Der November ist ein guter Monat, um eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen

Anders als Museen haben die Außengelände vieler Gedenkstätten derzeit geöffnet. Für einen Besuch gibt es kaum einen passenderen Zeitpunkt.
Kommentar von Marcel Laskus
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Besucher*innen vor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Es ist naheliegend, jene Leute als dumm bezeichnen zu wollen, die auf Demonstrationen gegen die Corona-Politik gelbe Sterne an ihre Jacken heften und daneben „Covidjud“ kritzeln, als wäre die Maskenpflicht vergleichbar mit dem Holocaust. Was diese Leute tun, ist bösartig und falsch, es wirkt paranoid und ist gefährlich. Nur dumm sind viele von ihnen wohl eher nicht. Vielmehr nutzen einige von ihnen ganz bewusst aus, dass ihnen die Nebenfrau und der Nebenmann auf der Straße keinen Widerspruch geben und viele ihnen sogar sagen: „Ja, so ist es. Wir werden verfolgt, wie damals die Juden.“ Das Nichtwissen und die Gleichgültigkeit der Mitläufer*innen bestätigt sie.

Der Antisemitismus lässt sich nicht aus der Welt schaffen, das zeigen auch diese Demonstrant*innen. Aber jeder und jede kann etwas dafür tun, ein bisschen weniger gleichgültig zu sein. Wie gut ist es deshalb, dass auch jetzt, im November, dem Monat der Novemberpogrome von 1938, viele Außengelände der Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager geöffnet sind. Unter anderem in Buchenwald, Sachsenhausen und Flossenbürg.

Ein Besuch dieser Stätten, in denen Zehntausende getötet wurden, macht nicht immun gegen Antisemitismus. Aber er regt zum Denken an. Das mag banal klingen, ist mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Jahr 1945 aber immer weniger selbstverständlich, gerade für viele Jüngere. 

Wer heute Teenager ist, hat Großeltern, die vermutlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden. Wer heute Teenager ist, kennt den Holocaust nur aus dem Geschichtsbuch und als Gedenktag im Fernsehen. Das sieht oft würdevoll aus, es verfängt aber bei vielen kaum mehr. Laut einer repräsentativen Studie des US-Fernsehsenders CNN unter jungen Europäern gaben 40 Prozent der deutschen 18- bis 34-Jährigen an, „wenig“ oder „gar nichts“ über den Holocaust zu wissen. Und auch wenn Schulen hier vieles leisten, bleibt es ein notwendiger Bestandteil von Bildung, dass auch die Jüngeren in Deutschland die Orte des Grauens mit eigenen Augen sehen.

Wer einmal über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald läuft, über die sogenannte Blutstraße, die von Weimar bis ins ehemalige KZ führt und die so heißt, weil die Häftlinge sie selbst unter Qualen bauen mussten; wer einmal sieht, wie die Wachtürme die brutale Kälte der Nationalsozialisten noch immer in sich tragen; wer einmal begreift, wie nah das KZ an der Kulturstadt Weimar lag, wo viele nichts gewusst haben wollten von dem, was unweit von ihnen geschah; wer all das wahrnimmt, dem fällt es nach dem Besuch einer KZ-Gedenkstätte schwerer, gleichgültig zu sein. 

Das fast ein Jahrhundert alte Gestein der ehemaligen Konzentrationslager mag poröser werden. Aber die Wirkung lässt nicht nach

Das fast ein Jahrhundert alte Gestein der ehemaligen Konzentrationslager mag poröser werden. Doch die Wirkung lässt nicht nach. Das erkennen glücklicherweise immer mehr. In Dachau und Sachsenhausen verzeichnete man 2019 stark gestiegene Besucher*innenzahlen. Das ist ein gutes Zeichen. Umso wichtiger ist, dass dieses Interesse nun nicht nachlässt – gerade in diesem Herbst der Pandemie, in dem Verschwörungsmythen mit Antisemitismus einhergehen. 

Zurzeit fehlen etliche Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten. Kinos, Museen, Bars und Theater sind zu. Dass einige Gedenkstätten zugänglich bleiben, ist eine Möglichkeit, die man nutzen sollte. Zwar werden dort bis zum Ende des Teil-Lockdowns keine Führungen mehr angeboten. Aber auch jetzt gibt es Informationstafeln vor Ort und endlos viel lesenswerte Literatur.

Wie wäre es also, wenn jene, die sich für vernünftig halten, einmal einen anderen zu einem gemeinsamen Gedenkstättenbesuch einladen? Nicht die beste Freundin, mit der man sich ohnehin bei fast allem einig ist. Sondern den Kommilitonen, der eigentlich ganz nett ist, aber in letzter Zeit fragwürdige Beiträge bei Whatsapp teilt. Oder die liebenswürdige Tante, die beim letzten Geburtstag so seltsam raunend am Kaffeetisch saß. Harte Verschwörungstheoretiker*innen und Antisemit*innen lassen sich kaum von ihrem Pfad abbringen. Aber da sind eben auch die vielen Gleichgültigen, die Frustrierten, die Falsch-Abgebogenen. Sie sollte man gerade in diesem November nicht sich selbst überlassen. 

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