Wie Wien im Angesicht des Anschlags zusammenhält

Kostenlose Schlafplätze, verlängerte Konzerte, Fahrdienste – wie die Menschen in Wien einander durch die Nacht geholfen haben.
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Foto: Herbert Neubauer / dpa; Bearbeitung: jetzt

Ein 20-jähriger IS-Anhänger soll in Wien vier Personen getötet haben, 22 Menschen wurden schwer verletzt. Der mutmaßliche Attentäter wurde von der Polizei erschossen, die Ermittlungen zu der Tat, die am Montagabend vor einer Synagoge in der Innenstadt begann, laufen noch, viele Fragen sind offen: Hat der Täter alleine gehandelt? War der Anschlag gezielt gegen die jüdische Gemeinde gerichtet? Wie ist der Abend genau verlaufen?

In der österreichischen Hauptstadt, in der etwa 1,9 Millionen Menschen leben, hatte man sich am Montagabend eigentlich auf ein anderes Ereignis vorbereitet: Seit Dienstag um 00:00 Uhr gelten in ganz Österreich Corona-bedingte Ausgangssperren, die sogar strenger als in Deutschland ausfallen. Viele gingen deshalb noch einmal aus, um einen vorerst letzten Abend in Bars, Restaurants oder im Theater zu verbringen. 

Der Anschlag kam für die Stadt also zu einem sensiblen Zeitpunkt. Am Montagabend hat sich aber wieder gezeigt: Wenn es ernst ist, halten die Menschen zusammen. In Wien gab es über die Nacht unterschiedlichste Arten, einander zu helfen. Die Wiener*innen solidarisierten sich  miteinander.

Kostenlose Schlafplätze 

Viele  öffneten  zum Beispiel ihre Wohnungen füreinander, um Schutz zu gewähren und nutzten die die sozialen Medien, um sich gegenseitig Schlafplätze anzubieten: „Benötigt jemand Hilfe oder steckt im 16. Bezirk fest: Meine Tür steht offen, einfach schreiben“, twitterte etwa eine Userin.

Diese Hilfsangebote wurden wohl auch angenommen: Ein junger Mann, der in seinem Profil angibt, 25 Jahre alt zu sein, schrieb etwa, dass er in Wien bei jemanden „fremden in der Wohnung“ ausharre.

 

Aber auch andere Angebote gab es: Ein ORF-Reporter berichtet der Süddeutschen Zeitung zufolge am späten Abend von einem Hotel, das nun sogar Menschen kostenlos für die Nacht von Montag auf Dienstag bei sich übernachten ließ.

Sicherer Transport mit dem Auto 

Der Extremismus-Forscher Rami Ali, der in Wien zu den Themen Migration, Integration, Rassismus forscht, bot auf Twitter an, Menschen mit dem Auto abzuholen, um sie in Sicherheit zu bringen. Das sei vielleicht keine gute Idee, wendet ein Twitter-User ein: „Die Polizei riegelt die Stadt nicht ohne Grund ab.“

Verlängerte Konzerte und Theateraufführungen 

Auch in öffentlichen Kulturinstitutionen, wie in Theatern oder der Oper, wurde versucht, die Zuschauer*innen länger zu beschäftigen, damit sie in den Gebäuden und damit in Sicherheit bleiben. Im Wiener Konzerthaus hat der  Star-Percussionist Martin Grubinger gemeinsam mit der Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg immer wieder Zugaben gespielt. In der Oper, berichtet eine Twitter-Userin, sei man zum Abwarten aufgefordert worden  – und die Musiker*innen hätten das Warten durch ein kleines inoffizielles Konzert erleichtert. Auch in Theatern wie dem Burg- und Akademietheater, hängten die Kulturschaffenden zum Teil Publikumsgespräche an, um die Menschen zu beschäftigen und vermutlich auch abzulenken von dem, was zur gleichen Zeit draußen geschah.

Professionelle Hilfsangebote werden geteilt

Zugleich ist klar: Für viele Zeug*innen beginnt die Aufarbeitung der Geschehnisse der Nacht erst jetzt. Dabei geht es nicht nur um Ermittlungen rund um das Tatgeschehen. Viele müssen nun wohl verarbeiten, was sie erlebt und gesehen haben. Auf Twitter teilten deshalb einige Menschen die Notfalls-Anlaufstellen für psychologische Hilfe in Wien.

Die Wiener Journalistin und Lehrerin Melisa Erkurt bietet auf Twitter sogar an, selber zu helfen, und Lehrer*innen zu entlasten: „Liebe Pädagog:innen, falls ich irgendwie helfen kann, um euch/eure Schüler:innen abzulenken oder gezielt über unsere Ängste zu sprechen, könnt mich per Zoom-Call ins Klassenzimmer schalten, was auch immer ihr braucht.“

Ein solches Ereignis erschüttert eine Gemeinschaft zutiefst. Momentan werden die Bürger*innen wegen weiteren polizeilichen Ermittlungen aufgerufen, die Innenstadt zu meiden. Außerdem hat die Stadt eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Und doch scheint es, dass neben Trauer noch ein anderes Gefühl in der Luft hängt: Wut. Vielleicht hilft es einigen, dem auch einmal  Luft zu machen. Zumindest scheint das diesem User zu helfen, einen Umgang mit dem Täter zu finden.

mpu

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