wird nie mehr wie zuvor“ oder „Es wird jetzt für immer anders“ vermeiden. Und natürlich negative Superlativ-Begriffe wie „Apokalypse“ oder „Corona-GAU“. Ein Begriff, der jetzt häufig fällt und den ich auch schwierig finde: „Maßnahmen“. 

„Wir haben gerade einen reduzierten Dialog- und einen viel größeren Konsum-Anteil: Wir konsumieren Medien ohne Ende“

Wieso?

Das ist ein journalistisches Unwort. Und „Maßnahmen durchführen“ sind gleich zwei Unwörter hintereinander. Keiner weiß, was damit gemeint ist. „Die Stadt wird Maßnahmen durchführen, um diese Straße zu sanieren“ – was bedeutet das? Dass sie die Lampen austauscht? Den Asphalt erneuert?

Was sollte man stattdessen sagen?

Richtlinien, Anordnungen, Vorgaben mit konkreten Ergänzungen. Da ist klar: Es gibt etwas, an das wir uns halten müssen.

Gibt es aktuell noch mehr Begriffe, die neue oder mehr Bedeutung bekommen? „Solidarität“ hatten Sie ja schon erwähnt.

Inflationär verwendet wird natürlich das Wort „Home-Office“, für das wir bisher auch kein passendes deutsches Wort haben. Genauso wie „Home-Schooling“ – das kannte vorher kaum jemand, weil das in Deutschland ja eigentlich nicht erlaubt ist. „Zuhause“ und „daheim“, sind sehr schöne Begriffe, die gerade mehr Bedeutung bekommen. Und was ich jetzt öfter gehört habe, ist „Corona-Knast“ – Knast sagt eigentlich auch niemand mehr. 

Wird Sprache gerade noch wichtiger für uns, weil wir durch die physische Distanz noch mehr darauf angewiesen sind als sonst? 

Absolut. Denn in der Regel haben wir gerade einen reduzierten Dialog- und einen viel größeren Konsum-Anteil: Wir konsumieren Medien ohne Ende. Wenn Dialog stattfindet, wird er umso wichtiger, und wir legen vieles, was gesagt wird, auf die berühmte Goldwaage. 

Neulich habe ich auf Instagram einen Post gesehen, in dem eine junge Frau gefordert hat, dass man nicht mehr „Bleib gesund“ sagen soll. Weil viele nie gesund waren und weil es suggerieren würde, dass man selbst schuld sei, wenn man krank wird. Das fand ich etwas übertrieben – das ist doch eigentlich ein schöner Wunsch?

Es kann sein, dass sich das über Jahre halten wird, aber ich verwende es auch nicht. Aus den genannten Gründen, aber auch, weil es so zu einer Floskel wird.

Aber Abschiedsfloskeln helfen uns doch auch. Daran können wir uns festhalten.

Floskeln sind ja in Ordnung, wir können nicht über jedes Wort nachdenken. Aber man sollte sie in Maßen verwenden. Wenn ich jedem „Bleib gesund“ schreibe, ist es irgendwann nichts mehr wert. Und das wird auch unserer Sprache nicht gerecht, es gibt ja noch so viele andere Begriffe, die wir verwenden können! Ich schreibe auch jedes Mal eine andere Grußformal unter meine E-Mails für den Menschen, mit dem ich kommuniziere.

„Vielleicht finden wir mit der Zeit ganz viele verschiedene Synonyme und Begriffe für das Wort ,Solidarität‘“

Es wird ja wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis wir die Pandemie überstanden haben. Was müssen wir beachten, wenn wir in den kommenden Wochen miteinander kommunizieren?

Ich würde empfehlen, dass wir genau schauen, mit wem wir über was sprechen. Dass wir nicht jedem unser Herz ausschütten. Und dass wir nicht ständig über Negatives sprechen. Es ist wichtig, nichts zu verschleiern und nichts zu beschönigen, aber wir sollten unsere Emotionalität in Grenzen halten. Und: Wir sollten echte Dialoge führen, keine Monologe, also ehrliches Interesse am anderen haben.

Welche Formulierung sollten wir dabei als erstes aus unserem Wortschatz streichen?

„Alles gut“. Das stimmt sowieso nicht, es ist nie alles gut. Jetzt stimmt es noch weniger.

Und welche sollten wir aufnehmen?

Vielleicht finden wir mit der Zeit ganz viele verschiedene Synonyme und Begriffe für das Wort „Solidarität“, auf den verschiedenen Kanälen und über die verschiedenen Generationen hinweg. Das wäre schön.

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