„Bildung tut weh, weil sozialer Aufstieg einsam macht“

Foto: Jens Oellermann

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Huzur ist das, was man eine soziale Aufsteigerin nennt. Sie ist die erste in ihrer Familie, die eine Universität besucht. Und sie ist immer im „Migrationsmodus“, auch zwischen zwei Orten: zwischen Deutschland und der Türkei. Außerdem ist Huzur: erfunden. Sie ist die Protagonistin in Nadire Biskins Roman „Ein Spiegel für mein Gegenüber“. Ein Buch, das erzählt, wie sogenannter sozialer Aufstieg und Migration die eigene Identität und Zugehörigkeit erschüttern. Zu Beginn der Geschichte ist Huzur bei ihrer Cousine in der Türkei zu Besuch. Sie wurde von dem Referendariat, das sie eigentlich in Berlin absolviert, vorerst suspendiert. Den Grund nennt sie bis auf weiteres „Kopftuchgate“. Als sie zurück nach Berlin fährt, trifft Huzur das syrische geflüchtete Mädchen Hiba, zehn Jahre alt und ohne Familie. Sie beschließt, sich um Hiba zu kümmern. Und merkt dabei, wie viel für sie – als Aufsteigerin mit migrantischen Hintergrund – auf dem Spiel steht. 

Die Autorin Nadire Biskin, 35, hat Philosophie, Ethik und Spanisch studiert und mehrere Jahre zu Sprachbildung und Mehrsprachigkeit geforscht. Heute arbeitet sie als Lehrerin, schreibt zudem regelmäßig journalistische Texte, unter anderem für Spiegel Online und die Berliner Zeitung. Im Interview spricht Nadire Biskin darüber, warum Kategorien wie soziale Herkunft und race zusammengehören und über die negativen Nachwirkungen des sozialen Aufstiegs.

jetzt: Durch deine Protagonistin Huzur, Referendarin und sogenannte Aufsteigerin, ist Bildung durchgängig ein zentrales Thema der Geschichte. An einer Stelle heißt es, Bildung tue weh. Warum?

Nadire Biskin: Zum Beispiel, weil sozialer Aufstieg auch Entfremdung bedeutet. Für Huzur ist das eine Entfremdung von ihrem Herkunftsmilieu und ihrer Familie. Denn sie haben dadurch weniger gemeinsame Themen. Vieles, was sie erlebt und beschäftigt, erzählt sie ihrer Familie erst gar nicht. Das heißt auch: Bildung tut weh, weil sozialer Aufstieg einsam macht.  

 

Eigentlich wollte Huzur ja unbedingt den Bildungsaufstieg, darauf hat sie hingearbeitet – sie hat ihr Ziel erreicht. Aber „Entfremdung“ ist negativ konnotiert, da geht es um Unbehagen ...

… und es geht um Verlust! Beim Bildungsaufstieg musst du etwas zurücklassen, um an dein Ziel zu gelangen – deine Gewohnheiten, dein Umfeld, all das, was dir vertraut ist. Im Gegensatz zu anderen, die sich schon seit Generationen in der entsprechenden sozialen Position befinden. Aber bei Huzurs Background kommen ganz verschiedene Faktoren der Benachteiligung zusammen. Ihre Familie hat eine Migrationsgeschichte, ist rassifiziert und gehört der sozialen Unterschicht an. 

„Jedes Individuum ist doch mehrschichtig und hat mehrere Identitäten“

Hast du dich bewusst dazu entschieden, Huzur so vielschichtig zu erzählen?

Ich weiß, dass es für manche Leute einfacher ist, sich auf ein einziges Thema zu fokussieren. Wenn man als deutschtürkisches Kind in die Türkei in den Urlaub fährt, fragen einen die Leute oft: Magst du die Türkei oder Deutschland lieber? Sie erwarten eine eindeutige Antwort. Das ist im Grunde ähnlich, wenn man über race und class spricht: Die Leute sind entweder total fixiert auf class, die soziale Herkunft, oder auf race, die Rassifizierung. Für die Benachteiligung von Huzurs Familie sind aber, wie bei vielen Menschen in Deutschland, beide Kategorien wichtig. Für mich wäre es künstlich gewesen, diese topics anders zu konstellieren. So, als würde ich einen Menschen ohne Kopf zeichnen. Jedes Individuum ist doch mehrschichtig und hat mehrere Identitäten.

 

Dein Roman heißt „Ein Spiegel für mein Gegenüber“. Wie funktioniert dieses Spiegeln?

In jeder Begegnung, die wir Menschen miteinander erleben, findet eine Interpretation der jeweils anderen Person statt. Und die hat immer etwas mit einem selbst zu tun. Aber ein Spiegel steht auch für Reflektionen. Spiegel sind nicht unbedingt eindeutig, sondern eher Flächen, in denen man viel sehen oder projizieren kann. Das wiederum steht für Fragen – und Fragen waren der Beginn meines Schreibprozesses. 

„Mir ging es aber darum, zu fragen: Ist man als Aufsteigerin empathischer?“

Welche Fragen waren das?

Im Vordergrund stand die Frage der Mutterschaft. Wer möchte wann wie Mutter werden? Im Roman gibt es mit Huzur, die das geflüchtete Mädchen Hiba aufnimmt, eine nicht-biologische Form der Mutterschaft – und eine der Solidarität. Nicht nur zwischen Huzur und Hiba, sondern auch zwischen Huzur und ihrem Herkunftsmilieu – vor dem Hintergrund von Migration, Rassismus und Klassenaufstieg. Die Frage der Mutterschaft wird oft rein weiblich betrachtet. Es geht dann darum, wie sich eine Work-Life-Balance mit Kind vereinbaren lässt. Mir ging es aber darum, zu fragen: Ist man als Aufsteigerin empathischer? Oder vielleicht dadurch weniger empathisch, weniger solidarisch? Auch das ist nicht eindeutig zu beantworten, aber ein wichtiger Konfliktpunkt. 

 

Der Freund von Huzur, Raphael, hat zwar auch einen Migrationshintergrund, aber er ist weiß und hat reiche Eltern. Er und seine Schwester haben häufiger nichtweiße Partner:innen: „Als würden sie sich fremde exotische Federn an den Hut stecken“, schreibst du im Buch. Das klingt so, als sei diese bewusste Partner:innenwahl eine Art kulturelle Aneignung? 

Sich mit jemandem zu schmücken, passiert nicht auf Augenhöhe. Aber es ist auch keine wirkliche kulturelle Aneignung. Anscheinend gibt es ja Menschen, die nur Weiße daten. In Deutschland! Ich weiß nicht, wie das möglich ist in einer Migrationsgesellschaft – aber okay. Raphael und seine Schwester sind da eher die Progressiven. Sie nehmen es für selbstverständlich, Nichtweiße zu daten. Sie wollen das sogar unbedingt. Vielleicht will er mit ihr zusammen sein, um der Welt zu beweisen, dass er ein offener und netter Typ ist. Raphaels Familie hat gute Absichten, ist offen. Es geht also in meinem Roman eher um ein Hinterfragen der netten Leute. 

„Es gibt das unausgesprochene Versprechen: Wenn du dir Mühe gibst, dann wird alles gut. Aber das klappt kaum“

Umgekehrt heißt es, Huzur sei nicht nur an Raphael interessiert, sondern auch an seinem sozialen Status. 

Ich glaube, dass das sehr oft passiert in Beziehungen. Auch bei Liebe geht es nunmal um Aspekte von race und class. Natürlich war eine Anziehung zwischen Raphael und Huzur. Aber es ist immer eine Anziehung „plus“, weil da auch die Sehnsucht nach der vermeintlichen Andersartigkeit der anderen Person eine Rolle spielt. Das anzusprechen, ist aber fast eine Todsünde. Vielleicht wirkt Huzur berechnend, weil sie sich eingesteht, sich auch nach Raphaels sozialem Status zu sehnen. Dabei ist sie einfach nur ehrlich. 

 

Huzur kommt in ihrem Referendariat eines Tages aus Protest mit Kopftuch in die Schule, nachdem eine andere Lehrerin sich dahingehend rassistisch geäußert hatte. Da passt sie sich nicht mehr an, warum auf einmal? 

Es gibt das unausgesprochene Versprechen: Wenn du dir Mühe gibst, dann wird alles gut. Aber das klappt kaum. Eine weiße Lehrerin gibt Huzur zu verstehen: „Du bist eine von uns“, allerdings mit dem Zusatz: „Meine Güte, bin ich froh, dass du nicht so bist wie die anderen Muslim:innen.“ Als das passiert, stellt Huzur vieles infrage. 

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