Was, wenn man nirgends richtig hinpasst?

Mehr als die Hälfte seines Lebens hat Dennis in Einrichtungen verbracht.
Illustration: FDE

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Es muss vor etwa drei Jahren gewesen sein, als er 15 oder 16 war, da hat er die ersten harten Drogen genommen. Eine Mitbewohnerin meinte, er solle Ecstasy unbedingt mal ausprobieren. Dennis ist damals neu im Wohnheim, er hat gerade seine Pflegefamilie verlassen, denkt sich: Was habe ich denn noch zu verlieren? Also wirft er sich zwei Pillen ein und beginnt seine Drogenkarriere.

Heute sitzt Dennis auf einer plattgesessenen Couch in einer betreuten Wohngruppe, auf dem Tisch vor sich dreht er eine Zigarette, dabei kommt er ins Erzählen. Von anderen Drogen und wilden Nächten, von Jugendeinrichtungen, die ihn nicht mehr haben wollten, von Übernachtungen bei Freunden, weil er nicht wusste, wohin mit sich. „Ganz schön kranke Sachen“, sagt der 18-Jährige, dann zieht er sich in die hinterste Ecke des Sofas zurück und winkelt die Beine an, dass unter seiner Jogginghose die verschiedenfarbigen Socken zu sehen sind. Er spielt mit dem Feuerzeug in seiner Hand, immer wieder klackt es und die Flamme leuchtet auf. Die Zigarette ist fertig gedreht, aber Dennis' Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Die Akte über seinen Werdegang ist ein vollgepackter Leitz-Ordner.

Mehr als die Hälfte seines Lebens hat Dennis in Einrichtungen verbracht, erzählt er. Im Alter von sechs Jahren holt ihn das Jugendamt* aus seiner Familie und bringt ihn in ein Heim. In Regensburg aufgewachsen, ist er das jüngste von sieben Kindern, die Eltern, die sich gerade trennen, sorgen nicht für ihn, er wird körperlich missbraucht. Kindeswohlgefährdung heißt das in der Fachsprache. In der Grundschule spricht Dennis das erste Mal von Selbstmordgedanken. Im Kinderheim bleibt er nicht lange, Dennis wird von Einrichtung zu Einrichtung geschickt, aber nirgendwo passt er hin. Immer wieder kommt er zurück zu seiner Mutter, aber es geht nie lange gut. Die beiden streiten sich „wegen jeder Scheiße“, sagt Dennis. Vielleicht hält es auch seine Mutter nicht mit ihm aus. Dennis ist Systemsprenger. Ein Begriff, der nicht wirklich zu seinem unschuldig wirkenden, rundlichen Gesicht und dem schelmischen Grinsen passt, das manchmal aufblitzt. Als Systemsprenger werden Kinder und Jugendliche bezeichnet, die durch Verhaltensauffälligkeiten kaum in den Schulalltag, in Pflegefamilien oder in Jugendeinrichtungen integriert werden können. Sie sprengen durch ihr Verhalten die Systeme, in die sie hineinkommen.

Dennis findet hier etwas, das er im Leben selten bekommen hat: Aufmerksamkeit

Nach unzähligen Jugendeinrichtungen sitzt Dennis nun auf dem Sofa in einem Aufenthaltsraum im „Flex Home“ in München, eine Wohngruppe für jugendliche Systemsprenger unweit des Kolumbusplatzes. 2018 kommt er das erste Mal hierher, es ist die erste Einrichtung, die Dennis sein Zuhause nennt. Mitten im Gespräch steht Dennis auf und schlurft aus dem Zimmer. Das Reden strengt ihn an. Zeit für die Kippe.

Die Jugendhilfeeinrichtung gehört zu einem Verein mit einem komplizierten Namen: Heilpädagogisch-psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe, kurz: HPKJ. Hier leben sieben Jugendliche für ein, zwei, drei Jahre, manchmal auch nur für ein paar Wochen. Jeder hat eine eigene Geschichte: Gewalterfahrungen, Missbrauch, Drogen, Depressionen. Es gibt eine gemeinsame Küche und einen Aufenthaltsraum mit Sofa und Spielekonsole. Im „Flex“, wie sie hier alle sagen, können die Jugendlichen zusammen lachen, streiten, weinen. Sie finden hier etwas, was sie in ihrem Leben selten bekommen haben: Aufmerksamkeit.

Betreut werden sie 24 Stunden lang, sieben Tage in der Woche. Immer sind Betreuerinnen und Betreuer vor Ort, greifen ein, wenn es zu Streitigkeiten, Problemen oder Exzessen kommt. Raffaela Innerbichler ist die Einrichtungsleiterin. Die 27-Jährige kennt Dennis' Probleme: den Verlust der Familie, das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, die Drogen. Dennis hat „viele Themen“, so nennt Innerbichler das. „Zugleich ist seine große Stärke, dass er in Beziehung gehen kann. Er ist gruppenfähig.“ Das trifft nicht auf alle zu. Viele Jugendliche kapseln sich ab, suchen die Einsamkeit. In der Gemeinschaftsküche steht Dennis gerne am Herd und kocht für alle, er hat es sich selbst beigebracht. Schnitzel Wiener Art ist sein bestes Gericht. Wenn die Jugendlichen zusammen essen, achtet er darauf, dass alle etwas auf ihrem Teller haben, er sorgt für die anderen.

Aber nicht immer ist es harmonisch im „Flex“. Dennis benutzt Kraftausdrücke, beleidigt oft und gerne, weiß, wie er andere provozieren kann. Es fällt ihm schwer, seine Emotionen zu kontrollieren, er wird aggressiv, das endet in Wutausbrüchen. Oft sucht er danach die Nähe zu den Betreuerinnen und Betreuern, setzt sich zu ihnen, redet mit ihnen. Manchmal entschuldigt er sich für sein Verhalten, die Betreuenden fordern das ein.

Im vergangenen Sommer schafft Dennis seinen qualifizierten Mittelschulabschluss. In den Unterricht ist er nicht gegangen, er hat im „Flex“ gelernt, mit den Betreuerinnen und Betreuern, die haben ihn „irgendwie durchgeboxt“, gibt er zu. „Das war ein großer Schritt für Dennis, weil er den Schulabschluss vier Jahre lang vor sich hergeschoben hatte“, sagt Raffaela Innerbichler und lächelt. Ihr Büro ist im gleichen Stockwerk wie die Zimmer der Jugendlichen, immer für sie zugänglich. Einer von Dennis' Freunden kommt herein. Der Junge steckt sich Kopfhörer in die Ohren und brummt: „Ich gehe Blümchen pflücken.“ Die Betreuerin sagt: „Heute schaffst du es auch ohne!“

Aber der Freund grinst nur, vergräbt die Hände in den Taschen seiner schwarzen Jacke und geht.

Blümchen pflücken bedeutet Gras besorgen. Sucht wird in der Einrichtung akzeptiert, das ist Teil des niedrigschwelligen Angebots, mit dem den Jugendlichen geholfen werden soll. Aber im Haus ist der Konsum von Drogen verboten. Manchmal werden die Taschen und Zimmer kontrolliert, aber die Jugendlichen kommen trotzdem an ihren Stoff. Das führt täglich zu Auseinandersetzungen. Die Betreuerinnen und Betreuer versuchen, meistens in Einzelgesprächen, mit den Jugendlichen über die Konsequenzen zu sprechen und darüber, was Drogen in ihnen auslösen. Oft müssen sie sich gedulden, bis sie Erfolg haben. Aber sie bleiben dran, versichert Innerbichler – das ist das Motto der Einrichtung.

Dennis probiert nach dem Ecstasy vor ein paar Jahren alle möglichen Drogen aus, am liebsten nimmt er LSD. Es beeinflusst die Wahrnehmung der Realität, das Unterbewusstsein, das Gefühl von Raum und Zeit. Wer LSD nimmt, flieht in eine Traumwelt – oder einen Alptraum. Oft werden seine Trips zu Horrortrips. Das LSD führt ihn in eine Welt voller Halluzinationen, Ängste, Erinnerungen an die Kindheit, an daheim. Ein Trip dauert zwölf Stunden, manchmal länger. „Oft habe ich mir nach den Trips gedacht: Endlich ist es vorbei.“ Aber bereut habe er seinen Konsum nie. Vom LSD ist er inzwischen weg und auch von anderen chemischen Drogen. Zu viele Horrortrips, zu viele schlimme Nächte. Vielleicht später wieder, sagt er, wenn es ihm besser geht, wenn er nicht mehr nachts wach liegt und „an irgendeine Scheiße aus der Vergangenheit denkt“.

Diese „Scheiße aus der Vergangenheit“ ist meist die Erinnerung an seine Familie. Manchmal liegt er in seinem kleinen Zimmer stundenlang im Bett, um ihn herum riesige Klamottenberge und selbstgezeichnete Comicfiguren an der Wand. Statt zu schlafen, denkt er an seine Mutter. Er hat Angst, dass sie stirbt, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt. „Wenn sie jetzt draufgehen würde, könnte ich den Gedanken nicht ertragen, dass unser letztes Gespräch ein Streit war“, sagt Dennis leise.

Nach seiner ersten Zeit im „Flex“ kommt er wieder nach Hause, sie versuchen es nochmal miteinander, aber wieder geht es schief. Irgendwann sind die Streits so heftig, dass Dennis einfach seine Sachen packt und abhaut. Bei einem Kumpel kommt er für ein paar Nächte unter, dann geht er zu einer Schutzstelle, einer Unterkunft für obdachlose Jugendliche. „Die Zeit dort war Mist. Ständig ziehen Leute ein und wieder aus. Nur ich bin da nicht weggekommen.“ Für gewöhnlich sind Jugendliche einige Wochen in der Schutzstelle, Dennis ist ein Jahr dort, erst dann wird im „Flex“ wieder ein Platz frei.

Weihnachten verbringt Dennis im „Flex“ und draußen auf der Straße, mit viel Alkohol und jeder Menge Gras

Er hat nur zu seinem Zwillingsbruder Kontakt, der hat mit seiner Freundin eine gemeinsame Wohnung, die anderen Geschwister sieht er nur selten, dann, wenn er seine Mutter besucht. Kurz vor Weihnachten bekommt Dennis eine SMS. Er solle an Heiligabend nicht nach Hause kommen, schreibt seine Mutter. Die Nachricht kam „aus dem Nichts. Ohne Begründung. Aber die Alte ist mir inzwischen egal! Ich fahre nicht mehr nach Hause!“, sagt er trotzig. Es klingt wie ein Vorsatz. Weihnachten verbringt Dennis im „Flex“ und draußen auf der Straße, mit viel Alkohol und jeder Menge Gras.

Im April wird er 19 Jahre alt. Raffaela Innerbichler sucht eine teilbetreute Einrichtung für ihn, etwas Altersangemessenes. Der Verein hätte passende Angebote, aber die Plätze sind belegt. „Trägerwechsel sind immer schwierig“, sagt Innerbichler. Dennis muss lernen, im Alltag allein klarzukommen. Bewerbungen schreiben, Behördengänge, all das sind riesige Herausforderungen für ihn. Es gibt kaum feste Strukturen in der Wohngruppe. Innerbichler und den anderen Betreuerinnen und Betreuern geht es darum, über Einzelgespräche und gemeinsame Arbeitsprojekte Vertrauen herzustellen, das dauert oft Monate. „Bindungen zu Erwachsenen aufbauen, auf die er sich verlassen kann und die ihn ein Stück auf seinem Lebensweg begleiten, ist für Dennis ganz wichtig“, erklärt sie.

An manchen Tagen würde Dennis am liebsten in seinem Zimmer bleiben und die Welt um sich herum ignorieren.  Um zwölf Uhr mittags klopft Innerbichler gegen die Zimmertür. „Zeit zum Aufstehen“, ruft sie. Ein lautes „Verpiss dich!“ ist die Antwort. Irgendwann schleicht Dennis dann doch aus seinem Zimmer wie aus einer Gruft. Schwarze Jogginghose, schwarzer Hoodie, schwarze Basecap auf dem Kopf, Drehzeug in der Hand. Erstmal eine rauchen, erstmal klarkommen.

Für seine Zukunft hat er keine konkreten Pläne. Vielleicht einen Mini-Job finden oder einen Ausbildungsplatz. Vielleicht ausziehen in eine weniger betreute Einrichtung. Aber eigentlich hat er einen anderen Traum. Wenn Dennis von ihm spricht, blitzt ein Leuchten in seinen Augen auf, das passiert sonst nie, wenn er erzählt: Irgendwann, vielleicht in ein paar Jahren, hätte er gerne eine eigene Familie. In einem kleinen Häuschen, am liebsten in Regensburg. „Irgendwo in der Nähe von meiner Mama“, sagt er.

*In einer früheren Version dieses Textes stand an dieser Stelle fälschlicherweise das Wort Jugendheim. Das haben wir korrigiert. Danke an die Leserin, die uns den Hinweis gab.

  • teilen
  • schließen