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Diese Netflix-Doku zeigt, dass man Drogenkonsum auch anders darstellen kann

Foto: Netflix

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Die ganze Netflix-Dokumentation „Have a Good Trip – Adventures in Psychedelics“ ist so abgefahren, dass sich schon das Anschauen ein wenig wie ein Trip anfühlt: Viele bunte Farben, unzusammenhängende Sequenzen, ein paar Wahrheiten und irgendwo dazwischen sitzt Musiklegende Sting auf seiner Couch und erzählt über seine erste spirituelle LSD-Erfahrung, bei der er nicht nur mit Gras geredet, sondern auch einer Kuh beim Gebären geholfen habe: „Für mich war das, als ob das gesamte Universum aufbricht.“ Uff. 

Knapp anderthalb Stunden dauert der kürzlich veröffentlichte Film von Regisseur Donick Cary, der zuvor unter anderem an Comedy-Hits wie „The Simpsons“, „Parks and Recreations“ und „New Girl“ mitgewirkt hat. Es solle kein Film mit einer weiteren „Just Say No-Botschaft“ sein, sagt der Protagonist Sting zu Beginn – und das ist dann auch Programm. Das erklärte Ziel der Doku ist, medial verbreitete Mythen über die halluzinogene Droge LSD zu hinterfragen und differenzierter darzustellen. Also immer wiederkehrende Drogen-Narrative und Erzählmuster in Serien und Filmen aufzuzeigen. 

Regenbögen, selbst wenn man keine Regenbögen mag

Um stereotype Darstellungen zu konterkarieren, erzählt eine Reihe von Stars von ihren wildesten LSD-Erfahrungen: Comedienne Sarah Silverman berichtet, wie sie bei ihrem ersten Acid-Trip den Schoko-Milchshake nicht mehr trinken wollte, weil der ihr „zu lebendig“ vorkam. Die inzwischen verstorbene Schauspielerin Carrie Fisher reflektiert über ihre durch LSD eingeleitete Reise zu ihrer inneren Prinzessin Leia und wieder zurück. Rapper A$AP Rocky reminisziert, wie er high Sex hatte und einen Regenbogen aus seinem Penis kommen sah: „Dabei mag ich Regenbögen nicht mal.“ Rosie Perez, Ben Stiller, Natasha Lyonne, die Liste geht weiter und weiter. Illustriert werden die Erzählungen durch bunte Comic-Animationen oder nachgestellte Szenen. 

Es ist aus mehreren Gründen ein herausragendes Konzept, Prominente über ihren Drogenkonsum zu befragen: Der Pöbel investigiert doch eh immer, wie die dekadenten Exzesse der High Society ablaufen, und wer da jetzt genau wie durch ist. Außerdem sind Stars bekannterweise äußerst medienerfahren und schnacken lässig über ihre manchmal auch peinlichen Drogen-Momente. Und schließlich sind sie im Spektrum der Drogenerzählung eine seltene Spezies: Trotz Drogenvergangenheit (und zum Teil Gegenwart) sind sie erfolgreich und vermögend. Viele der sonst umhergehenden authentischen Drogenbeichten stammen dagegen von Menschen, die oft aus guten Gründen bereits damit aufgehört haben oder anonym bleiben möchten, um nicht Probleme mit dem Rechtsstaat zu bekommen. 

Spannend ist bei den Promi-Erzählungen vor allem der Part, bei dem sie ihre eigenen Erfahrungen mit der medialen Darstellung von LSD-Konsum vergleichen. Comedian Steve Agee etwa lästert darüber, wie High-Sein in Filme dargestellt wird: Fischaugen-Optik, alles bunt eingefärbt, Stimmen verzerrt. Quatsch, sagt er, der einzige Film, der ein paar „richtige“ LSD-Bilder produziere, sei „Fear and Loathing in Las Vegas“, etwa als ein Teppich-Muster in einem Casino sich winde und die Wand hinauf wachse. 

Die Stars liefern auch ein LSD-Einmaleins

Und genau das ist die Stärke von „Have a Good Trip“: Solche Schlüsselszenen in der Medienwelt zu identifizieren ist wichtig, weil genau diese Szenen das Bild von Drogen und ihren Risiken von uns braven Bürger*innen prägen. Dass es aber auch eine andere Sichtweisen darauf gibt – oder dass bestimmte Darstellungen (siehe Fischaugen-Optik) schlicht falsch sind – kann hinsichtlich unseres Umgangs mit Drogen und Menschen, die Drogen nehmen, schon etwas ändern. Es ist ein komplexes und für viele wichtiges Thema, das es auch verdient hat, in seiner Vielfältigkeit in den Medien widergespiegelt zu werden. 

Nebenprodukt der Doku ist aber auch ein kleines Einmaleins: „Drogen – aber so, dass es Spaß macht“. Tipps inkludieren etwa „Fahr nicht Auto“, „Schau, wenn du high bist, auf keinen Fall in den Spiegel“ und „Nimm Magic Mushrooms am besten in der Natur“. Nun gut, das sind für viele Zuschauer*innen wohl nicht gerade Breaking News, solche Ratschläge findet man in jedem Internetforum. Und das ist auch der Grund, weshalb der Film nach einem anfänglichen Hoch doch noch in eine Flaute gerät.

Trotzdem, die Tabuisierung und Mystifizierung von Drogen reizt viele Menschen. Da sind die LSD-Erzählungen der Promis gar nicht schlecht dagegen, weil sie ohne falsche Scham daher kommen. Sie sprechen genauso über die guten Momente wie über die miesen: Kontroll-Verlust, Ängste und Horror-Trips, etwaige Ausflüge in die Kriminalität, alles dabei. Aber: Wer sich ernsthaft über Risiken und Gefahren informieren möchte, sollte das auf einer offiziellen Seite tun, etwa bei der Gesundheitsberichterstattung des Bundes oder im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. „Have a Good Trip“ ist zwar eine ganz lustige Art der medialen Drogenerzählung, aber ersetzt auf keinen Fall eine umfassende Aufklärung über LSD.

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